Debatte oder Duell?

Wer hätte das gedacht? In der jüngsten Umfrage zur Landtagswahl liegen CDU (38%) und SPD (37%) Kopf an Kopf, Herausforderin Andrea Ypsilanti (48%, +6) hat Ministerpräsident Roland Koch (38%, -4) in der Persönlichkeitswertung sogar um unerhörte zehn Prozent abgehängt (Videozusammenfassung via Hr-Online).

Damit kommt die für den 18.1. angekündigte Pressekonferenz des HR zum „Fernsehduell“ gerade recht: zwei Tage vor dem am Sonntag ausgestrahlten und nicht erst seit jetzt mit erheblicher Spannung erwarteten medial vermittelten Schlagabtausch der Spitzenkandidaten rückt einmal mehr ein noch junges Format des Medienwahlkampfs in den Vordergrund. Im Verbund mit den gerade veröffentlichten Umfragedaten und des seit Jahresbeginn routiniert ablaufenden medialen Erregungsprogramms ergibt sich eine Woche vor dem Wahltag eine Situation wie aus dem Kampagnen-Bilderbuch.

Ein Auszug aus der Ankündigung zur Pressekonferenz lässt einen gewissen „Spektakel-Charakter“ erwarten: „Die Vertreter der beiden Parteien werden zudem eine Münze werfen, um zu ermitteln, wer zuerst und wer zuletzt antworten kann. Die Pressekonferenz wird in der Studio-Dekoration für das Fernsehduell im Studio 2 stattfinden.“

Man hätte ahnen können, dass die Debatten-Inszenierung auch auf der Landesebene von erheblicher Bedeutung sind – im Februar 2005 verspielte Heide Simonis in Schleswig-Holstein einige Sympathien durch einen schlecht vorbereiteten Auftritt gegen den in den Umfragen weit zurück liegenden Peter-Harry Cartensen – der Anfang vom Ende der bislang einzigen deutschen Ministerpräsidentin. Im gleichen Jahr sorgte eine der zwei Debatten zur schicksalhaften Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für Furore: das von RTL übertragene „Duell“ war von Friedrich Küppersbuschs Firma pro bono produziert worden, im CDU-Lager schimpfte man damals aber eine angeblich tendenziöse Auswahl von Einspielfilmen mit Bürgerfragen.

Was genau am Sonntag passieren wird, ist noch unklar, über die Regularien der Fernsehdebatte ist bislang noch nichts bekannt – das liegt daran, dass es in Deutschland keinerlei übergeordnete Instanz gibt, die sich mit Vorbereitung, Organisation und Durchführung befasst. Das Aushandeln von Debattendauer, Zugangsberechtigungen, Themenschwerpunkte, Frage-Antwort-Abfolgen, etwaige Einstiegs- oder Schluss-Statements obliegt allein den beteiligten Sendeanstalten und den Kandidaten für das Amt von Landesvater oder Landesmutter. In den USA werden solche durchaus sensiblen und manchmal auch debattenentscheidenden Regeln von der Commission on Presidential Debates festgelegt, überwacht und gegebenenfalls aktualisiert und überarbeitet (im Mutterland der fernsehöffentlichen Redeschlacht spricht man im übrigen keineswegs martialisch von „Duellen“, sondern sachangemessen von „Debatten“). Auch nach inzwischen gut sechs Jahren Erfahrung mit diesem neuen „Hochamt“ des Medienwahlkampfs ist eine solche „weiche“ Institutionalisierung nicht in Sicht. Das führt zu einem regelrechten Wildwuchs der Formate, der diesem Sonderfall des Polit-Talk durchaus auch Schaden zufügen kann.

Denn „Duell“ ist keinesfalls gleich „Duell“ – schon der Vergleich mit den am 23. Januar stattfindenden Debatten in Niedersachsen muss hinken: während die Debatte zwischen Koch und Ypsilanti („…aus terminlichen Gründen…“) bereits am Sonntag Mittag aufgezeichnet wird, treten Ministerpräsident Christian Wulff und sein Kontrahent Wolfgang Jüttner am Mittwochabend live vor die Kameras – jedoch „nur“ für 45 Minuten. Außerdem bietet der NDR auch den Vertretern der kleinen Parteien ein Debatten-Format an, um 18.15 Uhr stehen sich Philip Rösler (FDP) und Stefan Wenzel (Die Grünen) gegenüber. Ärgerlich ist diese Situation jedoch vor allem für die Linkspartei: mit derzeit 5% kratzt die neuformierte Partei an der wahlrechtsbedingten Sperrklausel, kann aber nicht auf die Mobilisierungswirkung eines derart prominent platzierten TV-Ereignisses spekulieren. Ohne weiteres hätte man hier auch eine Dreier-Runde organisieren können, schließlich gibt es in Deutschland ja keinerlei „Vorschriften“ für solche Veranstaltungen – nur wäre es dann eben kein publicity-trächtiges „Duell“ mehr.

Auch der Sendezeitpunkt der Debatten unterscheidet das hessische und das niedersächsische Format: Koch und Ypsilanti treten zur vermeintlich besten Sonntagssendezeit um 20.15 Uhr an (immerhin: es läuft kein (neuer) Tatort, nur eine fiese Karnevalssendung, eine Kreuzfahrtschmonzette und diverse Action-Streifen) – vielleicht wäre ja eine Live-Ausstrahlung der Aufzeichnung um 12 Uhr Mittags sogar die quotenträchtigere Variante gewesen. Wulff und Jüttner müssen sich gegen ähnliche Konkurrenz erwehren, die Casting-Highlights aus der 5. DSDS-Staffel dürften wegen zu geringer Zielgruppenüberschneidung nicht zu sehr auf die Quote drücken.

Ein größeres Problem ist hier jedoch die späte Positionierung im Wahlkampf – eine Redeschwäche oder gar ein Blackout ist bei dann gerade noch drei Tagen effektivem Restwahlkampf fast nicht mehr zu kompensieren. Bei der Terminierung „seines“ Duells hat der HR etwas mehr Glück gehabt (oder sich gar ARD-intern gegen den NDR durchsetzen können?) – denn ein spektakulärer Auftakt der letzten Runde im Medienwahlkampf ist durch eine ausführliche Nachberichterstattung gesichert.

Update (19.1.2008): Nur selten war am Samstag die Fernsehdebatte ein Thema, die FR wies nur mit einem Satz (und einer Überschrift) darauf hin; faz.net (bzw. die Rhein-Main-Zeitung) berichtete immerhin etwas ausführlicher über die Vorbereitungen der Kandidaten und die Liste der Diskussionsthemen. Der HR selbst fasste den Abschluss der Planungsphase ebenfalls nocheinmal zusammen.

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6 Antworten to “Debatte oder Duell?”

  1. Nicole Says:

    Scheint übrigens, als würden nun auch im Internetwahlkampf neue Ressourcen mobilisiert – die Umfrageergebnisse sind ja noch gar nicht so lange da, da verabschiedet ein Spot schon Roland Koch (übrigens mit Bildern, die vorher schon in einem Extra-3-Video waren):

    Es wird also nochmal spannend!

  2. Chefkoch Says:

    Tritt zum Duell Koch an? Oder kommt sein mindestens 10 Jahre jüngerer Buder (der auch auf diesem Plakat zu sehen ist und keine Hautprobleme hat)?

  3. Folke Says:

    Wir wollen dem HR doch nicht etwa unterstellen, dass da Photoshop o.ä. am Werke war? Die Debatte/ das Duell wird in jedem Fall interessant, da gucke ich doch keine (sicher strunzdämliche) Karnevalssendung. Zumal die ja auch nur aus der Konserve kommt…

  4. Lobby gegen Mobbing, Nachrichten & News Says:

    MOBBING: KEIN STATEMENT GEGEN MOBBING VON MINISTERPRSIDENT ROLAND KOCH IN HESSEN!

    Im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte um das Jugendstrafrecht des Hessische Ministerprsident Roland Koch, haben wir Herrn Ministerprsident Roland Koch (CDU) gebeten er mge sich doch mal zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz ussern.

    Roland Koch

  5. Hermann Says:

    Der Wahlkamps bleibt spannend!
    Die neuesten Aussagen von Koch und Ypsilanti gibts hier zum bewerten und diskutieren:
    http://www.trupoli.com/de/politiker/ypsilanti_andrea
    http://www.trupoli.com/de/politiker/koch_roland

  6. Townhall vs. Duell « Internet und Politik Says:

    […] Niedersachsen: Debatte oder Duell? […]

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