In eigener Sache: Boston

(Warning: This post may contain elements of media sentimentalism)

Vor etwas mehr als zwölf Jahren begann die Vor-Ort-Recherche zum Online-Wahlkampf in den USA im Rahmen der Arbeit an meiner Dissertation mit einem Musikvideo: Richard Ashcroft, der seltsame Sänger von The Verve wanderte stoisch durch die Straßen einer nicht näher vorgestellten Stadt (im Zweifel: New York?), blickte starr in die Kamera und ließ sich durch nichts und niemand an seinem Spaziergang hindern. Mit dem Sound der Bittersweet Symphony im Kopf folgten dann gut fünf Wochen Eintauchen in die noch sehr fremde Welt der US-amerikanischen Internet-Szene. Im Gepäck damals: ein etwa vier Kilogramm schweres Notebook und ein paar Adressen der wenigen Internet-Forscher, die sich kurz nach dem Durchbruch des World Wide Web mit dessen Folgen auf Wahlkampf und Politik auseinandergesetzt hatten.

An fortgeschrittenes Equipment im personal media-Segment war dagegen nicht zu denken: Digitalkameras waren unerschwinglich (oder noch gar nicht im Markt?), Mobiltelefone gehörten noch eher in die Kategorie Weltraumtechnologie. Immerhin war im Vorfeld der Reise noch eine Modemkarte im inzwischen antiken PCMCIA-Format erstanden worden (zum Spottpreis von ca. DM 500.- gab es immerhin eine maximale Übertragungsrate von 28.8 K). Online von unterwegs war also möglich, der Uplink fand per analogem Modemkabel statt, wenn man Glück hatte, über einen lokalen und in den USA kostenlosen Einwahlknoten des Internet-Providers AOL. Mit diesem minimal set der mobilen Datenfernkommunikation konnte man aber immerhin schon etwas anfangen – die E-Mail-Korrespondenz mit der akademischen Heimat war sicher gestellt (privat nutzte man eher die aus dem Reiseführer bekannte Technologie der calling card – das Skype der frühen Tage).

Nach ein paar Tagen vor Ort stellte sich heraus, dass es einiges zu berichten gab: zum Beispiel über die „aus dem Boden schießenden“ Internet-Cafés, in denen man entweder für teures Geld ein paar Stunden auf schnellen Maschinen im Internet surfen oder zeitgemäße Computerspiele spielen konnte. In den ganz vornehmen Varianten gab es sogar Rechner, die mit einer externen Kamera (!) ausgerüstet waren, so dass digitale Beweisfotos von der innovativen Telearbeit möglich waren (das hieß dann CU-SeeMe). Herrliches Material für kurze Berichte von der digital frontier. Doch wie teilt man diese Neuigkeiten den Daheimgebliebenen mit? Die eigene Website gab es zwar schon (und gibt es noch, als digitales Datenmuseum: www.spokk.de), aber von außerhalb des Hochschulnetzes war kein Zugriff und also auch keine Aktualisierung möglich. So half nur die Kollaboration mit den Mitforschern in Mittelhessen: die Texte wurden per E-Mail nach Gießen versendet und dort hinter der universitären Firewall auf die Website geladen. So entstanden die NotebookNotizen, eine Art Forschungsjournal aus der Fremde. Heute würde man das vielleicht als frühen Blog-Versuch bezeichnen – wenn Blogs denn noch auf der Höhe der Zeit wären.

Der Feldausflug im Jahr 2008 sieht etwas anders aus, fühlt sich aber doch irgendwie bekannt an. Richard Ashcroft läuft jetzt auf dem iPod, genauso wie die Soundtracks zu Finanzkrise (Heaven 17: Penthouse and Pavement), Präsidentschaftswahl (Morrissey: America is not the World), World Series (Belle & Sebastian: Piazza, New York Catcher) und Abenden allein im Hotelzimmer (The Album Leaf, Air, Phoenix). Auf einer Google-Map sind die Orte verzeichnet, an denen man die Interviewpartner trifft (die man aber schon als Facebook-Freund kennt) und gleich wird auf Twitter die Location von Deutschland auf Ostküste umgestellt.

Während ein Highlight der 1996er-Reise die Live-Begleitung einer Debatte in einem New Yorker Internetcafé war (vgl. hier), wird in diesem Jahr der election day in New York verfolgt. Dann vermutlich inklusive Live-Schaltung nach Deutschland per Skype (allerdings wohl nur mit Ton, denn das aktuelle Notebook ist etwas kleiner und leichter, hat aber keine Kamera).

Und natürlich ist der Zugang zum hiesigen Weblog inzwischen etwas unkomplizierter geworden. Trotz aller Verfallserscheinungen dieses einstigen Modeformats wird es auch weiterhin beibehalten, flankiert von kleineren Eintragungen im weltweiten Getwitter. In diesem Sinne: stay tuned

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Eine Antwort to “In eigener Sache: Boston”

  1. Jan Says:

    Viel Spaß und Erfolg in der kommenden Woche! :)

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