Posts Tagged ‘Internet’

In eigener Sache: Tutzing

Mittwoch, 29. Juni 2011

Am Wochenende bin ich zu Gast in der Akademie für politische Bildung in Tutzing, dort findet vom 1. bis 3. Juli die Tagung Revolution im Netz. Das Internet verändert die politische Kommunikation statt. Mein Thema ist dabei nicht #arabspring und auch nicht Wikileaks, sondern die weniger revolutionsverdächtigen Parteien als, nun ja, digital herausgeforderte Akteure.

Unter dem Titel Web 2.0 – Das Ende der Mitgliederparteien? soll ich kurz die aktuellen Entwicklungen im Bereich sozialer Mediennutzung durch die – noch immer – zentralen Akteure im politischen System der BRD skizzieren. Ein wesentlicher Ansatzpunkt ist dabei für mich die These, dass sich soziale Medien sehr gut zum Aufbau (nicht nur) politischer Unterstützernetzwerker nutzen lassen – es in Deutschland genau diese Netzwerke aber schon gibt. Das sind, genau, die Parteien.

Diese mE nur auf den ersten Blick banale Feststellung gibt den Takt vor für eine knappe Darstellung zur Entwicklung der Piratenpartei, die Profilsuche der etablierten Parteien in sozialen Netzwerken sowie den Blick zurück/nach vorn in die USA. Dort nämlich war die Grundsituation mindestens bis 2008 eine vollständig andere, denn Unterstützernetzwerke formierten sich immer erst im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen, um danach gewissermaßen planmäßig zu zerfallen. Aus der bekanntermaßen erfolgreichen Obama-Kampagne von 2008 ist durch das social campaigning jedoch ein neuartiges Netzwerk entstanden, das unter dem Namen Organizing for America parteiähnliche Aufgaben erfüllt hat, dabei aber nicht formal mit den Strukturen der demokratischen Partei verzahnt gewesen ist (inzwischen ist OFA wieder unmittelbar mit der Wiederwahlkampagne des Präsidenten verzahnt). Als ideologisches Gegenstück formierte sich seitdem – nicht ausschließlich, aber auch – in Reaktion auf die klare Niederlage der Republikaner das konservative Tea Party Movement, das in organisatorischer Perspektive ebenfalls Merkmale europäischer Parteiakteure aufweist.

Die beiden US-amerikanischen Beispiele verweisen auf eine interessante Konstellation: während in Deutschland (in Europa?) das Modell der Mitgliederpartei langsam zu zerfallen scheint, gewinnen jenseits des Atlantiks die aktualisierten Neuauflagen mitgliederstarker, ideologisch orientierter Großorganisationen immer mehr Bedeutung im politischen Prozess.

Vor diesem Hintergrund wäre demnach erst noch zu klären, wie sich soziale Medien auf die Zukunft der Mitgliederparteien auswirken. Sind Facebook, Twitter und Co. Wegweiser zu Modernisierung und Parteireform – oder kommen sie doch eher als Totengräber des Modells Mitgliederpartei daher.

Hinweis: Die zunächst an dieser Stelle notierten Anmerkungen zu den Texten von Elmar Wiesendahl und Ulrich Sarcinelli zu Parteien und Medien in der “Demokratie 2011″ habe ich wg. des Umfangs in einen eigenen Beitrag exportiert.

Wikileaks und Pracademics

Freitag, 24. Juni 2011

Am kommenden Montag (27.6.) bin ich als Gast im Doktorandenseminar Wissenschaft und Internet an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eingeladen. Organisiert wird die Veranstaltung durch eine Nachwuchsforschungsgruppe, die sich intensiv mit den Veränderungen des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses durch digitale, interaktive Medien auseinandersetzt.

Mein Sitzungstitel “E-Democracy” deutet zunächst einmal auf eine inhaltliche Stellungnahme zur Lage der (digitalen) Politikwissenschaft hin, ich möchte die Gelegenheit jedoch für einen kleinen Selbstversuch nutzen und anhand eines aktuellen Beispiels die Veränderungen in meiner eigenen Forschungstätigkeit zu beschreiben. Dazu stelle ich einige thematische Ansätze meiner Auseinandersetzung mit WikiLeaks vor – seit dem ersten Nachdenken über das Projekt und dessen gesellschaftspolitische Dimension sind einige Impulse und Interpretationsansätze zusammengekommen. Im Mittelpunkt des Vortrags stehen jedoch nicht die (immer noch vorläufigen) “Erträge der Forschung”, sondern vielmehr die Art ihres Zustandekommens – der Prozess wissenschaftlichen Arbeitens selbst. Bei einem kleinen Rückblick zeigt sich, dass am Beginn ein kleiner Blogeintrag stand, auf den diverse Online- und Offline-Texte, mehrere öffentliche Vorträge und Diskussionen sowie ein Seminar gefolgt sind. Für den Spätsommer bilden (vorerst) zwei wissenschaftliche Aufsätze den Abschluss dieses Arbeitsprozesses an der Schwelle von Wissenschaft und Praxis.

Mit dieser Verortung bin ich beim dritten Teil meines Vortrags, der sich mit Pracademics befassen wird – unter diesem Begriff diskutieren die US-amerikanischen Kollegen die Kombination klassischer wissenschaftlicher Arbeitstechniken mit den Möglichkeiten der Kommunikation, Kollaboration und Publikation unter den Bedingungen neuer Medien. Ich meine, das passt recht gut in den Zusammenhang des Doktorandenseminars.

Einstimmig? Die Internet-Enquete ist eingerichtet

Donnerstag, 4. März 2010

Heute hat der Bundestag über den Einrichtungsantrag der Enquête-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” abgestimmt – die gute Nachricht ist, dass er einstimmig angenommen wurde. Die schlechte, dass sich bei der Abstimmung vielleicht hundert Abgeordnete im Plenarsaal befanden (mal sehen, was das Protokoll dazu sagt).

Natürlich kann man sagen, dass die Einrichtung eine beschlossene Sache gewesen ist und der bisweilen geringe Stellenwert der Plenaraktivitäten ist ja hinlänglich bekannt. Trotzdem gibt die Diskrepanz zwischen parlamentarischem Interesse und den Bemühungen der Redner, das Internet als monumentales gesellschaftliches Thema darzustellen, gibt zu denken. So wichtig, wie die Vertreter der Fraktionen das Thema heute reden wollten, ist es im parlamentarischen Alltag dann eben doch nicht.

Das zeigt auch ein kurzer Blick auf die Rednerliste: die MdBs Koeppen (CDU), Özoguz (SPD), Brandl (CDU), Wanderwitz (CDU), Schulz (FDP) oder Behrens (Linke) standen bisher nicht unbedingt in den ersten Reihen der Diskussion um netzpolitische Themen und auch die designierten Enquete-Mitglieder von Notz (Die Grünen) oder Klingbeil (SPD) sind eher neu im virtuellen Politikfeld „Netzpolitik“. Das gilt auch für den kommenden Enquête-Vorsitzenden Fischer (CDU) – erhellend dazu ist auch der kleine Beitrag drüben bei Homo Politicus über die Online-Präsenzen einiger Enquête-Mitglieder.

Grundsätzlich ist ja nichts einzuwenden gegen die Nutzung dieses Instruments zur „Vorbereitung von Entscheidungen über umfangreiche und bedeutsame Sachkomplexe“ – so ist die Rolle der Enquête-Kommissionen in §56 der Geschäfts­ordnung des Deutschen Bundestages umschrieben.

Gefragt werden muss allerdings, wie sie diesem Auftrag zwischen Politik und Wissenschaft als Allparteien-Gremium nachkommen kann – es passt ins Bild, dass unter www.open-enquete.de die drei FDP-Mitglieder schon eine erste „Dialog-Website“ eingerichtet haben. Mal sehen, ob die anderen Fraktionen hier gerne mitreden möchten.

Ein solches Vorgehen ist symptomatisch – denn gerade weil die verschiedenen Teilthemen, die das virtuelle Politikfeld „Digitale Bürgerrechte“ konstituieren, über viele Baustellen im politischen System verteilt sind, wird es die Enquête-Kommission als neuer „Vernetzungsakteur“ schwer haben. Das Wirtschaftsministerium erklärt mit Unterstützung der Kanzlerin das Internet zum Jobmotor, im Innenministerium denkt man schon lange über staatliche Kontroll­tätigkeiten nach, die Justizministerin will Entscheidungen der Vorgängerregierung korrigieren, die Ministerin für Ver­braucherschutz die Macht der Internet-Konzerne einschränken – wie soll sich die vergleichs­weise kleine Enquête-Kommission gegen die entscheidungs­politischen Schwergewichte behaupten?

Und dennoch birgt die Einrichtung des Gremiums auch Chancen – schließlich ist dies einer der wenigen Lernorte im Parlament, und wenn sich Abgeordnete und Experten auf das ein oder andere Experiment einlassen, scheint ein Wissenstransfer mehr als nur wahrscheinlich. Doch von einer fraktionsgebundenen „Dialog-Seite“ bis zum ersten „EnqueteCamp“ in den Räumen des Bundestages ist es noch ein weiter Weg…

Update: Eine Liste der designierten Mitglieder (inkl. Verweisen auf die Homepages) hat politik-digital bereit gestellt. Laut Spiegel Online meldet politik-digital auch, dass mit Constanze Kurz bereits die erste Sachverständige feststeht. Die CCC-Aktivistin und FAZ-Kolumnistin geht für die Linkspartei an den Start (eine ziemlich unwahrscheinliche Konstellation, wenn man das so liest). Schließlich: Jörg Tauss serviert auf seinem Blog tauss-gezwitscher.de ein subjektives “Who is Who” der Kommissionsmitglieder. Auch Zeit Online kommentiert die Enquête-Einrichtung, eher mit Blick auf den Antragstext.

Studie: Junge Menschen sehen weniger fern…

Montag, 4. August 2008

Das Ergebnis einer ersten, nicht-repräsentativen, privatempirischen Überprüfung: Stimmt. ;-)

Anfang August ist die aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen, deren – eher erwartbare – Resultate bereits für Resonanz und Diskussionen gesorgt hat (hier die Themenausgabe der Media-Perspektiven mit mehreren Auswertungsartikeln). Die MSM konzentrieren sich auf die überschriftszeilentauglichen Augenfänger wie “Lieber Fernsehen als Surfen”, “Täglich eine Stunde online” oder aber “Internet hängt TV ab” (was ja nicht einmal stimmt).

In einigen Blogs kursieren seit der Publikation am 1. August ein paar Spontankommentare (zB netzpolitik.org, basicthinking, onlinejournalismus.de), die meisten verweisen auf den gewohnt schnell, kompetent und ausführlich arbeitenden Herrn Schmidt mit Dete (inkl. follow-up und Wort zum Sonntag). Dort gibt es bereits eine sich allmählich verästelnde Debatte um die Methodik der Studie sowie v.a. die Web 2.0-relevanten Abschnitte der Untersuchung.

An dieser Stelle nur zwei Dinge (nach einem ersten, wirklich nur oberflächlichen Screening des Materials):

1. Daten zu einer (wie immer gearteten) “politischen Nutzung” des Internet gibt es so gut wie nicht. Im Überblicksartikel von van Eimeren/Frees zur Internetverbreitung taucht das Wort “Politik” nicht einmal auf, das Themenfeld verschwimmt in der Catch-all-Kategorie “Nachrichten”. Es wäre doch eigentlich nicht völlig abwegig gewesen, schon im Jahr vor einem Superwahljahr wie 2009 (Bundespräsident, Europa, Bundestag, mindestens vier Landtage) mal ein paar Fragen in diese Richtung zu stellen, um dann im Jahr nach der Wahl mögliche Veränderungen beobachten zu können.

Dieses doch eher simple Verfahren setzt setzt einiger Zeit zB das Pew Internet and American Life Project um, so auch mit dem Report The Internet and the 2008 Election. Auch hier sind die Ergebnisse zwar nicht bahnbrechend (immer mehr Menschen nutzen das Netz für Wahlinformationen, beteiligen sich an Online-Kampagnen und Barack Obama hat die meisten Unterstützer), doch entsteht dabei allmählich ein recht konkretes Bild davon, wie sich die verschiedenen Dimensionen von Politik im Internet entwickelt haben. Noch sehr viel differenzierter ist die vollständige Materialsammlung des Pew Research Center zur US-Wahl 2008.

2. Der Hinweis auf eine verstreut eingesehene Grafik aus dem offiziellen Studienmaterial, das die zeitliche Verteilung der Internetnutzung im Tagesverlauf darstellt.

Leicht lapidar heißt es dazu im Begleittext:

Die Analyse der Internetabrufe im Tagesablauf verdeutlicht, dass sich die Internetnutzung immer stärker in den Abend verlagert. Lagen bis vor wenigen Jahren die Zugriffe der Internetnutzung noch dominant am Vor- und Nachmittag, war bereits in 2005 keine einheitliche Primetime festzumachen, da die Nutzungszeiten am Vormittag, Nachmittag und frühen Abend lagen. Dies hat sich in 2005 verändert.

Zwar ist weiterhin eine erste Primetime am Vormittag auszumachen, zum Beispiel für die
E-Mail-Kommunikation und den Informationsupdate, aber die primären Nutzungszeiten liegen nun am Vorabend und in der Fernseh-Primetime zwischen 20.00 und 22.00 Uhr.

Das ist alles andere als uninteressant: der größte Zuwachs liegt in der Zeit ab 17 Uhr, mit den absoluten Spitzen während des klassischen TV-Abendprogramms. Hier verbirgt sich gleich in mehrfacher Hinsicht einige Sprengkraft – zunächst ist dies die ökonomische Schlüsselzeit für den Verkauf von Werbezeiten, und spätestens jetzt werden sich wohl einige Unternehmen wirklich Gedanken darüber machen, in welches Medienumfeld sie ihre Werbegelder delegieren. Wenn es noch so etwas wie ein “Familienfernsehen” gibt (auf Angebots- wie auf Nachfrageseite), dann würde es wohl in dieser Zeit stattfinden – die Daten legen jedoch eher ein familiäre media diet nahe, die über mehrere Bildschirme eingenommen wird. Und auch die Vertreter der Printmedien werden diesen Tagesplan der Mediennutzung mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen – meist sind in dieser “neuen” Hauptnutzungszeit die Zeitungsausgaben des Folgetages bereits online einsehbar: wozu dann noch am nächsten Morgen die Frühstücks- oder Pendlerlektüre aus dem Briefkasten holen?

Die besonders in der Zeitdimension wirkende Konkurrenzsituation deutet dabei auf das Zersplittern des Publikums hin, denn auch die These einer “Mediennutzung im Hintergrund” scheint bei ähnlichen oder gleichen Inhalten obsolet. Der in der Studie mehrfach erwähnte Erfolg der so genannten “Videoportale” untermauert die Dominanz audiovisueller Medieninhalte, noch zu klären ist aber in den nächsten Jahren, auf welchem Übertragungsweg die Zielgruppen erreicht werden. Im “klassischen” Fernsehen oder auf den Videoportalen des Internet. Und das gilt für (fast) alle: Unternehmen, Medienanbieter und – die Politik.

So weit, so unsortiert. Mal sehen, wie es mit der Studienrezeption weiter geht.


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