In eigener Sache: Frankfurt

Am kommenden Donnerstag (9.6.) nehme ich am Frankfurter Tag des Online-Journalismus (#FTOJ) teil. Die Veranstaltung wird vom Hessischen Rundfunk im Verbund mit evangelisch.de, der epd medien und dem EKD-Medienbeauftragter organisiert und hat den etwas gewöhnungsbedürften Titel Von App-Land bis Arabien – Wie Gesellschaft und Journalismus neu verdrahtet werden. In der Ankündigung wird ein weites Feld umrissen:

Apps neben Websites, soziale Netzwerke neben klassischen Newsanbietern, Amateure neben Profis, eine Vielzahl von offenen und geschlossenen Plattformen. Das alles multimedial, sozial, hyperlokal und in Echtzeit. Die Medienwelt funktioniert nicht nur nach neuen Regeln, die Regeln ändern sich auch noch ständig.
In den vergangenen Monaten erlebten wir den Boom der Apps und den Start des Datenjournalismus in Deutschland, die überraschende Rolle sozialer Medien in der arabischen Welt und ganz neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Journalisten.

Unter dem Titel Öffentlichkeit 2.0 oder nur Skandal total? – Politische Kommunikation im Internet darf ich den letzten Vortrag des Tages (Nr. 7, 15.30 Uhr) beisteuern und an der abschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen. Dieses Panel ist mit der doch etwas bangen Frage Und wo bleibt der Journalismus? überschrieben.

In den Planungen zur Veranstaltung im Frühjahr hatte ich zunächst erwogen, die Aktivitäten rund um das „Guttenplag“ in den Mittelpunkt zu stellen – was angesichts der inzwischen erfolgten Nominierung zum Grimme Online Award nicht völlig verkehrt gewesen wäre. Angesichts der seitdem aber fortschreitenden Debatte um ein emerging networked fourth estate (Yochai Benkler) setze ich aber wohl doch einen stärkeren Akzent auf die großflächigen Umbauarbeiten der Medienlandschaft, die sich in der Folge der WikiLeaks-Enthüllungen andeuten.

Benklers Idee einer vernetzten vierten Gewalt ist nicht allein deshalb interessant, weil er sehr genau auf die Verflechtungen zwischen WikiLeaks und etablierten Medienakteuren eingeht und dabei insbesondere auch die presserechtliche Dimension betrachtet (man könnte auch sagen: die öffentlichkeitsrechtliche Dimension). Er betont das konstante Framing von WikiLeaks als journalistisches Projekt (vor allem durch Assange selbst) und wertet die zahlreichen „Attacken“ auf WikiLeaks als Gegenreaktion von medialem wie politischem Establishment auf einen neuen Konkurrenten. Allerdings verzichtet Benkler dabei auf die plakativere (und hierzulande häufiger zu hörende/lesende) Charakterisierung von WikiLeaks als fifth estate, als fünfte Gewalt. Die journalistische Dimension von WikiLeaks ist demnach vor allem in einer „neuen Verdrahtung“ (HR/EKD, siehe oben) bereits bestehender Medienakteure und -systeme zu suchen.

Dieser These einer Integration von WikiLeaks in ein bereits bestehendes Akteursnetzwerk, das dadurch zumindest in Teilen eine neue Gestalt erhält, stehen auch radikalere Ansätze gegenüber, die WikiLeaks als etwas genuin Neues verstehen – ein Beispiel ist die hier im Blog schon mehrfach zitierte Einschätzung von Jay Rosen, es handele sich hier um die erste stateless news organisation. Auch Felix Stalders Verortung von WikiLeaks im Bereich des Medienaktivismus könnte hier erwähnt werden – für ihn ist das Leaking dabei auch Folge und Ausdruck einer weitreichenden Krise politischer und gesellschaftlicher Institutionen, WikiLeaks mithin eher ein Symptom für einen Zustand und erst in zweiter Linie ein autonomer Akteur.

In meinem auf 20 Minuten begrenzten Frankfurter Vortrag werden sicher nicht alle Punkte ausführlich besprochen werden können – aber trotzdem ergibt sich hier ein grober Fahrplan für die Präsentation. Auf die Skizzierung der verschiedenen WikiLeaks-Effekte (z.B. Konjunktur, Ethik, Echo, Ökonomie des Lecks) folgt die Konzentration auf die Auswirkungen in Richtung medialer Akteure und Systeme. Neben den theoretischen Implikationen für eine Beschreibung vernetzter Öffentlichkeiten gilt es dabei auch auf konkrete Veränderungen im Bereich des Journalismus hinzuweisen: der Boom der Leaking-Portale, von Open Leaks über Greenleaks, dem investigativen „Rechercheportal“ von Der Westen oder Al-Jazeeras „Transparency Unit“ bis hin zum etwas unbeholfen wirkenden taz-Projekt „unileaks“ deutet darauf hin, dass sich auch für die journalistische Praxis bereits jetzt einige Veränderungen ergeben haben.

Und genau darum geht es ja beim Tag des Online-Journalimus. Glaube ich jedenfalls.

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2 Antworten to “In eigener Sache: Frankfurt”

  1. Bastian Dietz Says:

    Als alter Konstruktivist sehe ich in den ganzen Leaks auch eine weitere Chance für den Journalismus: Menschen in Mediengesellschaften agieren als Rezipienten heute stärker als Subjekt, denn als Objekt (hier wäre der selbst zusammengestellte Twitter-Stream als Beispiel zu nennen). Journalismus kann deshalb nicht mehr einfach nur „behaupten“, er muss „beweisen“, so dass sich der Einzelne selbst ein Bild der Wahrheit machen kann; also seine eigene Realität konstruieren kann. Dies ist aber z.B. wegen dem Quellenschutz nicht so einfach. Leaking-Plattformen bieten Journalisten hier ein Ventil: Sie können ihre Aussagen nachvollziehbar durch Dritte belegen ohne selbst Quellen zu gefährden. So bewahrt sich auch der Status der Journalisten – nur nicht mehr im Verhältnis Gatekeeper-Citizen sondern als Enabler-Enabled. Und dieser Status ist ja für Glaubwürdigkeit, Akzeptanz, etc. wichtig. Das selbe gilt übrigens nicht nur für Leaking-Plattformen, sondern z.B. auch für Data Journalism.

  2. internetundpolitik Says:

    interessanter punkt. die frage des „produktiven konsumers“ (aka „prosumer“) hat ja vor allem axel bruns intensiv beleuchtet. die „reflexive“ variante der leaking-plattformen als extension der journalistischen recherche- und investigativ-arbeit ist spannend und führt weg von den plakativ-spektakulären elementen hin zu tiefergehenden nutzungsvarianten. in der praxis scheint mir diese „nachträgliche“ stärkung von material und quelle allerdings schwierig umzusetzen (wer will das lesen bzw. wer liest das?).

    einen (vielleicht) ähnlichen gedanken hatte ich bzgl. der einbindung der „NNplag“-wikis innerhalb des wissenschaftssystems.

    wie wäre es, wenn anstelle des üblichen „auslageverfahrens“ im dekanat die dissertation für einen begrenzten zeitraum der institutsöffentlichkeit digital in einem „promotionsplag“ verfügbar gemacht wird? die institutsmitglieder könnten vom promotionsausschuss unmittelbar auf bestimmte bereiche aufmerksam gemacht werden („lieber kollege X, sie als experte im bereich Y finden besonders in kapitel Z für ihr fachgebiet relevanten überlegungen. was halten sie davon?“).

    auch hier hätten wir eine abgestufte und eher „interne“ nutzung der kollaborationsmöglichkeiten, die zugleich den jeweiligen status der „kollaborateure“ berücksichtigen und stärken könnten. aber man sieht schon – mit solchen überlegungen stehen wir noch ganz am anfang…

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