Jutta Limbach (1934-2016)

Montag, 12. September 2016

Nein, die Zeit des wissenschaftliches Bloggens ist nicht vorbei, zuletzt hatte etwa Thorsten Thiel im Theorieblog einen lesenswerten Beitrag über Blogs in der politischen Philosophie publiziert.

Interessanter Weise ist es mir seit Ende 2015 nicht gelungen, neue Beiträge für das Blog zu schreiben, obwohl gerade im titelgebenden Bereich „Internet und Politik“ im vergangenen Jahr nun wirklich viel passiert ist – die BMBF-Ausschreibung für ein Deutsches Internet Institut und das dadurch ausgebrochenen Wettrennen um Fördertöpfe wäre nur ein nennenswerter Themenstrang.

Heute erscheint also mal wieder ein Beitrag, ich hoffe, es ist der Start in eine neue, produktivere Lebensphase dieses Blogs, das nun tatsächlich schon zehn Jahre alt ist. Der Anlass ist jedoch ein mehr als trauriger: im Laufe des gestrigen (Montag) Nachmittags habe ich vom Tode Jutta Limbachs erfahren – ich hatte das Glück, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts während ihrer Zeit als Gastprofessorin an der NRW School of Governance in Duisburg zu betreuen. Für die Homepage der NRW School habe ich eine kleine Nachruf-Notiz verfasst, die dieser außerordentlichen Persönlichkeit jedoch kaum gerecht werden kann. Auch deshalb schreibe ich den Text hier noch um ein paar Sätze weiter, denn Frau Limbach war eine wirklich faszinierende Persönlichkeit (hier ein kurzes Video von ihrer Vorlesung im Januar 2014).

Ich erinnere mich noch gut unser erstes Treffen, Frau Limbach kam zum ersten Workshop mit den Studierenden im Master Politikmangement, Public Policy und Öffentliche Verwaltung nach Duisburg – ungefähr zwei Stunden vor der Startzeit des Seminars. Es blieb also viel Zeit für ein intensives Kennenlernen, bei dem ich zum ersten Mal über ihre vielfältigen Interessen und den großen Sachverstand dazu ins Staunen geriet. Der Eindruck setzte sich in den Workshops mit den Studierenden fort, besonders auffällig war ihr echtes Interesse an den Dingen, die „die jungen Leute hier“ aktuell beschäftigen. Längst nicht nur Limbachs Berichte über die allmähliche Etablierung einer weiblichen Perspektive in der Berliner Landespolitik (Stichwort: „Feminat“) fesselten die Teilnehmer/innen der vierteiligen Vortragsserie. Einer der mehrfach geäußerten Sätze war die Feststellung (eher war es eine Maxime) „Langeweile ist der größte Feind des Alters“ –  einer solchen Haltung würde man gerne auch bei viel jüngeren Fachvertreter/innen begegnen.

In Zeiten wie diesen, da Hillary Clinton das Durchbrechen von glass ceilings als zentrales Motiv ihrer Kampagne um das Weiße Haus markiert, ist der Hinweis wichtig, dass es auch hierzulande Personen gibt, die genau dies getan haben: Jutta Limbach war Jura-Professorin und Senatorin in Berlin, Verfassungsrichterin und schließlich Vorsitzende in Karlsruhe als eigentlich nur Männer den Ton in diesen Kreisen angaben. Jenseits ihrer inhaltlichen Arbeit in den verschiedenen Bereichen hat sie auch gezeigt, dass ihr spezifischer Stil (in der Sprache der Regierungsforschung: ihr Mikro-Management) dazu beigetragen hat, Abläufe und Routinen zu hinterfragen und mindestens mit einer Alternative zu versehen. Dies geschah jedoch eher beiläufig, beinahe unauffällig, aber vielleicht gerade deshalb umso erfolgreicher. Damit ist längst nicht gesagt, dass die „Methode Limbach“ heute immer noch erfolgreich wäre – aber die Perspektive ist eröffnet und ein Nachweis ist erbracht. Diese Verdienste um die Offenheit (oder eher: die Aufschließbarkeit) von Laufbahnen im sonst so zementierten deutschen Behördenbetrieb können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Jutta Limbachs Stimme fehlt nun in zahlreichen Debatten der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, zuletzt mochte man sich einen Zwischenruf in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik gewünscht haben. Es steht zu hoffen, dass ihre besondere Perspektive und Haltung von vielen Menschen übernommen wird – es ist das Erbe von Miss Marple.

Episode 3: Phantom Politics

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Das Epos zwischen Hyperraum und Hypertext

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 bei politik-digital.de)

Das Star Wars-Prequel schlägt nicht nur auf der Leinwand politische Wellen: Für einen kleinen Skandal um die political correctness sorgte eine ethnisch geprägte Sprachfärbung der Figuren, die offenbar eine Zuordnung der Charaktere ermöglicht. Auf der bösen Seite finden sich die mit leicht französischem Einschlag daherheuchelnden Handlanger der Handelsföderation (im Original mit japanischem Akzent), der arabisch-kehlig nuschelnde Händler (und Sklavenhalter) Watto auf Tatooine oder natürlich Darth Sidious, der knappe, harte und befehlshaberische Töne zischt. Auch die Phalanx der „Guten“ kennt eine sprachliche Hierarchie, während die edlen Jedi-Ritter und auch Königin Amidala in gepflegtem Oxford-Englisch parlieren, radebrecht der schlappohrige Tolpatsch Jar Jar Binks ein kreolisches Kauderwelsch. Grammatikalisch zwar völlig verstellt, dafür aber geheimnisvoll und würdig untersteicht der Satzbau von Altmeister Yoda dessen prominente Position im Rat der Jedis. In den besonders empfindlichen USA haben die sprachlichen Charakterzuweisungen George Lucas einige Kritik eingebracht und bereits zu bisweilen haarsträubenden Reaktionen geführt.

Sicherlich kann man dem an seinem eigenen Mythos krankenden George Lucas noch mehr vorwerfen, wie z.B. die Dreistigkeit, vier Filme mit identischem Plot abzuliefern, was ihm jedoch andererseits als Geniestreich ausgelegt wird. Also treffen auch in Episode 1 David und Goliath aufeinander, sei es in klassischen Schlachtenszenarien zwischen hochtechnisierter Zivilisation und erdverbundenem Naturvolk oder in Form der obligatorischen Orbitalstation, die wieder einmal von einem einsamen Raumgleiter zerstört wird, diesmal eher versehentlich als geplant. Ein anderes religiöses Dauermotiv ist der Kampf zwischen Gut und Böse, diesmal gegeben von Darth Maul in perfekter Antichrist-Ästhetik und Edel-Jedi Qui-Gon Jinn im Jesus-Look. Neu im Sortiment ist dagegen die Jungfrauengeburt des Anakin Skywalker – allerdings orientiert sich Lucas hier weniger an der biblischen Empfängnisgeschichte. Stattdessen hat er Muster aus asiatischen Religionsverständnissen übernommen, denn möglicherweise wurde der künftige Superschurke von mikroskopisch kleinen Wesen gezeugt. Laut Jedi-Lehre existieren die „Midichlorianer“ innerhalb der Zellen anderer Lebewesen und deren Konzentration stellt eine Maßzahl für die Machtpotenz des Wirtskörpers dar. Ausführlich Auskunft gibt Lucas dazu höchstselbst im Rahmen des Gesprächs „Von Mythen und Menschen“, wenig augenzwinkernd diskutiert wird dieses Konzept etwa von James Flint.

Bleibt die Frage, warum man sich immer wieder dieselbe Seifenoper antun muss, was nicht allein mit den immer neuen und immer perfekteren digitalen Kapriolen zu erklären ist. Aber warum gehen immer wieder Menschen nach Bayreuth, um nichts als Wagner zu sehen oder man selbst zu Weihnachten in den Gottesdienst, um immer wieder dieselbe Geschichte zu hören? Es sind gesellschaftliche Ereignisse, die einen Hauch von Mystik vermitteln, ohne die auch der moderne rationale Mensch nicht auszukommen scheint.

Dass der grundlegende Konflikt um die Besteuerung von Handelswegen ein wenig altbacken daherkommt, hat gerade die massive Verbreitung von Filmkopien unter Zuhilfenahme des Internet bewiesen. Nicht wenige der kindlichen Fans der 70er und 80er Jahre sind dabei zu schonungslosen Saga-Skeptikern mutiert. Allerdings haben sich die vielen CD-ROM-Kopisten keineswegs vollständig auf digitale Vertriebswege verlassen, so dass die Handelsföderation mit ihren Kampfrobotern doch das ein oder andere Mal hätte zuschlagen können. Ein Beteiligter erinnert sich: „Vervielfältigt wurde das 1.5 Gigabyte-Epos meistens mit CD-Brenner und persönlicher Auslieferung, oder als Päckchen versandt. Das Internet diente da nur zur Verknüpfung der Menschen zu einem großen Netz von Freibeutern, die ganz ohne Gewissensbisse dem eingebildeten Lucas eine reinwürgen, und sich den Film kostenlos ohne alberne Warteschlangen vor dem Kino reinziehen.“ [Hinweis: die Gründung der Piratenpartei erfolgte erst im Jahr 2006.]

Der Anschluss an das globale Datennetz führte dabei häufig zu Profilierungs-Profiten in der Peer-Group. Hier zahlte sich die fast schon „klassische“ Kombination von Computer-Nerd und Science-Fiction-Fan als Hauptveranstalter der zahlreichen Undercover Sneak Previews aus. Die Bestätigung dafür kommt aus den Weiten der Net-Community: „Sobald die Leute den Film hatten, haben sie ihn gleich sämtlichen unvernetzten Freunden ebenfalls gezeigt, da wird der teuer erkaufte Pentium mal richtig zum Coolness-Faktor und sozialen Treffpunkt.“ Aber auch weniger gut gerüstete Star Wars-Fans kamen auf ihre Kosten, denn es dauerte nicht sonderlich lange, bis die kostbaren Bits und Bytes auch auf guten, alten Videobändern auftauchten und somit zu einer weiteren Demokratisierung des Vorschau-Vergnügens beitrugen.

Angesichts digitaler wie analoger Kopienschwemme und dem Ballyhoo der alten Massenmedien können sich aber inzwischen eher diejenigen glücklich schätzen, die noch keinen Blick auf die Bilder vom virtuellen Videoplayer geworfen haben und sich damit ein unbelastetes Kinoerlebnis bewahren konnten. Ob allerdings die massive Vermarktungs-Kampagne um den angekündigten Jahrtausendfilm auch wirklich funktioniert, muss sich erst noch zeigen – aus der Lucasschen Werbematerialschlacht könnte statt Merchandising auch ein Märchen-dising werden. Dass der Umlauf von Raubkopien aus dem Netz plötzlich (die technischen Voraussetzungen waren schon länger gegeben) auch hierzulande ostasiatische Verhältnisse angenommen hat, könnte beinahe für eine ausgeklügelte Marketingstrategie der Lucasfilm Ltd. gehalten werden – wenn damit nicht auch ein anderes Verständnis von Eigentums- und Nutzungsrechten verbunden wäre. Gerade die Privatvorführer der Pentium-Kinos sehen hier Parallelen zu einer anderen unterhaltungselektronischen Konfliktlinie: „Es ist durchaus denkbar, dass Hollywood von derselben „mpeg-Krise“ heimgesucht werden wird, wie schon die Musikindustrie durch das mp3-Format.“

Die in den Augen der Kritik recht flache Einstiegsepisode erfährt allerdings eine deutliche Vertiefung, unternimmt man einen Ausflug in die Weiten der zahlreichen Online-Angebote, die die Story unverdrossen ergänzen und weiterschreiben. Die offizielle Site unter http://www.starwars.com erweist sich als ein reichhaltiger Fundus zu Personal, Schauplätzen und Technik der bisher vier Episoden. Sehr hilfreich ist auch – zumindest für nicht ganz eingefleischte Fans – das Angebot der Kinozeitschrift Cinema. Die dort plazierte „Timeline“ zeichnet grob die wichtigsten Events in der kämpfenden Galaxie nach und das „Online-Lexikon“ hilft beim Nachschlagen der wichtigsten Basics. Wer es etwas genauer wissen will, sollte sich in eine der großen amerikanischen Fanpages einloggen, dort wird echtes Expertenwissen zur Schau gestellt und auch die Entwicklung zur „Episode 2“ aus nächster Nähe begleitet. Wem das alles zu virtuell ist, sollte sich überlegen, am großen „Star Wars Lego-Bauwettbewerb“ teilzunehmen.

Geleistet wird hier bereits in Ansätzen eine Verknüpfung der ersten mit den drei späteren Folgen – quasi ein Vorgriff auf die zuerwartenden Vierfach-Features im nächsten kinematischen Sommerloch. Dass auch „Episode 2“, der insgesamt fünfte Streich der Lucas-Saga, noch in der gewohnten Form in die Kinos kommen wird, scheint ausgemachte Sache – schließlich haben die gemeinschaftlichen Film-Erlebnisse vor der „big screen“ schon lange den Charakter von Happenings angenommen. Es könnte aber durchaus sein, dass die Geschichte(n) von Anakin und Darth, Obi-Wan und Yoda, Leia und Luke, Han Solo und all den anderen in ihrer vollen epischen Breite in digitalen und interaktiven Medienumwelten besser aufgehoben sind.

Aktueller Kommentar:

Es ist schon interessant, den 15 Jahre alten Post zu lesen und dabei über Formen der Mediennutzung zu stolpern, die damals als innovativ und neu beschrieben wurden (Pentium-Rechner!). Allerdings bergen die geschilderten Praktiken des Kopieren und Teilens popkultureller Erzeugnisse nach wie vor große Konfliktpotenziale zwischen Urhebern, Verlagen/Verwertern und Publikum (wie insbesondere an Beispielen aus der Musikindustrie zu verfolgen ist). Tatsächlich kann die im Umfeld von Episode I verübte Produktpiraterie ja durchaus als Vorlauf für die späteren Copyright Wars gelesen werden, die Mitte der 00er Jahre zu den Gründungen der diversen Piratenparteien geführt haben (Dispute über Intellectual Property, Immaterialgüterrechte oder Genpatente wären im übrigen die weitaus zeitgemäßere Konfliktgegenstände für eine Sequel-Trilogie).

Auch die gelebte Praxis der Nutzer geht inzwischen natürlich weit über die 1999er Beispiele hinaus – die digitale Aneignung der Geschichte schreitet fort und auch schon vor dem Filmstart haben besonders aktive Zuschauer ihre Beiträge und Deutungsvorschläge zu drängenden Fragen von Story und Personal verbreitet (vor allem die Personalie Luke Skywalker/Kylo Ren hat sich als überaus ertragreich erwiesen).

Die dominante Rolle für die Platzierung und Verbreitung Star Wars-bezogener Zusatzinhalte übernehmen inzwischen die Sozialen Medien, allen voran Facebook und Twitter. Die vielfach geteilten Kommentare, Analysen und Parodien bringen der Star Wars-Franchise natürlich zusätzliche Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, den Anbietern bieten sie die Gelegenheit zur medialen Trittbrettfahrt (und gelegentlich sind sie auch einfach liebevoll und gut gemachte fan art).

Eine ganz andere Form der Aneignung thematisiert dagegen James Douglas in The Awl, dem „letzten Weblog“ (Selbstauskunft). In seinem Beitrag Star Lords entwickelt er die These, dass die biografische Entwicklung von Luke Skywalker aus der Original-Trilogie als Vorlage für die Lebensentwürfe der Helden-Unternehmer aus dem Silikon Valley fungiert: „(T)he franchise seems to exert a special influence on Silicon Valley tech titans, and the culture they propagate.“ Anhand biografischer Portraits der üblichen Verdächtigen (Jobs, Zuckerberg, Andreesen, Thiel…) illustriert er seine Überlegungen und fügt der Silikon Valley-Berichterstattung so eine weitere Facette hinzu.

Und natürlich hat Wired die letzten Wahrheiten parat: The Force will be with us. Always.

 

 

Episode 2: Der politische Prozess

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Konfliktkonstellation und Lösungsstrategien

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 auf politik-digital.de)

Der Name des administrativen Zentrums der interplanetarischen Gemeinschaft, „Coruscant“, klingt im englischen Original dem spanischen Wort „corazon“ zum Verwechseln ähnlich – doch der Herzmuskel des politischen Universums benötigt offenbar einen Bypass: die nur noch schwer zu kontrollierende Bürokratie erschwert das Regieren und hat den Kongress zu einem Debattierklub degenerieren lassen.

In einer Sondersitzung des Senats (parallel tagt die Tafelrunde der Jedi-Ritter) beklagt sich Königin Amidala über die Repressalien des Handelsimperiums, das inzwischen ihren Heimatplaneten Naboo besetzt hält. Auffallend an der Konflikt-Konstellation im Senat ist, dass sich hier die Repräsentanten souveräner Planeten mit einer supraplanetarischen Organisationen wie der Handelsföderation auseinandersetzen müssen. Offenbar hält der Handelsverbund selbst einen Sitz im Galaktischen Senat, dem aggressiven Planetenbund wird somit der Status eines vollwertigen Mitgliedes zuerkannt. Damit gerät allerdings die angestrebte Gleichberechtigung aller Abgeordneten aus den Fugen und die parlamentarische Konstruktion in eine Schieflage.

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Episode 1: Das politische System

Dienstag, 15. Dezember 2015

Galaktischer Senat und Rat der Jedi-Ritter

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 auf politik-digital.de)

Endlich hat das Warten ein Ende. Nachdem die Originalversion ja schon seit einiger Zeit im Internet kursierte, kommt die dunkle Bedrohung nun auch im Kino über Deutschland.

„Episode 1“, zugleich Fortsetzung und Beginn der „Star Wars“-Saga, erreicht die Kinosäle. Zahlreich waren die Kommentare zum Film, doch dabei selten wohlwollend: Langweilig, hausbacken, einfallslos, enttäuschend – und, na gut, erfolgreich. Unter den wenig schmeichelhaften Attributen für das vermeintliche Kino-Highlight des Jahres fiel vor allem eines aus der Reihe: undemokratisch.

Bislang rief der millionenschwere Blockbuster nicht nur Fans und Filmkritiker auf den Plan, auch Kuratoren und Parodisten hatten bereits ihren Spaß. Angesichts der opulenten Bilderwelten von Regisseur George Lucas kommen Architekten, Stadtplaner und Kostümkundler auf ihre Kosten. Und wer hätte es gedacht: selbst für die Politikwissenschaft ist etwas dabei.

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Das Erwachen der Macht? Zur Politik von Star Wars

Montag, 14. Dezember 2015

An diesem Donnerstag startet mit The Force Awakens der siebte Teil der Star Wars-Saga in den Kinos und eröffnet damit die so genannte Sequel-Trilogie. Die Original-Trilogie aus den Jahren 1977-1983 war zwischen 1999 und 2005 mit den Episoden I bis III als Prequel-Trilogie ergänzt worden. Der Autor dieser Zeilen hatte seine Werkrezeption in den 1970er Jahren zunächst noch anhand von Hörkassetten (Episode IV) begonnen und auf VHS-Video (Episode V) fortgesetzt. Darauf folgten drei Kinobesuche (Episode VI, Episode I, Episode II), der zuletzt publizierte Teil der Saga wurde lediglich im DVD-Format wahrgenommen. (Für Episode VII ist ein Kinobesuch in Planung).

Im Rahmen der Vorbereitung auf die neue Sequenz habe ich mich an eine kleine Artikelserie erinnert, die aus Anlass des Kinostarts von Episode IV: Die dunkle Bedrohung (Originaltitel: The Phantom Menace) im Sommer 1999 gemeinsam mit dem damaligen Gießener Kollegen Eike Hebecker entstanden ist. Die drei kleinen Texte zu politischem System, typischen Konfliktkonstellationen und den (damals) modernen Formen digitaler Mediendistribution und -rezeption sind im Umfeld der Gießener Arbeitsgruppe SPoKK (Symbolische Politik-, Kultur- und Kommunikationsforschung) entstanden, als Erstleser und Kommentatoren fungierten seinerzeit Erik Meyer und Steffen Wenzel.

Episode I: Das politische System von Star Wars

Episode II: Der politische Prozess

Episode III: Zwischen Hyperraum und Hypertext

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Wochenthema: Digitale Medienversorgung

Samstag, 21. November 2015

Am Dienstag (24. November) nehme ich im Düsseldorfer Landtag an einer Anhörung zur Novelle des WDR-Gesetzes teil – eingeladen hat der Medienausschuss, ab 13.30 Uhr ist ein Livestream zur Veranstaltung geplant. Thematisch passt das ganz gut, denn am Mittwoch nehme ich außerdem an der #DigiKon15 teil, so lautet der Kurztitel zur Tagung Die digitale Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung.

In beiden Fällen werde ich meine Anmerkungen zu den Herausforderungen der Digitalisierung für öffentlich-rechtliche Medienanbieter vorstellen. Dabei steht für mich weniger die Entwicklung neuer digitaler Formate im Vordergrund (das können andere viel besser), mein Fokus liegt stattdessen auf den veränderten Publikumskonstellationen, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Entstehung digitaler Öffentlichkeiten ergeben haben. Mediennutzung ist inzwischen stets auch Medienproduktion – diesen Prozess haben öffentlich-rechtliche Anbieter noch nicht ausreichend nachvollzogen und darauf reagiert (kommerziellen Anbietern geht es allerdings ähnlich).

Zu selten wird bei all den Neuerungen im Medienbereich auf die formale Organisation öffentlicher Rundfunkanbieter geachtet – der 2013 vollzogene Wandel von der gerätebezogenen Rundfunkgebühr zum haushaltsbezogenen Beitrag markiert dabei eine wichtige Zäsur. Die Zuschauer werden zum Stakeholder (Tom Buhrow), und aus dieser veränderten Beziehung resultieren aus meiner Perspektive zahlreiche Optionen (und Pflichten) für den Umgang zwischen Medienanbieter und Publikum. Von einen wirklichen Stakeholder-Dialog kann jedoch noch keine Rede sein.

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Die Summe aller Ängste

Dienstag, 17. November 2015

Unter dem obigen Titel habe ich ein Jahr nach 9/11 einen kurzen Beitrag für das ARTE TV Magazin verfasst und mich mit den Folgen für die US-amerikanische Politik auseinandergesetzt. Leider scheinen einige Ahnungen und Entwicklungsperspektiven von damals noch immer aktuell, daher poste ich hier einmal einen Scan des Artikels (die Originaldatei liegt mir nach einigen Rechnerwechseln nicht mehr vor).

Grundsätzlich funktioniert die damals vorgenommene Dreiteilung der Effekte auf globale, nationale und lokale Folgen der Terroranschläge nach wie vor und an manchen Stellen ließe sich George W. Bush problemlos durch François Hollande ersetzen. Die Grundtendenz in der außenpolitischen Ausrichtung ist unverändert, im Artikel hieß es: „Mit Blick auf die globale Situation nach den Anschlägen dominiert eine harte, entscheidungsfreudige, aktivistische Linie – das Leitmotiv lautet „Kampf gegen den Terror.“

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich die „administrative Radikalkur“ auf innen- und sicherheitspolitischer Ebene auch in Frankreich entfaltet – in den USA wurden nach 9/11 nicht nur die Grundlagen für das heutige Überwachungsregime gelegt, sondern auch zahlreiche neue Ämter und Strukturen eingerichtet worden, die den Bereich der „Homeland Security“ neu definiert haben.

Allein auf lokaler Ebene fallen die Unterschiede auf – die Anschläge von Paris haben kein Monument der Stadtarchitektur niedergerissen, sondern suchten und fanden ihre Opfer in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt. Die Erneuerung eines urbanen Leerraumes steht in Paris nicht an, bis die Risse und Schäden der Anschläge an der Seine verheilt sind, wird es aber vermutlich ähnlich lange dauern wie seinerzeit am Hudson.

Über die Strategien der Aufarbeitung lässt sich derzeit noch nicht viel sagen, mit den sozialen Medien ist zwischenzeitlich eine neue Sphäre der Erinnerungspolitik entstanden, die als Resonanzraum für Antwortversuche auf das Terrorgeschehen wirkt – Hashtags, Grafiken, Zeichnungen bilden eine erste Linie von Instant-Reaktionen auf die Anschläge. In der Stadt selbst (und auch anderswo) übernehmen blau-weiß-rote Lichtinstallationen die Aufgabe einer visuellen Mahnung, ganz ähnlich den 2002 errichteten „Towers of Light“. Im nächsten Schritt dürften andere kulturorientierte Reaktionen folgen, so wie es in New York Videobotschaften oder Spontankonzerte gegeben hat. Nach der gestrigen Schweigeminute um 12 Uhr dürften die Fußballspiele des heutigen Abends eine ähnliche Rolle übernehmen.

Zum ganzen Artikel:  Die Summe aller Ängste, in: ARTE TV Magazin, Nr. 9/2002. S. 4.

Making of: DVPW-Blog

Dienstag, 8. September 2015

Wie macht man eigentlich einen Konferenz-Blog?

Das werden wir in den nächsten Tagen herausfinden, denn gemeinsam mit Katharina Lührmann, Lisa-Marie Reingruber und Steffen Bender „bespiele“ ich in den kommenden Wochen den Konferenz-Blog zum „26. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft“, der vom 21. bis 25. September an der Universität Duisburg-Essen stattfinden wird. Nach der Vergabe der im Drei-Jahres-Rhythmus durchgeführten Veranstaltung bin ich in das von der geschätzten Kollegin Susanne Pickel geleitete Duisburger Organisationsteam berufen worden, und dabei reifte so allmählich die Überlegung, die mediale Berichterstattung zur Konferenz ein wenig aktiver (und digitaler) zu begleiten als bisher beim so genannten „Politologentag“ üblich.

Heraus gekommen ist dabei ein mehrgleisiges Konzept, das einerseits die klassische Blogform kennt, andererseits auch die Echtzeitkommunikation bei Twitter aufgreifen möchte. Darüber hinaus experimentieren wir auch mit multimedialen Formaten wie Kurz-Interviews oder annotierten Grafiken (was wir (höchstwahrscheinlich) nicht machen, sind Live-Videos mit Periscope oder Meerkat). Im Nachgang zur Tagung soll dann noch ein längerer Video-Zusammenschnitt (okay, mehr als 8-10 Minuten werden das nicht) entstehen, der einige Höhepunkte der Veranstaltung integriert.

dvpw_masterplan

Zu Beginn der Planungsphase war auch mal daran gedacht worden, einen Jahrgang Journalistenschüler/innen auf den Event anzusetzen, aber das haben wir schließlich organisatorisch (und finanziell) nicht wirklich abbilden können. So sind wir zu einer kleineren, internen Lösung gekommen: Katharina und Lisa arbeiten schon seit einiger Zeit für den Digitur-Blog, der unter Federführung von Dr. Thomas Ernst im Rahmen des germanistischen Master-Programms Literatur und Medienpraxis am Campus Essen entwickelt worden ist. Steffen arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft für die Welker-Stiftungsprofessur hier in Duisburg und ist gelegentlich auch als „Journalist“ (bzw. Journalist) auf unterschiedlichen Medienplattformen aktiv.

Wir sind gespannt auf die Erfahrungen bei der Umsetzung des Konzeptes in die Praxis und freuen uns über Kommentare, Hinweise und Anregungen. In der Startphase ist natürlich Unterstützung und Aufmerksamkeit aus allen Richtungen hilfreich – schließlich sollen die Beiträge zu den Konferenzvorbereitungen, erste Interviews, Überlegungen zu digitaler Konferenzberichterstattung oder auch historische Einordnungen ein möglichst breites Publikum finden. Ach so, dafür wären ja auch ein paar Hinweise auf die Fundstellen im Netz ganz hilfreich… Also:

Der Kongress-Blog geht auf der Blogplattform der Uni Duisburg-Essen an den Start, der Twitter-Account hört auf den Namen @dvpwkongress. Und schließlich gibt es auch noch einen Hashtag zur Tagung, naheliegender Weise versuchen wir es hier einmal mit #dvpw15.

Köln wählt (oder auch nicht)

Donnerstag, 3. September 2015

Zur Zeit wird jede Menge Spott über die Stadt Köln ausgeschüttet – verantwortlich dafür ist dieses Mal nicht der FC, sondern die Stimmzettel-Panne im Vorfeld der eigentlich für den 13. September angesetzten Oberbürgermeister-Wahl. Nicht allein Pressestimmen aus Düsseldorf beschrieben hämisch die Ereignisse in der Domstadt, auch überregionale Medien äußerten Unverständnis und Kritik, manche Beiträge zogen Parallelen zu anderen gescheiterten Großprojekten wie der U-Bahn-Erweiterung und der Sanierung der Oper. (Update: Einen guten Einstieg liefert die Twitter-Suche nach dem Hashtag #OBWahl.)

Der eigentliche „Fall“ – eine Ungleichbehandlung der Kandidaten durch die Gestaltung des Stimmzettels – ist an verschiedenen Stellen vorgestellt und diskutiert worden, vgl. dazu etwa die Themensammlung des Kölner Stadtanzeiger, den Beitrag des WDR,  oder den Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Als Hauptleidtragende gilt die parteilose Kandidatin Henriette Reker, deren Name in kleiner Schrift an sechster Stelle aufgeführt war, während ihr Konkurrent Jochen Ott nicht nur die prominente erste Tabellenzeile belegt, sondern zudem „Unterstützung“ eines großen SPD-Schriftzuges erhält. Nun kann man darüber streiten, ob Parteien bzw. deren Namen derzeit tatsächlich positive Wirkungen auf die Kampagnen von Direktkandidaten haben, doch als neutral ist die „Aufmerksamkeitslenkung“ durch das Kölner Wahlzettel-Design gewiss nicht zu bezeichnen. Und genau dies hat offenbar genügt, um nach einer Prüfung der Regularien in der Kommunalwahlverordnung die Wahl vorerst zu verschieben.

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In eigener Sache: Smart Cities

Dienstag, 23. Juni 2015

Zu Beginn diesen Jahres hatte ich das Vergnügen, gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Peter Bihr eine Expertise zu digitalen Städten zu verfassen – genauer gesagt, ein ca 40-seitiges Papier für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) mit dem etwas sperrigen Titel Digitalisierung und die Smart City – Ressource und Barriere transformativer Urbanisierung.

Nachdem wir das Papier Ende März eingereicht haben, trägt die Arbeit am Thema nun so langsam weitere Früchte – heute abend präsentiere ich einige unserer Überlegungen im Rahmen des Städtebaulichen Kolloquiums an der TU Dortmund. Eingeladen hat mich Prof. Dr. Christa Reicher, mit der ich bereits im Rahmen des NRW-Fortschrittskongresses im Januar über das Thema „Zukunft des Urbanen Lebens“ diskutieren konnte.

Der heutige Vortrag skizziert zunächst knapp einige Aspekte aus dem „Smart City-Diskurs“ entlang ausgewählter Publikationen (für Eingeweihte: bes. Townsend, Greenfield, Goldsmith/Crawford und Komninos) und befasst sich dann mit im engeren Sinne politischen Implikationen des Smart City-Trends. Als Treiber dieser Entwicklung gilt – natürlich – das Big Data-Prinzip (im Sinne der Erfassung und Auswertung großer Datenmengen und -ströme), das vermehrt auch im Stadtraum Anwendung findet. Die Regulierung, Einhegung und Kontrolle solcher Big Urban Data kann zu einer wichtigen Aufgabe moderner Verwaltungsakteure im kommunalen Raum werden. Doch wie geht eine solche Smart City Governance vonstatten und welche Prinzipien und Leitlinien sind dabei relevant? Ungeklärt sind zum Beispiel die Besitzverhältnisse in der städtischen Datensammlung, Data Ownership wird im urbanen vernetzten Kontext zu einer komplexen, aber notwendigerweise im Sinne der bürgernahen Verwaltung aufzulösenden Herausforderung.

Auch die konkrete Gestaltung und Strukturierung der Stadtverwaltung wird auf die veränderten Bedingungen eingehen, die Ernennung von Stadt-CIOs ist etwa in den USA eine typische Begleiterscheinung – angesiedelt interessanter Weise oft auf der gleichen Hierarchieebene wie der örtliche Polizeichef. Dass sich im Zuge der technologischen „Aufrüstung“ der Stadtlandschaften auch neue soziale Bewegungen entwickeln können, ist ein weiterer politischer Nebenschauplatz der Smart City-Debatte. In den USA formiert sich hierfür allmählich der Begriff des Civic Tech,  der im Dreieck von IT-/Kreativindustrie, Politik und Computer-/Internet-affiner Aktivismus-Szene sichtbar wird.

Der kurze Vortrag ist bestenfalls eine erste, einführende Auseinandersetzung mit der Thematik, die in der nächsten Zeit auch im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Forschung an Substanz und Dynamik gewinnen wird. Für mich selbst ist die Auseinandersetzung mit Smart Cities noch aus einem ganz anderen Grund interessant: vor ziemlich genau 20 Jahren war nämlich das Aufkommen „Digitaler Städte“ ein wichtiger Impuls für die ersten Skizzen zu meiner Dissertation über „Politische Projekte im Internet“. Ein wichtiger Beitrag zur damaligen Debatte kam vom inzwischen leider verstorbenen William J. Mitchell, der in seinem Buch City of Bits von 1995 schon sehr hellsichtig notiert hatte:

Within bitsphere communities, there will be subnetworks at a smaller scale still – that of architecture. Increasingly, computers will meld seamlessly into the fabric of buildings and buildings themselves will become computers – the outcome of a long evolution. (S. 171)

In diesem Sinne: die Arbeit hat gerade erst begonnen…