Second Life. Besser als das erste?

AvaStarSie hätten gerne einen anderen Job, einen gut aussehenden Lebensgefährten und eine Traumvilla auf einer Insel in der Karibik?“ – Bild.de (14.12.2006) verrät seinen Lesern das „Geheimrezept“ dafür: Eine zweite Identität bei „Second Life“. Aufhänger für ein umfangreiches „Special“ über das Onlinespiel ist ein neues Boulevardmagazin aus dem Hause Springer: Mit „The AvaStar“ gründet Bild.T-Online ein eigenes Format innerhalb der virtuellen Welt – samt Verlagshaus und groß angelegter Werbekampagne. Damit ist Springer zwar nicht der erste Konzern, der das neue Terrain für sich nutzt (*), aber die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums dürfte den Machern sicher sein. (vgl. dazu auch den Bericht Schlagzeilen für die Scheinwelt, NZZ vom 19.1.2007)

second lifeIn Wien macht sich Der Standard (13.12.2006) Gedanken über das neue Onlinespiel und zitiert dabei Anton Fricko, IBM Experte für Emerging Technologies: „Das 3D-Onlinegame Second Life bereitet den Weg für eine neue Art der Internetnutzung“. Für Fricko ist Second Life nur der erste Schritt einer neuen dreidimensionalen Art das Web zu nutzen. Seien erst einmal die technischen Hürden aus dem Weg geräumt, erwartet der IBM Manager revolutionäre Veränderungen: „Die Art und Weise wie Menschen heute das Internet nutzen, wird künftig durch virtuelle Welten abgelöst“, erklärt er auf einer Pressekonferenz. „Die Webseiten befinden sich in der Welt selbst und man sieht nicht nur die gewünschte Information, sondern auch andere Personen, die gerade dasselbe Interesse haben.“

Eine gute Einführung in Second Life (SL) liefert der Wikipedia-Eintrag.

(*) z.B.: Spiegel Online (12.12.2006), Netzeitung (8.12.06), Der Standard (17.10.2006), Slinside.de(27.11.2006)

Update (22.12.): Während man sich in Deutschland über die SL-Weinachtsbräuche wundert (immerhin im heutigen Feuilletonaufmacher der FAZ) ist die US-amerikanische Rezeption der SL-Entwicklung schon etwas weiter. In der Online-Postille Valleywag liefert Clay Shirky eine skeptische Betrachtung (A Story to good to Check, 12.12.2006) und ordnet die Simulation in die schon etwas längere Geschichte virtueller Gemeinschaften ein. Wagner James Au antwortet als „embedded reporter“ aus einer Innenperspektive und versucht sich im Game-Blog GigaGamez an einer Einschätzung der Aufmerksamkeitswellen zu SL (Hype vs. Anti-Hype vs. Anti-Anti-Hype, 18.12.2006).

Hierzuland gibt es erst wenig guten Lesestoff, eine Ausnahme ist das sehr informierte Blog _notizen aus der provinz. das erste leben und das zweite von Markus Breuer, der zum Beispiel auch auf einen großen Bericht der ZEIT vom 4.1.2007 hinweist (der im übrigen tatsächlich lesenswert ist, da hier nicht nur schöne SL-Oberflächen und kapitalistische Erfolgsstories beschrieben werden, sondern auch die „dunkle Seite“ des zweiten Lebens mit Einbrüchen, Gewalt, Mafiastrukturen und Anarchie Erwähnung findet).

Update (1.1.2007): Nachdem die FAZ das SL-Weihnachten im Visier hatte, dienen der Medienwissenschaftlerin und Animationsforscherin Karin Wehn die Online-Feierlichkeiten zum Jahreswechsel als Aufhänger für eine erste Visite in SL (Silvester feiern in Second Life?, erschienen in Telepolis Online am 31.12.2006). In einer Mischung aus knapper medienwissenschaftlicher Einordnung und Erlebnisbericht von der ersten Stippvisite macht sie den ersten Schritt in Richtung anspruchsvoller SL-Beobachtung – und kündigt gleich die nächsten an.

kapitol slUpdate (5.1.2007): Christian Stöcker (Spiegel Online, 5.01.2007) berichtet über den Auftritt des demokratischen Abgeordneten George Miller im us-amerikanischen Kapitol (Version 2.0) – als Avatar mit grauem Anzug, weißem Schnurrbart und Brille innerhalb der virtuellen Welt von Second Life. Mit seiner Rede versucht Miller das Terrain von SL für die große Politik auszuloten: Wie ein „Kanarienvogel im Kohlenschacht“ fühle er sich dabei, so der Abgeordnete zu seinem Publikum. Ein wirklich „historischer Tag“ oder alles „kreativer Irrsinn“?

Update (12.1.2007): Es musste ja so kommen – wenn schon die Politiker SL für sich entdecken, war es doch nur eine Frage der Zeit bis zur ersten Demonstration im zweiten Leben. Interessanter Weise versammelten sich allerdings in einer (eher) französischsprachigen Zone des „Metaversum“ einige Polit-Avatare und bedrängten die SL-Parteizentrale der rechtsextremen Partei „Front National“ (FN). Damit beginnt wohl nicht weniger als ein neues Kapitel von Online-Demonstrationen.

Update (23.1.2007): SL wird böse – was die ZEIT (4.1.2007) schon andeutete verdeutlicht Andreas Rosenfelder in der FAZ: Der Terror ist in der Idealwelt angekommen. Das fortschreitende Wachstum der Community hat ganz offensichtlich auch das Konfliktpotenzial unter den Bewohnern erhöht. Der Artikel beschreibt einige exemplarische Streitfälle und fragt nach „materiellen Grundlagen des Rechts“ in einer weitgehend regelfreien Welt.

Update (6.2.2007): Die kritischen Stimmen zu den Entwicklungn in SL mehren sich – Karin Wehn, die sich schon einmal für das Online-MagazinTelepolis im zweiten Leben umgesehen hatte (siehe Update vom 1.1.2007), legt nun einen längeren Textzur „Neuen“ Neuen Ökonomie vor. Dabei liefert sie zahlreiche Impressionen von der noch recht neuen „electronic frontier“ und einen besonderem Blick auf die sich allmählich entwickelnde Digitalwirtschaft. Viel mehr als eine Vorstellung derzeit funktionierender Geschäftsmodelle des zweiten Lebens (Immobilienhandel, Programmierung von Objekten und Avatar-Fähigkeiten, „Zeitarbeit“) und einer knappen Würdigung der SL-Währung Linden-Dollar springt dabei jedoch nicht heraus. Die Organisation solch virtueller Märkte beschäftigte im übrigen vor kurzem auch eine Reihe hochrangiger Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln – Second Life beschäftigt also nicht nur Online- und Offline-Medien, sondern auch die als eher „träge“ eingeschätzte Wissenschaft. Und hier fragt man sich, warum SL überhaupt auf herkömmliche Marktkomponenten und -prinzipien setzt. Das ist die wesentlich interessantere Perspektive.

 

 

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3 Antworten to “Second Life. Besser als das erste?”

  1. Wahlkampfzeit in Frankreich « Internet und Politik Says:

    […] weiteren Kommunikationskanal. Künftig ist sie auch mit einer Dependance in der virtuellen Welt von Second Life zu finden. Was den Besucher dort erwartet, erklärt sie in einem kurzen […]

  2. rosch Says:

    “Second Life” ist in aller Munde … und man findet jede Menge Meinungen. Wissenschaftliche Betrachtungen, “Zeigefinger-Beiträge” von Pädagogen, Erfahrungsberichte von “Avataren”, Interviews mit “Machern”, Fachbeiträge von Soziologen, Werbegestaltern, Programmierern und und und …

    Anfängern, die eine leicht verständliche deutsche Einführung suchen, empfehle ich einen Blick auf die Site http://adocon.de, weil der auch für “Nichtexperten” verständliche Beitrag auch dieser vom “SL-Fieber” angesteckten Spezies die Chance bietet, in “Second Life” abtauchen.

  3. Second Life Reloaded « Internet und Politik Says:

    […] Mehr zu SL steht in diesem alten posting. […]

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