Election Countdown: Monday (AM-Edition)

Nur noch ein Tag, und dann ist ein langer, langer Präsidentschaftswahlkampf vorbei (natürlich besteht die Möglichkeit der Verzögerung durch Nachzählung bzw. Anfechtung, doch die blenden wir hier zunächst einmal aus). Zeit für ein kurzes Resümé, das eine – natürlich nur vorläufige – Einordnung der Rolle des Internet in diesem vierten Präsidentschaftswahlkampf unter Online-Bedingungen unternimmt (bei der New York Times hatte man eine ähnliche Idee).

David Carr und Brian Stelter präsentieren in ihrem Artikel Campaigns in a Web 2.0 World zahlreiche Errungenschaften der Netzkampagnen, würdigen Barack Obamas Adaption der Social-Network-Plattformen, konstatieren aber auch, dass bei der McCain-Kampagne nicht alles digitale schlecht war. Besonderes Augenmerk richten sie auf die Verschmelzung der verschiedenen Medienumgebungen, als wesentliche Triebfeder gilt ihnen dabei die Videoplattform YouTube. Damit beschreiben die Autoren zwar in der Tat eine wichtige Entwicklung, die allmähliche Ablösung des Fernsehens als audiovisuelles Leitmedium, doch dies ist nur ein Segment der Web 2.0 World – und nicht unbedingt das mit der stärksten Verankerung im Social Web oder „Mitmach-Netz“.

Bei einer Rückschau auf den Online-Wahlkampf fallen natürlich die zahlreichen Web-Videos auf, auch und gerade weil sie sich so gut in das bekannte Muster der medialisierten Kampagnenformate einfügen – etwas harscher ausgedrückt könnte man auch sagen: alter Wein in neuen Schläuchen (das etwas abgegriffene Wortspiel passt hier sogar ziemlich gut, zielt es doch auf den Distributionsweg). Die vielen Videos, angefangen mit den Kandidatur-Ankündigungen von Clinton und Obama früh im Jahr 2007, über erste Angriffskampagnen im Vorwahlkampf (Clinton/Big-Brother), externe Unterstützerbeiträge (Obamagirl, Yes we can-Musikvideo) bis zu den Fey/Palin-Parodien aus dem Saturday Night Live-Umfeld stellen gewissermaßen den „missing link“ zwischen Fernsehoberfläche und Computerbildschirm dar, der auch nach Ansicht der NY-Times-Autoren in den nächsten Jahren vermutlich verschwinden dürfte.

Die vielleicht stärkste Verschmelzung dieser audiovisuellen Plattformen war jedoch während der TV-Debatten zu beobachten – die Digitalisierung der Debatten mit ihren verschiedenen Facetten (Mail-in- bzw. Video-in-Questions, mydebates.org, Hack the Debate, Open Debate Coalition) hat eine Schwelle überschritten, hinter die auch in den nächsten Wahlen nicht mehr zurückgegangen werden kann. Die Einbettung von Bürgerfragen oder die Rückkopplung an ein Instant-Feedback wird mindestens in den USA ab 2008 die Regel für solche Diskussionsformate sein, vielleicht sind Spuren davon auch bereits bei der Bundestagswahl 2009 in Deutschland erkennbar.

Dennoch wird die eher fernsehorientierte Nutzung des Web 2.0 nicht als das entscheidende Element der 2008er-Kampagne in die gar nicht mehr so junge Geschichte des Online-Wahlkampfs eingehen. Dieser Status gebührt der Nutzung der Social Network Sites, allen voran Facebook, gefolgt von MySpace. Hier lohnt ein etwas genauerer Blick – siebenstellige Unterstützerzahlen für die Kampagnen bei Facebook sind natürlich ein gewaltiger Wert, doch die für die Gestaltung der Kampagnen als Web 2.0-Campaigns sorgte noch mehr die Integration von Anwendungselementen und -routinen in die Kandidaten-Homepages, die dadurch gewissermaßen zu eigenen Social Network Sites mutiert sind. Die durch eine formale Registrierung auf mybarackobama.com oder johnmccain.com erreichte Bindung der Unterstützer an den Kandidaten trägt bisweilen Züge einer „Mitgliedschaft“ wie sie etwa in den deutschen Parteiorganisationen zu finden ist (oder vielleicht auch: war). Dies gilt zwar weniger in Bezug auf formale Zugehörigkeit und Exklusivität, wohl aber mit Blick auf die von den Kampagenen gewählte Organisationsstruktur: die strikt geographische Einteilung der Unterstützer, von der Ebene der Bundesstaaten bis hinunter auf Wahlkreiseebene reichend, spiegelt die bekannte Pyramide der Orts-, Bezirks- und Landesverbände deutscher Parteien. Erreicht werden kann damit offenbar eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der Kampagne im Bereich des ground game, wenn es in Vorgärten und an den Haustüren um die direkte, persönliche Wähleransprache geht. Diese durch eine Art Crowdsourcing gewonnene Handlungsfähigkeit innerhalb der eigenen Unterstützerbasis stellt nicht nur für die Kandidaten, sondern vielleicht auch für den politischen Prozess insgesamt eine wertvolle neue Ressource dar.

Die entscheidende Frage für die Zeit nach der Wahl wird von den Kampagnen selbst bislang nicht addressiert und auch die Bürger scheinen vollständig auf den Wahltag fixiert – doch was geschieht mit den registrierten Unterstützern nach dem 4. November? Wird die neu gewonnene Verankerung in der Basis in eine dauerhafte Struktur transformiert, die Ressource und Rückkanal direkt ins Weiße Haus darstellen könnte? Folgt auf die Campaign 2.0 auch eine Presidential Politics 2.0? Kann so etwas überhaupt funktionieren, und wenn ja, wie? Die gleiche Frage stellt sich im übrigen auch für den unterlegenen Kandidaten: ist es unrealistisch, gleich nach der Wahl mit dem Aufbau einer Netzwerkstruktur für 2012 zu beginnen? [Update: das ging schnell – bei Techpresident.com unternimmt Mark Drapeau einen Antwortversuch: Presidential Transition 2.0: How to Use New Social Media.]

(Weitere Überlegungen zu anderen Entwicklungen im Web 2.0 (u.a. Twitter) folgen in Teil II, der PM-Edition)

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