Archiv für die Kategorie ‘Medien’

In eigener Sache: WDR-Rundfunkrat

Freitag, 19. Juli 2013

Im Februar hatte die NRW-Landtagsfraktion der Piratenpartei die ihr zugeordneten Plätze im WDR-Rundfunkrat ausgeschrieben und damit den Versuch unternommen, dem bislang üblichen Zuteilungsverfahren eine Alternative entgegenzusetzen. Nicht nur, weil ich damals gerade in meiner Vorlesung “Medien, Kommunikation, Politik” über die Modernisierung des Dualen Rundfunksystems gesprochen und mich mit den Herausforderungen der Digitalisierung für den Mediensysteme auseinandergesetzt habe, erschien mir eine Bewerbung als konsequente Weiterführung und Ergänzung des wissenschaftlichen Interesses am Thema.

In der vergangenen Woche nun hat sich die Piratenfraktion entschlossen, mich als ordentliches Mitglied für den Rundfunkrat vorzuschlagen, daraufhin hat der Landtag diese Entsendung beschlossen.

In der Pressemeldung der Piratenfraktion zur inzwischen erfolgten Besetzung wird der Hintergrund des Verfahrens noch einmal kurz erläutert:

Im Gegensatz zur Praxis der anderen Parteien, teilweise aktive Landespolitiker in den WDR-Rundfunkrat zu entsenden, hat sich die Piratenfraktion NRW für ein gänzlich anderes Verfahren entschieden: die beiden Kandidaten wurden im Rahmen eines öffentlichen Ausschreibungsverfahren in mehreren Bewerbungsrunden von der Fraktion ausgewählt.

Ich freue mich sehr über das mir entgegengebrachte Vertrauen und die verantwortungsvolle Aufgabe – es gibt einige Themen, die ich gerne in den Arbeitsprozess einbringen möchte und die sich insbesondere mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befassen: das sind unter anderem die zukünftige “Finanzierung von Öffentlichkeit” in der vernetzten, digitalen Medienumwelt, die Herausforderungen an eine moderne Medienethik, aber auch die Organisation gesellschaftlichen Feedbacks und die Rückkopplung eines zunehmend aktiven Publikums.

In der nächsten Zeit werde ich hier im Blog über die Entwicklung der Tätigkeit in diesem Gremium berichten. Stay tuned.

Twitter als Diskurssystem

Freitag, 14. September 2012

Am 12. und 13. September habe ich am Workshop Partizipation und Vernetzung in mediatisierten Welten des Forschungsfelds Netzwerke im DFG-Schwerpunktprogramm Mediatisierte Welten teilgenommen. Als Respondent sollte ich dabei das Projekt Aspekte digitaler Partizipation am Beispiel von Twitter von Caja Thimm, Mark Dang-Anh und Jessica Einspänner von der Universität Bonn kommentieren. Das war eine spannende Angelegenheit, daher dokumentiere ich hier einige meiner Anmerkungen zur weiteren Kenntnisnahme und Diskussion.

Das Forschungsfeld besteht aus drei weiteren Teilprojekten, in der gemeinsamen Debatte sollten Perspektiven auf den Begriff der Partizipation entwickelt werden. Außer mir kommentierte Sigrid Baringhorst (Politikwissenschaft, Siegen), Heidi Schelhowe (Informatik, Uni Bremen) und Heidi Hanekop (Soziologie, Göttingen) – die Zusammensetzung war also interdisziplinär angelegt, und das war auch gut so.

Schnelles und langsames Twittern

In der Diskussion wurde deutlich, dass bei der sozial- bzw. politikwissenschaftlichen Betrachtung von Twitter zwei ganz unterschiedliche Perspektiven gewählt werden können: einerseits (und das ist die dominierende Variante) lässt sich die Kommunikation bei Twitter hinsichtlich der Echtzeit-Dimension erfassen – das geschieht in den vielen Studien, die sich der Entstehung spontaner Öffentlichkeiten widmen und mit teilweise imposanten Visualisierungen und Animationen das Aufkommen von Hashtags abbilden und so die Genese von Kommunikationsnetzwerken und –verläufen aufzeigen (vgl. Bruns/Burgess 2011). Die andere Variante unternimmt dagegen den Versuch, den Zeitfaktor aus dem Material herauszunehmen und konzentriert sich auf eine funktionale Analyse und markiert die Besonderheiten des technikbasierten Kommunikationssystems Twitter. Das Bonner Forschungsprojekt beachtet hierzu vor allem die Rolle der nicht-sprachlichen Operatoren RT, http://, @ und #.

Tweets können mit den vier Kommunikationsoperatoren (RT, http://, @, #) multireferenziell gestaltet werden. Twitter bildet durch die Bezugnahmehandlungen, die mit diesen Operatoren vollzogen werden, ein komplexes Diskurssystem mit vielfältigen crossmedialen Verweisformen. Es fungiert als Schnittstelle und ist insofern ein offenes System. (Thimm, Einspänner, Dang-Anh 2012)

Die Konzentration auf diese nicht-sprachlichen Elemente der Twitter-Kommunikation ist zwar naheliegend (und wird häufig angewendet), bislang war mir jedoch nicht aufgefallen, dass man dadurch der Sofort-Kommunikation gewissermaßen die Zeit-Dimension entzieht (oder zumindest Teile davon). Auf die weiter führenden Resultate des in Bonn untersuchten Tweet-Korpus möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen (wer möchte, findet hier Hinweise auf erste Ergebnisse und den entsprechenden Forschungsartikel).

(more…)

In eigener Sache: USA (Buch)

Freitag, 31. August 2012

Gerade ist der Nominierungsparteitag der Republikaner vorbei, in der kommenden Woche sind die Demokraten an der Reihe (obwohl: der Platz ist doch schon besetzt, erzählt man sich auf Twitter).

Ein guter Zeitpunkt, um etwas Werbung für ein kleines Projekt zum Thema zu machen: gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Klaus Kamps gebe ich im kommenden Jahr bei Springer VS einen Band zur US-Wahl heraus. Er trägt den reißerischen Titel

Die US-Präsidentschaftswahl 2012
Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft

Im zugehörigen Call for Papers heißt es:

Angestrebt wird – erstmals für den deutschen Sprachraum –, ein die verschiedenen Facetten einer solchen Präsidentschaftswahl näher beleuchtendes Kompendium zu erstellen. Zwar skizzieren gelegentliche Monographien das Wahlsystem, die Parteienkonstellation oder etwa sozio-strukturelle Entwicklungen innerhalb der US-Wählerschaft. Doch ein konzises, die Wahl als kommunikativen Prozess im Kontext spezifischer politischer Systemstrukturen und (aktueller) gesellschaftlicher Rahmenbedingungen erfassendes Konzept liegt für den deutschen Markt nicht vor.

Diese Lücke gilt es also zu schließen und wir freuen uns über tatkräftige Mithilfe. Die erste Deadline lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten, Extended Abstracts (max. 1500 Wörter) erwarten wir bis zum 15. Oktober 2012.

Den vollständigen Call (inkl. Themenvorschlägen und Terminen) habe ich mal hier abgelegt, außerdem gibt´s den Aufruf auch in englischer Sprache.

Wer kann Transparenz?

Sonntag, 19. Februar 2012

Update, 20.2.2012:

Das ging schnell – seit dem späten Sonntag abend steht Joachim Gauck als Allparteien-Kandidat für die Bundesversammlung fest. Doch zwischen “Gauck I” und “Gauck II” bestehen große Unterschiede – den Nimbus des “Bürgerpräsidenten”, mit dem Gauch in die 2010er Wahl gezogen war, hat er eingebüßt. Nicht so sehr aufgrund der öffentlichen Sprecherrolle als “informeller Gegenpräsident”, die ihm nach dem Scheitern im dritten Wahlgang zugewiesen wurde, sondern vielmehr aufgrund der geschlossenen Nominierung durch (fast) alle Bundestagsparteien. Damit ist Joachim Gauck nun zu einem Kandidaten des Establishments geworden – so sieht also ein “Befreiungsschlag” aus, der nach dem doppelten Scheitern der Kandidaten Köhler und Wulff frischen Wind nach Bellevue bringen soll? Die Person Gauck wird diesen Anspruch vermutlich erfüllen können, doch tut er dies nicht mehr als “externer” Kandidat, der dem Parteienwettbewerb enthoben ist. Wie sollte er auch – aus dem rot-grünen Lagerkandidaten von 2010 ist nun ein schwarz-gelb-rot-grüner Superlagerkandidat geworden.

Bereits einen Tag nach der Nominierung kündigt sich gar nicht so zaghafter Gegenwind an – vor allem in diesem widerborstigen Internet. Das ist alles andere als verwunderlich, und muss man gar nicht mal das kontinuierlich erstarkende “virtuelle Lager” rund um die Piratenpartei dafür verantwortlich machen. Die Intransparenz des abgekapselten Selektionsverfahrens der Standardakteure der Berliner Republik tut ein übriges, um den Gegenwind im Netz zu entfachen. Ganz nach dem Muster der ACTA-Proteste oder auch der unsäglichen Diskussion um den Staatstrojaner oder dem weitgehend ignoraten Umgang mit den Occupy-Aktivitäten sorgt die Abkopplung der Altparteienpolitik für Unmut bei jenen, die in den letzten Monaten eine Ahnung davon bekommen haben, dass sich in der Politik vielleicht doch etwas ändern könnte. Und so dürfte dem Kandidaten Gauck, aber auch der hinter ihm stehenden übergroßen Koalition, bis zur Bundesversammlung am 18. März eine nicht unspannende Diskussion zu dieser übereiligen Nominierung ins Haus stehen.

Es nicht nur schade, es ist bedenklich, dass diese so wichtige Debatte um die künftige Positionierung und die Funktionen des Bundespräsidentenamtes erst “post festum” beginnt. Es hätte den Bewohnern der “Berliner Republik” gut zu Gesicht gestanden, wenn dies vor der Festlegung auf einen Kandidaten (oder eine Kandidatin, oder ein Thema) geschehen wäre.

Originaltext vom 19.2.2012:

Nach dem vorzeitigen Ende der Amtszeit von Christian Wulff geben sich derzeit viele Bewohner der „Berliner Republik“ erleichtert und fühlen sich in ihren – meist jedoch nie offen ausgesprochenen – Rücktrittsforderungen bestätigt. Doch schon der Beginn der Kandidatensuche zeigt, dass nach der monatelang schwelenden „Affäre Wulff“ nun ein nahtloser Übergang in eine Phase der Unsicherheit stattgefunden hat.

Die bekannten Akteure des politischen Berlins führen dabei Routinen und Rituale auf: Statements vor Mikro und Kamera (Merkel, Rösler, Ernst), Beratungen im kleinen Kreis (Merkel, Rösler, Seehofer), gemeinsame Stellungnahmen (Gabriel, Künast, Özdemir, Steinmeier). Auch wenn stets der Wunsch nach „Konsenskandidaten“ geäußert wird und man „gemeinsam“ auf die Suche gehen möchte, zeigen die ersten Aktivitäten doch vor allem, dass nach wie vor die Spannungen und Bruchpunkte des Parteienwettbewerbs die wichtigsten Variablen bei der Kandidatenauswahl sind. Die Regierungsparteien pochen auf ihr Vorschlagsrecht (und ihre noch gerade so intakte Mehrheit in der Bundesversammlung), sie deuten bestenfalls „Gesprächsbereitschaft“ an. Die Oppositionsparteien schließen die Schultern und verweisen damit wenig subtil auf eine alternative Machtkonstellation (leidlich gestützt von der Sonntagsfragen-Demokratie). Die Linkspartei bleibt isoliert. Bislang nicht eingerechnet ist die schleichende Rochade zwischen Liberalen und Piraten – die Suche nach dem Bundespräsidenten könnte für eine ganze Weile die letzte größere Entscheidung sein, an der die FDP beteiligt ist, während die Piratenpartei aufgrund ihrer nur außerparlamentarisch (also: virtuell) starken Stellung überhaupt nicht in den Diskussionsprozess eingebunden ist.

(more…)

#dlf50

Freitag, 6. Januar 2012

Am 6. und 7. Januar nehme ich an der Geburtstagstagung des Deutschlandfunks in Köln statt, am zweiten Tag habe ich einen Impuls-Beitrag in einem Speedlab übernommen (dazu weiter unten mehr). Die Konferenz steht unter dem Titel Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt und befasst sich erfreulicher Weise fast durchgängig mit sehr aktuellen Entwicklungen im Bereich digitaler Öffentlichkeit. Das ist zunächst einmal absolut zu begrüßen, auch wenn im Detail die einzelnen Sessions wohl nicht ganz so innovativ geworden sind/werden, wie man hätte hoffen können. (Die Konferenz wird unter dlf50.org durch ein studentisches Projekt begleitet, so erhält man neben Live-Stream und Twitter-Stream (Hashtag: #dlf50) einen recht guten Eindruck vom Geschehen.

Wo ist der Ort des Politischen?

Zunächst ein kurzer Einwurf zur Tagung heute, die ich bis zur Predigt zum Vortrag von Bodo Hombach besucht habe. Zur Keynote von Colin Crouch habe ich einige Notizen getwittert, der Autor gab einen kurzen Umriss zu seinem Konzept der Postdemokratie, ohne jedoch sonderlich explizit eine Verbindung zum Tagungsthema oder der laufenden Wulff-Affäre herzustellen (begonnen hatte die Begrüßung am Morgen mit einer Art “Hack” durch Frank Schirrmacher, der in seinem gestrigen Text in Sachen Wulff äußerst elegant eine Vorlage für die Tagung geliefert hatte, indem er auf Ähnlichkeiten bei der Eigenheimfinanzierung von Peter Mandelson verwiesen hatte – für Crouch eine Art Auslöser für die Studie).

Die Fragen, die Crouch dann dem Deutschlandfunk mit auf den Weg gab, passten nicht so recht zu den eigentlich wichtigen Themen oder diese wurden zumindest nicht korrekt adressiert. Ich glaube, dass Crouch so etwas wie “Netzneutralität” meinte, als er von einem “ebenen Spielplatz” (“levelled playing field”) sprach. “Überwachung” sei schon ein Problem (von “Privacy” oder gar “Postprivacy” redete er nicht), die Authentizität politischer Bewegungen sei umstritten (der Disput zwischen Clay Shirky und Evgeny Morozov wurde nicht erwähnt).

Das alles ist insofern verzeihlich, zumal Crouch sich zu Beginn als wirtschafts- und nicht als medienpolitischer Politikwissenschaftler bezeichnet hatte. Was er allerdings hätte sagen können, wären ein paar Worte zur occupy-Bewegung gewesen. Dieses Phänomen eignet sich m.E. nämlich ziemlich gut, um seine These, dass Demokratie heutzutage “geografisch nicht beweglich” sei, zumindest herauszufordern. Außerdem ist sie ein Beispiel für die Lebendigkeit des Politischen in einer Landschaft aus “erloschenen Vulkanen” (so bezeichnet Crouch die etablierten Parteien, mit Ausnahme der Grünen – die Piraten kennt er offenbar noch nicht). Und schließlich steht #occupy (ja, das Hashtag) für etwas, das aus meiner Sicht bisher in der gesamten Veranstaltung nicht ausreichend diskutiert worden ist (wie gesagt, ich war nur bis zum frühen Nachmittag anwesend, den Rest habe ich versucht via Twitter- und Blog-Kommentare zu verfolgen): der “Ort des Politischen” wird bislang ausschließlich geografisch modelliert (lokale Räume, Nationalstaaten, Staatenverbünde, Globalisierung) oder als Produkt/Symbiose des Zusammenwirkens von Öffentlichkeitsakteuren, wobei hier insbesondere die klassischen Massenmedien und das politische System sowie gelegentlich die Zivilgesellschaft gemeint waren.

Was ist der Ort des Politischen?

Ich meine, hier fehlt etwas: nämlich die allmähliche Umformung von Orten durch die fortschreitende Technologie-Entwicklung. Die Räume, in denen Politik diskutiert und verhandelt wird, sind andere als früher, weil sie digitale Erweiterungen erhalten und daher eben auch anders hergestellt werden können. Deutlich wird das mE am Beispiel des Hashtags #occupy – es bezeichnet nämlich auch einen Raum, einen Ort des Politischen und eben nicht nur eine flüchtige Erkennungsmarke in einer Flut aus vermeintlich unwesentlichen Kurznachrichten.

Ganz neu ist diese mediale Erweiterung der Raumkategorie in Debatten um Öffentlichkeit natürlich nicht – schon 1996 hat William J. Mitchell in City of Bits auf die technologischen Veränderungen urbaner (und öffentlicher) Räume durch die Digitalisierung hingewiesen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe spannender Auseinandersetzungen mit dem damit verbundenen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zuletzt wären hier wohl Wirelessness. Radical Empiricism in Network Cultures von Adrian Mackenzie (2010) sowie Code/Space. Software and Everyday Life (2011) von Rob Kitchin und Martin Dodge zu nennen.

Meine eigene Rezeption dieser Bände ist bei weitem noch nicht abgeschlossen, doch scheint mir die Richtung überaus interessant zu sein: Formen der Vernetzung und des Netzzugangs definieren politische Raumkonzepte neu, eine wesentliche Rolle spielt dabei der Umgang mit Code. Leider fehlen Ansätze zur Auseinandersetzung im Rahmen der Konferenz (bisher) völlig.

Doch vielleicht gab es eine Ausnahme: im etwa halbstündigen Gespräch über die Ereignisse in Kairo vor ziemlich genau einem Jahr wurde Philip Rizk gefragt “wie es Euch ergangen ist, als das Internet abgeschaltet wurde”. Darauf (oder auf eine andere, ähnlich formulierte Frage) antwortete er, dass es dieses “Euch” nicht gebe, weil seine Bezugsgruppe keine festen Strukturen besaß, sondern sich durch die digitale Kommunikation stets neu formiert hatte. Das ist wohl der entscheidende Punkt: durch die neuen technologischen Strukturen wie eben zB stabile, breitbandige Netzzugänge oder (besonders im öffentlichen Raum) WLAN-Wolken, entstehen neuartige, virtuelle Orte des Politischen.

Ach ja: Das Speedlab

Nun hätte ich ja beinahe vergessen, die digitalen Notizen hier zu hinterlegen, um die es mir eigentlich ging, als ich mit dem Schreiben zu diesem Posting begonnen habe. Im Rahmen des Speedlabs Neue Formen des Politischen, neue Formate der Medien gestalte ich gemeinsan mit Christian Kreutz von frankfurt-gestalten.de die Session Partizipation und Parlamente – Wie kann digitale Mitwirkung in Zukunft aussehen?

Mein ursprünglicher Plan war es, in etwa fünf Minuten ein paar Worte über den Gang von E-Petitionen zum Deutschen Bundestag zu berichten. Das Fallbeispiel wäre – natürlich – die berühmte #zensursula-Kampagne, die ja zentral mit der Petition von Franziska Heine verbunden war. Der Verlauf der Zeichnungsaktivität ist noch einsehbar, außerdem auch die Kommentare zum formellen Resultat der Petition – der Anhörung von Franziska Heine vor dem Petitionsausschuss.

Als eine indirekte Folge der Petition kann allerdings auch die Einrichtung der Enquete-Kommission Internet und Digitale Medien (#eidg) gelten, die allerdings eher als ein abschreckendes Beispiel für “digitale Mitwirkung” herhalten kann. Es sei denn, mit dem aus einer internen Kontroverse hervorgegangenen Projekt enquetebeteiligung.de entwickelt sich nun doch noch eine Keimzelle für etwas wirklich neues in Sachen digitaler Bürgerbeteiligung – nämlich Liquid Democracy.

Die Affäre Wulff: Symbol und/oder Symptom?

Freitag, 6. Januar 2012

Nach viel zu langer Funkstille (Schuld waren/sind neben der üblichen Semesterbelastung diverse Artikeldeadlines, demnächst mehr dazu) zumindest ein kurzer Einwurf zur Affäre um Bundespräsident Christian Wulff. Das ist ein schwieriges Feld, doch in letzter Zeit erfolgten einige Anfragen (die vermutlich den ein oder anderen Artikel und/oder Vortrag nach sich ziehen dürften), daher auch an dieser Stelle ein paar Notizen.

Update 8.1.: Lauer liest Wulff. Das Storify des Soundbloggers @dr_meyer sagt eigentlich alles.

Update 8.1.: Da sich die “Affäre” offenbar noch eine Weile hinziehen dürfte, werde ich im Rahmen meiner Vorlesung Medien, Kommunikation, Politik am Mittwoch eine Art aktuelle Stunde einlegen. Bereits nach einer flüchtigen Skizze des Materials komme ich auf mindestens vier Dimensionen: die Kredit-, Amts-, Medien- und Staatsaffäre. Bei präziserer Differenzierung könnte man den Medienbereich in alte und neue Medien unterteilen, zudem gibt es als Nebenlinie noch den Bereich Sprache und Politik. Eine internationale Dimension hat die ganze Sache sicherlich auch, aber das blende ich zunächst einmal aus.

Update 6.1.: Im heutigen Textbeitrag geht es um die Frage nach der Zukunft des Amtes. Ich bin der Ansicht (ganz ähnlich wie auch Kollege Sarcinelli), dass es nicht zu einer Zusammenlegung mit bzw. einer Verteilung der Aufgaben auf andere Institution oder gar zu einer Abschaffung kommen sollte. Wenke Börnsen hat für tagesschau.de zu dieser Frage einen sehr ausführlichen Artikel zusammengestellt.

Update 5.1.: Besondere Ereignisse erfordern besondere Kommentare – das, was Frank Schirrmacher für ein “Staatsinterview” hält, ist für mich eine “Presidential Debate”. Allerdings merkte man es dem TV-Interview mit Christian Wulff an, dass die Zeit fehlte, um dem Format das nötige “Gewicht” zu verleihen. So war es nur eine Art Kanzlerduell auf Speed. Meine Anmerkungen dazu sind drüben bei The European erschienen.

Update 4.1.: Inzwischen gibt es einige weitere kurze Statements zum Thema – für heute.de ein paar Anmerkungen zu modernen politischen Karikaturen im Netz, auf derwesten.de ein kurzes Interview zur Krisenkommunikation in Bellevue.

Update 23.12.: Eine verdichtete Fassung des Textes mit Schwerpunkt auf der Geschenkökonomie des Christian Wulff ist am 23.12. im Rahmen der Debatte “Streit um Christian Wulff” auf The European erschienen.

(Originalfassung)

Die aktuelle Medienberichterstattung konzentriert sich bislang auf die Hintergründe bzw. Umstände diverser “Gefälligkeiten” bzw. “Unterstützungsleistungen”, die der amtierende Bundespräsident noch während seiner Zeit als niedersächsischer Landespolitiker und Ministerpräsident erhalten hat. Kennzeichnend ist dabei die Suche nach belastendem Material, das ein möglicherweise auch juristisch valides Fehlverhalten des Politikers dokumentieren soll. Dadurch gerät einerseits die Person Christian Wulff und das ihn umgebende Beziehungsnetzwerk in den Blick (sehr gut: eine Darstellung des Netzwerks mit Gephi dazu).

Im zweiten Schritt folgt dann in der Regel die Frage nach den Auswirkungen auf das Amt des Bundespräsidenten. Hierbei gilt bislang offenbar die Faustregel: so lange kein justiziables Fehlverhalten festgestellt werden kann, bleibt auch das Amt unbeschädigt. Daraus resultiert der Schluss, dass im Moment der Aufdeckung bzw. des Nachweises eines Rechtsbruchs der Rücktritt des Präsidenten erfolgen muss.

An dieser Stelle würde ich einhaken wollen: zwar ist die formale Machtfülle des Bundespräsidenten relativ klar eingegrenzt (vgl. hier), das Amt bietet aber über die prominente Position in der Öffentlichkeit dennoch zahlreiche Handlungsmöglichkeiten und -ressourcen. Mein Düsseldorfer Kollege Stefan Marschall betont diese Form eines informellen Regierens in und mit der Öffentlichkeit: “Teil des going public der Präsidenten sind nicht nur ihre Worte, sondern auch ihre Taten, das symbolische Handeln.” (2007: 190f) Durch die solchermaßen herausgehobene Rolle – nicht allein als formales Staatsoberhaupt, sondern auch als zentrale öffentliche Verkörperung des Staates – nimmt das Amt eben auch dann Schaden, wenn sich eine breite öffentliche Debatte entlang fragwürdiger Handlungen, Praktiken oder Beziehungsnetzwerke entwickelt und den Blick auf die übrigen Ämterpflichten und -erfordernisse überdeckt. Hierbei wirkt gerade die mit dem Amt verbundene “soft power” jenseits formaler Befugnisse auf das Staatsoberhaupt zurück, auch “informelles Fehlverhalten” bleibt nicht ohne Folgen für das Ansehen von Amt und Person.

Außerdem möchte ich noch auf eine zweite Entwicklung, bzw. einen anderen Denkansatz hinweisen und das ist die Diskussion um die Hannover Connection (Wirtschaftswoche). Ganz abgesehen davon, was bei den weiteren Recherchen um dieses Netzwerk offen gelegt werden wird, drängt sich der Eindruck auf, dass hier ein Muster vorliegen könnte, das in ähnlicher Form auch in anderen Ecken der Republik existiert. Zu fragen wäre dann, ob solche Netzwerke zwischen Politik, Wirtschaft, Medien und “Society” systembedingt entstehen und Politiker qua Amt darin eingebunden werden. Im niedersächsischen Fall gerät insbesondere die “Kampagnenbeihilfe” von Carsten Maschmeyer in den Blick – das “selbstständige” Buch-Sponsoring während des Landtagswahlkampfs 2007. Diese Praxis einer “personenunabhängigen” Unterstützung entspricht ziemlich genau den independent expenditures, die im Rahmen des anstehenden US-Wahlkampfs dafür sorgen dürften, dass die zahlreichen Kandidaturen enorme Geldflüsse erwarten dürfen.

Die Suche nach immer neuen Schlupflöchern, die eine legale Beteiligung an der Durchführung von Kandidaten- oder Themen-orientierten Kampagnen ermöglichen und die existierenden gesetzlichen Regeln zur Politik- und Wahlkampffinanzierung unterlaufen, ist in den USA bereits zu einem zentralen Ansatzpunkt für eine Fundamentalkritik am gesamten politischen System geworden. Ein Wortführer dieser Strömung ist der Jurist Lawrence Lessig, der in seinem aktuellen Buch Republic, Lost die sukzessive Unterwanderung der Politik durch eng geflochtene Beziehungsnetzwerke beschreibt. Dabei geraten gewählte Repräsentanten immer häufiger in komplexe Abhängigkeitsverhältnisse, die nicht etwa durch kriminelle Bestechung entstehen, sondern durch den allmählichen Umbau des Machtzentrums Washington zu einer nur noch schwer durchschaubaren Geschenkökonomie.

For this economy to survive, we need only assume a rich and repeated set of exchanges, among people who come to know and trust one another. There has to be the opportunity to verify that commitments have been met – eventually. In the meantime, there must be the trust necessary to enable most of the exchange to happen based on trust alone. (Lessig 2011: 111)

In den USA hat sich dieses Szenario inzwischen zu einer Standardsituation der politischen Einflussnahme entwickelt. Lessig spricht dabei offen von einer neuen Form der Korruption, in deren Zentrum nicht mehr korrupte Individuen, sondern korrupte Institutionen stehen:

In this second sense of corruption, it is not individuals who are corrupted within a well-functioning institution. It is instead an institution that has been corrupted, because the pattern of influence operating upon individuals within that institution draws them away from the influence intended. (Lessig 2011: 231)

Für Lessig ist der Referenzrahmen nichts weniger als der gesamte US-Kongress, den er einer solchen “Abhängigkeitskorruption” anheim gefallen sieht – das ist die verlorene Republik aus dem Buchtitel.

Von einer solchen Situation ist Deutschland sicher noch weit entfernt – die Auffälligkeiten im Politikbetrieb haben zuletzt allerdings derart zugenommen, dass es offenbar an der Zeit ist, nach Mustern zu suchen, die auf die Entstehung von eng geflochtenen Beziehungsnetzwerken in den Kernbereichen politischer Macht hindeuten. Neben den Fällen materieller Vorteilsnahme oder Begünstigung geraten dabei insbesondere die Karriereverläufe von Politikern in den Blick, die nach Abschluss ihrer politischen Laufbahn immer häufiger in prominente Wirtschafts- oder Verbandsämter wechseln. Die Affäre um Bundespräsident Wulff leistet aufgrund der Fallhöhe aus oberster Staatsposition in besonderer Weise Vorschub für die weitere Auseinandersetzung mit solchen Betriebsgeheimnissen der Politik.

Literatur:

Marschall, Stefan (2007): Die unpräsidiale Republik. Der schwache, aber nicht ohnmächtige Bundespräsident. In: ders.: Das politische System Deutschlands. Konstanz. S.175-195.

Lessig, Lawrence (2011): Republic, Lost. How Money Corrupts Congress – and a Plan to Stop It. New York.

Wieder mal WikiLeaks

Samstag, 5. November 2011

Am Mittwoch nehme ich am ganz sicher spannenden Workshop Leaking: Sicherheitsbedrohung oder subversive Demokratisierung? an der Goethe-Universität in Frankfurt teil. Genauer gesagt, am Abschlusspanel mit dem Titel “In doubt we publish: WikiLeaks as a threat to diplomacy and democracy?” (Oh, das ist ja Englisch. Vielleicht sollte ich sicherheitshalber noch ein paar Vokabeln lernen).

Angesiedelt ist der Workshop am Exzellenzcluster Normative Orders und dem Forschungsprojekt Sicherheitskultur im Wandel. Daraus resultiert ein fachwissenschaftlicher Schwerpunkt im Schnittfeld von politischer Theorie und Internationalen Beziehungen, die für den Nachmittag angekündigten Beiträge sortieren sich zwischen diesen beiden Feldern. Mein Beitrag zum Podium wird sich dem Thema eher aus der Perspektive der politischen Kommunikations- und Öffentlichkeitsforschung nähern.

Generell stellt sich dabei mE die Frage, inwiefern WikiLeaks als Akteur tatsächlich in die eher klassischen politikwissenschaftlichen Sichtweisen eingeordnet werden kann. Über die formale Gestalt des Akteurs ist sehr wenig bekannt, die Organisation wird überlagert durch die mediale Fixierung auf Julian Assange, dessen eigene Personalisierungsstrategie inzwischen jedoch mehr zu sein scheint als eine “fürsorgliche” Schutzfunktion für die im Schatten arbeitenden Mitstreiter.

Besonders interessant ist die daraus resultierende Spannung zwischen dem “Transparenz-Akteur” WikiLeaks und dessen eigener Undurchsichtigkeit. Ins Spiel kommen hier auch die für viele Nicht-Regierungsorganisationen typischen Legitimitätsdefizite: WikiLeaks versteht sich zwar als relevanter Akteur innerhalb internationaler, globaler Politikprozesse (hierzu lese man nur das Gespräch zwischen Julian Assange und Hans-Ulrich Obrist), entzieht sich durch seinen “informellen Charakter” aber einer konkreten politischen Verantwortung und lässt eine “Accountability” vermissen, die umgekehrt aber von den Regierungen gefordert wird. Innerhalb dieses asymmetrischen Verhältnisses manövriert Assange die Organisation WikiLeaks systematisch in einen geschützten Raum, gewissermaßen in “das Auge des Sturms”.

(more…)

Politik zwischen Darstellung und Entscheidung

Montag, 25. Juli 2011

Heute abend darf ich in den Räumen des Landtags Nordhrein-Westfalen die Summer School der NRW School of Governance eröffnen – eine feine Gelegenheit für mich als Neubürger, den durchaus imposanten Verwaltungsbau kennenzulernen. Laut Website ist der Landtag…

…(k)eine kapitolinische Anlage mit Kuppelbau, sondern eingebettet in einen Bürgerpark und damit stadtplanerisch integriert in die Stadt, präsentiert sich der Landtag als Bürgerhaus, zugänglich und bürgernah.

Auch wenn ich nur ein kurzes Grußwort sprechen soll, um dem Main Event des Abends – einem Kamingespräch mit den MdLs Daniela Schneckenburger (Bündnis 90/Die Grünen) und Marcel Hafke (FDP) sowie dem geschätzten Mannheimer Kollegen Thorsten Faas – nicht im Wege zu stehen, habe ich mal ein paar Notizen angefertigt. Es sind wirklich nur ein paar kurze und unfertige Gedanken, aber weil die Ereignisse von Oslo darin eine Rolle spielen und man dieses Thema nicht so schnell hinter sich lassen kann, publiziere ich diesen Text auch hier im Blog. Vielleicht entwickelt sich daraus ja noch ein substanzieller Beitrag zur Debatte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das Thema in einer der Lehrveranstaltungen im kommenden Semester wieder aufgegriffen.

Der Text folgt nach dem Break.

(more…)

In eigener Sache: Frankfurt

Samstag, 4. Juni 2011

Am kommenden Donnerstag (9.6.) nehme ich am Frankfurter Tag des Online-Journalismus (#FTOJ) teil. Die Veranstaltung wird vom Hessischen Rundfunk im Verbund mit evangelisch.de, der epd medien und dem EKD-Medienbeauftragter organisiert und hat den etwas gewöhnungsbedürften Titel Von App-Land bis Arabien – Wie Gesellschaft und Journalismus neu verdrahtet werden. In der Ankündigung wird ein weites Feld umrissen:

Apps neben Websites, soziale Netzwerke neben klassischen Newsanbietern, Amateure neben Profis, eine Vielzahl von offenen und geschlossenen Plattformen. Das alles multimedial, sozial, hyperlokal und in Echtzeit. Die Medienwelt funktioniert nicht nur nach neuen Regeln, die Regeln ändern sich auch noch ständig.
In den vergangenen Monaten erlebten wir den Boom der Apps und den Start des Datenjournalismus in Deutschland, die überraschende Rolle sozialer Medien in der arabischen Welt und ganz neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Journalisten.

Unter dem Titel Öffentlichkeit 2.0 oder nur Skandal total? – Politische Kommunikation im Internet darf ich den letzten Vortrag des Tages (Nr. 7, 15.30 Uhr) beisteuern und an der abschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen. Dieses Panel ist mit der doch etwas bangen Frage Und wo bleibt der Journalismus? überschrieben.

In den Planungen zur Veranstaltung im Frühjahr hatte ich zunächst erwogen, die Aktivitäten rund um das “Guttenplag” in den Mittelpunkt zu stellen – was angesichts der inzwischen erfolgten Nominierung zum Grimme Online Award nicht völlig verkehrt gewesen wäre. Angesichts der seitdem aber fortschreitenden Debatte um ein emerging networked fourth estate (Yochai Benkler) setze ich aber wohl doch einen stärkeren Akzent auf die großflächigen Umbauarbeiten der Medienlandschaft, die sich in der Folge der WikiLeaks-Enthüllungen andeuten.

Benklers Idee einer vernetzten vierten Gewalt ist nicht allein deshalb interessant, weil er sehr genau auf die Verflechtungen zwischen WikiLeaks und etablierten Medienakteuren eingeht und dabei insbesondere auch die presserechtliche Dimension betrachtet (man könnte auch sagen: die öffentlichkeitsrechtliche Dimension). Er betont das konstante Framing von WikiLeaks als journalistisches Projekt (vor allem durch Assange selbst) und wertet die zahlreichen “Attacken” auf WikiLeaks als Gegenreaktion von medialem wie politischem Establishment auf einen neuen Konkurrenten. Allerdings verzichtet Benkler dabei auf die plakativere (und hierzulande häufiger zu hörende/lesende) Charakterisierung von WikiLeaks als fifth estate, als fünfte Gewalt. Die journalistische Dimension von WikiLeaks ist demnach vor allem in einer “neuen Verdrahtung” (HR/EKD, siehe oben) bereits bestehender Medienakteure und -systeme zu suchen.

Dieser These einer Integration von WikiLeaks in ein bereits bestehendes Akteursnetzwerk, das dadurch zumindest in Teilen eine neue Gestalt erhält, stehen auch radikalere Ansätze gegenüber, die WikiLeaks als etwas genuin Neues verstehen – ein Beispiel ist die hier im Blog schon mehrfach zitierte Einschätzung von Jay Rosen, es handele sich hier um die erste stateless news organisation. Auch Felix Stalders Verortung von WikiLeaks im Bereich des Medienaktivismus könnte hier erwähnt werden – für ihn ist das Leaking dabei auch Folge und Ausdruck einer weitreichenden Krise politischer und gesellschaftlicher Institutionen, WikiLeaks mithin eher ein Symptom für einen Zustand und erst in zweiter Linie ein autonomer Akteur.

In meinem auf 20 Minuten begrenzten Frankfurter Vortrag werden sicher nicht alle Punkte ausführlich besprochen werden können – aber trotzdem ergibt sich hier ein grober Fahrplan für die Präsentation. Auf die Skizzierung der verschiedenen WikiLeaks-Effekte (z.B. Konjunktur, Ethik, Echo, Ökonomie des Lecks) folgt die Konzentration auf die Auswirkungen in Richtung medialer Akteure und Systeme. Neben den theoretischen Implikationen für eine Beschreibung vernetzter Öffentlichkeiten gilt es dabei auch auf konkrete Veränderungen im Bereich des Journalismus hinzuweisen: der Boom der Leaking-Portale, von Open Leaks über Greenleaks, dem investigativen “Rechercheportal” von Der Westen oder Al-Jazeeras “Transparency Unit” bis hin zum etwas unbeholfen wirkenden taz-Projekt “unileaks” deutet darauf hin, dass sich auch für die journalistische Praxis bereits jetzt einige Veränderungen ergeben haben.

Und genau darum geht es ja beim Tag des Online-Journalimus. Glaube ich jedenfalls.

Unter Biebern (reloaded)

Montag, 20. Dezember 2010

Endlich! Das Feuilleton ist auf meinen Namensvetter Justin Bieber aufmerksam geworden, am gestrigen Sonntag hat Alexa Hennig von Lange einen Text zum Thema vorgelegt, der angemessene Titel lautet: Der Wahnsinn unserer Tage.

Im “analytischen” Dreischritt Der Irrsinn – Die Frisur – Die Verstörung zeichnet die Autorin diverse Elemente, Phasen und Symptome des “Bieber-Fieber” nach. Dabei bleibt ein aus meiner Perspektive sehr wichtiger Bestandteil außen vor, nämlich Die Community.

Als im vergangenen Mai immer häufiger bieberfieberkranke Jugendliche meine Follower-Liste bei Twitter aufzublähen drohten, habe ich mir dazu mal einige Gedanken gemacht. Ein paar Versuche, den Artikel in Print- und Online-Medien unterzubringen, waren damals gescheitert – hier nun die Nachreichung im Blog, quasi als Weihnachtsgabe.

Der Text ist in Teilen aktualisiert, allerdings sind manche Fan-Seiten inzwischen verschwunden (daher sind sie unten im Text nicht mehr verlinkt). Um die Dynamik der Fan-Kommunikation anzudeuten, habe ich die alten Social Web-Kennzahlen im Text gelassen, die Zuwachsraten seit dem Sommer sind, nun ja, erheblich.

An der wesentlichen Aussage des Textes möchte ich festhalten: das Fan-Netzwerk der “Belieber” fällt in den Bereich der Do-it-Yourself-Medien und ist weniger als wahnhafte Fiebererscheinung, sondern eher als gemeinschaftliche Lernumgebung zu verstehen.

Und los geht´s:

Unter Biebern
Die Fans von Teenie-Star Justin Bieber nerven -
und nutzen das Internet dabei als Lernwelt

Seit er selbst gemachte Musikvideos bei YouTube hochgeladen hatte und daraufhin dem großen Musik-Business aufgefallen war, haftet Justin Bieber das Image des “Web 2.0″-Popstars an. Unterschlagen wird dabei oft, dass der erst 16-jährige Kanadier neben diesem heute fast schon klassischen Karriereeinstieg auch zahlreiche andere Plattformen des Social Web nutzt und dabei den Dialog mit einer ebenso jungen wie aktiven Fangemeinde sucht.

Natürlich ist Bieber bei MySpace präsent, dem typischen Sozialen Netzwerk für Musikinteressierte – dort hat er etwas mehr als eine Million Freunde, seine auf der Plattform verfügbaren Songs wurden schon mehr als 100 Millionen mal angespielt. Über vier siebzehn Millionen Menschen “gefällt” auch seine Profilseite bei Facebook. Wenn Bieber einen Eintrag postet, kann das schon mal zu mehr als 5.000 10.000 Kommentaren führen – sowie zu weiteren 20.000 40.000 hochgereckten Daumen, die zumeist von eingefleischten Fans stammen. In einer Kombination aus “believe” und “Bieber” bezeichnen sich die treuen Anhänger als “Belieber”.

Trotz dieser enormen Reichweiten liegt das Zentrum der digitalen Fankultur bei Twitter. Dort hat @justinbieber mehr als 5,4 6,3 Millionen Follower. Damit rangiert er im Ranking von twitaholic.com derzeit auf Rang 5 3 – einen Rang hinter vor US-Präsident Obama. Noch erstaunlicher wirkt die Reichweite im Vergleich zum deutschen Sprachraum – die Erhebung von webevangelisten.de zählte im August Oktober etwa 270.000 350.000 aktive Twitter-Nutzer. Allein die Menge der twitternden “Belieber” ist also etwa zwanzig achtzehn mal so groß wie der gesamte deutschsprachige Kurzmitteilungs-Raum.

In diesem auf 140 Zeichen konzentrierten Mikrokosmos haben sich ganz eigene Regeln entwickelt, die für eine erhebliche Dynamik innerhalb der Fangemeinde sorgen. Typische “Belieber” verweisen schon im eigenen Profilnamen auf “ihren” Star: Kombinationen wie @NinaBieber16, @JBLove1706 oder @GermanBelieber_ sind alles andere als selten. Ähnliches gilt für das Profilbild: anstelle des eigenen Fotos finden sich dort viel häufiger Portraits des Jungstars. Was vielen womöglich als Auswuchs eines internet-basierten Starkultes gilt, ist jedoch nicht viel mehr als eine zeitgemäße Erscheinungsform Starschnitt-tapezierter Jugendzimmer.

Die Suche nach der virtuellen Nähe zum Idol 2.0 findet auch in den Biografien der Twitter-Nutzer seine Fortsetzung. Begeisterte “Belieber” üben sich hier in Szene-typischen Abkürzungen und kondensieren ihr Fan-Leben auf das Wichtigste: “Mein Name ist Roma und ich bin ein Belieber” (@JBLove1706). Und wenn ein “Belieber” tatsächlich einmal die Aufmerksamkeit des Stars erhält und von diesem “zurückgefolgt” wird, muss das selbstverständlich genau festgehalten werden: “@justinbieber followed me on 04/14/10 ♥ He’s my 149th follower.” (@GermanBelieber_)

Schon in der Kurzbiografie zeigt sich auch ein wesentliches Muster dieses digitalen Fantums, denn es wird auch heftig um neue Follower geworben: “Ich bin ein stolzer Justin Bieber Fan. Wenn du Justin liebst, folge mir” (@KissingJDBieber). Davon machen die “Beliebers” oft und gerne Gebrauch, unter anderem auch mit Twitter-Listen, die der Zusammenfassung möglichst vieler Netzwerk-Nachbarn dienen: „LIST ME PLEASE, i list everyone back 15x times :}”

Dadurch entsteht ein engmaschiges Fan-Netzwerk, das Twitter nahezu monothematisch und mit hoher Frequenz zum Austausch mit Gleichgesinnten nutzt. Diese horizontale Vernetzung ist auch der zentrale Grund, warum die “Belieber”-Szene in der Lage ist, selbst die Macher von Twitter zur Verzweiflung zu treiben. Mitte Mai hatte das Unternehmen einen neuen Algorithmus zur Errechnung der “Trending Topics” installiert – in dieser auf zehn Begriffe begrenzten Liste sollen nur noch wirklich aktuelle “Trends” auftauchen und nicht mehr der permanent populäre Name des Teenie-Stars.

Es verwundert nicht, dass bei einer derartigen “Identitätsverschränkung” zwischen Fans und Star die Gruppendynamik auch bizarre Züge annehmen kann – gewissermaßen als Steigerungsform der “Belieber” ist die “BieberArmy” zu verstehen, eine lose Gruppe von Teilzeit-Freiwilligen, die im Namen des Biebers in den Kampf um dessen Vorherrschaft im Social Web zieht. Den neuen Twitter-Algorithmus hebelten die netzaffinen Fans aus, indem sie sich auf Codes wie “twieber” oder “jieber” verständigten, die dann doch wieder in den “Trending Topics” landeten. Unter twieber.com war eine – inzwischen nicht mehr aktive – Twitterwall errichtet worden, die Kurznachrichten von und über den Star integriert hatte. Das Blog Biebbook imitiert dagegen den Look von Facebook, wo sich ebenfalls längst nicht mehr nur Fans und Freunde des Musikers finden.

Doch das digitale Durcheinander der Fan-Kommunikation muss nicht nur besorgte Blicke ernten: es lässt sich nämlich auch als aktive Aneignung medialer Praktiken verstehen, die auch im “richtigen Leben” von Nutzen sein können. Als Kronzeuge für eine solche Argumentation kann hier der Kulturwissenschaftler Henry Jenkins gehört werden, der solchen beteiligungsorientierten Fankulturen eine “peer-to-peer-Erziehung” zuschreibt: “Wir lernen voneinander beim Versuch zusammen zu arbeiten und dabei ein gemeinsames Ziel zu erreichen.” In den USA hat sich für solche durch das Internet entstandenen Vergemeinschaftungen der Begriff der Do-It-Yourself-Medien geprägt. Jenkins ist Professor für Kommunikation, Journalismus und Kinematographie an der University of Southern California in Los Angeles, seine Forschungsschwerpunkte diskutiert er regelmäßig in seinem Weblog Bekenntnisse eines forschenden Fans: “Das Radikale am DIY-Ethos könnte sein, dass Lernen nur durch gegenseitige Unterstützung im Netzwerk funktioniert, Kreativität als Charaktermerkmal solcher Communities gilt und erst die Zusammenarbeit eine gemeinsame Ausdrucksform ermöglicht.”

In der Tat: das massenhafte Auftreten allein macht die “Beliebers” noch nicht zu einer Gemeinschaft, erst durch die starke Vernetzung untereinander und konkrete Online-Aktionen werden die “Beliebers” zu einer “Do-It-Yourself”-Community. Für deutsche Bieber-Fans kommt hinzu, dass der größte Teil der Kommunikation auf Englisch statt findet – das von Jenkins skizzierte Bild des “Lernens unter Gleichaltrigen” erfolgt hier bereits auf der sprachlichen Ebene. Die Notwendigkeit, sich darüber hinaus auch mit den verschiedenen Plattformen und Werkzeugen der Online-Kommunikation auseinanderzusetzen, führt zu einer zwar selektiven, aber doch merklichen Verbesserung der Medienkompetenz. Twitter galt bislang in Deutschland nicht als ein nennenswerter Tummelplatz für Teenager – das könnte sich im Zuge der allmählich auch auf Deutschland übergreifenden “Biebermania” bald ändern.

Da passt es ins Bild, dass “The Bieb” inzwischen auch schon bei Chat-Roulette gesichtet wurde, der zur Zeit für viele übelsten Schmuddelecke des Internet. Auf der Website “chatrouletteexposed.com”, einer Sammelstelle für unwahrscheinliche Begegnungen im Zufalls-Chat, kursiert ein Screenshot, der Justin Bieber im Dialog mit drei typischen Fangirls zeigt. Und selbst wenn es sich hierbei um eine Fälschung handeln sollte, unwahrscheinlich erscheint die Episode angesichts der massiven Online-Präsenz des Sängers nicht. Irritiert-anerkennend notierte das MTV-Blog buzzworthy aus Anlass einer weiteren Bieber-Sichtung bei Chat-Roulette: “Wie um alles in der Welt, findest du die Zeit für einen Besuch bei Chat-Roulette? Na klar, du bist ja schließlich ÜBERALL!”


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 34 Followern an