Demokratie, versprochen!

Eingezwängt zwischen Juristen- und Soziologentag findet in dieser Woche in Tübingen auch der Politologentag statt, der eigentlich auf den klangvollen Namen „25. Wissenschaftlicher Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen“ hört. So steht es zumindest in der Kongresszeitung, die von der Tagungsleitung auf den Stühlen in der Neuen Aula plaziert worden war. Dieses doch eher analoge PR-Tool erscheint voraussichtlich „am 24.9., 26.9, 27.9. (Print) und 29.9. (nur online)“. Immerhin finden sich auf der Rückseite des vierseitigen Faltblattes neben den Statements ranghoher Fachvertreter ein QR-Code und der Hinweis auf den Twitter-Account zur Tagung (@dvpw_2012).

Während der Auftaktveranstaltung, die aus einem Grußwort von Oberbürgermeister Boris Palmer, einem längeren Einführungsbeitrag von Winfried Kretschmann und der wissenschaftlichen Eröffnung von Hubertus Buchstein bestand, traf sich nur ein sehr kleiner Teil der Anwesenden in der spontanen Twitter-Öffentlichkeit: etwa 20 Einträge fand die Twitter-Suche bis Montag, 24 Uhr, gesendet von weniger als zehn Autoren, vgl. @bjoern_buss:

Social Media & #PoliSci: @drbieber @thorstenfaas @kunkakom @dvpw_2012 Warum ist die twitter-Fraktion beim #DVPW12-Kongress nur so klein?

Nicht, dass Wohl und Wehe der Veranstaltung von der 140-Zeichen-Performance abhängen würden, doch eine gewisse Aussagekraft hat die Situation schon. Immerhin finden sich in der bereits erwähnten Kongresszeitung einige Hinweise auf diese Piraten, die „für viele Menschen in Deutschland und Europa als die Hüter der Demokratie (gelten), da sie über das Medium Internet ihre „liquid democracy“ feiern (sic!) und Mitsprache zum Grundprinzip in Chats, Foren und Parteizielen erklären.“ Selbstverständlich werde es auf dem DVPW-Kongress auch um die Piraten gehen, heißt es weiter – das stimmt zwar auch, allerdings äußerst randständig in einer kleinen Diskussionsveranstaltung am Freitag, wenn der Großteil der ca. 800 Wissenschaftler/innen bereits wieder abgereist sein wird. (Dass die bevorzugten Arbeitstechniken der Piraten (und der Netzpolitiker/innen anderer Parteien, versteht sich) sehr gut zu den Inhalten des ersten Kongresstages passten (vgl. unten), ist eine vergleichsweise kleine Pointe.)

Im Hauptprogramm dominieren dagegen die klassischen Themen wie „Politik in Zeiten der Krise“, „Was tun gegen den Vertrauensverlust?“, „Wie wird Europa zu einer echten Demokratie?“, „Was bedeutet Beteiligung heute?“ und „Müssen Elemente einer direkten Demokratie eine größere Rolle spielen?“. Die Themen und Fragenkomplexe bilden sicherlich den Kern der aktuellen politikwissenschaftlichen Forschunginteressen, die innerhalb der Disziplin diskutiert werden – doch das tun sie schon seit einigen Jahren. Es verwundert daher nicht, dass am Ende des ersten Kongresstages ein entsprechender Hinweis aus dem Plenum kam, dass die zum Einstieg andiskutierten Problemzonen der Demokratie nicht die allerneuesten seien. Vermutlich erhält die Zunft in den nächsten Tagen ihre Quittung von der so genannten Qualitätspresse: bislang ist die Medienresonanz eher verhalten, eine vorläufige Online-Recherche födert nicht mal eine Handvoll Berichte zutage (Stand 25.9., 0:33).

Update/Medienberichte: Deutsche Welle.

Auch wenn die Eröffnungsrede von Ministerpräsident Kretschmann keine völlig unerhörten Thesen enthielt (vgl. auch hier), so boten seine Ausführungen zu einer Politik des Gehörtwerdens durchaus interessante Ansatzpunkte zum Kongressthema Die Versprechen der Demokratie – denn in seiner Rede skizzierte er ein kleines politisches Sprachprogramm. Kretschmann möchte den „stillen Bürgern“, also jenen, „die selten sprechen“, „starke öffentliche Räume“ bieten, die eine „plurale, aber nicht zersplitterte Öffentlichkeit“ formieren. Die „Plattformen digitaler Beteiligung“ eröffnen dabei neue Chancen, ohne dass die etablierten Institutionen und eine  „starke Öffentlichkeit der städtischen Räume“ darunter zu stark leiden müssen. Wie gesagt – wirklich neu ist das alles nicht, aber als kompaktes Erzählangebot unterscheidet es sich durchaus von den eher distanzierten Positionierungen der Wissenschaft. Kretschmann machte dabei auch deutlich, dass das politische „gehört werden“ längst nicht automatisch auch ein „erhört werden“ zur Folge haben muss. Der Bürger kann (und muss!) eben auch mal ins Leere sprechen, wenn er einem Beteiligungsanreiz folgt – mitmachen allein wird eben nicht honoriert, es kann immer auch andere Entscheidungen geben (Goodbye, Alternativlosigkeit).

Damit war Kretschmann denn auch viel näher bei den Piraten als die Disziplin, die sich dem Phänomen bisher eher mit spitzen Fingern nähert (sorry – an der Stelle bin ich befangen, ich weiß). Doch wenn man den Kongresstitel nur ein klein wenig wörtlicher nimmt, dann lassen sich aus dieser Perspektive sehr schnell einige der jüngeren und jüngsten Versprechen der Demokratie einfangen, die sehr viel mit demokratischen Sprechakten zu tun haben: der „arabische Frühling“ fällt in diese Kategorie, ebenso wie die Occupy-Proteste in den USA, genauso aber auch die Aktivitäten der Tea Party, die „Free Pussy Riot“-Aktionen in Russland und die Diskussionen um die „Hate Speech“ des Mohammed-Videos.

Es mag in einem dezidiert akademischen Blickwinkel durchaus richtig sein, dass diese Fälle aufgrund ihrer mediatisierten und sehr kurzfristigen Erscheinung bislang nicht als zentrale Untersuchungsgegenstände gelten, doch vielleicht braucht das Fach eben doch das ein oder andere medial sichtbare Leuchtfeuer, um auf sich (und seine gesellschaftliche Relevanz) aufmerksam zu machen.

Ich warte aber erstmal die zweite Ausgabe der Kongresszeitung ab und vielleicht sieht der morgige Twitter-Tag schon ganz anders aus.

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Eine Antwort to “Demokratie, versprochen!”

  1. MR Says:

    Freut mich, wenn wir uns mal „real“ kurzschließen, da wir ja offenbar vom gleichen Kongress twittern. Sie erreichen mich über die Infotheke, nach Raschke/Presse fragen.

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