Endspurt in Frankreich (J-5)

Die netcampagne, der französische Online-Wahlkampf, neigt sich seinem Ende entgegen und die beiden verbliebenen Kandidaten haben die vorletzte Runde eingeläutet. Die Personen sind hinlänglich bekannt, ebenso die wesentlichen Wahlkampfthemen – allein die Wähler sind noch nicht so recht entschieden: Umfragen halten noch etwa jede fünfte Stimme für vakant.

Es gibt also „noch etwas zu holen“, und dafür legen sich Royal und Sarkozy noch einmal mächtig ins Zeug. Einen guten Eindruck davon geben die ausgefeilten Kampagnen-Websites: Ségolène Royals digitales Hauptquartier desirsdavenir.org fragt gleich auf der Einstiegsseite, ob man sich eher für aktuelle Ereignisse aus der Kampagne interessiert oder doch etwas über die Kandidatin erfahren möchte. Im zweiten Fall brennen die Webdesigner ein Feuerwerk aus Bildern, Grafik- und Textelementen ab, die auch gewiefte Powerpoint-Artisten mit Respekt betrachten dürften. Die präsidentielle Slide-Show ist das Online-Äquivalent zum klassischen Personality-Spot im TV oder der Videoplattform im Netz.

Der in den Umfragen knapp führende Nicolas Sarkozy hat sich von vornherein für eine Video-Existenz auf den unterschiedlichen Medienplattformen entschieden. Herzstück seiner Online-Kampagne ist daher ein ausgefeiltes System aus Clip-Formaten, die sich auf der Website sarkozy.fr unter dem Label NSTV zu einem audiovisuellen Mosaik zusammenfügen. Natürlich kann man die einzelnen Berichte, Kommentare oder Interviews auch nachlesen, doch die dominierende Schnittstelle zu den „internautes“ ist ein haselnusstafelgroßer Video-Player.

Und natürlich kennt die netcampagne noch weitere digitale Bildwelten, auch in der dreidimensionalen Wahlkampfwelt von „Second Life“ haben sich die Auseinandersetzungen zwischen Royal- und Sarkozy-Anhängern verschärft. So steht die mit großem Pomp eröffnete „Île Sarkozy“ zwar nicht vor dem Untergang, kürzlich wurde aber doch laut über eine Schließung nachgedacht. Dort hatten sich Fälle „visueller Umweltverschmutzung“ gehäuft, so dass die Betreiber angesichts einer Flut von Anti-Sarkozy-Parolen, Atommüllfässern, Hakenkreuzen oder Karl-Marx-Porträts den Inselbereich bereits mehrmals schließen mussten. Es scheint, als hätte das Comité 748, Royals Unterstützergruppe, die Hoheit in diesem Segment des digitalen Kommunikationsraumes erlangt.

Nun aber neigt sich die große Zeit der E-Politique wohl dem Ende entgegen – das alte Leitmedium Fernsehen holt zum großen Schlag aus und wird mit der morgigen débat télé vor einem Millionenpublikum die endgültige Diskurshoheit erlangen. In den letzten Tagen bis zur Stichwahl im Sonntag wird das Internet zwar noch Schauplatz hitziger Debatten darüber sein, wer denn wohl das Rededuell „gewonnen“ habe – aber die entscheidenden Schritte in Richtung Elysée-Palast erfolgen auf dem Fernsehbildschirm und nicht in der blogosphère, Netzcommunities, Videoplattformen oder Second Life.

Noch nicht.

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