This is not a Town Hall Meeting

RTL-Fragestunde mit der Kanzlerin im „protected mode“

Sonntag abend, 21.45 Uhr, RTL: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu Gast im Town Hall Meeting zum Auftakt der Debattensaison im Wahljahr 2009. Mit viel Aufwand hatte der Privatsender die „Bürgersprechstunde“ als Konkurrenzformat zu den Fernsehdebatten angekündigt, doch schon beim ersten Blick ins Studio wurde deutlich, dass das Sendekonzept nicht wirklich etwas mit der US-amerikanischen Variante des lockeren Plauschs von (mehreren) Politikern mit einem Bürger-Sample zu tun hatte. Für die Kanzlerin reserviert war ein bequemer Sitzplatz neben Moderator Peter Klöppel (der nach der Werbepause die Rolle mit Maria Gresz als Publikumsbetreuer tauschte), von dort aus beantwortete sie ruhig und sachlich die Fragen der geladenen Gäste. Heimlicher Sieger des Abends: Twitter.

Eine Rezension der Sendung und deren Online-Feedback via Twitter ist zugleich bei CARTA und politik-digital erschienen.

In den USA gelten Debatten im Town Hall Style eher als lockeres und vergleichsweise friedliches Format, das sich auch in der „Bewegungsfreiheit“ der Politiker dokumentiert: John McCain und Barack Obama nutzten ihre Bühne im vergangenen Herbst für kleine Ausflüge in Richtung Publikum und setzten auch Mimik und Gestik weit offensiver ein als in den stärker verregelten Debatten unter Anleitung eines Single Moderator. Die Platzierung der Kanzlerin auf einem zentralen, leicht erhöhten Sitzplatz festigte ihre Position als Regierungschefin, der man besser nicht zu nahe kommt – entsprechend zahm waren die Fragen, manchen Fragesteller machte die hierarchische Kommunikationssituation zudem nervös.

Im Kontrast dazu stand die Ruhe und Gelassenheit, mit der Angela Merkel auf die an sie gerichteten Fragen einging – bisweilen wirkte die Sendung dadurch arg choreografiert, in den Augen einiger Kritiker auch „gestellt“ bzw. „abgesprochen“. Neben den zahlreichen Einspielfilmen mit knappen Fragen aus der Fußgängerzone („Wird es eine Mehrwertsteuererhöhung geben?“) leistete dazu auch die zeitversetzte Ausstrahlung einen Beitrag, aufgezeichnet wurde bereits am Nachmittag im RTL-Hauptstadtstudio. Gerade zum Ende der Sendung häuften sich plötzliche Schnitte und klar erkennbare Kürzungen, gelegentlich belohnte verfrühter Studioapplaus die Merkel-Antworten und sorgte vor allem bei Twitter für hämische Kommentare.

Hatte sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung morgens noch über die „heiße Luft“ lustig gemacht, für die Deutschlands Polit-Twitterer sorgen würden, zeigte das Format erstmals während eines deutschen TV-Events seine Stärken. Nicht etwa der von RTL angebotene Live-Chat fungierte als Kanal für ein adäquates Online-Feedback, sondern der 140-Zeichen-Service verlängerte das Town Hall Meeting ins Internet (warum RTL während einer Aufzeichnung überhaupt einen „Live-Chat“ anbietet, bleibt das Geheimnis der Redaktion). Auf institutioneller Seite setzte die SPD mit „Nordkurve Live“ (vgl. @spdde; #nklive) der Kanzlerin einen „Fakten-Check“ entgegen, für die Grünen ging Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke mit bissigen Kommentaren an den Start (vgl. @SteffiLemke).

An dieser Stelle schon mal die Frage an die Vertreter der „etablierten Medien“ – wo war eigentlich der „professionelle Journalismus“ am späteren Sonntagabend? Jedenfalls nicht online. Die Wahlberichterstattung der überregionalen Tageszeitungen, aber auch der großen Fernsehsender gibt mit Blick auf die neuen Medien viele Rätsel auf. Während Parteien und Politiker mit schöner Regelmäßigkeit für ihre Bemühungen um eine zeitgemäße Nutzung der digitalen Medien (Stichworte: Twitter, Facebook, YouTube) getadelt werden, glänzen Spiegel Online, Süddeutsche, Welt, FAZ und andere durch digitale Enthaltsamkeit – vor allem dann, wenn es um das Experimentieren mit neuen Formaten geht (nebenbei: der Artikel der Sonntags-FAZ zu den peinlichen Performances im politischen Twitterland war noch nicht einmal online lesbar).

Dass aber erst gar nicht das Gefühl einer digitalen Lücke aufkam, dafür sorgten die „ganz normalen“ Internet-Nutzer: während der Sendung liefen unter den im Twitter-Jargon „Hashtag“ genannten Kennzeichnungen „#townhall“, „#merkel“ und „#rtl“ zahlreiche Sofortkommentare auf, die sich unmittelbar mit dem Sendungsinhalt auseinander setzten (ein Nachlesen ergmöglicht die Twitter-Suche nach den entsprechenden Begriffen, z.B. http://search.twitter.com/search?q=%23rtl).

Entstanden ist auf diese Weise eine Ahnung davon, was durch die Zusammenschaltung eines bisher dispersen, am heimischen Bildschirm vereinzelten Publikums entstehen kann: ein kollektives Feedback auf ein durch das Fernsehen zentralisiertes Kommunikationsangebot, das einen unmittelbaren Rückkanal nicht kennt. Genau darauf basierten die spannendsten Twitter-Anwendungen im US-Wahlkampf des letzten Jahres – und nicht etwa in den automatisierten Veranstaltungshinweisen, mit denen der von deutschen Journalisten für seine digitale Omnipräsenz gefeierte Barack Obama seine Follower langweilte.

Was bleibt also vom Town Hall Meeting als neuem Format im deutschen Medienwahlkampf? Vor allem die Erkenntnis, dass der Titel der gestrigen Sendung mit dem Inhalt nicht wirklich etwas zu tun hat – auch wenn eine Einbindung der Bürger als „journalistische Unbekannte“ in das Sendekonzept geplant war, so hat sich RTL große Mühe gegeben, der Kanzlerin eine Diskussion im „protected mode“ zu ermöglichen. Beinahe alle unbequemen, unvorhersehbaren Momente, die eine echte „Bürgersprechstunde“ hätte bringen können, wurden von der restriktiven Formatierung durch den Veranstalter eingefangen. Heraus gekommen ist zwar ein durchbaus brauchbares Format politischen Informationsfernsehens, allerdings kein echtes Town Hall Meeting. Es war eine Interviewsendung mit multiplen Fragestellern, eine Mischung aus Laien- und Profi-Journalismus.

Derart geschützt durch ihre medialen Bodyguards zeigt sich die Kanzlerin gerne mal ihrem Volk – denn selbst wenn etwas schief gegangen wäre, die zeitversetzte Ausstrahlung ließ alle Türen zur nachträglichen Glättung offen. Auf das subversive Durchbrechen dieser Sendesituation muss die interessierte Öffentlichkeit mindestens bis zur nächsten Auflage (in Vorbereitung: Frank-Walter Steinmeier) warten – vielleicht twittert dann ja ein Bürger von der Zuschauertribüne im Studio. Schön wär´s.

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

4 Antworten to “This is not a Town Hall Meeting”

  1. Harald Staun Says:

    Ein paar Anmerkungen zu meinem FAS-Artikel und der Kritik, hier, dort, und auf Twitter.

    Ich habe das Gefühl, Sie kultivieren einen Gegensatz, der ebenso pauschal ist, wie die kulturpessimistischen Auslassungen einiger meiner Print-Kollegen über „das Internet“, „die Blogger“ usw. Warum man sich, zum Beispiel, nicht am Morgen über die Aktivitäten von Politikern auf Twitter lustig machen kann, obwohl der Dienst am Abend in einem ganz anderen Zusammenhang seine Stärken zeigt, will mir nicht einleuchten. Was soll ich denn meinem Kollegen aus Literaturressort sagen? Dass er besser keine schlechten Autoren mehr kritisiert, weil es ja passieren könnte, dass er dann doch mal wieder ein Buch liest, das die Stärken der deutschen Sprache beweist?
    Und was hat die „digitale Enthaltsamkeit“ mit der Qualität des Textes zu tun? Gehört nicht zu den wenigen halbwegs plausiblen Erkenntnissen, die sich beim Umbruch der Mediennutzung abzeichnen, die Ansicht, der Printjournalismus müsse sich vom Online-Journalismus unterscheiden? Glauben Sie tatsächlich, es wäre ein Fortschritt, wenn Live-Blogger im Dienste von FAZ oder „Zeit“ Ereignisse wie das sogenannte Townhall Meeting begleiten? Müsste man dann nicht auch allmählich „das Kino“ kritisieren, dass am Tag nach der Veranstaltung der Film zum Fernsehabend noch immer nicht fertig ist?

    Ich bin mir nicht sicher, ob einzelne Versuche, die Sache differenzierter darzustellen, ihre These „dass alte medien polit. onlinekommunikation nur als konkurrenz wahrnehmen können“, schon entkräftet; ich frage mich nur, ob es sachdienlich ist, Pauschalkritik mit Pauschalkritik zu bekämpfen.

    Ich gebe ja gerne zu, dass es leicht fällt, meine Artikel als Diffamierung von Twitter zu verstehen; das setzt aber voraus, dass man von einer hermetischen Wirkungsweise von Medien ausgeht und reflexartig solidarisch reagiert, sogar auf Kritik an jenen, denen ja nicht nur von „etablierten Medien“ beschieden wird, sie hätten die Vorteile von Twitter nicht verstanden (fragen Sie doch mal Herrn Roggenkamp). Und weil mein Text natürlich nicht als große Hymne auf Twitter angelegt war, kann ich absolut akzeptieren, dass man mir jetzt seine persönlichen Erweckungsgeschichten um die Ohren haut. Was ich nicht verstehe, ist der Eifer, mit dem man einen Text, der nirgends den Anspruch erhebt, den allgemeinen Sinn und Zweck von Twitter zu erörtern, sondern dem es um eine exemplarische Übersicht eines konkreten Phänomens geht, in die Schublade „ahnungsloser Printjournalismus“ einordnet. Mag ja sein, dass Sie es als Versäumnis empfinden, dass ich z.B. nicht auf die dialogischen oder andere webzwonulligen Vorzüge eingehe; ich befürchte nur, der Vorspann zu meinem kleinen Politikeralbum wäre dazu nicht der richtige Ort gewesen.

    Was mich interessierte, war eben die „neue Form der Eigenvermarktung, die sich an den selbstdarstellerischen Bemühungen ablesen“ lässt; und diesmal eben nicht die schon tausendmal durchdeklinierte Web2.0-Debatte. Dass ich in dem Artikel explizit offenlasse, ob an den von mir als uninteressant befundenen Texten „Twitter schuld ist, die Politik – oder doch das hartnäckige Missverständnis, es käme bei der Sache auf die Qualität der Texte an“, muss für diese Sippenhaft dann eben großzügig ignorieren.

  2. internetundpolitik Says:

    Erstmal besten Dank für den ausführlichen Kommentar – ich hoffe, die anderen Adressaten schließen sich an und es entsteht eine gelungene Folgekommunikation.

    Vorab: als platte „Pauschalkritik“ die auf einen per se „ahnungslosen Printjournalismus“ zielt, verstehe ich meine Anmerkungen nicht, in meinem ersten Tweet rede ich von einer „These“: „#FaS liefert neue beweise für these, dass alte medien polit. onlinekommunikation nur als konkurrenz wahrnehmen können. daher: kritikzwang!“ Die „Materialsammlung“ dazu ist schon etwas länger, und die „Beweisaufnahme“ ist noch nicht abgeschlossen, ebensowenig mein abschließendes „Plädoyer“.

    Vielleicht erst einmal zum mE gar nicht so ganz anderen Zusammenhang zwischen Morgenzeitung und Abendfernsehen: in ihrem Artikel machten Sie sich auf die – erfolglose – Suche nach sinnvoller Twitternutzung durch Politiker, die jedoch nicht wissen, was sie dort tun (sinngemäß). Immerhin war während der RTL-„Townhall“ unter @spdde das Wahlkampfteam der SPD im Willy-Brandt-Haus am Start, und mit @SteffiLemke die Bundesgeschäftsführerin der Grünen. Man könnte nun meinen, hier hätten Vertreter „der Politik“ (Pauschalurteil, schon klar) durchaus eine Idee davon, was man mit dem Medium anstellen kann. Daher sehe ich durchaus eine Verbindung zwischen der „heißen Luft“ und dem eben nicht „ganz anderen Zusammenhang“.

    Und zum Live-Bloggen: die US-Wahl hat sehr gut gezeigt, dass sich die „Post-Debate-Debate“ (Alan Schroeder), bei der es um die Analyse, Bewertung, vielleicht aber auch um die Um-Deutung des Debattengeschehens geht, immer näher an das Ursprungsereignis herangerückt ist. Von der klassischen Rezension in der Zeitung des Folgetages über die Spätnachrichten zur „Post-Debate-Show“ unmittelbar nach dem Handschlag der Diskutanten – und durch dieses fiese „Echtzeit-Internet“ findet eine Debattenkommentierung nun eben bereits während der Diskussions-Events statt. Gerade die noch sehr randständige Veranstaltung am Sonntagabend hat mE schon ganz gut gezeigt, warum es hilfreich wäre, wenn FAZ, ZEIT (und natürlich gerne auch all die anderen unabhängigen Qualitätsmedienanbieter) in die „Debatte während der Debatte“ einsteigen würden: sonst übernehmen nämlich die nicht gerade unvoreingenommenen Kommentatoren der Parteienkonkurrenz (oder natürlich Gewährsleute aus den eigenen Reihen) die nachträgliche Deutung und Interpretation des Gesagten (Stichwort: Konkurrenz). Insofern sehe ich hier durchaus ein Betätigungsfeld für professionellen Journalismus, der seine Wurzeln im Print, im Fernsehen, im Radio oder eben anderswo haben mag.

  3. internetundpolitik Says:

    Die Diskussion geht weiter: drüben bei CARTA ergänzt Tobias Moorstedt einige Punkte: „Blamage ist Teil der Recherche: Online-Wahlkampf ist kein Plug-and-Play-Produkt“.

  4. politikzweipunktnull Says:

    Die hier entstandene Kommunikation zeigt doch sehr gut, wie das Medium Twitter funktionieren kann. Einen Brief an die Redaktion hätte ich sicher nicht geschrieben – viel zu aufwändig.

    Meinen Artikel hier habe ich aber nicht als Kritik verstanden, sondern eher als andere Sichtweise. Ich verstehe mich nicht als „Twitteradvokat“ oder „Twitter-Erweckte“. Ich denke aber, dass es dringend nötig ist, durch die Möglichkeiten der Web2.0- Anwendungen das Interesse an Politik wieder zu wecken. Die Möglichkeit ein Stück am Leben der Politiker, dem Geschehen in Parteien und auch dem politischen Meinungsbildungsprozess teilnehmen zu können, dass kann bei viele Menschen wieder Interesse an Politik wecken. Twitter ist dafür ein interessantes Medium, aber sicher nicht das Einzige.

    Hätte man sich in dem FAS-Artikel auf die teilweise doch sehr amüsanten Twitter-Biographien beschränkt, hätte das mit der Überschrift besser gepasst. Aber der Vortext war dann doch zu einseitig recherchiert. Was man ja auch gut daran sieht, dass der Autor sich jetzt erst bei Twitter angemeldet hat. Wenn man z.B. eine Rezension über ein Buch schreibt, sollte man das doch auch besser gelesen haben, oder? Ein paar Tweets quer zu lesen hilft da genauso wenig, wie den Klappentext eines Buches zu lesen, um dann darüber zu schreiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: