Hier und da: der Protest im Netz.

Über den „digitalen Gehalt“ der aktuellen Hochschulproteste wird inzwischen vielerorts spekuliert (ich trage dazu bei, so gut ich kann: ein kleiner Kommentar beim Freitag ist gerade erschienen, in der Pipeline ist noch aßerdem Texte für zeit.de, Telepolis, ein Interview drüben beim Homo Politicus, sowie ein Gastkommentar für die Wirtschaftswoche. Ein paar Sätze gibt´s auch im Rahmen des BR2-Features „Die Belagerung Bolognas“).

Hier nun eine kleine Liste von good practices, die zeigen, warum eine gute Protest-Präsenz im Web 2.0 tatsächlich funktional sein kann. Natürlich ist die Aufzählung unvollständig, sie wird fortlaufend aktualisiert. Kommentare, Hinweise und Ergänzungen – gerne!

1. unibrennt.at

Die zentrale Protestplattform für die Aktionen in Österreich bündelt die Aktivitäten und ist eine übersichtliche Anlaufstelle. Sie funktioniert nicht nur als klassische „Homepage“, sondern bindet auch die diversen Web 2.0-Plattformen ein – auf diese Weise werden die vielen „digitalen Lagerfeuer“ (die – sehr treffende – Überschrift des ORF-Beitrages ist nicht von mir!) integriert.

2. Google-Mashups

Die Karte „Unsere Unis“ mit den Proteststandorten von Tom Schaffer (@schaffertom) ist zum heimlichen Protestportal geworden. Mit inzwischen mehr als einer Million Zugriffen erzielt diese weltweite Visualisierung eine extrem hohe Reichweite. Die Ortsmarken enthalten zudem Verweise auf die lokalen Streikseiten und bieten so Verzweigungsmöglichkeiten in die Protesthochburgen an.

Update: inzwischen gibt es auch so etwas wie „Micro-Maps“, die die Besetzungen von Hochschuleinrichtungen an einzelnen Standorten anzeigen. Hier das Beispiel aus Gießen.

Update: die USA ziehen nach und präsentieren auch eine Google Map of American Student Activism. Neben Besetzungen und Räumungen werden hier auch „einfache“ Demonstrationen oder „andere Nachrichten“ aus dem Protestumfeld markiert.

3. unibrennt.tv

Das auf die Sammlung und Sortierung von Online-Videos spezialisierte Portal trägt dem Bedeutungszuwachs der audiovisuellen Protestinhalte Rechnung. Die Website bezeichnet sich zwar als „globales Portal“, doch dominieren (bislang) noch die Beiträge aus Österreich. Ein ähnliches Angebot mit dem Fokus auf Deutschland (oder eine bessere, nach Ländern rubrizierbare Darstellung auf unibrennt.tv) würde einen Beitrag dazu leisten, die Flut der lokalen Berichte zu archivieren und recherchierbar zu machen.

4. @unibrennt

Der Twitter-Account des ersten besetzten Hörsaals in Wien ragt mit seinen knapp 2.500 Followern aus der Vielzahl der kaum wahrgenommenen Streik-Twitterer heraus. Noch spannender wäre ja eine koordinierte Namensgebung von Twitter-Accounts aus Hochschulstandort und Hörsaal-Name gewesen (umgesetzt etwa bei @hu_audimax). Das hätte die Liste der „Dinge, die twittern“ sehr produktiv erweitert und wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit in den alten Medien gefunden als die diversen Lokal-Accounts wie @marburgstreikt, @giessenstreikt, @streikbielefeld…

5. Twitter-Listen

Die Vielzahl der lokalen Twitter-Accounts (vgl. Punkt 4.) macht die Verfolgung der aktuellen Ereignisse nicht unbedingt leicht – die umfangreiche Liste „Das Thema Bildung brennt“ von @twitgeridoo zeigt, wie man die vielstimmigen Berichte wieder integrieren kann. Leider hat sie erst 34 Follower.

6. Hashtags

Die Begriffe #unsereuni, #unibrennt, #bildungsstreik spielen eine große Rolle bei der „digitalen Wiedervereinigung“ der Protestinhalte im Netz. Von Österreich ausgehend, haben sich #unibrennt und #unsereuni nachhaltig in den deutschen Twitter-Rankings eingenistet. Der etwas „harmlosere“ #bildungsstreik kam etwas später aus Deutschland dazu. Neben der Funktion der „Erkennungsmarke“ in der Kurzmitteilungsflut können gut gewählte Hashtags aber auch zur Pointierung und Unterstützung eines Kampagnenanliegens beitragen – das beste Beispiel in Deutschland ist sicher #zensursula, das gleichermaßen als Erkennungsmerkmal und politische Aussage funktioniert. Hier haben die Proteste noch Potenzial…

PS: Blickt man in die USA, dann haben die dortigen Hashtags oder auch Twitter-Accounts einen „aggressiveren“ Einschlag, dort findet man neben #UCstrike (für den Streik an der University of California in Berkeley) etwa @reclaimUC („UC zurückerobern“) oder #occupyca („Kalifornien besetzen“).

7. Live-Blogging (Mikro oder Makro)

Als die Server des Daily Californian am 20. November von der großen Zahl der Zugriffe überfordert waren, berichtete die Hochschulzeitung der UC Berkeley per Twitter von der Besetzung der Wheeler Hall auf dem Campus. Diese Form der Ticker-Berichterstattung ist besonders dann hilfreich, wenn kein Livestreaming möglich ist.

8. Soziale Netzwerke

Vorbildlich gestaltet ist die österreichische Facebook-Seite Audimax Besetzung in der Uni Wien, die einerseits als direkter Protestsammelpunkt fungiert, gleichzeitig aber auch viele Vernetzungsleistungen erbringt und auf andere Online-Inhalte und -Plattformen verweist.

(Frappierend ist auch der Unterschied zum Versuch, eine gleichartige Seite bei StudiVZ einzurichten – ein Blick auf die Hyperlink-Adresse zum Edelprofil „Bildungsstreik – Proteste jetzt weltweit“ spricht Bände.)

9. Wikis

Auch hier haben die Österreicher die Nase vorn, ebenfalls unter der Domain unsereuni.at finden sich auf Verweise auf lokale Wiki-Angebote der bestreikten Hochschulen. Neben aktuellen Terminen, Kontaktdaten und Infos zu den AGs und natürlich Forderungskatalogen finden sich dort auch detaillierte Protestchroniken.

10. Live-Portal

Auf einen Hinweis von Luca Hammer (@luca), Mastermind der Wiener Social Media-Streikpräsenzen ist die Website #unsereuni LIVE. Die Site integriert den Audimax-Livestream aus Wien sowie Echtzeit-Kommentare via Chat, Twitter und Facebook. Außerdem gibt es einen Blog- und Pressespiegel. Nichts genuin neues, aber eben eine immens wichtige Integrationsleistung.

Update: Die UC Berkeley veranstaltet vom 7. Dezember an eine „Live Week“, bei der die vormals besetzte Wheeler Hall (vgl. Punkt 13) nun für sieben Tage und sieben Nächte offen steht. Das umfangreiche Veranstaltungsprogramm findet sich auf der Begleit-Website und dem zentralen Twitter-Account @UCBprotest. Interessant ist hier nicht nur die Umkehrung der Proteststrategie („Öffnen statt besetzen“), sondern auch die Rückübertragung der Idee von den „Echtzeit“-Protesten aus dem Netz zurück auf den Campus.

11. Interaktive Timeline

Vom Blog rigardi.org (na klar: aus Österreich) stammt eine Protest-Timeline, in der über die Plattform dipity.com zahlreiche Protestereignisse erfasst und aktualisiert werden. Das Resultat ist zwar (verständlicherweise) unvollständig, doch bietet es durch Links auf Websites, Homepages oder Tweets einen chronologisch strukturierten Zugriff auf die Protestereignisse. Gibt es so etwas auch von „professionellen“ Onlinemedien?

12. Twitter-Auswertung und – Visualisierung

Die beiden österreichischen Netz-Experten Max Kossatz (Wissen belastet) und Gerald Bäck (Bäckblog) haben die in den letzten Wochen versendeten Tweets mit dem Hashtag #unibrennt gespeichert und arbeitsteilig untersucht. Während sich Bäck insbesondere mit Reichweiten, Häufigkeiten und Inhalten befasst hat, konzentierte sich Kossatz auf die chronologische und räumliche Verbreitung der Tweets sowie deren Visualisierung. Entstanden ist ein erster Blick auf die zerklüftete Echzeitkommunikation – und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie der für viele so seltsame Kurznachrichtendienst als wertvolles Instrument zur Protestbegleitung und -darstellung genutzt werden kann.

Für diejenigen (und das dürften nicht wenige sein), die sich nicht durch Zahlenreihen und Tabellen wühlen möchten, gibt es auch sehr anschauliche Videos: auf YouTube treffen damit neue Clips ein, die nun durch die virtuelle Protestgemeinschaft gereicht werden dürften. Und: da es sich um Material handelt, das auch kompatibel für die Ausstrahlung in alten Medienumgebungen ist, wird sich die Reichweite des Materials auch in alten Öffentlichkeiten schnell ausweiten.

13. YouTube-Dokumentation Occupied Berkeley

Die knapp elf Minuten lange Dokumentation der Besetzung der Wheeler Hall an der UC Berkeley ist eine längst überfällige Video-Produktion zu den Protesten. Hier wird aus der Besetzerperspekte berichtet (und gefilmt), es gibt Interviews mit Studierenden und natürlich auch Bilder von der Räumung des Hörsaals. Der etwas reißerische Untertitel The Taking of Wheeler Hall verströmt ein wenig Revolutionsromantik – die Besetzung ist inzwischen längst vorüber, doch in Kalifornien ist durchaus noch der Unmut über die Gebührenerhöhungen an den öffentlichen Hochschulen zu spüren. Solche Videos tragen dazu bei, das Thema in der Öffentlichkeit zu halten.

14. Weblogs

Weblogs? Ja, Weblogs. Und zwar nicht von protestierenden Studierenden (denn die sind bei Facebook, Twitter oder basteln an Livestreams), sondern von anderen Mitgliedern des Wissenschaftsbetriebs. Doch betrifft dies nicht #unsereuni (.de) und auch nicht #unibrennt (.at) – sondern die #ouruni – nämlich die USA. Wie, dort gibt es auch Hochschulproteste? Selbstverständlich, hierzulande berichtet nur niemand darüber. Für eine Liste der Standorte vgl. Punkt 2, Update #2.

Anders als in Deutschland, wo das Genre des „Wissenschaftsblogs“ einen schweren Stand hat, finden sich in den USA tatsächlich einige Exemplare dieser älteren Online-Publikationsform, die sich mit den Protesten auseinandersetzen. Blogs wie remaking the university, Changing Universities, UniversityProbe.org oder The California Professor verlagern die Debatte aus der Studierendenschaft in das Feld der Hochschulangestellten (und die zugehörigen Gewerkschaften) – eine Form der Verstetigung und Erweiterung der Protestkommunikation, die hierzulande noch kaum zu beobachten ist.

Zwar findet sich in Deutschland bisweilen eine Metakommunikation zu Streiks und Blockaden im so genannten Mittelbau – besonders gerne in eher abgeschlossenen Facebook-Zirkeln. Das Ausbleiben einer öffentlichen Auseinandersetzung aber (und warum nicht auch kontrovers, gegen die in vielerlei Hinsicht defizitären Protestaktivitäten) hilft der Universität auch nicht weiter.

Fortsetzung folgt.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

5 Antworten to “Hier und da: der Protest im Netz.”

  1. Christian Jung Says:

    Wenn man neben Twitter auch noch in weitere soziale Netzwerke schaut, kommt man erneut nicht an den Wienern vorbei. Unter http://www.facebook.com/unsereuni nutzt man wirklich das komplette Arsenal einer Facebook-Page. In dieser Fülle habe ich das noch nicht gesehen.

  2. internetundpolitik Says:

    Hey. Das war zu schnell – den Eintrag dazu gibt´s schon als draft ;-)

  3. „böser Streik-guter Streik“-Linkliste « Wort- und Sinngleiche Says:

    […] Internet und Politik- „Hier und da: der Protest im Netz“- sehr gute Zusammenstellung der Aktionen im Netz […]

  4. Das Jahr in 140 Zeichen « Internet und Politik Says:

    […] Die Hashtags #unibrennt und #unsereuni dominieren die Rankings und sorgen für eine Vernetzung und Verbreitung der Studierendenproteste. […]

  5. Das Jahr in 140 Zeichen | Homo Politicus Says:

    […] Die Hashtags #unibrennt und #unsereuni dominieren die Rankings und sorgen für eine Vernetzung und Verbreitung der Studierendenproteste. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: