Midterms: Election Day

Dienstag, 6. November 2018

It´s on. Amerika wählt. Ich versuche es heute mal mit einem kleinen Live-Blog aus Washington DC – sofern unsere Meetings das hergeben.

Das Republican National Comittee empfängt uns am Wahltag in einem unscheinbaren Büro im Rücken des Kapitol, dort treffen wir Wahlkampfmanager Justin Johnson und den chief digital officer Doug Hochberg. Der Kavanaugh-Hearing als Initialzündung für republikanische campaign activity und schließlich auch turnout. Dabei gibt es Übereinstimmung, dass eine Verbindung des digitalen fine tuning der Kampagne mit dem organizing the turf vor Ort der Schlüssel zum Erfolg ist. „Jede Handlung ist eine daten-basierte Aktivität“ betont Johnson. Das RNC konzentiert sich völlig auf das campaigning in den Wahlbezirken, es schaltet keinerlei TV-Ads, das überlasst man den Kandidaten und den (Super) PACs. Häufig kommt es in the field zu Verbindungen zwischen paid staffers und den ehrenamtlichen volunteers, die nicht selten 25 bis 30 Stunden Wochenarbeitszeit investieren (die Einschätzung zur Arbeitsteilung zwischen analog und digital deckt sich mit den Aussagen am Leadership Institute von gestern).

Hochberg berichtet über die Schwierigkeiten einer gut abgestimmten targeting-Arbeit, die zu großen Teilen aus dem Testen von maßgeschneiderten Botschaften für bestimmte Zielgruppen besteht: „Fehlgeleitete Informationen sind teuer und stören die eigene Operation.“ Das klingt manchmal nach dem Versuch, ein lernendes System zu entwickeln – allerdings (noch) ohne den Einsatz künstlicher Intelligenz. Angesichts der völlig anders gelagerten datenrechtlichen Situation und dem erschwerten Zugriff auf Wählerdaten in Deutschland zuckt er zusammen: „Dann könnte ich meine halbe Abteilung entlassen.“

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Der heutige Tag wird auch zeigen, inwiefern sich die Ablehnung der politischen Gegenseite weiter verstärkt. Carroll Doherty vom Pew Research Center bezeichnet die partisan antipathy als eine Vorstufe zur Polarisierung. Damit setzt sich ein Trend fort, der auch im Bereich privater Kontakte zu beobachten ist – immer mehr Menschen sagen, sie haben nur a few friends among the other party und der politische Gegner wird immer häufiger als „Bedrohung“ betrachtet. Die Umfragewerte hierzu haben sich seit den 1990er Jahren beinahe verdoppelt. Und: Die politische Polarisierung ist besonders stark unter den politisch Aktiven.

Die Reaktionen auf die Diversifizierung des Wählermarktes ist bisher ein eher einseitiger Prozess – die Demokraten sprechen stärker andere ethnische Gruppen als nur white people an, eine zentrale Gruppe für die Republikaner (und insbesonders für den Präsidenten) sind die non college whites, also die schlecht gebildeten weißen Wähler. Die Fokussierung folgt einer klaren Reichweitenlogik: noch immer stellen die white americans die Mehrheit der Wähler, die nonwhites bilden nur ein Viertel der aktiven Wählerschaft.

Als besonderes race of interest bezeichnet Doherty die Gouverneurswahl in Florida: Dort treten a very liberal democratic candidate und ein republican candidate who could´nt be more pro-Trump gegeneinander an. Florida gilt damit als ein Labor und Experimentierfeld für das, was auf US-Politik insgesamt zukommt: There is no middle ground in this election.

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Bei der Visite des Moscow Project beim Center for American Progress stehen Sicherheitsbedenken im Wahlprozess im Vordergrund. Max Bergmann hat die russischen Eingriffe im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2016 untersucht und fasst die Lage zusammen. Es gibt bereits Stimmen, die die Midterms als Testlauf für neue russische Cyber-Angriffe bei den Wahlen 2020 ansehen (vgl. Ellen Nakashima in der Washington Post. Bergmann formuliert dabei zugleich einen Vorwurf an den Senat – ein co-sponsored bill, das mit demokratischer und republikanischer Unterstützung in den Gesetzgebungsprozess eingebracht werden sollte, fand keine Berücksichtigung, weil Mitch McConnell als Führer der Senatsmehrheit das Anliegen nicht zur Weiterverfolgung und Abstimmung vorgeschlagen hatte. Die dezentrale Organisation der Wahlen auf bundesstaatlicher Ebene kann vielleicht noch als „Sicherheitsfeature“ betrachtet werden (es ist (etwas) schwieriger, 50+ einzelne Wahlplattformen zu beeinflussen, als eine zentrale Wahlveranstaltung. In Ansätzen kommt dabei auch die Frage nach einer Manipulation von Wahlgeräten auf, immerhin in 13 Staaten werden ausschließlich Wahlcomputer (i.d.R. Touchscreen-Geräte) eingesetzt – einheitliche, in allen Staaten verbindliche Regeln gibt es nicht.

Offen bleibt die Frage, wieviel von der Debatte um Cyber-Sicherheit im Wahlprozess bis in die breite Öffentlichkeit gelangt. Inwiefern kann unter den u.a. von Greg Miller in The Apprentice geschilderten Umständen noch erwartet werden, dass die politische Kommunikation im Vorfeld von Wahlen eine hohe Integrität aufweisen kann?

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Der vorerst letzte Stopp für heute findet in den Räumen der MSL Group statt, dort informieren Archie Smart über digitales Campainging aus Agentursicht. Die Ausgaben für digitale Wahlwerbung sind seit 2014 (wieder einmal) rapide gestiegen: von 271 Millionen auf 1,8 Milliarden Dollar. Und dennoch ist das Gesamtvolumen der Digitaletats sehr viel kleiner als die Ausgaben für TV Ads – nur etwa 20% fließen in Online-Inhalte.

Auch die anderen Kennzahlen steigen, es werden viel (viel, viel) mehr Datenpunkte erhoben und genutzt als in den Vorjahren. Besonders angesagt sind in diesem Zyklus die peer-to-peer-Textnachrichten (das haben wir auch schon in Ohio gehört): vor den Midterms werden ca. 100 Millionen solcher Nachrichten versendet. Diese Werbeform gilt als besonders niederschwellig für die Anwender und generiert auch Feedback durch die Wähler/innen. Als künftige Gefahren gelten dark texts (Nachrichten, die unreguliert und unbeobachtet in Messenger-Diensten wie whatsapp versendet werden) oder deep fakes, also gefälschte Audio- und/oder Video-Botschaften, die zum Beispiel dem politischen Gegner untergeschoben werden.

Ein weiterer, letzter Hinweis auf die gestiegene Bedeutung der Digitalkampagnen findet sich auch im Personaltableau des aufziehenden Präsidentschaftwahlkampfs. Das Wahlkampfteam von Donald Trump wird nicht von einem klassischen Campaigner, Spin Doctor, Fundraiser oder Public Affairs-Experten geleitet, sondern von Brad Parscale, der bislang die Digitalstrategie verantwortet hat.

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To be continued. (In 2020).

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Midterms: Field Office Fury

Samstag, 3. November 2018

Tag 2, unterwegs in Cleveland und Umgebung: Wir beginnen den Tag mit der Visite bei Dave Greenspan, einem Abgeordneten im Ohio State House, der in seinem Wahlkreis westlich von Cleveland zur Wiederwahl ansteht. Das Wochenende steht im Zeichen der Mobilisierung „sicherer“ Wählerstimmen, das Mittel der Wahl ist das klassische canvassing. Dafür sammeln sich die lokalen Unterstützer vor dem field office, das sich erneut in einem gesichtslosen Mehrzweckbau in den weit gefächerten Vorstadtbereichen befindet. Bevor es losgeht, gibt er den volunteers in einer kleinen knock-off-speech ein paar warme Wort mit auf den Weg – Beteiligungswahlkampf aus dem Bilderbuch, wenn man so will.

Inhaltlich interessant ist die Abgrenzung die Greenspan vornimmt, denn er führt eigentlich zwei Wahlkämpfe: „We are campaigning against the opposition and, well, also against the president. We don´t like his rhetoric, we don´t like his demeanor, we don´t like his style.“ Ähnliches hört man hier zwar öfter, aber bislang noch nicht so deutlich und offen. Inwiefern die Trennung zwischen state und federal politics in der Praxis allerdings funktioniert, steht auf einem anderen Blatt.

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Midterms: „O-H“ – „I-O“

Samstag, 3. November 2018

Ein kurzer Abriss zu den zentralen Themen der Wahlkampf-Termine an Tag 1 der Midterm Study Tour – die langen Transferzeiten im Buckeye State (mit der doppelten Fläche von Bayern) bieten trotz des dichten Arbeitsplans eine gute Möglichkeit zur Nachbereitung. Den Auftakt gibt David L. Stack, Politikwissenschaftler an der Cleveland State University (abgekürzt CSU, was bei den Mitreisenden mehrfach für Belustigung gesorgt hat). Im Mittelpunkt seiner Forschung steht der Bezug des Wählerverhaltens zur Kampagnenfinanzierung – inwiefern werden Wähler für ihr Stimmverhalten „belohnt“, welche Incentives lenken die Abgeordneten zurück in ihre Wahlkreise? Die enge Bindung an den Wahlkreis belohnt in aller Regel die Amtsinhaber, für die Herausforderer ist generell schwer, das Gefüge aufzubrechen. Dementsprechend fließt in „sicheren“ Wahlbezirken deutlich weniger Geld, bis hin zu eher symbolischen Kampagnen nahezu ohne funding für völlig aussichtslose Kandidaten. Das Geld folgt den umstrittenen Kampagnen in den swing districts. Auf die Frage nach den Chancen auf ein re-destricting reagiert Stack mit beredtem Schweigen. Immer öfter sichern sich die Kandidaten durch die Ziehung „parteiischer“ Wahlkreisgrenzen ab, die Praxis des gerrymandering gilt in beiden Lagern als wichtige Technik zum Machterhalt. Zusammen mit den Geldkreisläufen vor den Wahlen resultiert daraus eine immer stärkere Abschottung zwischen Republikanern und Demokraten, mittlerweile auch mit der Folge der Ausbildung ideologisch homogener Wohnviertel – die politische Geografie verändert (und festigt) ein zunehmend polarisiertes soziales Gefüge.

Für die aktuellen Kampagnen weist Stack außerdem auf die gestiegene Bedeutung des outside money hin: Immer häufiger fließen über Einzelspenden Gelder aus anderen Bundesstaaten in die congressional races und können so einen eigentlich verlässlichen Indikator für die Wählerunterstützung vor Ort verzerren. Ein Beispiel genau dafür liefert das Duell im Congressional District #16, wo der ehemalige Football-Profi Anthony Gonzalez (Ohio State University, Indianapolis Colts) antritt. Seine Kampagne wird unter anderem unterstützt durch seinen Ex-Mannschaftskollegen Payton Manning oder auch die NFL-Franchise der Denver Broncos. So ganz geheuer scheint der Kandidat dem lokalen Chapter der Republikaner in Medina nicht zu sein, beim kurzen Meet & Greet gibt es einige kritische Fragen aus einem stark überalterten Auditorium, mit dem Highlight zur aktuellen Situation rund um den Caravan: „Anthony, tell us about the invasion!“ Gonzalez pariert mit einem eher moderaten Statement und bezieht dabei den eigenen kubanischen Migrationshintergrund mit ein: „Eine geregelte Einwanderung ist wichtig und wir brauchen sie über die richtigen Kanäle.“

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In eigener Sache: Midterms 2018

Freitag, 2. November 2018

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass der letzte Blog-Eintrag hier tatsächlich aus dem März datiert, damals ging es um die demokratische Blase auf der SXSW in Austin. Gleichzeitig war das damals eine Art going public für meine Tätigkeit am Center for Advanced Internet Studies in Bochum, wo ich bis Ende März 2019 als Wissenschaftlicher Koordinator zur Entwicklung des „Forschungszentrums Digitale Gesellschaft“ (fz|dg) am Start sein werde.

Der Sommer war recht anstrengend, aber das gut 130-seitige Konzeptpapier ist rechtzeitig fertig geworden und wurde im Oktober vor einer wissenschaftlichen Jury präsentiert. Nun warten wir auf weitere Informationen und Signale aus dem Wissenschaftsministerium. Insofern ist es nicht ganz unpassend, dass ich wieder auf dem Weg in die USA zum Bloggen komme. (Und es gibt noch mehr continuity: im „Bordkino“ läuft Ready Player One, der Film zum Roman von Ernest Cline, der im Frühjahr in Austin mit großer Kapelle vorgestellt wurde und danach mit mittlerem Erfolg in den Kinos anlief.)

Hier nun der Disclaimer zum offiziellen Teil: Ab Freitag bin ich unterwegs bei der Midterm Study Tour der Konrad-Adenauer-Stiftung, um zuerst in Cleveland, Ohio und dann in Washington, D.C. einige Vor-Ort-Termine im Umfeld der Zwischenwahlen zu absolvieren. Den Auftakt bilden mehrere congressional races im nicht so urbanen Teil von Cleveland, unmittelbar vor und nach der Wahl am 6. November stehen dann diverse Gespräche im von Donald Trump nicht so trockengelegten swamp am Potomac auf dem Programm.

Die Staffelung der Meetings ist dicht, so dass ich vermutlich kaum die Zeit finden werde, um direkt zu berichten. Parallel startet am Freitag auch noch die finale Staffel von House of Cards – na prima. Ich sammle das Material und werde vermutlich im Nachgang zur Beobachtungstour einen kleinen Reisebericht zusammenbasteln. Ob es zu einem (eigentlich dringend notwendigen) Fortsetzungskapitel zu Nach Obama reichen wird – mal sehen.

Bespielen werde ich von unterwegs aber Twitter und Facebook, dort sollte es regelmäßig kleinere Updates und Eindrücke aus dem battleground state und der hektischen Hauptstadt geben.

Stay tuned.

South-by-Southwest: In der Blase

Donnerstag, 15. März 2018

Dienstag, 13. März. Wir schreiben Tag 5 der South-by-Southwest (#SXSW) und gerade überlagert die Washingtoner Politik das Festival im texanischen Austin: In den Morgenstunden erfährt Außenminister Rex Tillerson via Twitter, dass @realDonaldTrump ihn durch CIA-Chef Mike Pompeo ersetzen will – am späten Abend erreichen die Demokraten in einem als „tiefrot“ eingestuften Congressional District in Pennsylvania ein too-close-to-call bei einer Nachwahl zum Repräsentantenhaus. Der erst 34 Jahre alte Conor Lamb hält den republikanischen Favoriten Rick Saccone in Schach, erst die Briefwahlstimmen werden die Wahl entscheiden. Trump hatte in den Wahlkreisen im November 2016 mit etwa 20 Punkten Vorsprung gegen Hillary Clinton gewonnen. Nicht wenige Kommentatoren sehen hier die Vorboten für die midterm elections im November, die parteiischen substitutes im Fernsehen sagen es ganz deutlich: „The rumble you can hear is not a train, it´s not a storm, it is the anti-trump movement, that is coming from the mountains to every voting booth out there.“ Während bei CNN sich der Wind zu drehen scheint, hat man drüben bei FOX die Niederlage noch längst nicht akzeptiert und sendet das Celebrity-Magazin „page six tv“, keine Wahlsondersendung. Dass in dieser Nacht Stephen Hawking stirbt, spielt in keinem der beiden Sender eine Rolle.

Was hat das mit dem schrill-modernen Interactive-/Gaming-/Musik-/Film-Festival South-by (wie man in Austin sagt) zu tun? Gar nicht mal so wenig, denn die tiefen ideologischen Gräben haben sich auch in der vollgepackten Veranstaltungswoche gezeigt – allerdings nicht durch polarisierte oder gar feindliche Auseinandersetzungen auf den Panels, sondern durch das so gut wie vollständige Fehlen der republikanisch/trumpistischen Perspektive – Amerika ist noch immer auf der Suche nach den Vereinigten Staaten. (Sorry, die Werbeeinblendung musste sein, aber der Claim zu unserem Buch aus dem vergangenen Jahr passt hier einfach zu gut).

Sicher ist es mehr als eindrucksvoll, was das Team der SXSW auf die Beine gestellt hat. Ein imposantes Programm, bei dem im täglichen Newsletter immer noch neue Highlights hinzugefügt werden (Katie Couric! Elon Musk! Melinda Gates! Mark Hammill! Midge Ure!). (Okay, Midge Ure fällt ein wenig ab in dieser Reihe, aber immerhin kam er als special guest zu einer Podiumsdiskussion über den Elektromusikpionier Conny Planck ins german haus, die nicht uncoole Offsite-Präsentationsbude der deutschen Wirtschaftsförderungstruppe).

Die SXSW war politisch absolut einseitig und daher in dieser Perspektive auch nicht besonders interessant, eher sogar enttäuschend. Zu beobachten war ein komplettes Abtauchen in der liberal-progressiven Filterblase, ein wehmütiger Rückblick auf das Präsidentschaftswahljahr und die Zeit danach. Richtig schlimm: Viele public intellectuals (Journalisten, Autoren, Wissenschaftler) stellen ihre eigene Erfolgs- und/oder Leidensgeschichte mit und nach Obama vor. Prominentestes Beispiel: Der Vorzeige-Intellektuelle Ta-Nehisi Coates (The Atlantic) jammert schon im Titel seiner Essay-Sammlung We were 8 Years in Power. Technisch gesehen ist das natürlich zutreffend und richtig, nur leider schaut kaum jemand nach vorne und macht Vorschläge, was nun folgt und wie sich eine progressive Linke gegen Trump und den republikanischen Rest aufstellen kann. Ostküsten-Professor Mark Lilla war zwar nicht in Austin, aber seine Diagnose aus The Once and Future Liberal schwebte über zahlreichen Panels – in einem immer kleinteiliger werdenden Streit über die eigene Befindlichkeit verliert ein linkes Lager zusehends an Zusammenhalt und Identität. Die identity politics der letzten Jahrzehnte wenden sich gegen sich selbst und überlassen einer zumindest ansatzweise pragmatisch agierenden Gegnerschaft das Feld. Dabei ist Trump aktuell gar nicht mal das größte Problem, er verschanzt sich zunehmend hinter der Fassade des Weißen Hauses, setzt das systematische Zerlegen der Washingtoner Machtzentren fort und schart seine follower um sich – nicht nur bei Twitter, sondern auch in Regierungs- Verwaltungsämtern. Auch das ist zwar schlimm, hat für die Vorbereitung der kommenden Kampagnen derzeit aber noch keine spielentscheidende Bedeutung.

Denn ob dieser radikale Ego- und Machtfokus auch längerfristig Folgen haben kann, wird sich wohl im November zeigen. Substanzielle Verluste in Haus und Senat könnten ein Signal für einen Wechsel nach nur vier Jahren sein – allerdings müssten die Demokraten dann allmählich auch einmal personelle Zeichen für 2020 setzen. Und das heißt: Schon Anfang 2019, denn aussichtsreiche Präsidentschaftskampagnen brauchen in aller Regel einen langen Anlauf. Nur: Woher sollen diese Signale kommen? Aussichtsreiche Gegenkandidaten sind bisher noch nicht zu erkennen, dass eine Kandidatur von Obama-Vize Joe Biden ernsthaft diskutiert wird, sagt bereits vieles (seine Kampagne wäre im übrigen auch die Ausnahme für eine „Sprint-Kandidatur“, die in schon laufende primaries eingreift).

Im föderalen System bietet sich eigentlich die Ebene der Bundesstaaten als Widerstand gegen die Hauptstadt an, doch bis auf Kalifornien, das sich als „natürliche“ Gegenmacht am anderen Ende des Kontinents geriert, ist noch nicht viel passiert. Etwas mehr Bewegung kommt aus den Städten, und das war auch in Austin zu spüren: Die Bürgermeister des Cities Summit waren politische Aktivposten bei der SXSW, die US-Mayors wissen um ihre Verantwortung als Gegenmacht zu einem Washington, das unter Trump immer schwächer wird. Sadiq Khan, der Gast aus London, hielt eine eindringliche, sehr politische Rede – in und zwischen den Zeilen. Mit seinem Auftritt platzierte er sich gleich zwischen mehreren Stühlen, als bekennender Trump-Gegner hielt er mit Kritik und Unverständnis nicht hinter dem Berg, als technophiles, dabei aber marktrealistisches Stadtoberhaupt bot er radikalen Datenaktiven die Stirn und nebenbei steuerte er als gewähltes Oberhaupt des Bremain-London gegen den Kurs von Premierministerin May. Viel besser kann man es nicht machen – leider blieb er die große Ausnahme.

Was ist sonst noch zu erwähnen? Im Technologie-Diskurs dominierten die (erwartbaren) Themen Blockchain und Künstliche Intelligenz, auffällig war hier die Differenz zwischen Elon Musk („AI ist schlimmer als Atomraketen“) und Ray Kurzweil („AI ist eine weitere dezentrale, auf Unterstützung des Menschen ausgerichtete Sammlung von Hilfsprogrammen“). Sie brachten ihre Einschätzungen in großen Einzel-Events vor (wie es sich für Titanen gehört) und nicht im Dialog miteinander – vielleicht programmiert demnächst ja jemand zwei Bots, die den Austausch dann aufgreifen und fortführen. Zuzutrauen ist der SXSW-Gemeinde ja grundsätzlich alles. Der digitale Alltag ist in den USA schon viel umfassender und gegenwärtiger als bei uns, die Gesundheitsthemen verzweigen sich inzwischen von digital wellbeing, über enhancements aller Art bis hin zur virtuellen (Un-)sterblichkeit. Auch stärker als in Deutschland und Europa macht sich der Einfluss von eSports bemerkbar – sowohl auf den Werbemarkt wie auch auf die Sportarten ohne vorgeschaltetes „e“. Eine ganze Konferenz-Sparte widmete sich der wachsenden ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung der erneuten Medialisierung des Sports.

Ein Fazit soll nicht zu nüchtern klingen – die SXSW ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und diese Menge an Talent, Enthusiasmus und Wissen kommt nicht bei vielen Gelegenheiten zusammen. Wie sich die Großveranstaltung in die – durch einen massiven Bauboom gerade etwas unwirtliche – Innenstadt von Austin einbettet und diese in eine multiple Erlebnislandschaft verwandelt, ist nicht anders als grandios zu bezeichnen. Eine in den analogen Stadtraum platzierte enhanced reality: Respekt, gerne mehr davon. Die Teilnehmer stehen vor der schwierigen (und immer unlösbaren) Aufgabe, selbst zu entscheiden, was man davon auf- und mitnehmen möchte. Daraus resultiert eine unsichere Navigation in einem durch gezielte Überforderung völlig überladenen Angebot – das ist schon eine ziemlich gute Metapher für die Lage der digitalen Gesellschaft und dürfte sehr wohl im Sinne der Veranstalter sein.

#ineigenersache: Ich bin dann mal… in Bochum

Montag, 12. März 2018

Es hat sich in den letzten Wochen angekündigt und so richtig neu ist die Information für viele nicht mehr, aber hier trotzdem noch einmal eine kurze Zusammenfassung: Ab dem 1. April 2018 bin ich für zwei Semester an das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum beurlaubt, um dort die Konzeption eines NRW-Instituts für Digitalisierungsforschung zu koordinieren.

Das ist eine sehr reizvolle und vielschichtige Aufgabe, die ich sehr gerne übernehme. Zurückgreifen kann ich dabei auf eigene Forschungsarbeiten seit 1995 (ups), meine Erfahrungen beim Aufbau des Gießener Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) sowie die vielen Gelegenheiten zur Diskussion von Digitalisierungsdingen im Umfeld von politik-digital.de. Ich freue mich, das Team um den Wissenschaftlichen Direktor Michael Baurmann, Geschäftsführer Tim Pfenner, Programmleiterin Esther Laufer und Kommunikationschef Matthias Begenat unterstützen zu können.

Kontakt und Austausch mit der NRW School of Governance und dem Institut für Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen bleiben natürlich bestehen – passenderweise starten dort ja gerade zwei spannende Projekte aus dem Arbeitsbereich des geplanten Instituts: Die von Isabelle Borucki geleitete Nachwuchsgruppe DIPART – Digitale Parteienforschung und das von Aline Franzke durchgeführte Promotionsprojekt Ethik und Verantwortung in der Digitalen Gesellschaft sind Teil der NRW-Förderlinie Digitale Gesellschaft.

Das „NRW-Landesinstitut“ (für das es noch keinen Namen gibt – ernstgemeinte Zuschriften bitte an @drbieber) soll sich insbesondere mit der sozial- und geisteswissenschaftlichen Perspektive einer aufkommenden Digitalisierungsforschung befassen. Es ist eine Folgeentwicklung der nordrhein-westfälischen Konsortialbewerbung zum „Deutschen Internet Institut“, aus der auch bereits das CAIS hervorgegangen ist. Die Hauptaufgaben der nächsten Wochen und Monate konzentrieren sich auf die Entwicklung einer Agenda, die Vernetzung bereits vorhandener Forschungsschwerpunkte in NRW und die Ausarbeitung eines organisatorischen Rahmens für das Institut. Es wird regelmäßige Updates zum Fortgang des Verfahrens geben, es empfiehlt sich daher immer mal wieder ein Blick auf die Website des CAIS und den begleitenden Twitter-Account @caisnrw.

Fortgesetzt wird auch meine analoge Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet (A52, A40, RE6, DVG, VRR, BOGESTRA), und zu den in diesem Kontext bisher immer wieder referenzierten Horst Schimanski und Helmut Rahn gesellt sich Herbert Grönemeyer. Bekanntermaßen hat er es ja schon 1985 gewusst, denn wer wohnt schon in Düsseldorf?

Eine Geschichte aus zwei Ländern?

Montag, 25. September 2017

Der 24. September gilt manchen schon jetzt als Zäsur, Bruch, Übergang in eine andere Republik. In den Prognosen rangiert die AfD bei 13% plus X, die Hochrechnungen korrigieren die Resultate bisher eher marginal – die massiven Verluste der Koalitionsparteien sind fix, die Lindner-FDP feiert, die Grünen freuen sich über einen späten Aufschwung, die Linken stagnieren solide.

Was sind nun die takeaways aus dieser Bundestagswahl,  worauf ist in der nächsten Zeit besonders zu achten? Da gibt es einiges: die Koalitions- und Regierungsbildung, die Oppositionskonstellation, die Wahlbeteiligung, die Größe des Bundestags, das gespaltene Wahlverhalten in West und Ost.

Zu den einzelnen Punkten wird in den nächsten Wochen noch vieles zu sagen sein, in der Wahlnacht zumindest noch eine kurze Anmerkung zum letzten Punkt der Aufzählung: aus politikwissenschaftlicher Perspektive interessant ist der Übergang von einem fluiden Fünf-Parteien-System (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP) zu einem fluiden Sechs-Parteien-System mit der AfD als Neuzugang. Neben dem Aspekt der Wandelbarkeit in der Rangfolge der Parteien (eben die „Fluidität“, die Wechselhaftigkeit der Ergebnisse) war auch bei fünf Parteien die Teilung des Parteiensystems in ein „westdeutsches“ und ein „ostdeutsches“ Wahlgebiet der noch spannendere Teil der Diagnose: während im Westen mit CDU (okay, CDU/CSU), SPD, FDP und Grünen vor allem vier Parteien den Großteil der Stimmen auf sich vereinigen konnten, war die Situation in den „neuen Bundesländern“ ganz anders: hier gab es mit CDU, SPD und Linkspartei drei vergleichsweise große Parteien, während Grüne und FDP oft die 5%-Marke verpassten. In der Summe resultierte eben jenes wechselhafte Fünf-Parteien-System, das auch die Piraten in den Wahlperioden 2009/2013 nicht aufbrechen konnten.

Erledigt hat diesen Job nun die AfD. Das Parteiensystem bleibt fluide, hat sich aber um eine sechste Partei erweitert und die Teilung wird fortgeschrieben. Um es klar zu sagen: die AfD ist kein ostdeutsches Phänomen, die Analysen der nächsten Tage dürften zeigen, dass es auch in den „alten Bundesländern“ eine solide Wählerbasis der AfD gibt, die sicher im zweistelligen oder zumindest im hohen einstelligen Prozentbereich abgestimmt hat (hilfreich sind hier die Visualisierungen unter wahlatlas.net). Dennoch ist die Situation im Osten eine andere. Dort gibt es Direktmandate für die AfD und durchweg enorme Zweitstimmenerfolge (in der Größenordnung um 20%), und zwar nicht nur in den „ländlichen Gebieten“, sondern auch in den Städten – also dort, wo man eigentlich einen anderen Trend, ein Abstimmungsverhalten ähnlich den alten Bundesländern, erwartet hätte.

Auf die Detailanalysen dieser Ergebnisse ist nun ein besonderes Augenmerk zu legen. Insbesondere der Freistaat Sachsen scheint einen genaueren Blick zu verdienen, für einige gilt er bereits als ein „Labor“, in dem sich die Effekte des Umgangs mit der AfD gut beobachten lassen. Im nächtlich-vorläufigen Ergebnis (0:41 Uhr, 11 von 16 Wahlkreise sind ausgezählt) hat die AfD dort die meisten Zweitstimmen erhalten (29,1 gegenüber 28.5 der CDU) – das sind Zuwächse von um die 20% (ähnlich ist es auch in Sachsen-Anhalt; in Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD zwar stark, aber nicht so dominant). In der eher langsam reagierenden deutschen Parteiendemokratie sind das Ergebnisse, die mindestens ungewöhnlich sind.

Eine gute grafische Darstellung zur Teilung des Parteiensystems (und es werden sicher noch einige folgen) liefert Julius Tröger vom Datenjournalismus-Team der Berliner Morgenpost – die neuen Bundesländer sind dominiert von den Erfolgen zweier Regionalparteien.

Noch etwas drastischer bildet diese Spiegel-Grafik die regionalen Differenzen ab (auf die Namensbezeichnungen in der großen Weißfläche hätte man gut und gerne verzichten können).

 

Jenseits der sozialwissenschaftlichen Deutung der Resultate ist es spannend, wie die Parteien – und vor allem eine künftige Regierung – auf diese Entwicklung reagieren werden. In Nordrhein-Westfalen gibt es seit Juni ein „Ministerium für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung“, das sich mit den Verwerfungen und Unebenheiten des Bundeslandes befassen soll – ist das ein Modell auch für die Bundesebene?

Von Antworten sind wir in dieser langen Wahlnacht noch weit entfernt, aber ein paar Fragen stellen sich vielleicht doch etwas deutlicher. Ist die Entwicklung in Deutschland doch vergleichbar mit den Ereignissen in Frankreich oder in den USA? Findet sich auch bei uns ein Wandel, der den drifts anderer Gesellschaften ähnelt? Formieren sich auch bei uns die „Hillbillies“ als politisch relevante Kraft (vgl. J.D. Vance, Hillbilly Elegy) oder ist Didier Eribons Rückkehr nach Reims der bessere Ratgeber für die politische Zukunft und Repräsentation der Arbeiter(„klasse“)? Wo ist die deutsche Entsprechung zu diesen aufschlussreichen Texten zur politischen Realität unter dem Eindruck des national-konservativen Populismus? Vielleicht liegt mit Moritz von Uslars Deutschboden aber schon längst die Schlüsselerzählung zur Bundestagswahl vor?

Darüber wird zu reden sein, das Jahr ist noch lang. Hier erstmal die Daten des Bundeswahlleiters.

Update: Frauke Petry verlässt zunächst die AfD-Fraktion und dann die Bundespressekonferenz (unter der „ausdrücklichen Missbilligung“ der Diskussionsleitung). Um daraus eine Aufspaltung in zwei Fraktionen abzuleiten, ist es wohl noch etwas früh, aber eine Kurzschlussreaktion dürfte es nicht gewesen sein. Rational wäre nun die Suche nach den besseren Möglichkeiten für die weitere Parlamentsarbeit. Ein weiterer Schauplatz für die Nachwahlanalysen, als hätten wir nicht schon genug.

Das Duell, das wir verdienen

Freitag, 1. September 2017

Am Sonntag ist es wieder so weit – das Kanzlerduell steht an. Und eigentlich ist dazu schon alles gesagt (vgl. diese unsortierten Altbeiträge hier im Blog), aber okay, ein paar Zeilen dürfen es auch in diesem Jahr wieder sein. Die Standards (Anzahl, Teilnehmer, Termin, Sendezeit und -dauer, Interviewer, Ablauf) lassen sich über die klassische Berichterstattung in den Traditionsmedien einsammeln. Auffällig ist dabei die allgemeine Empörung über den Modus des Duells und die angebliche „Erpressung“ durch die Amtsinhaberin – wie kann sie nur Einfluss nehmen und sagen „Ein Duell ist genug“ oder „Keine zwei Fragerunden mit jeweils zwei Interviewern“? Das macht man doch nicht, das ist eine Vorteilsnahme zu Lasten des Kontrahenten.

Nun ja. Angela Merkel macht das, weil sie es kann.

Denn es gibt keine Regeln für das Duell, die jeweiligen Rahmenbedingungen entstehen seit der Einführung 2002 immer erst im Prozess der Anbahnung des großen Fernsehereignisses – und dabei sitzt die Amtsinhaberin (oder vielleicht irgendwann mal wieder: der Amtsinhaber) am längeren Hebel. Ohne die Zustimmung aus dem Kanzleramt lässt sich keine Fernsehdebatte planen, arrangieren oder durchführen. So einfach ist das.

Es ist natürlich gar nicht einfach und birgt durchaus Probleme, so weist z.B. Günter Bannas in der FAZ vom 1. September auf die „Systemwidrigkeit“ des Duells hin – schließlich finden am 24. September keine Kanzler-, sondern Parlamentswahlen statt und die Reduzierung auf die Spitzenkandidaten führt zu einer (medialen) Benachteiligung der kleineren Parteien und deren frontrunner.

Ja, über all das ist viel geschrieben und eigentlich auch schon alles gesagt worden. Mein Fazit stimmt mit den Überlegungen zu den Debatten in 2002, 2005, 2009 und 2013 überein und lässt sich auf drei Worte reduzieren. Wir brauchen regeln. Das ist im übrigen auch der Untertitel eines Beitrags in der FAZ (erschienen im März 2016), der meine wesentlichen Bedenken und Hinweise zusammenfasst. Zentraler Ansatzpunkt ist das Fehlen einer Regelungsinstanz, die den grundlegenden Modus der TV-Debatten (die eben nicht zwingend ein Duell sein müssen, und schon gar nicht nur ein Duell) festlegt und als Vermittler zwischen den politischen Parteien und den (öffentlich-rechtlichen und kommerziellen) Medien auftritt. Die beispielgebende Commission on Presidential Debates liefert eine Blaupause, für die es in Deutschland keine Entsprechung gibt.

Stattdessen – bekommen wir die Debatte, die wir verdienen.

In schöner Regelmäßigkeit wiederholt sich also der Entstehungsprozess, der im geheimen beginnt (Politik und Medien suchen hinter den Kulissen das Gespräch), irgendwann eine mehr oder minder große Skandalisierung erfährt (Nur ein Duell! Erpressung! Ungerecht!) und schließlich in der Horserace-Berichterstattung vor, während und nach der Sendung mündet (Wer wird gewinnen? Wer schlägt sich besser? Wer hat verloren?).

„Hochrisikofernsehen“ ist das schon lange nicht mehr – geprägt hat den Begriff der US-amerikanische Duell-Beobachter Alan Schroeder, der sich ausführlich mit Debattenformaten auseinander gesetzt und eine sehr gute Darstellung der unterschiedlichen Phasen und Ebenen der TV-Gespräche vorgelegt hat. Schroeder spricht von einer „dreifachen Agenda“ der Debatten, bei der gleichermaßen Politik, Medien und Bürger einbezogen werden, arrangiert durch die Kommission als „Clearingstelle“. Genau diese Vermittlerposition fehlt jedoch in Deutschland, die Debatte – nein, das Duell – ist Produkt eines Klüngels aus Medien und Politik, das Publikum muss sehen, was am Sonntag übrig bleibt. Das ist weder zeitgemäß noch angemessen, es ist schlicht die Übersetzung des dualen Rundfunksystems in eine – aller Kritik zum Trotz – immer noch hochverdichtete, informationsreiche und manchen Stellen vielleicht sogar aussagekräftige politische Gesprächssendung.

Viel mehr ist dazu an dieser Stelle nicht zu sagen, wer mag, kann an anderer Stelle mehr und ausführlicheres lesen, es gibt sogar auch ´was mit Fußnoten:

Bieber, Christoph (2010): Das „Kanzlerduell“ als Multimediadebatte. Politische Kommunikation und Bürgerbeteiligung zwischen TV und Internet. In: Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Die Bundestagswahl 2009. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung. Wiesbaden. S. 236-258.

Die wirklich spannende Frage zum Duell 2017 ist jedoch die nach den Perspektiven für eine Modernisierung – und selbst die ist nicht neu, denn nicht erst Merkels twitternde Deutschlandkette hat gezeigt, dass das TV-Duell längst auch jenseits von Fernsehkamera und -bildschirm als Multimediadebatte weiterlebt. Neu angefacht wird diese Diskussion aktuell vom Format #DeineWahl, bei dem am 16. August Angela Merkel als Premierengast auf Fragen von vier YouTube-Persönlichkeiten geantwortet hatte (live zugeschaut haben“nur“ 55.000 Nutzer, inzwischen hat das Video knapp 1,8 Millionen Aufrufe).

Am 5. September, gerade mal zwei Tage nach dem „Kanzlerduell“ darf sich dort nun auch Martin Schulz beweisen – am Start sind nur noch zwei der vier Frager aus der ersten Auflage, ansonsten gelten die gleichen Regeln. Ach ja, Regeln… da war doch was.

Oder besser: da war eben nichts – denn auch die Digitalversion entwickelt sich im ungestörten Austausch von Politik und Medien bzw. Anbieter. Durchgeführt wird das Format im Berliner YouTube Space, als Produzent agiert der ProSiebenSAT.1-Ableger Studio 71 „in technischer Kooperation mit YouTube“. Jenseits der Realisation eines für ein deutlich jüngeres Publikum attraktives Politik-Format sind hier die gleichen Fragen (und auch Maßstäbe) anzusetzen wie für das „große“ TV-Duell: wer bestimmt Gästeliste, Abläufe und Inhalte? Wer legt die Themen fest und wer stellt welche Fragen? Und überhaupt: ist das nicht eigentlich auch „Rundfunk“?

Kurzum: hier wiederholt und aktualisiert sich die Frage nach der systemischen Passgenauigkeit prominent besetzter politischer Gesprächsformate in traditionellen und neuen Medienumgebungen. Und solange sich auf der institutionellen Ebene nichts ändert, solange bekommen wir eben die Sendungen, die uns die Verantwortlichen in Medien und Politik servieren. Dass sich das Mediennutzungsverhalten unter den Bedingungen der Digitalisierung massiv verändert und damit auch neue Teilpublika entstehen, die von der Politik adressiert werden müssen – das ist eine weitere Nebenlinie, die am Beispiel des TV-Duells immer deutlicher wird. Das (lineare) TV-Duell am Sonntag zielt auf ein zunehmend älteres Fernsehpublikum, die dezentralen Online-Formate erreichen mehrheitlich eine andere Klientel. Solche Entwicklungen werden in den nächsten Wahlzyklen noch sehr viel wichtiger werden und sie verweisen auch auf die – ungewisse – Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft.

Ach ja, läuft das TV-Duell eigentlich auch auf der funk-Plattform?

NRW: Too close to call

Freitag, 12. Mai 2017

Es ist mal wieder soweit: ein Landtagswahlkampf neigt sich dem Ende entgegen, die Zeit der „politischen Gesprächssendungen“ ist vorbei, die Wahlwerbespots sind versendet, die Flyer verteilt, die Stimmzettel gedruckt, die Wahlunterlagen versendet (die meisten jedenfalls, auf meine warte ich noch). Gerade sind noch einmal einige Umfragen erschienen (Bild/INSA, SAT1/YouGov, ZDF/FG Wahlen, Spiegel Online/Civey). Ordentlich (und in angenehm unbuntem HTML) informiert Wahlrecht.de mit den gesammelten Ergebnissen.

Was sagen uns die Umfragen? – das ist eine Frage, die ich im Laufe der Woche sehr oft gehört habe, ich habe darauf keine wirklich gute Antwort (und da bin ich nicht der einzige). Sicher kann man versuchen, aus den Daten der letzten Wochen (nicht: Tagen) gewisse Trends bzw. Einzeldynamiken herauszulesen, die zumindest etwas über die Performance der Parteien und deren Spitzenkandidat/innen aussagen können. Doch das ist nicht viel mehr als zwar unterhaltsame, aber nicht eben gut informierte „politische 1:0-Berichterstattung“ als Gegenstück zum US-amerikanischen horserace journalism. Und: Prognosen über den tatsächlichen Wahlausgang lassen auch diese Zahlenreihungen nicht zu – denn wie reagieren die Wähler auf die letzten Umfragen? Sorgen die zuletzt veröffentlichten Zahlen für eine Art priming-Effekt und überschreiben bisherige Überlegungen zur Stimmabgabe? Übersetzt sich der Vorsprung in der letzten Umfrage in den Sieg an der Urne am Sonntag? Was ist mit den Briefwählern, die schon längst abgestimmt haben? Am ehesten noch dürften die Zahlen auf das Kandidatenfeld und die sie begleitenden Journalisten wirken, die Stimmung auf den letzten Metern hängt sicher auch vom Ton der Berichterstattung ab und die Umfragen bieten bis zum Samstag auch Gesprächsstoff für die Abschlussveranstaltungen und den Smalltalk an den Info-Ständen.

Hat der Online-Wahlkampf Auswirkungen auf das Wahlergebnis? Auch diese Frage beschäftigt regelmäßig die Berichterstattung, üblicherweise wird sie mit einem „Im großen und ganzen nicht, aber…“ beantwortet. Das Online-Campaigning in Nordrhein-Westfalen fügt sich hier nahtlos in die Reihe der deutschen Digital-Wahlkämpfe ein, die sich durchaus informiert über die neuesten Entwicklungen zeigen, die Ansätze und Modelle aus den USA (auch für NRW ein Referenzwahlkampf wegen der zeitlichen Nähe) lassen sich aufgrund veränderter Ausgangsbedingungen aber nicht in gleicher Form realisieren. Trotzdem finden sich auch hier ähnliche Dynamiken (Renaissance des Haustürwahlkampfs, Erhebung und Einsatz ortsbezogener Wählerinformationen (zB mit der CDU-App connect17)) und sehr wohl gibt es auch kenntnisreiche Beiträge zur Online-Kommunikation (Video-Mashups mit FDP- und SPD-Material, Wahlspots im Mobilformat mit Youtube-Gesten bei den Grünen). Auffällig ist dabei sicher die Dominanz der AfD in den sozialen Netzwerken, aber das ist bei einer Parteiorganisation, die im Post-URL-Zeitalter aufgewachsen ist, nicht verwunderlich. Anders als bei den Piraten, die noch ein Wiki als zentrale Anlaufstelle für die parteiinterne Kommunikation genutzt haben, bilden nun Facebook-Seiten und Twitter-Profile den Kern des innerparteilichen Austauschs. So stabilisiert und stärkt sich der Zusammenhalt in den persönlichen Öffentlichkeiten und löst die AfD zu einem guten Teil aus der übrigen Wahlkampfkommunikation heraus. Innerhalb der eigenen Gruppe mag das erfolgreich sein, die Attraktion von unentschiedenen Wählern könnte so schwieriger werden. Und je stärker die anderen Parteien selbst mobilisieren können, desto schwieriger wird das Sichern von Proteststimmen für die AfD.

Was ist nun eigentlich mit dem Schulz-Effekt? Hier würde ich unterscheiden zwischen dem Aufmerksamkeitseffekt in den Medien (der sich in den vergangenen Wochen zunehmend abgenutzt hat) und dem Mobilisierungseffekt in Richtung der Parteiorganisation unterscheiden. Neben der kurzzeitigen Explosion der Umfragewerte hat die Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat eine Eintrittswelle in die SPD ausgelöst – wo aber sind denn nun all die Neulinge, die sich ein old-schooliges Parteibuch ins Regal gestellt haben? Sind die mehr als 10.000 Neumitglieder genau in den Landesverbänden eingetreten, die keine Wahlen vor sich haben? Waren die Eintritte nur symbolischer Natur? Wurden die aufnehmenden Ortsverbände überrascht und können sie die Neuankömmlinge nicht adäquat in die aktive Parteiarbeit einbinden? Der NRW-Landesverband ist mit etwa 117.000 Mitgliedern der mit Abstand stärkste in Deutschland, eigentlich hätte hier auch ein großer Teil der Neueintritte verzeichnet werden müssen. Was ist mit dieser (vermeintlich) hochmotivierten Gruppe passiert? Wo sind die aktiven, agilen Unterstützer im so wichtigen Wahlkampf vor der „kleinen Bundestagswahl“? Genau mit dieser spontanen Bewegungsenergie haben die Piraten in den Wahlkämpfen von 2011 und 2012 ihre Erfolge gefeiert, auch durch eine länderübergreifende Kooperation beim Plakatekleben und im Straßenwahlkampf. Kann es sein, dass die Sozialdemokraten (und auch die anderen Traditionsparteien, die als Reaktion auf die AfD-Erfolge ebenfalls über Eintritte jubeln) nicht in der Lage sind, eine kurzfristige Politisierung in spür- und sichtbare Dynamiken umzuwandeln? Und selbst wenn es sich bei den Trittbrettfahrern des Schulzzugs nur um junge, netzaffine Politik-Hipster handeln sollte – nicht einmal im Bereich des clicktivism, der rein digital geäußerten Unterstützung stechen die Follower- und Fan-Zahlen der SPD-Community besonders hervor. Ja, der Vorrat an Schulz-Memes ist beträchtlich, doch die Konversion in analoge Unterstützung ist bisher eher mangelhaft. Man darf gespannt sein, ob sich im Falle einer erneuten Wahlniederlage die Stimmung wandelt und der bislang unantastbare „Gottkanzler“ auch online Gegenwind erhält. Frei nach Bill Murray und dem anderen Zauberlehrling: Die GIFs, die ich rief, werd´ich nun nicht mehr los…

Und wo stehen wir nun am Wahlwochenende? Vor einer noch lange nicht entschiedenen Landtagswahl, deren Ergebnis aber wiederum nicht als Signal für die Bundestagswahl gelten kann. Bestenfalls stellen sich mit dem Wahlausgang in NRW einige Weichen für die Kampagnenplanung im Sommer neu – wie kann die SPD nach einer möglichen Großen Koalition im größten Bundesland glaubhaft in einen Wahlkampf gegen Angela Merkel und die Koalition im Bund gehen? Bringen die Düsseldorfer Koalitionsbemühungen neue, auch bundesweit erfolgversprechene Bündnisse hervor? Sorgt der ungewisse Wahlausgang für eine höhere Beteiligung oder bleiben die Wähler unbeeindruckt? Welche Folgen haben die internen Richtungs- und Führungskämpfe der AfD?

Fragen über Fragen – am Sonntag abend wissen wir mehr, bis dahin muss es wohl heißen: Too close to call.

 

Tschö Forschungssemester

Donnerstag, 23. März 2017

Da sich das laufende Semester dem Ende nähert, rückt allmählich die neue Spiel- bzw. Lehrzeit in den Fokus – für mich in diesem Jahr ein besonderer Wechsel, denn damit endet auch mein erstes Forschungssemester. Die Zeit seit dem 1. Oktober war durchaus ereignis- und auch ertragreich, neben dem längeren Aufenthalt in der Vila Sul, der Residenz des Goethe-Instituts in Salvador, stand vor allem die Arbeit an Nach Obama (offizieller Erscheinungstermin: 6. April) im Vordergrund. Nun aber geht die Aufmerksamkeit wieder in Richtung des akademischen Alltags und genau dazu sind in den letzten Tagen doch einige interessante Texte erschienen, die ich hier zu Archivzwecken einlagere. Kommentare und Hinweise auf weitere Materialien zu den Themen sind sehr willkommen.

1. Die Krise der Klugen – Wissenschaft und/in der Öffentlichkeit

Mal wieder führt die Politikwissenschaft eine Debatte um ihren eigenen Anspruch, Sichtbarkeit und Wirkung (von „Sinn“ spreche ich hier mal nicht). Das ist nicht neu, gab es zum Beispiel bereits im letzten Jahr („Fach ohne Ausstrahlung“) und wird von der DVPW auch ordentlich dokumentiert (vgl. hier). Nun wähnt Carlo Masala in der Zeit das Fach gleich ganz auf dem Rückzug und Manuel Hartung weitet die Thematik auf weitere Fächer aus und schließt auch die Studierenden in die Krisendiagnose ein.

In ihrer März-Ausgabe klinkt sich nun ich die Zeitschrift für Politikwissenschaft in die Debatte um Unser Fach Politikwissenschaft ein und versammelt mehrere Beiträge im Rahmen der Forums-Rubrik. Ich selbst verbinde die Diskussionen gerne mit dem pracademics-Begriff aus dem US-amerikanischen Kontext, zuletzt etwa im Nachgang zur Wahl von Donald Trump, als sich viele Wissenschaftler/innen geradezu gierig auf Weblogs als weapon of choice in der öffentlichen Debatte gestürzt haben (vgl. hier).

Ergänzung: In eine ähnliche Richtung zielt auch der Leitartikel von Heike Schmoll in der FAZ vom 1.4.2017. Unter der (Print-)Überschrift Wo bleibt der Mut? kritisiert sie Hochschullehrer und -leitungen, „das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit“ zu ignorieren, bzw. auf dem Altar des New Public Management zu opfern. In Gefahr sei daher die freie Wissenschaft, „gerade in Zeiten des Populismus und der einfachen Wahrheiten, in denen es nur ein kleiner Schritt von der „Lügenpresse“ zur „Lügenwissenschaft“ ist (online ist der Text übrigens direkter überschrieben mit („Professoren, mischt Euch endlich wieder ein!“).

2. Die Hölle der Hausarbeiten

Chef-Bolognakritiker Stefan Kühl ergänzt seine lose Folge von Beobachtungen aus der Hochschulwelt mit einem Text zur Frage „Warum wissenschaftliches Schreiben weiter nötig ist“ (FAZ vom 23. März, (noch) nicht online). Ein zentraler Punkt ist der „faktische Ausschluss von Hausarbeiten“ durch die systematische Überlastung der Studierenden mit Modul- und Modulteilprüfungen. Zitat: „Mit einer Mischung aus Multiple-Choice-Klausuren, mündlichen Prüfungen, Referaten und schriftlichen Gruppenarbeiten können inzwischen auch funktionale Analphabeten ihren Studienabschluss erlangen.“ Kühl erkennt den Wert der klassischen Haus- bzw. Seminararbeit an und fordert nach mehr Zeitressourcen für die Studierenden, um sich dieser anspruchsvollen Aufgabe angemessen widmen zu können. Interessant ist schließlich auch der Hinweis auf das Format der „Hausarbeits-Konferenz“, bei der Studierende die Texterzeugnisse ihrer Kommiliton/innen lesen und diskutieren.

Zum guten Schluss hat Kühl einen schönen Hinweis parat:

All dies ändert nichts daran, dass das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit eine Qual ist. Aber ein gutes Studium ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht nur ein intelligentes Vergnügen, sondern auch eine Schule der Härte und des Durchhaltens ist.

3. Die Schrecken der Schlechtachten

Passend dazu gleich noch ein weiteren Beitrag/Verweis: Der oft sehr lesbare und unterhaltsame Kollege Stefan Porombka berichtet regelmäßig in der Zeit aus seiner professoralen Praxis und hat sich diesmal die wunderbare Welt der Gutachten vorgenommen. Er schildert dabei verschiedene Vorgehensweisen, die sich im Bologna-Alltag (aber vermutlich nicht erst da) ausgebildet haben. Neben interessanten Einordnungen und Genre-Hinweisen zur Gut- bzw. Schlechtachten-Praxis hat der Professor auch einen Rat für Studierende zur Hand – nämlich den Spieß einmal umzudrehen, und die Gutachten genauer in den Blick zu nehmen. Es dürfte spannend werden, sich einmal mit den Resultaten seines Aufrufs zur Vorlage stilistisch, inhaltlich oder formal auffälliger Haus- und Studienarbeits-Gutachten zu befassen.

Nun aber zunächst weiter mit dem qualvollen Schreiben eines Lexikoneintrags.