Amerikanische Versprechen?

Barack Obama: American Promises lautete der Titel des 30-minütigen TV-Spots, mit dem das demokratische Lager endgültig die letzte Runde im Kampf um das Weiße Haus eingeläutet hat (es sind mehrere Titel im Umlauf, u.a. auch American Stories, American Solutions). Nachdem auf die reichweitenstarken Fernsehdebatten vom September einige Tage Wahlkampf-as-usual mit den üblichen Scharmützeln unter den Konkurrenten gefolgt waren, dominierte Barack Obama am letzten Mittwoch vor dem Wahldienstag durch eine massive, bisher nicht gekannte Medienpräsenz. Zur besten Sendezeit um 20 Uhr Ostküstenzeit strahlten mehrere große TV-Netzwerke (u.a. NBC, CBS, FOX, MSNBC) ein Kandidaten-Infomercial aus, das wie schon das Parteitags-Portrait A Mother´s Promise im August von Davis Guggenheim (u.a. An Inconvenient Truth) produziert wurde.

Bereits die Platzierung im major network television ist Neuerung und Aussage zugleich, nie zuvor investierte ein Kandidat etwa 4 Millionen Dollar in prime-time-Sendezeit (vgl. die Artikel auf CNN und bei The Politico sowie die hilfreiche Interpretation der campaign biographic videos von Henry Jenkins ). Inhaltlich und formal setzte der Werbefilm den Stil des „Bewerbungsvideos“ der National Convention von Denver fort, zu sehen waren landestypische Impressionen wie das wogende Getreidefeld zu Beginn, Ausschnitte von Wahlkampfveranstaltungen, den Fernsehdebatten, unterlegt mit unaufdringlicher, leicht pathetischer Musik – und dazwischen immer wieder Obama als Erzählerfigur lässig auf einem Schreibtisch sitzend und über geplante Politikänderungen plaudernd. Zweites Kernstück waren eine Reihe von Familienschicksalen aus unterschiedlichen Landesteilen, die unter der aktuellen Politik zu leiden haben und auf den Wandel warten.

Neben den medien-, film- und kulturwissenschaftlichen Analysen deutet aber auch der eher oberflächliche Blick auf die Kampagenentaktik darauf hin, dass hier ein vorentscheidender „Wirkungstreffer“ gegen die republikanische Konkurrenz gesetzt werden sollte. Der ganze Mittwoch stand im Zeichen des Kampfes um den battleground state Florida, und kurz vor Ende der Sendezeit ging das Informercial in die Wahlkampfveranstaltung der running mates Obama und Biden in Sunrise über. Die Schlusssätze der Rede formatierten den zuvor ausgestrahlten Spot perfekt in den Kampagnenzeitplan ein – sechs Tage vor der Wahl ist dem demokratischen Lager ein weiterer Akzent im Medienwahlkampf gelungen. Und mit Blick auf die Gesamtstruktur der Medienkampagne bleibt festzuhalten, dass es neben John McCain, der angesichts Obamas massiver Sichtbarkeit vom Bildschirm verdrängt wird, noch einen zweiten Verlierer gibt: den TV-Journalismus. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade CNN den Spot nicht ausgestrahlt hat und auf die Pflicht zur Wahlberichterstattung „aus allen Perspektiven“ verwiesen hat. Von den großen Networks hat nur ABC sein Programm unberührt gelassen (die im Herbst notorisch beschäftigten Sportsender bleiben ausgeklammert). Das ungefilterte Ausstrahlen längerer Werbebotschaften war im Wahlkampf bislang die Domäne der Kampagnen-Homepages oder von Videoplattformen wie YouTube – die Öffnung der Wahlkampfschatulle für den Kauf von airtime garantiert hohe Reichweiten, blockt möglicherweise störende Fragen von Journalisten ab und bietet so wertvolle Vorteile zur Kontrolle der Kampagneninhalte.

Doch eine professionelle Medienkampagne bedient natürlich auch die Nachfragen aus dem journalistischen Lager: gut zwei Stunden nach dem protected mode des Infomercial war Barack Obama zu Gast zugeschaltet in der Daily Show von Jon Stewart (das Video dazu gibt es hier). Der Mittwoch war als Media Day vollständig in den Händen der Demokraten.

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3 Antworten to “Amerikanische Versprechen?”

  1. clemens lerche Says:

    ich komme ganz durcheinander mit der uhrzeit, dein blog zeigt noch sommerzeit an, der artikel ist schon in der vergangenheit, obwohl die daily show doch noch gar nicht war, oder? ;-) der hinweis auf Jenkins ist interessant. mit geld kann Obama in der tat den TV Journalismus umgehen und das medium TV für 30 min zum direkten kanal für sich „erkaufen“, so ungefiltert ist sonst nur das medium internet, dem er das geld mit zu verdanken hat. also gewinnt das internet mit ;-) hoffentlich auch die dortigen journalistischen analysen.

  2. internetundpolitik Says:

    Danke, guter Hinweis. Dann drehe ich gleich mal an der Uhr. ;-)

  3. Wissenswerkstatt | Wahlkampf 2.0: Individualisierte US-Wahlwerbung | kurz&knapp 50 Says:

    […] die AARP mit einem solch frischen Wahlspot glänzt. Im Vergleich dazu ist auch Barack Obamas 30-Minuten-Aufmarsch zur besten Sendezeit ziemlich angestaubt bzw. […]

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