#UKvote

Eine Woche, zwei Wahlen. Im Umfeld der Unterhauswahlen in Großbritannien entfaltet sich ein facettenreicher Online-Wahlkampf, der andeutet, dass auf der britischen Insel die Grenzen zwischen den Medienumgebungen allmählich durchlässiger werden. TV-Ereignisse ziehen eine starke Online-Resonanz nach sich und für den Wahltag sind Gemeinschaftsprojekte zwischen Print-Anbietern und Online-Dienstleistern angekündigt. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen scheint dagegen von einem anderen, eher analogen Kaliber. Allerdings verbietet sich ein näherer Vergleich aus systematischen Gründen, denn natürlich ist die Tragweite der Abstimmungen völlig verschieden: die Prognosen zur general election deuten auf einen Umbruch im britischen Zwei-Parteien-System hin und der Wahlgang könnte ex post als critical election verstanden werden. In Nordrhein-Westfalen handelt es es sich dagegen „nur“ um eine second order election, die unterhalb der nationalen Ebene angesiedelt ist und bei den Wählern generell auf geringeres Interesse stößt. Allerdings ist diese Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland die in Deutschland wohl wichtigste Abstimmung „zweiter Ordnung“ und noch dazu ist es die erste Wahl nach der Bundestagswahl im Herbst 2009.

Über beide Wahlen (und die zugehörigen Online-Wahlkämpfe) erfährt man hierzulande nicht allzuviel, die jeweiligen „Themenseiten“ sind bei den großen Nachrichtenportalen oft ein paar Klicks von der Startseite entfernt. Und so entgeht dem deutschen Publikum eine durchaus spannende Wahl im britischen Sektor des Social Web, die einige Innovationen hervorgebracht und auch ein Echo aus alten Online-Zeiten parat hält.

Im Schatten der drei Fernsehdebatten hat sich ein aktives Online-Publikum entwickelt, das während dieser medialen Großereignisse eifrig Kommentare auf Facebook gepostet oder getwittert hat. Einige Online-Medien haben es verstanden, diese Aktivitäten aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Ein Resultat davon wird eine „Twitter-Landkarte“ sein, die das Abstimmungsverhalten am heutigen Wahltag abbilden soll: die Angabe eines Teils der Postanschrift in einem entsprechend markierten Tweet (der relevante Hashtag lautet #ukvote) will der Dienstleister Tweetminster zur Visualisierung der Wahlbeteiligung nutzen. In eine ähnliche Richtung zielt auch das Angebot von electwits, allerdings wirken die dort angebotenen Echtzeit-Auswertungen etwas weniger ausgefeilt. Ähnlichkeiten mit den Aktivitäten zur US-Präsidentschaftswahl 2008 sind sicher kein Zufall, eher handelt es sich um Fortschreibungen des damaligen Leuchtturmprojektes Twitter Vote Report.

Es ist also davon auszugehen, dass das Internet auch in Großbritannien einen erheblichen Beitrag zur Medialisierung des Wahltags leisten wird – darunter zu verstehen ist die Nutzung des digitalen, interaktiven Kommunikationsraums im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Stimmabgabe, sowohl durch die Politiker wie auch durch die Bürger. Dass die Wahlkämpfer ihre Bemühungen zur Wählermobilisierung in den Stunden bis zur Schließung der Wahllokale intensivieren werden, ist längst ein Gemeinplatz und war im Bundestagswahlkampf durch Aktionen wie „3 Tage wach“ der Grünen sichtbar. Dass sich aber auch einige Bürger bis zuletzt über den Gang der Stimmabgabe, erste Prognosen oder einfach nur die Höhe der Wahlbeteiligung im eigenen Wahlkreis informieren werden und so ihre eigene Stimmabgabe hinauszögern, ist ein noch relativ neues Phänomen.

Zwar ist in der Wahlforschung die Figur des late deciders durchaus bekannt – hiermit wird ein unentschlossener Wähler beschrieben, der erst „kurz“ vor der Wahl seine Partei- oder Kandidatenpräferenz festlegt. Doch war mit „kurz“ meist ein Zeitraum von wenigen Tagen vor der Wahl gemeint und nicht unbedingt der Wahltag selbst. Durch die Verfügbarkeit von Echtzeit-Informationen werden die marginals, besonders hart umkämpfte Wahlkreise, zum digitalen Ausflugsziel von Kampagnentreibenden, Wahlberichterstattern und interessierten Netzbürgern.

Gerade an dieser Stelle ist in Großbritannien ein Sonderfall zu beachten: durch das starke Aufkommen der Liberaldemokraten als „dritte Kraft“ ist das bisher starre Zwei-Parteien-System in Bewegung geraten. Ein Effekt ist die Auseinandersetzung mit der Bildung einer Koalitionsregierung, angesichts stets stabiler Regierungsmehrheiten für Labour oder Conservatives ist dies durchaus ein markanter Einschnitt für die politische Kultur auf der Insel (und treibt bisweilen groteske Blüten, wie diese „Informationsseite“ zur Effektivität von Koalitionsregierungen zeigt).

Die neuartige Dreier-Konstellation zwischen Noch-Premier Gordon Brown, dem konservativen Favoriten David Cameron und LibDem-Aufsteiger Nick Clegg und den jeweiligen Parteiorganisationen ist denn auch Ansatzpunkt für die Vorschläge zum tactical voting: mit diesem Begriff versuchen insbesondere Labour-Politiker die eigene Anhängerschaft von der Stimmabgabe für die Liberaldemokraten zu überzeugen – sofern der eigene Vertreter im Wahlkreis keine Chance hat und ein Sieg des konservativen Konkurrenten droht.

Als Folge dieser „Annäherungsversuche“ sind einige spezialisierte Online-Plattformen entstanden, die sich an der Vernetzung und Vermittlung „tauschbereiter“ Wähler versuchen (ausführlicher vorgestellt wird dieses Echo auf den Vorgang des Vote-Swapping anlässlich der US-Präsidentschaftswahl des Jahres 2000 hier).

Spannend sind dabei weniger Sichtbarkeit und Reichweite der Websites, denn selbst in der Kombination der Plattformen erreichen die Online-Angebote zur taktischen, koordinierten Stimmabgabe nur ein sehr begrenztes Publikum. Allerdings generieren sie Effekte in den alten Medien, so veröffentlichte etwa die Boulevardzeitung Mirror einen Tactical Voting Guide. Der politische Kuppelservice quer zu den Wahlkreisen wie in der Facebook-Gruppe Voting Buddies ist eher politics for the long tail, also die Ansprache extrem kleiner, spezialisierter Zielgruppen. Gerade dies ist jedoch ein interessanter Aspekt beim Blick in die Zukunft, auf die Zeit der fortschreitenden Zersplitterung der Öffentlichkeit.

Zugleich äußert sich im Umfeld der wählerseitig koordinierten Stimmabgabe auch eine fundamentale Unzufriedenheit mit dem aktuellen Wahlsystem, die sich am deutlichsten anhand der Website Hang´em illustrieren lässt. Unter dem Logo des am Galgen hängenden britischen Parlaments können sich tauschbereite Wähler über die Wahlkreisgrenzen hinweg mit „Gleichgesinnten“ vernetzen, um eine Patt-Situation (hung parliament) zu erreichen. Wesentliche Motivation ist dabei nichts weniger als die Modernisierung des gesamten Wahlsystems. Gezielt sollen marginals-Kandidaten aus den „dritten Parteien“ unterstützt werden, die eine Mehrheitsbildung nach klassischem Muster verhindern könnten.

Der Voraussetzungen für einen spannenden Wahltag in Großbritannien sind also geschaffen – ein weiteres Anzeichen dafür, dass heute die erste social media election (The Guardian) stattfindet, deutet sich auch in der Verteilung der Werbe-Etats an: Camerons Konservative haben jedenfalls schon mal Werbeflächen auf der YouTube-Startseite reserviert.

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