Köln wählt (oder auch nicht)

Donnerstag, 3. September 2015

Zur Zeit wird jede Menge Spott über die Stadt Köln ausgeschüttet – verantwortlich dafür ist dieses Mal nicht der FC, sondern die Stimmzettel-Panne im Vorfeld der eigentlich für den 13. September angesetzten Oberbürgermeister-Wahl. Nicht allein Pressestimmen aus Düsseldorf beschrieben hämisch die Ereignisse in der Domstadt, auch überregionale Medien äußerten Unverständnis und Kritik, manche Beiträge zogen Parallelen zu anderen gescheiterten Großprojekten wie der U-Bahn-Erweiterung und der Sanierung der Oper.

[ Blogpost under construction // Ergänzungen, Updates folgen // Kommentare willkommen ]

Der eigentliche “Fall” – eine Ungleichbehandlung der Kandidaten durch die Gestaltung des Stimmzettels – ist an verschiedenen Stellen vorgestellt und diskutiert worden, vgl. dazu etwa die Themensammlung des Kölner Stadtanzeiger, den Beitrag des WDR,  oder den Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Als Hauptleidtragende gilt die parteilose Kandidatin Henriette Reker, deren Name in kleiner Schrift an sechster Stelle aufgeführt war, während ihr Konkurrent Jochen Ott nicht nur die prominente erste Tabellenzeile belegt, sondern zudem “Unterstützung” eines großen SPD-Schriftzuges erhält. Nun kann man darüber streiten, ob Parteien bzw. deren Namen derzeit tatsächlich positive Wirkungen auf die Kampagnen von Direktkandidaten haben, doch als neutral ist die “Aufmerksamkeitslenkung” durch das Kölner Wahlzettel-Design gewiss nicht zu bezeichnen. Und genau dies hat offenbar genügt, um nach einer Prüfung der Regularien in der Kommunalwahlverordnung die Wahl vorerst zu verschieben.

Anders als in den meisten Artikeln zu lesen war, regelt Anlage 17c der KWahlO nicht etwa die Schriftgröße einzelner Einträge auf dem Stimmzettel – es handelt sich lediglich um ein Musterformular, das als Layout-Vorschlag verstanden werden kann. Und in der Tat weist die typografische Umsetzung des Stimmzettels durchaus starke Unterscheidungen mit dem ursprünglichen Entwurf auf – kein Wunder, denn die Kommunalwahlverordnung trägt als Erstellungsdatum den 31. August 1993 und wurde seitdem kontinuierlich aktualisiert. Von den Modernisierungen bislang ausgenommen scheinen jedoch die Anlagen mit den Muster-Stimmzetteln, Vorlagen für Wahlschein und Wahlbrief oder Formularen zur Stimmenauszählung.

So weit so gut schlecht, und man könnte nun wahlweise in das Wehklagen über die Unfähigkeit der Kölner Wahlbehörden, der Kurzsichtigkeit von Sachbearbeiter/innen und die unklaren Konsequenzen der Stimmzettel-Posse (wahlweise auch: Ärger, Chaos, Debakel) einstimmen.

Man könnte allerdings auch die Aufmerksamkeit auf zwei strukturelle Defizite der Wahlorganisation in Deutschland lenken, denn die Kölner Probleme sind keine lokale Besonderheit. Erstens wirft die Stimmzettel-Affäre ein Licht auf die formale Organisation und Durchführung politischer Wahlen und zweitens gerät einmal mehr die Praxis der Briefwahl in den Blick. Letztere ist im aktuellen Fall das geringere Übel: faktisch liefern die bereits abgegebenen Stimmzettel zwar den Auslöser für eine mögliche Anfechtung der Wahl, denn der Nachdruck “verbesserter Stimmzettel” hätte unterschiedliche Abstimmungssituationen für Kandidaten und Wähler herbeigeführt. Letztlich hätte dies wohl zu einer Anfechtung der Wahl geführt, mit dem Hinweis auf die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes.

Noch interessanter erscheinen mir jedoch die Aspekte der Wahlorganisation und -durchführung. Der Kölner Fall macht deutlich, dass die deutsche Variante einer Teilzeit-Aufgabe als Wahlleitung nicht gerade zu einer Professionalisierung in einer demokratischen Kerndisziplin führt. Die Wahlleitung erfolgt in der Regel als Nebenbei-Beschäftigung, das gilt nicht nur auf kommunaler, sondern auch auf Landes- oder Bundesebene. Agnes Klein, die jetzt in der Kritik stehende Wahlleiterin der Stadt Köln leitet im Hauptberuf das Dezernat IV (Jugend, Bildung, Sport) der Kölner Stadtverwaltung. (Bundeswahlleiter Roderich Egeler ist in erster Linie Präsident des Statistischen Bundesamtes).

Darüber hinaus verfügen die Wahlleitungen nicht über einen signifikanten Etat zur Modernisierung und Qualitätssicherung von Wahlhandlungen – die “antike” Stimmzettelvorlage aus den 1990er Jahren ist nur eines von zahlreichen Beispielen für dieses strukturelle Defizit. Als die Stadt Hamburg im Jahr 2008 versucht hatte, die Bürgerschaftswahl mit Hilfe eines Digitalen Wahlstifts durchzuführen, geriet die Hansestadt in einen Strudel des Scheiterns, der am Ende weit kostspieliger war, als die Neuansatzung der Kölner OB-Wahl. Auch hier wurde deutlich, das die schwache Stellung und die geringen Ressourcen der zuständigen Wahlbehörde eine wirksame Modernisierung von Wahlen nicht gewährleisten können. In den Fokus der Öffentlichkeit geraten diese Organisationsprobleme nur selten – zu grell erscheinen in der medialen Debatte die vordergründigen Probleme mit falschen Stimmzetteln, fehlenden Wahlurnen oder (zumindest vor einigen Jahren) die Manipulierbarkeit von Wahlcomputern.

Eigentlich wäre eine substanzielle Debatte um die formale Organisation politischer Wahlen in Deutschland – im internationalen Diskurs gibt es dazu den Begriff des Electoral Management Body (EMB), der die Strukturen der Wahlorganisation in politischen Systemen beschreibt. Das in Deutschland gängige Modell einer regierungs- bzw. verwaltungsgebundenen Wahlorganisation (Government Model) weist deutliche Nachteile gegenüber unabhängigen Wahlkommissionen oder Wahlgerichten (Independent Model) auf. Auch Mischmodelle aus beiden Varianten verfügen i.d.R. über größere Ressourcen zur Durchführung, Beobachtung und Entwicklung von Wahlen; insbesondere für  technische Modernisierungsprozesse (und dazu zählt auch die Aktualisierung einer Stimmzettelvorlage aus den 1990er Jahren) scheinen regierungsunabhängige Varianten der Wahlorganisation besonders geeignet zu sein.

Vielleicht werden die Ereignisse in Köln ja zu einem Auslöser für ein – allmähliches – Umdenken in Fragen der Wahlorganisation, besonders wahrscheinlich ist dies jedoch nicht. Und schließlich sollten auch Politik- Verwaltungswissenschaft diesem Feld ein größeres Interesse beimessen, denn so wie es kaum eine genuine “Briefwahlforschung” gibt, ist auch die Zahl der Studien, die sich mit Theorie und Praxis der Wahlorganisation befassen, sehr überschaubar.

In eigener Sache: Smart Cities

Dienstag, 23. Juni 2015

Zu Beginn diesen Jahres hatte ich das Vergnügen, gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Peter Bihr eine Expertise zu digitalen Städten zu verfassen – genauer gesagt, ein ca 40-seitiges Papier für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) mit dem etwas sperrigen Titel Digitalisierung und die Smart City – Ressource und Barriere transformativer Urbanisierung.

Nachdem wir das Papier Ende März eingereicht haben, trägt die Arbeit am Thema nun so langsam weitere Früchte – heute abend präsentiere ich einige unserer Überlegungen im Rahmen des Städtebaulichen Kolloquiums an der TU Dortmund. Eingeladen hat mich Prof. Dr. Christa Reicher, mit der ich bereits im Rahmen des NRW-Fortschrittskongresses im Januar über das Thema “Zukunft des Urbanen Lebens” diskutieren konnte.

Der heutige Vortrag skizziert zunächst knapp einige Aspekte aus dem “Smart City-Diskurs” entlang ausgewählter Publikationen (für Eingeweihte: bes. Townsend, Greenfield, Goldsmith/Crawford und Komninos) und befasst sich dann mit im engeren Sinne politischen Implikationen des Smart City-Trends. Als Treiber dieser Entwicklung gilt – natürlich – das Big Data-Prinzip (im Sinne der Erfassung und Auswertung großer Datenmengen und -ströme), das vermehrt auch im Stadtraum Anwendung findet. Die Regulierung, Einhegung und Kontrolle solcher Big Urban Data kann zu einer wichtigen Aufgabe moderner Verwaltungsakteure im kommunalen Raum werden. Doch wie geht eine solche Smart City Governance vonstatten und welche Prinzipien und Leitlinien sind dabei relevant? Ungeklärt sind zum Beispiel die Besitzverhältnisse in der städtischen Datensammlung, Data Ownership wird im urbanen vernetzten Kontext zu einer komplexen, aber notwendigerweise im Sinne der bürgernahen Verwaltung aufzulösenden Herausforderung.

Auch die konkrete Gestaltung und Strukturierung der Stadtverwaltung wird auf die veränderten Bedingungen eingehen, die Ernennung von Stadt-CIOs ist etwa in den USA eine typische Begleiterscheinung – angesiedelt interessanter Weise oft auf der gleichen Hierarchieebene wie der örtliche Polizeichef. Dass sich im Zuge der technologischen “Aufrüstung” der Stadtlandschaften auch neue soziale Bewegungen entwickeln können, ist ein weiterer politischer Nebenschauplatz der Smart City-Debatte. In den USA formiert sich hierfür allmählich der Begriff des Civic Tech,  der im Dreieck von IT-/Kreativindustrie, Politik und Computer-/Internet-affiner Aktivismus-Szene sichtbar wird.

Der kurze Vortrag ist bestenfalls eine erste, einführende Auseinandersetzung mit der Thematik, die in der nächsten Zeit auch im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Forschung an Substanz und Dynamik gewinnen wird. Für mich selbst ist die Auseinandersetzung mit Smart Cities noch aus einem ganz anderen Grund interessant: vor ziemlich genau 20 Jahren war nämlich das Aufkommen “Digitaler Städte” ein wichtiger Impuls für die ersten Skizzen zu meiner Dissertation über “Politische Projekte im Internet”. Ein wichtiger Beitrag zur damaligen Debatte kam vom inzwischen leider verstorbenen William J. Mitchell, der in seinem Buch City of Bits von 1995 schon sehr hellsichtig notiert hatte:

Within bitsphere communities, there will be subnetworks at a smaller scale still – that of architecture. Increasingly, computers will meld seamlessly into the fabric of buildings and buildings themselves will become computers – the outcome of a long evolution. (S. 171)

In diesem Sinne: die Arbeit hat gerade erst begonnen…

In eigener Sache: Wien

Sonntag, 3. Mai 2015

Oha, das ist aber lange her, seit es den letzten Eintrag hier im Blog gegeben hat – das ist keine Absicht, es war wirklich viel zu tun zuletzt… und es liegt keinesfalls am vermeintlichen Niedergang des Formats.

Nun aber.

Am kommenden Mittwoch bin ich zu Gast in der Enquete-Kommission zur Stärkung der Demokratie des österreichischen Parlaments in Wien. Zunächst hatte es eine Anfrage zur Teilnahme in der Sitzung zum Thema “Politik – Medien – Bürgerinnen und Bürger” gegeben, die dann aber in ein Angebot zur Mitwirkung an der Anhörung “Parlamente in anderen Staaten” umgewandelt worden ist. Ziele der Veranstaltung sind:

  • Vergleich der Aufgaben und Organisationsformen von Parlamenten anderer Staaten
  • Vergleich der Arbeitsbedingungen der Abgeordneten in den verschiedenen Parlamenten
  • Intensivierung der Kommunikation zwischen Abgeordneten und BürgerInne

Ich werde in meiner Stellungnahme (begrenzt auf 10 (!) Minuten) vor allem unter dem Stichwort “Digitalisierung des Bundestages” reden, dabei berichte ich kurz über die Erfahrungen mit E-Petitionen sowie vor allem dem Adhocracy-Experiment enquetebeteiligung.de. Meine Perspektive ist dabei nicht die des technikaffinen Politik-Nerds, sondern des langweiligen Politikwissenschaftlers, der vor allem auf die Einbettung der neuen Werkzeuge und Plattformen in parlamentarische Abläufe und Strukturen achtet. Eine zentrale These ist dabei (in beiden Fällen), dass es einer starken Unterstützung der Verfahren innerhalb des Bundestages und der Bundestags-Verwaltung bedarf, um die Potenziale der digital erweiterten Artikulations- und Beteiligungsformate zu nutzen. Die Bedeutung der Schnittstellen in den parlamentarischen Raum findet angesichts der Fokussierung auf die formale, technische Seite bislang eher wenig Aufmerksamkeit, ist m.E. aber ein sehr wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Implementierung.

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Event, Advent

Freitag, 14. November 2014

Besinnlich wird das eher nicht in den nächsten Wochen, es stehen zum Jahresende noch einige Veranstaltungen ins Haus. Hier mal eine kurze Zusammenfassung inklusive einiger Infos zu den Themen und Events.

Am 25. November findet in Bonn die Abschlussveranstaltung zum Projekt Digitale Erregungskampagnen in Wirtschaft und Politik statt (intern: das Shitstorm-Projekt). Projekt und Veranstaltung werden von der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik (BAPP) unterstützt, die Arbeiten daran habe ich gemeinsam mit der geschätzten Kollegin Caja Thimm von der Uni Bonn durchgeführt, die auch den Impuls dafür gegeben hat. In Bonn findet dann auch die Panel-Diskussion statt, und zwar im sehr schönen Institut für Medienwissenschaft, das in der Alten Sternwarte in der Poppelsdorfer Allee beheimatet ist. An der Diskussion nehmen teil: Matti Bolte (MdL NRW, Bündnis 90/Die Grünen), André Kauselmann (Pressesprecher Social Media, ING-DiBa AG, Prof. Dr. Torsten Ostmanns (Partner/Global Marketing Director Roland Berger Strategy Consultants), Johannes Marcus Schäfer (Leiter Beratung/Marketingleiter, nexum AG) und Marina Weisband. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr.

Knapp eine Woche später geht es weiter in Dresden, am 3. Dezember spreche ich dort in der schönen Vorlesungsreihe Die demokratische Frage – neu gestellt. Kuratiert hat die Serie Mark Arenhövel, den ich noch aus der Gießener Zeit kenne, organisiert wird das ganze im Rahmen des “weiter denken”-Programms der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen. Mein Vortrag ist überschrieben mit Ethik: Das sinkende Schiff in politischen Gewässern? Gut, dass der gemeinsam mit Sven Grundmann herausgegebene ZPol-Sonderband Ethik und Politikmanagement einiges Material versammelt hat, mit dem ich das Publikum im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels (hoffentlich) vom Gegenteil überzeugen kann.

Damit keine Langweile aufkommt, folgt am 5. und 6. Dezember der kleine, aber sehr feine Workshop Digitalisierung als Kulturprozess an der Universität Witten/Herdecke. Die Veranstaltung ist eine der letzten im Wissenschaftsjahr Digitale Gesellschaft – der Wittener Philosoph Matthias Kettner hatte eine Kooperation angeregt. Obwohl nur wenig Zeit zur Vorbereitung blieb, ist eine illustre Runde zusammengekommen, die im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am 5. Dezember ab 18 Uhr im Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) der Universität einige Ergebnisse des Tages vorstellt. Mit von der Partie sind unter anderem Geert Lovink, Roberto Simanowski, Birger Priddat und Georg Franck.

Ein Tag Pause muss genügen, denn am 8. Dezember findet ab 19 Uhr im Duisburger Mercator-Haus (gleich neben der NRW School) die Käte-Hamburger-Lecture von Jeffrey Alexander statt. Der nicht ganz unbekannte Soziologe arbeitet an der Yale University und hat zuletzt gemeinsam mit Bernadette Jaworsky den Band Obama Power vorgelegt, eine sehr lesenswerte narrativ-performativ orientierte Studie des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2012. Sein Vortrag trägt den Titel The Crisis of Journalism Reconsidered  – hierzu bin ich als Discussant eingeladen und soll einige zielführende Kommentare beisteuern.

Danach folgen noch einige Seminartermine, Gremien und Forschungsgruppen-Sitzungen, einmal Rundfunkrat sowie diverse Weihnachtsfeiern. Na dann mal los…

Neulich, im Rechenzentrum

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ja, ich weiß. Zuletzt ist hier im Blog nicht viel passiert (sorry!) und eine billige Methode, um etwas mehr Aktivität zu s(t)imulieren, ist die Wiederveröffentlichung alter Texte.

Genau das mache ich nun aber.

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Der Grund dafür liegt 20 (zwanzig!) Jahre zurück, und es ist die Publikation des ersten Textes, den ich über dieses Internet geschrieben habe. Im Herbst 1994 hatte mich ein gewisser Marx Marvellous ins Rechenzentrum der Gießener Justus-Liebig-Universität eingeladen, um mir oben am Heinrich-Buff-Ring in einem ziemlich menschenleeren Rechnerraum die seltsamen Praktiken des “Surfen”, “Mailen” und “Chatten” vorzustellen.

Was soll ich sagen – es war ein mehr als interessanter Nachmittag, mit unerwarteten Langzeitfolgen. Wenig später meldete ich Internet und Politik als Klausurthema für meine Magisterprüfung im Fach Politikwissenschaft an, im Frühjahr 1995 wurde daraus ein Exposé für eine Dissertation und im Sommer erhielt ich ein Stipendium der Hessischen Graduiertenförderung. Daraus wurde schließlich der Band Politische Projekte im Internet, erschienen 1999 im Campus Verlag.

Ach ja, eigentlich ging es aber doch um diesen alten Text für das in Gießen (okay, und in Marburg auch) weltberühmte Stadtmagazin Express. Passend zum Semesterstart erschien Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet, und ich war sehr stolz darauf (Fun Fact: der damalige Ansprechpartner in der Gießener Geschäftsstelle steht heute einem nicht ganz unwichtigen Wochenmagazin in Hamburg vor).

Das Wiederlesen des Textes erzeugt ein bisweilen heftiges Schmunzeln – immerhin findet sich schon im dritten Absatz der Begriff Neuland. Auch die enorme Menge von Anführungszeichen sticht ins Auge – die allermeisten Fachbegriffe gehören inzwischen zum regulären Sprachschatz  und sind Duden-notiert. Völlig obskur wirkt im Rückblick der Absatz über Emoticons (“Dem ungeübten Leser erschließt sich die Bedeutung erst, wenn er den Zeichen-Mischmasch um 90 Grad dreht und sich einen Kreis hinzudenkt.”).

Aber genug geredet, hier ist die kleine Ausgrabung der Zukunft. Viel Spaß!

Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet

Marx Marvellous studiert in Gießen. Physik, 5. Semester. Letzte Woche traf er sich mit Charlie Parker, SpaceKelly und Zaphod B., um bei einem zünftigen „Chat“ Neues aus aller Welt zu erfahren. Seine Gesprächspartner aus Stockholm, Wien und Bordeaux versammelte „Marx“ jedoch nicht in der engen Studentenbude in Annerod, das exotische Quartett aus den europäischen Metropolen hielt sein virtuelles Kaffeekränzchen im Internet ab: Die vier „Netztouristen“ tummelten sich per Computer in einer elektronischen Konferenzschaltung.

Das Internet gilt als der weltweilt größte Verbund von Computer-Netzwerken, auf seinen verschlungenen Datenpfaden bewegen sich derzeit mehrere Millionen Benutzer. Das weltweite Telekommunikationsnetz stellt dabei die Verbindungen auf die Beine.

Das Gießener Eintrittstor zur virtuellen Computerwelt steht am Heinrich-Buff-Ring: Im Hochschulrechenzentrum (HRZ) können sich Studierende mit einer „student-mail“(s-mail)-Zulassung in die Informations-Tiefen des Internets stürzen. Die Vorlage von Personal- und Studentenausweis genügt: eine neue Netzwerk-Persönlichkeit ist geboren. Nach nur zwei Tagen erhält der Netz-Novize seine Kennung und darf die ersten Schritte im telekommunikativen Neuland wagen. Um sich im weitverzweigten Datendschungel einigermaßen zurechtzufinden, gibt das HRZ ordentlich Starthilfe. Info-Blätter zum Umgang mit Datennetzen, Software und vor allem der pfleglichen Konversation mit anderen Netzteilnehmern erleichtern die Orientierung im zuweilen hektisch bis chaotischen Internet-Gesprächsverkehr.

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Irgendwas mit Selfies

Sonntag, 10. August 2014

Ja, schon klar. Zum Thema Selfies ist eigentlich alles schon gesagt worden. Nur eben nicht von jedem, deshalb hier auch noch meine zwei Cents dazu. Ohne konkretes Ziel, eher als Ablage für Unfertiges auf dem open desk, angeregt von einer kurzen Visite in London diese Woche.

In der Hotellobby (die eher wie ein angesagter Gemischtwarenladen mit angeschlossenem Co-Workingspace aussah) stolperte man als erstes Zeichen über eine quasi-antike Photo Booth – da hätte man es schon ahnen können. Das Selfie ist tatsächlich zu einer starken kulturprägenden Kraft geworden, die Rede von einer Selfie Culture ist wohl wirklich nicht allzu weit hergeholt.

Gleich der erste Spaziergang führte in die White Cube Gallery, wo die eindrucksvolle Bildersammlung Scapegoating Pictures von Gilbert & George präsentiert wird. Das Künstlerpaar ist seit Karrierebeginn eine Art “lebendes Doppel-Selfie”, denn bekanntermaßen sind die beiden Herren in all ihren Werken präsent. Ob als singende Skulptur (von 1969) oder eben aktuell in grotesk-gruseligen Verrenkungen als zentrales Schaustück ihrer mitunter sehr wütenden Bildinstallationen.

ldn14_scapegoatIn einer sehenswerten Video-Kommentierung erläutern die beiden die Serie, die sie als “Townscapes” bezeichnen, künstlerische Bestandsaufnahmen der urbanen Gegenwart. Schwer modern und sehr gut (mich irritiert im Video besonders die schwarz-rot-goldene Verzierung am Revers von George Passmore – ein Verweis auf den deutschen WM-Titel?). Zu den Bildern ließe sich natürlich auch noch vieles sagen (vor allem zu den Lachgas-Patronen, die sich nicht nur als wiederkehrendes Element der Ausstellung, sondern auch auf den Straßen von East London finden lassen) – aber auch das wäre ein anderes Posting.

ldn14_picturelistGut vier Meilen weiter westlich empfängt die nächste Protaginistin der Selfie Art ihre Gäste: in 512 Hours verstört Marina Abramovic das tapfer wartende Publikum, das sich – wenn es einmal in die heilige Halle der Serpentine Gallery eingelassen wurde – mit der Großmeisterin der Dauerperformance auseinandersetzen darf bzw. muss. Das Künsterselbst ist dabei bisweilen unangenehm präsent (vgl. die Eintragungen im Ausstellungs-Tumblr) – und ähnlich wie bei den omnipräsenten Digitalbildern ist ein Ausweichen oder Wegschauen nicht vorgesehen. Gleich in der benachbarten Sackler Gallery findet sich mit Ribbons von Ed Atkins die nächste mit dem Selfie-Phänomen mindestens verwandte Präsentation. Der unheimliche (uncanny) Avatar-Star der multiplen HD-Animationen mag dem Künstler vielleicht nicht ähnlich sehen, und doch liegt die Vermutung nahe, es handele sich hier eben auch “nur” um eine digitale Version des Selbst.

Mit etwas mehr Zeit und einer nur wenig systematischeren Selektion könnte man der Reihe sicher noch weitere Beispiele hinzufügen – und nicht nur in London (ganz bestimmt auch in Berlin: nämlich mindestens mit der Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau, aber die kommt ja ursprünglich auch von der Insel).

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn nicht hier, dann woanders, denn siehe oben: zur Selfie Culture ist eigentlich schon alles gesagt. Nur nicht von jedem.

 

 

Von Räumen, Schäumen und Linien. Strafstoß #2 (Ed. 2014)

Donnerstag, 26. Juni 2014
Das nächste Spiel ist immer das nächste – so (oder so ähnlich) lautet einer der zahlreichen Herbergerismen, die gerne als willkommene Takt- und Strukturgeber für das Reden über Fußball genutzt werden. Und da heute Deutschland spielt (vgl. die Vorberichterstattung in der Social Media-Presseschau der Bundeszentrale für politische Bildung), ist auch wieder ein Strafstoß fällig. Natürlich erstmal nur hier im Blog, nicht auf dem Feld.
 
Mathias Mertens: Herr Bieber, warum haben wir eigentlich noch nie über Abseits diskutiert?
 
Christoph Bieber: Was gibt´s da zu diskutieren, Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Ach nein, das war ja der Elfmeter… Dann ist es eine gute Frage. Es liegt glaube ich nicht daran, dass wir die Regel nicht verstanden hätten. Dabei gibt es  ja durchaus einige mediale Formatierungen (Zeitlupe, Abseitslinie, Flächenschraffur, 3D-Perspektivenwechsel), die unmittelbar aus der Abseitsregel resultieren. Kommen sie jetzt darauf, weil es nun die ominöse Torlinien-Technologie gibt?
 
MM: Ja. Denn ist im Fußball nicht alles nur das, was der Schiedsrichter pfeift? Ist es nicht diese Tatsache, die den Fußball von anderen Spielen unterscheidet? Zumindest habe ich die 20 Millionen Feierabend-Wittgensteinianer in den letzten Monaten so verstanden.
 
CB: Uh, sie zwingen mich in den Philosophenfußballzweikampf, dem muss ich dringend entziehen, indem ich einen ebenso weiten wie naheliegenden Abschlag zu den Kollegen von Monty Python mache. In deren legendärem Fußballspiel zwischen Deutschland (mit “Nobby” Hegel als Kapitän) und Griechenland (Tor: Plato, Libero: Aristoteles, Sturm: Sokrates) entscheidet ja Archimedes über “Fußball” und “Nicht-Fußball”. Dabei kommt er aber ganz ohne Schiedsrichterpfiff aus. Wittgenstein trägt in diesem Match übrigens die Rückennummer 9 – halten Sie ihn denn für eine falsche oder eine echte?
 

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Textilvergehen – Der “Strafstoß” ist zurück

Montag, 16. Juni 2014

Aus Anlass des heutigen Auftaktspiels der deutschen Mannschaft habe ich mich neulich an anderer Stelle an die schöne Tradition des Mail-Interviews mit Mathias Mertens erinnert – auch bekannt als dem indirekten freistoß seine Kolumne. Vor zehn (!) Jahren hatten wir uns unter der Schirmherrschaft des geschätzten Kollegen Oliver Fritsch über Fußballdinge ausgetauscht. Nun gibt es eine Neuauflage, wir beginnen unter dem Stichwort Textilvergehen mit diversen Bekleidungsfragen.

Herr Bieber: Wenn Sie ein Trikot wären, Herr Mertens, welches?

Herr Mertens: Herr Bieber, das ist aber eine arg retroistische Frage! Da kann man ja nur mit frühkindlicher Prägung kommen. Also zunächst mal ganz unverbindlich: jedes Trikot auf das irgendeiner hilfloser Geschäftsstellenazubi Comic Sans drucken ließ, bin ich schon mal nicht.

CB: “Retroistisch”? Aber das sind die meisten Trikots doch auch, oder? Aber von “witzigen” Schreibschriftformen ist man in diesem Jahr doch recht weit entfernt. Kein Zufall, dass sie gleich mit den Schriftzeichen beginnen, vorab könnte man doch auch ein paar Worte über Material, Stoff oder Textur verlieren…

MM: Könnte man. Aber obwohl ich sonst an das Programm “The Medium is the Message” glaube, muss ich beim Trikot doch feststellen, dass seit Ablösung der Baumwolle durch tagesaktuelle synthetische Technofasern jegliche Botschaftsfähigkeit verschwunden ist. Kein schweissnasses Kleben am Körper mehr, keine grün-braunen Bremsstreifen oder aufgerissenen Nähte, stattdessen Paninibild-hafte, beständige Hochglanzhüllen, an denen alles abrutscht. Ein Spiel vermag ich nicht auf ihnen zu lesen.

CB: Mir persönlich sind ja diese Strukturen und Zusatzmotive aufgefallen, die im Stile von Wasserzeichen eingearbeitet sind (vgl. zB Belgien oder Iran). Das sieht so aus, als hätten die Designer dort einen zusätzlichen “Layer” eingebaut. Ist das so eine Art Photoshop-Effekt?

MM: Ich würde eher sagen Sportartikelshop-Effekt. Denn das kann doch nur zur Geltung kommen, wenn ich direkt vor dem Ding stehe und es sogar in der Hand halte. Ohne 3D-Körperkameras kommt das im Fernsehen nicht rüber, und ob es überhaupt reale Zuschauer in den Stadien gibt, denen das auffallen könnte, sei mal dahingestellt. Das Wasserzeichen ist das Distinktionsmerkmal beim Merchandising, aber interessanterweise kein Erlebnis-abgleichendes mehr, sondern ein hyperreales. Haben Sie denn schon Ihr diesjähriges Trikot für’s Public Viewing gekauft?

CB: Äh, wie sie vielleicht wissen, wurde ich nicht in irgendeinen Kader berufen (kurzzeitig hatte ich mit der Autorennationalmannschaft spekuliert, aber offenbar hat mein Verlag da nicht genug Lobbyarbeit geleistet). Daher halte ich mich von den Trikots fern. Aber auch der Begleiterstab hat ja inzwischen Ausstatterverträge und auch die “Ausgehanzüge” der Teams wären auch noch eine Variante (nebenbei: im Schrank lagert noch einiges aus der “sport casual”-Reihe von der Sommermärchen-WM 2006). Bei den dieses Jahr sehr angesagten Gangway-Fotos der Mannschaften vor dem Abflug nach Brasilien hat sich da aber auch niemand wirklich aufgedrängt. Was halten Sie den von der Ikonografie dieser “Wir-wollen-ganz-hoch-hinaus”-Bilder? Ein weiter Weg von den klassischen Mannschaftsfotos auf grünen Wiesen und vor Sperrholzzäunen, oder?

MM: Diese Fotos lassen sich nur mediologisch verstehen. Das ist auf den ersten Blick zwar Posieren für anderer Leute Kameras, aber wenn man die gesamte medientechnische Sozialisation hinzudenkt, wird es zum äußerst privilegierten Selfie. Die wissen alle ganz genau, wie das mit dem Abbilden und dem Verbreiten technisch funktioniert, die haben alle einen immensen Fundus an Bildern in sich, und so benutzen sie den Apparat der Journalistenmeute, um ein aktuell distinguiertes Selbstporträt von sich herzustellen und hochzuladen. Mir scheint aber, dass das klassische Mannschaftsfoto in der Trainingsplatzecke und das Panini-Album-Trikotbrustbild einen sehr viel höheren Inszenierungsgrad besitzen, als diese Laufstegfotos. Gerade wegen ihrer starren Unterwerfung gegenüber der fotografischen Situation. Ich würde ja äußerst gerne von Ihnen, Herr Bieber, ein solches Panini-Bild haben, Sie hätten dafür die richtige Physiognomie und Ausstrahlung.

CB: Sie Schmeichler. Aber na gut, da haben Sie´s (aus urheberrechtlichen Gründen ist das Bild nicht für alle Leser sichtbar). Die Selfie-These gefällt mir gut, und auch den Panini-Hinweis nehme ich gerne auf. Dabei muss dann gleich an diese animinerten Portraits denken, die vor dem Spiel zur Mannschaftsaufstellung eingeblendet werden. Da ist die Pose (verschränkte Arme) ja gleich mit eingebaut, und auch der Spielerblick will angemessen angriffslustig wirken. Wie beurteilen Sie denn hier das Verhältnnis von Medium und Botschaft? (Nebenbei: von Brasiliens Schwalbenkönig Fred möchte ich da ab jetzt ein clowneskes Aus-dem-Bild-Stolpern sehen.)

MM: Das ist so Wrestling-Klischee, wie es Achtziger-Jahre-mäßiger nicht sein könnte. Erinnert an Epic Rap Battles of History, nur nicht so reflektiert. Oder an Streetfighter, nur nicht so authentisch. Aber wir drücken uns um die Trikot-Frage. Ich weiß ja, was ich bin, aber was ist eigentlich mit Ihnen? Ich sage Ihnen direkt, dass nicht jedes FC Bayern-Trikot eigentlich das Ihre ist.
CB: Moment mal! Die Achtziger sind ein gutes Stichwort. Sie haben die 1984-1989er Trikotserie im Blick? Mit dem Nerd-Provider Commodore als Sponsor und dem computerspielartigen Achteck-Muster für das UEFA Cup-Trikot? Und da sind wir wieder beim Retroismus… Nun ist es aber an ihnen – welches Trikot sind Sie, lieber Herr Mertens?

MM: Ich trage eines, in dem ich altertümliche Vereinshaftigkeit mit dem Wunsch nach Weltläufgkeit verbinde. In dem ich auf Baumwolle Petrochemie propagiere. In dem ich billig und nach Big Money aussehe. Ein Trikot, in dem ich 1:0 im größten Endspiel gewinne.

CB: Hm, das klingt verdächtig nach dem Hamburger SV, neulich in Athen gegen Juventus. Aber klar, wenn ich mir Sie als Doppelspitze mit dem eleganten Horst Hrubesch vorstelle, kann ich dem vieles abgewinnen. Und da die Grundfarbe des Trikots ein kräftiges Rot gewesen ist, sogar noch etwas mehr.

MM: Mit Ihren Bananenflanken und meinem Kopf hauen wir dann jeden Text in den Kasten. Schön, mal wieder von Ihnen gehört zu haben!

Vom Gebührenzahler zum Stakeholder?

Mittwoch, 4. Juni 2014

Heute abend tritt Intendant Tom Buhrow zum zweiten Mal an zum WDR-Check – einer Art Townhall-Meeting, bei dem Zuschauerfragen zu Sender und Programm beantwortet werden, aber auch Gesprächs- und Diskussionssequenzen zu einigen Themenschwerpunkten geplant sind. Die Live-Übertragung aus dem Landschaftspark Nord in Duisburg beginnt um 20.15 Uhr, der zugehörige Hashtag ist #wdrcheck.

In diesen Rahmen passt der Hinweis auf einen kurzen Beitrag zum Rollenverständnis von Sender und Publikum, das durch die Veränderungen im Beitragswesen (Umstellung von geräteabhängiger Gebührenzahlung zu haushaltsbezogenem Rundfunkbeitrag) beeinflusst und verändert wird. Der nachfolgende Text ist erschienen in Ausgabe Nr. 8 des studentischen Magazins Hammelsprung, das an der NRW School of Governance herausgegeben wird. Das Schwerpunktthema war Politik und Medien – gefährliche Nähe oder notwendige Distanz?

Dazu gleich noch ein passender Disclaimer: Seit August 2013 bin ich Mitglied im WDR-Rundfunkrat.

 

Vom Gebührenzahler zum Stakeholder
Der Rundfunkbeitrag verändert das Rollenverständnis von Sender und Publikum

Nach jahrzehntelangen Ausbau und einem zunehmend auf Konkurrenz angelegten Säulenmodell trifft das Duale Rundfunksystem auf die Herausforderungen der Digitalisierung – und steuert dabei zielstrebig auf eine ganze Reihe von Modernisierungskonflikten zu.

In den Fokus geraten ist in diesem Prozess die Umstellung der Rundfunkfinanzierung von einer „Gebühr“ auf einen geräteunabhängigen „Beitrag“. Nachdem sich der Rauch des öffentlichen Streits um „Demokratieabgabe“ (Jörg Schönenborn) oder „Zwangssteuer“ (Handelsblatt) ein wenig gelegt hat, ist zu fragen, inwiefern die Art der Öffentlichkeitsfinanzierung die komplexen Vorgaben der deutschen Rundfunkverfassung verwirklicht.

Eine zentrale Anforderung ist dabei der Erhalt einer „Markt- und Staatsferne“ als Leitbild der Medienversorgung nach dem „Public Service“-Modell. Die Prinzipien der „Grundversorgung“ mit sachlicher Berichterstattung, einer „Belehrung, Bildung und Unterhaltung“ des Publikums sowie das „Entwicklungsgebot“ zur technologischen Sicherstellung von Sendefähigkeit und Angebotsvielfalt unterstützen dabei die Neuordnung – diese an das Konstruktionsprinzip der British Broadcasting Corporation (BBC) angelehnten Eckpfeiler sind in den verschiedenen Rundfunkurteilen des Bundesverfassungsgerichts festgeschrieben.

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One Stop Europe – Kreative Demokratie

Mittwoch, 28. Mai 2014

(Vorab ein Hinweis #ineigenersache: Sorry, aber zuletzt war fürchterlich viel zu tun – die Zeit reichte maximal für ein paar Tweets oder Kurzeinträge in diesen Sozialen Netzwerken. Ich hoffe, in der nächsten Zeit ist hier wieder etwas regelmäßiger etwas zu lesen. Auch der heutige Beitrag ist nicht originär für den Blog entstanden, aber es ist der Versuch eines Wiedereinstiegs in das Format.)

Die Stuttgarter Alcatel Lucent-Stiftung hatte mich eingeladen, für die Konferenz One Stop Europe – Offene gesellschaftliche Innovation einen Eröffnungsbeitrag zu verfassen. Als Thema hatten wir uns auf Kreative Demokratie — Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können. Der Text erscheint in der Publikationsreihe der Stiftung, schon jetzt ist er hier im Blog einsehbar (das Twitteraufkommen während der Tagung war eher gering, vgl. #ose14). Grundlage des Vortrags war eine Powerpoint-Präsentation, die im Nachgang zur Konferenz in einen Fließtext umgearbeitet wurde, daraus erklären sich Duktus und Sound. Es fehlen die Links zu den diversen Projekten, die zur Illustration einiger Überlegungen genutzt wurden, das ist aus Zeitgründen (s.o.) nicht möglich.

So, nun aber los.

Kreative Demokratie
Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können

Kreative Demokratie ist nur auf den ersten Blick ein guter Titel für einen Vortrag – denn er zwingt den Autor, sich besonders anzustrengen, um die Erwartung auf einen originellen, eben kreativen Vortrag nicht zu enttäuschen. Ich hoffe, mir gelingt dies heute wenigstens ansatzweise.

Damit keine falschen Eindrücke aufkommen – der Begriff der „Kreativen Demokratie“ stammt nicht von mir, sondern ist einem ziemlich alten Text von John Dewey entnommen. In seinem Essay „Creative Democracy – The Task Before Us“ von 1937 hat Dewey festgestellt, dass politische Systeme vor allem dann zum Stillstand kommen, wenn sie sich auf Automatismen und Routinen verlassen: „(A)s if our ancestors had succeeded in setting up a machine that solved the problem of perpetual motion in politics.”[1]

Dewey setzt bei seiner Hinterfragung der Grundvoraussetzungen von Demokratie vor allem auf die Unbedingtheit und den Glauben an “democracy in the role of consultation, of conference, of persuasion, of discussion, in formation of public opinion (…).”[2]

Das sind genau jene Prozesse und Verfahren, die auch für die Konferenz „One Stop Europe“ im Mittelpunkt stehen, denn genau so können sich Bürger an zivilgesellschaftlichen, ehrenamtlichen und politischen Prozessen beteiligen, das kreative und innovative Potential aufgreifen, um schließlich offene gesellschaftliche Innovation zu ermöglichen.

Mediatisierung von Politik und Verwaltung

Nun ist perpeptual motion so ziemlich genau das Gegenteil zu den aktuellen Diagnosen zur Lage von Politik und Verwaltung: Stagnation, Stillstand und vor allem Krise sind die Vokabeln der Stunde. Die Suche nach Innovationen als Schrittmacher und Bewegungsimpuls für die Gesellschaft hat Konjunktur – gerade in den vergangenen Jahren stehen vor allem die Medien bzw. der beschleunigte Medienwandel im Verdacht, Modernisierungsprozesse im politischen Bereich anstoßen zu können.

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