Online nach Bellevue?

Drei Ecken = ein Elfmeter. Drei Interviews = ein Blogpost. Nachdem sich in den letzten Tagen die Anfragen zur Online-Kampagne für Joachim Gauck gehäuft haben, notiere ich nun auch mal ein paar Gedanken dazu.

Wenn am 30. Juni die Bundesversammlung zusammentritt, um einen neuen Bundespräsidenten zu wählen, tut sie dies also im Bewusstsein einer neuartigen Form der öffentlichen Kampagne, die weder von den politischen Parteien noch von den traditionellen Massenmedien getragen wurde. Seit Bekanntgabe der Kandidatur von Joachim Gauck haben sich unabhängig voneinander verschiedene Initiativen gebildet, die mit den Mitteln der Online-Kommunikation mobilisieren und öffentliche Unterstützung erhalten.

Zum Einsatz kamen dabei in der Regel recht einfache, unaufwändig produzierte Websites, die jedoch hohe Reichweiten und Sichtbarkeit erzielten. Die „informelle Kampagne“ setzt sich zusammen aus einer gut besuchten Unterstützer-Seite bei Facebook, einer erfolgreichen virtuellen Unterschriftensammlung , einem populären Twitter-Hashtag (#mygauck) und einem daraus geformten Twitter-Mosaik. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Aktivitäten, die sich über die verschiedenen Web 2.0-Plattformen zerstreuen. Man kann diese Zutaten als Lerneffekt aus der letztjährigen #Zensursula-Kampagne verstehen – prominente Plattformen und Dienste erzielen respektable Reichweiten im Netz. Das dabei entstehende Material ist medial gut verwertbar, so ist ein Fortschreiben der Online-Aktivitäten auch in der Offline-Öffentlichkeit gewährleistet.

Das buchstäbliche Heraustragen des Protestes aus dem Netz in Form von „Pro-Gauck“-Demonstrationen funktioniert dagegen (noch) nicht ganz so gut – was wohl am relativ abstrakten Gegenstand liegt: das Finden eines Nachmieters für Horst Köhler berührt die Menschen eben doch nicht so direkt wie staatliche Eingriffe in den Internet-Alltag.

Deutlich wird hier, dass es sich bei der Kampagne (auch) um eine Form des Protests gegen den Zugriff der Parteien bei der Besetzung des höchsten Amtes im Staate handelt – viele Bürger kritisieren mit ihrer Unterstützung das „Postengeschacher“ der Parteibürokratien. Die breite öffentliche Unterstützung eines Kandidaten „außerhalb“ der Parteistrukturen verweist auf den Wunsch nach Selbstbeteiligung oder zumindest eine von Parteizwängen befreite Stimmabgabe.

Der über die verschiedenen Online-Plattformen aufgebaute Druck ist allerdings nicht so groß, wie das nun in einigen Berichten zum Thema zu lesen sein dürfte: die Online-Unterstützung des Kandidaten Gauck ist zwar respektabel, aber mit gut 35.000 Facebook-Freunden und einer virtuellen Unterschriftenliste mit etwa 10.000 Einträgen noch lange keine digitale Massenbewegung.

Allerdings könnte sich der Einfluss aus dem Netz auf die Bundesversammlung noch verstärken – dann jedoch müssten nach dem Muster vor allem US-amerikanischer Online-Kampagnen die stimmberechtigten Mitglieder der Bundesversammlung direkt adressiert werden: durch E-Mails, Tweets, Telefonanrufe oder Fax-Mitteilungen. Die schon vorhandene Kampagnenstruktur böte den geeigneten Rahmen, um Fax-Vordrucke, Textbausteine für Mails und Tweets oder Gesprächsleitfäden für Telefonanrufe zu verfügbar zu machen.

Erst wenn so etwas passieren sollte, gäbe es einen echten „Online-Wahlkampf“ um den Einzug ins Schloss Bellevue.

Update 1: So schnell kann´s gehen – unter dem Titel „Wählt den Präsidenten des Volkes“ hält die Beteiligungsplattform AVAAZ.org einen vorformulierten Textentwurf bereit – nach Eintragung der persönlichen Daten wird das „Bürger-Statement“ dann „direkt an alle Delegierten aus ihrer Region“ gesendet.

Update 2: Nachdem der Text gestern auch als Kurzommentar bei politik-digital.de erschienen ist, gab es darauf einen leicht hämischen Hinweis von Thomas Leidel aus der n-tv-Redaktion – dort hatte man das „Phänomen“ schon vor vielen Wochen erkannt und darüber berichtet („Das Netz als sechste Gewalt“). Toll. (Okay, dem poldi-Text fehlt der WM-affine Einstieg des ursprünglichen Blogeintrags. Daran hätte man merken können, dass mir die Online-Kampagne nicht völlig fremd ist).

Bessere Berichte über die Besonderheiten der Unterstützerkampagne liefern aber Weblogs, zum Beispiel der kenntnisreiche und gut recherchierte Text zum „Gauck-Hype“ von Jens Berger im Spiegelfechter. Allein beim Vergleich des vermeintlichen „Facebook-Klickaktivismus“ (das schöne Wort vom slacktivism liest man hierzulande leider nur selten) mit einer klassischen Fußgängerzonen-Unterschriftensammlung wäre ich vorsichtig – dem Klick auf einer Website oder auch einem „guten Tweet“ geht meist doch eine gewisse Vorab-Information voraus, in die ein wenig (Lese-)Zeit investiert wurde. Die Unterschrift am Tapetentisch leistet man dagegen nach eher aufdringlichen Direktansprachen auf einer nicht wirklich informierten oder sehr einseitigen Grundlage. Das ist dann analoger „Klickaktivismus“.

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2 Antworten to “Online nach Bellevue?”

  1. Viktor Apfelbacher Says:

    Interessante Antworten auf die vaaz Kampagne:

    1.) Das Wahlkreisbüro von Reinhold Gall MdL ist erst wieder am 28. Juni ab 09.00 Uhr besetzt. Ihre Email bis dahin nicht gelesen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Tanja Sagasser
    Büroleitung

    2.) ich begrüße es, wenn Bürger Ihre Meinung sagen und mit den Politikern in Diskussion treten. Das gehört zu einer lebendigen Demokratie. Umso mehr befremdet es mich, wenn ich hunderte von mails bekommen, die alle den gleichen Standardtext haben und mir weismachen, das sei die Meinung eines Bürgers. Es beschleicht mich der Verdacht, dass dies eine organisierte Kampagne ist, die Druck auf Politiker ausüben soll. Schade, dass auch Sie sich dafür hergeben. Solche „Werbekampagnen“ haben einen schalen Beigeschmack. Finden Sie nicht auch?

    Seien Sie versichert, ich werde meine Entscheidung zum Wohl der Bürger und zum Wohl des Landes treffen. Spammails, die meinen Postkorb überschwemmen sind lästig, werden mich aber in meiner Entscheidung nicht beeinflussen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Reinhard Löffler

    3.) Sehr geehrte Damen und Herren,

    vielen Dank für Ihre E-Mail. Das Landtagsbüro von Sabine Kurtz ist zwischen dem 21. und 29. Juni 2010 urlaubsbedingt nicht besetzt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Steffen Kottmann
    Büroleiter

  2. Sententia Says:

    Die Antwort von Herrn Löffler ist eine Frechheit! Andere haben da freundlicher reagiert – oder gar nicht, was akzeptabel ist. Auf die Bezeichnung der Bürgermeinung als den Papierkorb überschwemmenden Spam trifft dies allerdings nicht zu.

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