Hack the Debate: Angriff auf den Fernsehschirm?

Mittwoch, 17. September 2008 by internetundpolitik

Nach dem viel zitierten Twitter-Auftritt von Hubertus Heil aus Denver, “poppen derzeit fast täglich neue fake-Politiker auf twitter auf” (Nico Lumma ist - zurecht - genervt davon). Es wird nicht mehr lange dauern, bis in den MSM ein abwertender, spöttischer Artikel dazu erscheinen wird. Das ist auch nicht schwierig, in den USA treibt neben TheRealMcCain natürlich auch eine FakeSarahPalin ihr Unwesen, die Zahl der unoffiziellen Twitter-Akteure ist kaum noch überschaubar. Im schlechten Fall ist das einfach nur Unsinn, im besten Fall aber vielleicht so etwas wie “nutzergenerierte Text-Karikaturen” - darüber könnte man mal nachdenken (ein interessanter Text zu “Photoshop for Democracy” findet sich bei Henry Jenkins, der ein ähnliches Phänomen anhand nutzergenerierter Digitalbilder diskutiert).

Doch weitaus spannender scheint die ernsthafte Nutzung von Twitter im Umfeld des US-Wahlkampfs. Denn angesichts ihrer Popularität und Reichweite hat sich die vermeintlich nur zeittötende Nonsense-Anwendung inzwischen einen festen Stand in der “jüngeren” US-amerikanischen Medienlandschaft gesichert. Im Umfeld der Parteitage diente die “trending”-Funktion von Twitter als eine Art Nachrichten-Seismograf, das rasche Ansteigen von Tweets etwa während der acceptance speeches der Präsidentschaftskandidaten kann durchaus als Hinweis auf die mediale Aufmerksamkeitsverteilung gelesen werden.

Ein extrem spannendes Umfeld für die neuartige, experimentelle Nutzung politischer instant communication werden die in wenigen Tagen beginnenden Präsidentschaftsdebatten liefern (vgl. hier).

Einen ersten Eindruck, was da passieren könnte, gibt seit kurzem der Trailer von current_TV, der nicht weniger verspricht als das “Hacken” der Fernsehdebatte durch die User. Dabei sollen durch ein Team-Up von Twitter und dem “peer-to-peer news and information network” current_TV neue Mitwirkungsmöglichkeiten für die Online-Öffentlichkeit geschaffen werden. Die Initiative ist keineswegs nur als cleverer Marketing-Trick zu verstehen, sondern bezieht sich direkt auf die auch von der offiziellen Debattenorganisation angestrebte “Digitalisierung der Debatten”. Anders als bei den stark in das vorhandene Konzept eingepassten Online-Erweiterungen durch MySpace, sollen bei Hack the Debate jedoch alle User “partizipieren” können. Ob es derart “funky” wird wie der Trailer mit historischem Bildmaterial suggeriert, bleibt abzuwarten.

Update: Folgt man der “Twitter Lingo” (vgl. hier), dann müsste das Format wohl tweebate genannt werden.

Update: Things get going - die Vorbereitungen für die Verbindung von Twitter-Feedback mit der Fernsehdebatte laufen auf Hochtouren. Einen ersten Eindruck, wie die neue Medienkombination aussehen dürfte, sieht man hier (leider etwas verwackelt und mit minderer Tonqualität).

In eigener Sache: San Francisco

Montag, 15. September 2008 by internetundpolitik

Seit ein paar Tagen und noch bis Anfang Oktober bin ich im wissenschaftlichen Auslandseinsatz - der Arbeitsplatz konnte dank der Dotierung des letztjährigen Preises der Justus-Liebig-Universität zumindest zeitweise nach San Francisco verlegt werden.

Von hier aus werde ich nun einigen Entwicklungen des Online-Wahlkampfes um das Weiße Haus nachgehen - d.h. vor allem stehen drei Bereiche im Vordergrund:

Social Campaigning - die forcierte Nutzung neuerer und neuester Formen von Online-Kommunikation, was insbesondere auf die Integration von Social Network Sites in die Kampagnenplanungen hinausläuft. In diesem Zusammenhang habe ich auch versuchsweise einen Twitter-Account aufgesetzt, denn in den nächsten Tagen gibt es wohl die Gelegenheit für ein Interview am Firmensitz - wie schätzen wohl die Gründer die politische Nutzung ihres Services ein? Außerdem stehen auf dem Programm Visiten im Silicon Valley bei Google, Facebook und evtl. auch flickr.com.

Digital Debates - der laufende Präsidentschaftswahlkampf sieht vermutlich die letzten klassischen TV-Debatten (Duelle sagt man hier nicht), und bereits in den primaries des Frühjahres begann das Fernsehformat zugunsten interaktiver Elemente und Versuchsballons aufzuweichen. Die vier im September und Oktober angesetzten Debatten werden voraussichtlich eine Verschärfung dieses Trends zeigen, besonders deutlich wird dies am Beispiel der “Second Presidential Debate” am 7. Oktober - hier wurde bereits eine educational partnership mit myspace.com eingerichtet, um die Diskussion (ein Townhall-Format) innovativ “ins Internet zu übertragen”.

Electronic Voting - ein Dauerthema auch in den USA, wobei am Standort Kalifornien in diesem Jahr eine Konkurrenz zwischen e-voting und absentee voting zu beobachten ist. Aufgrund der z.T. massiven Sicherheitslücken und diverser Pannen hat die zuständige Wahlbehörde in Sacramento Auflagen für den Einsatz von Wahlgeräten verabschiedet, die vermutlich zu einem Rückgang der Elektronifizierung der Wahllokale führen werden. Allerdings: gleichzeitig findet eine groß angelegte Kampagne für die Briefwahl statt - bei der jedoch auch eine automatisierte Auszählung stattfindet. Befeuert wird die Diskussion durch den Start eines Dokumentarfilms, der offenbar in der Michael Moore-Tradition steht: Stealing America - Vote by Vote (unverkennbar sind aber auch Anleihen beim Klassiker Hacking Democracy). (Update: gerade gesehen - passend zum Thema ist Hacking Democracy für Oktober/November auf HBO angekündigt.)

Zu diesen drei, vermutlich aber auch anderen Segmenten aus dem US-amerikanischen Wahlkampf gibt es in den kommenden Wochen Beiträge auf verschiedenen Kanälen, zum Teil hier im Blog, gelegentlich auch drüben bei den Blogpiloten, bei politik-digital evtl. auch anderswo. Kleinere Infobites werden getwittert.

Stay tuned, keep following.

In eigener Sache: Gießen

Montag, 8. September 2008 by internetundpolitik

Eine Tagung zum “Web 2.0″ sollte es werden, nur heißen sollte sie auf gar keinen Fall so. Das war eine der Schlüsselanforderungen an das Planungsteam, das sich spät im Jahr 2006 mit der Gestaltung der diesjährigen ZMI-Konferenz auseinander gesetzt hatte.

Das Resultat der Überlegungen findet am 24. und 25. Oktober im Margarete-Bieber-Saal in Gießen statt, die zugehörige Pressemitteilung wird in den nächsten Tagen verschickt, ein Teaser findet sich hier und so sieht das Plakat aus:

Die Formulierung des Tagungstitels “Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Vermachtung” dürfte in den TOP 3 landen, wenn es um die längste Übersetzung von “Web 2.0″ geht.

In meinen Aufgabenbereich fiel/fällt die Vorbereitung und Moderation des Panels Netzverein vs. Ortsverein - Zur Zukunft politischer Partizipation. Klingt spannend und wird es auch, denn mit am Start sind Axel Bruns (Queensland University of Technology, Brisbane), Jan Schmidt (Hans-Bredow-Institut) und Uwe Jun (Universität Trier).

Twittermania in Denver?

Mittwoch, 27. August 2008 by internetundpolitik

Hubertus Heil zwitschert einen auf dem Parteitag der Demokraten in Denver - die Schlagzeile klingt ordentlich nach Stammtisch und einiges davon hat der nahezu permanente “Nachrichtenfeed” mit dem der SPD-Generalsekretär die Welt versorgt ja auch. Beinahe noch höher aber scheint der Stammtischfaktor der Berichterstattung über Heils Gehversuche in der Welt des bruchstückhaften “Microblogging” zu sein.

(Ähnliches und mehr dazu auch bei Nico Lumma, Tobias Knüwer, Frank Helmschrott…)

Während gestern schon Spiegel Online die Kürzestmeldungen Heils (Ted kennedy war super. Der kracher war die rede von michelle obama. Starke frau. Barack soll sie “my rock” nennen.) durch den Kakao zog (Twittern im Obama-Rausch), folgt heute noch stern.de und morgen dürfte in der taz dazu etwas zu lesen sein. Jenseits des bisweilen doch arg kumpelhaften Zungenschlags (Jetzt geht die convention gleich los. Trinken noch ein glass wein mit dem genossen kalina von der spoe und dem deutschen botschafter schario) kann man das Gezwitschere (lt. FAZ-Erfahrungsbericht vom Samstag: “Geschnattere”) aber auch aus einer anderen Perspektive betrachten: als Experiment und Versuchsballon, wie die auf Internet-Themen meist zwiespältig reagierende deutsche Medienöffentlichkeit denn die Instant-Berichterstattung bewertet.

Das hätte zumindest eine gewisse Logik, denn wenn sich deutsche Politiker zu wenig um die Online-Entwicklungen kümmern, wird ihnen schnell ein Armutszeugnis ausgestellt - die typische JournalistInnenfrage lautet dann etwa so: “Wie kann es denn sein, dass Deutschland in puncto Online-Wahlkampf den USA so weit hinterherhinkt?” Nehmen wir mal das Beispiel Spiegel Online: in der aktuellen Print-Ausgabe findet sich ein Artikel mit der Überschrift: Internet: Deutsche Parteien verbreiten im Netz vor allem Langeweile. Nun, dieser Vorwurf lässt sich auf Hubertus Heils Twitter-Experiment nicht übertragen. Trotzdem wird in der eingangs erwähnten Meldung kräftig ausgeteilt:

Unter seinem Namen und dem SPD-Logo hat er sich im sozialen Netzwerk Twitter angemeldet und bloggt vom Parteitag der Demokraten aus - per Blackberry. Die Demokraten-Show in Denver wirkt wie ein Jungbrunnen auf den 35-Jährigen - oder es liegt am Internet. Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.

Ja, liebe Journalisten, was denn nun? Seriös, informativ und langweilig oder schnell, unfertig und experimentell?

Eine kleine Gegenfrage sei an dieser Stelle schon mal erlaubt: wo ist denn der deutschsprachige Journalistische Twitterfeed, der “live” aus Denver berichtet? Zu unseriös als Nachrichtenformat?

Das glaube ich nicht, hier nur mal eine kleine Auswahl US-amerikanischer “Medien-Tweets” vom Parteitag der Demokraten:

Washington Post - New York Times - MSNBC - Slate.com - NewsHour - C-SPAN - (…)

To be continued, updated…

YouTube@Peking 2008: Protest Yourself?

Mittwoch, 6. August 2008 by internetundpolitik

Die olympischen Spiele in Peking stehen vor der Tür, und “das Internet” hatte gerade schon seinen ersten großen Auftritt als Streitgegenstand im Dreieck China - IOC - Internationale Presse. Darum geht es hier nicht.

Vor gut zwei Wochen wurde ich von der Journalistin Nina May um ein kurzes E-Mail-Statement zur Nutzung des “Internet und speziell YouTube für Protest bzw. zur Verbreitung politischer Aussagen” gebeten. Anlass waren die zu diesem Zeitpunkt noch recht frisch veröffentlichten drei Videoclips La Piste, La Piscine, und Un Couple der französischen Theateregisseurin Ariane Mnouchkine.

Nach anfangs recht großem Interesse an den Filmen scheint die Nachfrage kurz vor den Spielen zu erlahmen, dies legt zumindest eine dpa-Meldung nahe, die am 5. August von diversen “Qualitätsmedien” wie SZ, FTD oder Focus übernommen wurde. Der Umgang mit diesem Text wäre eigentlich Wasser auf die Mühlen der bloggenden “Holzmedien”-Kritiker, denn hier stimmt so einiges nicht - falsche Clip-Titel und fehlerhafte Wiedergabe der Inhalte sind noch die geringeren Fehler. In der dpa-Meldung steht:

Der provokativste dürfte wohl der Film «Le couple», das Paar, sein. Er zeigt den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla. Beiden [sic!] sitzen am Rand einer Tartanbahn. Er spielt nervös an seinem Handy und seiner teuren Rolex, sie legt beruhigend den Arm auf seine Hand. Da stellt sich plötzlich ein Demonstrant vor das Paar und ruft «Freiheit». Dann wird er mit einem Schuss exekutiert.

Wie bitte? Sarkozy und Bruni spielen in einem Protestvideo mit? Nicht schlecht.

Wäre vermutlich ganz gut gewesen, sich die Videos auch mal anzusehen (etwa hier auf der YouTube-Seite von Mnouchkines Théâtre du Soleil). Sorgfältige Journalismus-Lehrer alter Schule werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Zurück zum eigentlichen Thema, der Rolle von YouTube für politischen Protest heute und einigen weiteren Aspekten des eingangs erwähnten E-Mail-Interviews mit Nina May. In ihrem ausführlichen Artikel zu Mnouchkines Olympia-Filmen schreibt sie in der Leipziger Volkszeitung vom 24.7.2008:

Bei Youtube etabliert sich eine neue Protestkultur. 97 700 Treffer listet die Webseite zum Stichwort „Protest“ auf. Allein zum Thema Tibet/China häufen sich Videos von Menschenrechtlern, die zum Beispiel einen Militärübergriff am Fuße des Mount Everest nachstellen. Weltweit bekunden Tierrechtsaktivisten in Videos ihre Solidarität mit verhafteten Kollegen in Österreich, und ein italienischer Künstler stellte Aufnahmen von tausenden roten Kugeln ins Netz, um gegen die Ignoranz der Politiker angesichts des Müllproblems zu kämpfen. Während eine Demonstration auf der Straße lediglich das direkte Umfeld anspricht, können mit den Internetvideos potenziell die rund sieben Millionen monatlichen Youtube-Nutzer erreicht werden.

Das ließe sich mit weiteren Elementen aus der E-Mail-Korrespondenz vom 23.7.2008 noch etwas vertiefen:

Warum wird gerade YouTube als neues Protestmedium verwendet?

YouTube ist als Plattform für kurze Videoclips gerade dabei, das Fernsehen als Verteilmedium für politische Botschaften im „Spot-Format“ abzulösen. Bei kontinuierlich ansteigender und manchmal sogar konkurrenzfähiger Reichweite ist es schlicht viel billiger – zusätzlich zu den Produktionskosten fallen kaum weitere Ausgaben an, da die Sendezeiten nicht gekauft werden müssen. Auf YouTube und ähnlichen Plattformen haben sich dezentrale Verteilmechanismen gebildet, die für eine schnelle Verbreitung der Inhalte durch Zuschauer sorgen. Auch die Archivfunktion ist nicht zu unterschätzen, Internet-Videos werden meist lange auf der jeweiligen Plattform vorgehalten und können auch so eine konkurrenzfähige Reichweite erhalten. Zudem ist der „YouTube-Stil“ der Botschaften häufig etwas „roher“ und unfertiger, was sich ebenfalls günstig auf die Produktionskosten auswirkt. Vor allem aus diesen Gründen dürfte YouTube im diesjährigen US-Präsidentschaftswahlkampf zur ersten Anlaufstelle für die zahlreichen Videobotschaften der Kandidaten und deren Unterstützergruppen werden.

Lässt sich daran eine Veränderung von Protestkultur ablesen - weg von der direkten Aktion auf der Straße hin zum globalen Protest im Internet?

Die Verlagerung der Protestkultur in Richtung der elektronischen Massenmedien hat längst stattgefunden und ist kein Resultat der YouTube-Nutzung. Allenfalls verleihen die Videoplattformen dem Trend zum „Online-Protest“ einen neuen Schub, da nun massentaugliche Audio/Video-Inhalte produziert und verteilt werden können. Zuvor waren Online-Protestaktionen häufig auf eher technische, computer-orientierte Settings angewiesen (E-Mail-Flutwellen, Denial-of-Service-Attacken, Blockaden und Hacks von Websites). Die „YouTube-Proteste“ nutzen lediglich eine neuartige Vertriebsstruktur, eine ganz neue Protestkultur entsteht hier nicht – das sieht man auch gut am Beispiel der Mnouchkine-Clips: eine Theaterregisseurin inszeniert kurze Filmsequenzen. Neu ist dabei „nur“ der „Vertrieb“ der Protestinhalte über eine nicht Print- und nicht Fernsehgestützte Infrastruktur.

Spannend wird in Zukunft sein, ob es Gegenreaktionen zu dieser Kampagne geben wird – einerseits Text-Kommentare zu den Ursprungsfilmen, andererseits aber auch „visuelle Kommentare“, die die Bild-/Filmsprache übernehmen und aus dem Ausgangsmaterial eigene Clips konstruieren. Was würde wohl passieren, wenn im Spot „Un Couple“ nicht der Protestierer vom Startschützen getroffen würde…

[Die eindrucksvollen Visuals vom Affen und seinen Freunden stammen im übrigen von der BBC (Thx, OF!): Created by the men behind Gorillaz - Damon Albarn and Jamie Hewlett - Monkey and his friends will be the faces of the BBC's Beijing Olympics coverage in the next few months.]

Studie: Junge Menschen sehen weniger fern…

Montag, 4. August 2008 by internetundpolitik

Das Ergebnis einer ersten, nicht-repräsentativen, privatempirischen Überprüfung: Stimmt. ;-)

Anfang August ist die aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen, deren - eher erwartbare - Resultate bereits für Resonanz und Diskussionen gesorgt hat (hier die Themenausgabe der Media-Perspektiven mit mehreren Auswertungsartikeln). Die MSM konzentrieren sich auf die überschriftszeilentauglichen Augenfänger wie “Lieber Fernsehen als Surfen”, “Täglich eine Stunde online” oder aber “Internet hängt TV ab” (was ja nicht einmal stimmt).

In einigen Blogs kursieren seit der Publikation am 1. August ein paar Spontankommentare (zB netzpolitik.org, basicthinking, onlinejournalismus.de), die meisten verweisen auf den gewohnt schnell, kompetent und ausführlich arbeitenden Herrn Schmidt mit Dete (inkl. follow-up und Wort zum Sonntag). Dort gibt es bereits eine sich allmählich verästelnde Debatte um die Methodik der Studie sowie v.a. die Web 2.0-relevanten Abschnitte der Untersuchung.

An dieser Stelle nur zwei Dinge (nach einem ersten, wirklich nur oberflächlichen Screening des Materials):

1. Daten zu einer (wie immer gearteten) “politischen Nutzung” des Internet gibt es so gut wie nicht. Im Überblicksartikel von van Eimeren/Frees zur Internetverbreitung taucht das Wort “Politik” nicht einmal auf, das Themenfeld verschwimmt in der Catch-all-Kategorie “Nachrichten”. Es wäre doch eigentlich nicht völlig abwegig gewesen, schon im Jahr vor einem Superwahljahr wie 2009 (Bundespräsident, Europa, Bundestag, mindestens vier Landtage) mal ein paar Fragen in diese Richtung zu stellen, um dann im Jahr nach der Wahl mögliche Veränderungen beobachten zu können.

Dieses doch eher simple Verfahren setzt setzt einiger Zeit zB das Pew Internet and American Life Project um, so auch mit dem Report The Internet and the 2008 Election. Auch hier sind die Ergebnisse zwar nicht bahnbrechend (immer mehr Menschen nutzen das Netz für Wahlinformationen, beteiligen sich an Online-Kampagnen und Barack Obama hat die meisten Unterstützer), doch entsteht dabei allmählich ein recht konkretes Bild davon, wie sich die verschiedenen Dimensionen von Politik im Internet entwickelt haben. Noch sehr viel differenzierter ist die vollständige Materialsammlung des Pew Research Center zur US-Wahl 2008.

2. Der Hinweis auf eine verstreut eingesehene Grafik aus dem offiziellen Studienmaterial, das die zeitliche Verteilung der Internetnutzung im Tagesverlauf darstellt.

Leicht lapidar heißt es dazu im Begleittext:

Die Analyse der Internetabrufe im Tagesablauf verdeutlicht, dass sich die Internetnutzung immer stärker in den Abend verlagert. Lagen bis vor wenigen Jahren die Zugriffe der Internetnutzung noch dominant am Vor- und Nachmittag, war bereits in 2005 keine einheitliche Primetime festzumachen, da die Nutzungszeiten am Vormittag, Nachmittag und frühen Abend lagen. Dies hat sich in 2005 verändert.

Zwar ist weiterhin eine erste Primetime am Vormittag auszumachen, zum Beispiel für die
E-Mail-Kommunikation und den Informationsupdate, aber die primären Nutzungszeiten liegen nun am Vorabend und in der Fernseh-Primetime zwischen 20.00 und 22.00 Uhr.

Das ist alles andere als uninteressant: der größte Zuwachs liegt in der Zeit ab 17 Uhr, mit den absoluten Spitzen während des klassischen TV-Abendprogramms. Hier verbirgt sich gleich in mehrfacher Hinsicht einige Sprengkraft - zunächst ist dies die ökonomische Schlüsselzeit für den Verkauf von Werbezeiten, und spätestens jetzt werden sich wohl einige Unternehmen wirklich Gedanken darüber machen, in welches Medienumfeld sie ihre Werbegelder delegieren. Wenn es noch so etwas wie ein “Familienfernsehen” gibt (auf Angebots- wie auf Nachfrageseite), dann würde es wohl in dieser Zeit stattfinden - die Daten legen jedoch eher ein familiäre media diet nahe, die über mehrere Bildschirme eingenommen wird. Und auch die Vertreter der Printmedien werden diesen Tagesplan der Mediennutzung mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen - meist sind in dieser “neuen” Hauptnutzungszeit die Zeitungsausgaben des Folgetages bereits online einsehbar: wozu dann noch am nächsten Morgen die Frühstücks- oder Pendlerlektüre aus dem Briefkasten holen?

Die besonders in der Zeitdimension wirkende Konkurrenzsituation deutet dabei auf das Zersplittern des Publikums hin, denn auch die These einer “Mediennutzung im Hintergrund” scheint bei ähnlichen oder gleichen Inhalten obsolet. Der in der Studie mehrfach erwähnte Erfolg der so genannten “Videoportale” untermauert die Dominanz audiovisueller Medieninhalte, noch zu klären ist aber in den nächsten Jahren, auf welchem Übertragungsweg die Zielgruppen erreicht werden. Im “klassischen” Fernsehen oder auf den Videoportalen des Internet. Und das gilt für (fast) alle: Unternehmen, Medienanbieter und - die Politik.

So weit, so unsortiert. Mal sehen, wie es mit der Studienrezeption weiter geht.

Obama war da

Donnerstag, 24. Juli 2008 by internetundpolitik

So, war doch gar nicht so schlimm. Offiziell hieß die Rede A World that Stands as One - das hätte Dr. Motte sicher auch als Motto der Loveparade akzeptiert. Noch etwas nachdenken muss ich über den Hinweis not to turn inward. Gefällt mir eigentlich ganz gut.

Eine gute Quelle für zusätzliches Bildmaterial, das die immergleichen Pressebilder ergänzt und erweitert, ist natürlich flickr (Die Weitsicht der Masse?).

Hier noch etwas Nachbereitung mit snippets aus diversen US-Onlinemedien:

Die New York Times hat schöne Details zum Treffen Merkel/Obama:

A German diplomat, who spoke on the condition of anonymity because the two sides had agreed to keep the meeting private, said the discussions with Mrs. Merkel went very successfully, saying: “They quickly found themselves on the same page. It was not superficial at all.”

The official said they spoke in English, and sat on a small sofa, rather than at the table, the more usual but also more formal setting for her discussions. The official said that after the discussion they went out onto Mrs. Merkel’s small balcony, and she explained the sights of the government district around the chancellery building, most of which was built since the Berlin Wall fell in 1989.

The Politico betont den “weltbürgerlichen Charakter” der Rede, kommentiert aber sonst weitgehend neutral:

“People of Berlin, people of the world, this is our moment. This is our time,” he declared, offering himself “not as a candidate for president, but as a citizen, a proud citizen of the United States and a fellow citizen of the world.”

Obama’s speech, the centerpiece of his presidential-style sweep of the Middle East and Europe, set a global agenda as expansive and audacious as any contemplated by a candidate for United States president.

Im Gegensatz zu den anderen, eher zurückhaltend bis reserviert über den “Berlin Event” berichtenden US-Medien bringt die Huffington Post eine Art Breitbild-Aufmacher und zieht Vergleiche zu anderen historischen Berlin-Reden von US-Politikern.

Sehr unterhaltsam liest sich der Live-Blog von Mayhill Fowler, die bei ihrer Beschreibung der Berliner Ereignisse kein Blatt vor das Notebook nimmt:

4:15 PM, BERLIN, 24 July 2008:

How can there be so many German reporters? And not most of them TV? This is a nation devoted to reading.

Lustig-aggressiv kommt Wonkette daher, die #1-Klatschadresse in Washington, D.C. Auch dort wurde ein Live-Blog angeboten, die Autoren überbieten sich in albernen Unterzeilen wie “Ich bin ein Donkey Dong” oder “Ich ben ein Kenyan”, die Übersetzung für Siegessäule lautet dort “War Dildo”. Naja. Hier eine Leseprobe von Ken Layne, der offenbar die Nacht durchgemacht hatte, vielleicht im White Trash:

1:45 PM — They should’ve put a big hoop on that War Column, then Barry could make a three-pointer from downtown Berlin, run off the stage, and then FALCO appears doing “Der Kommisar” and people start mad break dancing, plus lazers and fireworks, and a huge Ron Paul Barack Obama Hindenberg lands gracefully, and out comes LED ZEPPELIN, with the Berlin Symphony Orchestra, cold playing “Kashmir,” as Afghan poppies float down from the sky.
1:47 PM — Instead, all these Germans are just politely waiting for The Decemberists.

Moment mal, das mit dem Mohn kommt mir bekannt vor: “The poppies in Afghanistan become the heroin in Berlin.” Wird als Obama-Zitat vermutlich nicht den Weg ins Geschichtsbuch finden. Aber nicht schlecht als späte Hommage an Christiane F.

Obama in Berlin (!)

Donnerstag, 24. Juli 2008 by internetundpolitik

Morgen Heute ist es soweit, der Kandidat kommt tatsächlich nach Berlin und es gibt das erwartete Medienereignis (Live-Übertragungen in der ARD und Phoenix, außerdem wohl eine “Schalte” im ZDF, wenn um 19 Uhr das heute-journal beginnt und garantiert wird auch irgendein “Online-Qualitätsmedium” einen “Live-Ticker” anbieten).

(Update: da lag ich nicht ganz falsch - Spiegel Online ist sich nicht zu schade dafür. Bei den Kollegen von der FAZ heißt es immerhin Live-Reportage. Und sieht aus wie einer dieser flapsigen Blogs, über die gerade im Print-Spiegel hergezogen wurde. Dagegen vergleichsweise lustig: das Obama-Bullshit-Bingo auf zoomer.de. Fortgeschritten: gekaufte Links bei der Google-Suche nach “Obama in Berlin” von n-tv.de, N24.de, zoomer.de, morgenpost.de).

Obama redet nun zwar nicht am Brandenburger Tor, aber die Debatte um den Standort hat sicher dazu beigetragen, noch etwas mehr Aufmerksamkeit auf das “Auswärtsspiel” des Senators aus Illinois zu lenken.

An dieser Stelle nur ein kurzer Einwurf zur Plakatierung, die für deutsche Augen ungewohnt wirken muss. Im Fontblog diskutiert bereits die Fachwelt über die typografischen Feinheiten des Plakats, das in der Summe gelobt wird (von dort stammt auch die nachfolgende netzfreundliche Verkleinerung der 9 MB-Originaldatei von der Obama-Kampagnenseite).

Beherrschend ist auch dort die Frage, ob sich das Plakat nicht zu sehr an die Machart von Propaganda-Plakaten anlehnt - eine vergleichsweise elegante Weiterführung der Debatte um den Symbolgehalt des Auftrittsortes (auch sehr schön der Hinweis auf die Obama-Linie von Obey Giant, einem Experten im Bereich Propaganda Engineering).

Blickt man jedoch auf das Corporate Design der Obama-Kampagne, so ist festzustellen, dass das Layout des Plakates lediglich eine Variation durchgängig gewählter Gestaltungsmusters ist - die Haupt-Website der Kampagne spricht dabei die deutlichste Zeichensprache und verdeutlicht einmal mehr die hohe Professionalität in der (amerikanischen) Wahlkampforganisation.

So verbleibt keineswegs zufällig einzig die blau-weiß-rote Vignette in der rechten oberen Ecke in ihren ursprünglichen Farbtönen. Dieser Button fungiert als eine Art Universal-Logo, das wiederum völlig andere Assoziationen wecken kann (vgl. dieses Posting) und andernorts schon als das “hardest working presidential candidate logo” bezeichnet worden. Armin Vit, Autor für UnderConstruction, eines Netzwerks “for the progress of the graphic design profession” rückt gerade dieses nur auf den ersten Blick unscheinbare Element in die Nähe zu populärer ebenso wie kommerzieller Kultur, zwei nicht unwesentliche Resonanzräume für das Obama-Phänomen: “This kind of playful flexibility is typically reserved for the likes of MTV, VH1 or Nickelodeon and the breadth of this kind of brand architecture for global corporations with endless divisions.”

PS: Das Problem der “Propagandanähe” ist nicht nur in Deutschland und nicht nur in der Politik bekannt, so musste zum Beispiel der Sportartikelhersteller Nike eine furios gestaltete Plakatserie zur Fußball-WM 1998 aus den gleichen Gründen zurückziehen - die Motive waren an Kubismus und russischer Avantgarde angelehnt und wirkten vielen zu martialisch:

Obama in Berlin (?)

Donnerstag, 10. Juli 2008 by internetundpolitik

Auch ich durfte meine sprichwörtlichen zwei Cent zu diesem Sommerlochthema beisteuern, nachzulesen bei ZEIT Online: Ausweitung der Wahlkampfzone. Bei der Erstellung des Textes stand auch kurzzeitig das platte “Obama auf der Fanmeile” in der Überschriftszeile - gestern abend durfte man in den Tagesthemen die visuelle Umsetzung durch die famose Grafik-Abteilung der ARD bestaunen.