Josef Joffe will das Abendland retten

Nachdem es lange ziemlich ruhig war in der deutschen Diskussion um Nutzen und Nachteil des Präsentationsprogrammes PowerPoint, hat sich nun mit Josef Joffe endlich wieder ein Großautor und Folienversteher zu Wort gemeldet („An die Wand geworfen“, Die ZEIT vom 26.7.2007). Und wie könnte es anders sein, auch Herr Joffe lässt kein gutes Haar an der bösen Software aus dem Hause Gates. Offenbar bewirbt er sich um den Titel des deutschen PP-Chefkritikers und will den mittlerweile emeritierten Stuttgarter Germanisten Heinz Schlaffer beerben.

Im Rahmen des Artikelpaketes „Schadensbericht Deutsch“ wettert Joffe nicht nur gegen „die Verengung des Geistes und der Sprache“, nein, es darf schon ein bisschen mehr sein: Der geistig-kulturelle Untergang nicht nur Deutschlands, sondern des gesamten Abendlandes wird implementiert, wenn nicht gar verwirklicht durch PowerPoint. Na bravo – angesichts dieser Tirade wirkt selbst Schlaffers Polemik noch vergleichsweise zahm und elegant.

Als belesene Edelfeder untermauert Joffe seine Argumentation mit einem vermeintlichen Kunstgriff: er übersetzt mit der Gefallenenrede von Perikles „eine der berühmtesten Ansprachen der westlichen Zivilisation“ in eine Fünf-Folien-Präsentation.

Wie originell. Joffe kopiert damit lediglich den Ansatz der berühmten Gettysburg Powerpoint Presentation, mit der Peter Norvig (Director of Research, Google Inc.) schon im Jahr 2000 ein Fanal gegen schlechte Präsentationen gesetzt hat. Abgesehen von dieser billigen Argumtentations-Beihilfe ignoriert Joffe auch andere Zweige der inzwischen doch schon etwas gehaltvoller gewordenen Debatte um computergestützte Präsentationsprogramme. Selbst in Deutschland gibt es Vertreter der aufgeklärten PP-Fraktion, längst sind „visuelle Präsentationen“ auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und im Herbst wird hier am ZMI der erste „Preis für Wissenschaftliche Präsentation und Lecture Performance“ vergeben.

Aber gut, schon eine nur wenig offenere Perspektive hätte natürlich die satt kulturpessimistische Haltung des Artikels zunichte gemacht (soviel zur „Verengung des Geistes“).

Ich persönlich halte es ja weder mit der deutschen (PowerPoint macht dumm), noch mit der amerikanischen (PowerPoint is Evil) Essenz der Debatte. Im Rahmen eines Vortrags im Mai 2007 habe ich versucht darzulegen, dass PowerPoint etwas anderes ist, nämlich schlecht. Allerdings – „schlecht“ im Sinne von Steven Johnson, der in den vermeintlichen Untiefen populärer Kulturerzeugnisse wie Computerspielen oder Fernsehserien große Potenziale erkennt und für den PowerPoint wohl zunächst nur ein neues Werkzeug wäre: „When new tools arrive, you have to learn what they´re good for, but you also have to learn the rules that govern their use“.

Aber das ist ja nur so eine amerikanische Oberflächlichkeit, hier im alten Europa steht ja gleich die ganze Kulturgeschichte auf dem Spiel. Mindestens.

PS: Auf Anfrage stelle ich das Skript des Vortrages Ist PowerPoint böse? gerne zur Verfügung. Warnhinweis: Es handelt sich um eine PowerPoint-Datei.

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3 Antworten to “Josef Joffe will das Abendland retten”

  1. steffen Says:

    Egal ob mit oder ohne Präsentationsprogramm, ein guter Vortrag wird immer noch durch den Redner selbst bestimmt. Das Problem ist: Wer nicht frei reden kann, kann in der Regel auch nicht powerpointieren.

    Die frage ist halt auch: Wer bringt wem, wann, wie bei, wie man eigentlich gut vorträgt? Ob mit oder ohne Präsentationsprogramm. Die Sache mit dem Neu-Sprech ist finde ich ein eigenes Thema. Einerseits regt es mich selbst auf, andererseits kommt man um bullshit-bingo verdächtige Floskeln bei manchen Themen einfach nicht rum…

  2. Max Mustermann Says:

    Die Frage in Verbindung mit PowerPoint sollte nicht nur lauten, ob der Redner reden kann. Sie sollte auch lauten „Sind die Rezipienten noch in der Lage dem Redner zu folgen ohne eine visuelle Darstellung?“ Was bleibt denn nach einem Vortrag überhaupt noch hängen? Leider bleibt meistens nicht viel übrig außer die Erinnerung an ein paar Merksätze aus der PPP. Die Leute können heutzutage sämtliche Fernsehserien auswendig, aber einem simplen Vortrag ohne Hilfsmittel können einige nicht mehr folgen und das ist das beschissene an PowerPoint. Das Programm ist weder böse noch schlecht. Es vereinfacht den Vortrag für den Rezipienten, erleichtert es dem Redner verständlich rüberzukommen und sorgt vielleicht über kurz oder lang dafür, dass die Fahigkeiten auf beiden Seiten sich zurückentwickeln.

  3. Die vielen Gesichter des Josef Joffe | emptysignifier Says:

    […] der das Internet für eine Bedrohung des klassischen Journalismus im Printformat und Powerpoint für den Untergang des Abendlandes verantwortlich hält (Quelle 1, 2) […]

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