Von Räumen, Schäumen und Linien. Strafstoß #2 (Ed. 2014)

Das nächste Spiel ist immer das nächste – so (oder so ähnlich) lautet einer der zahlreichen Herbergerismen, die gerne als willkommene Takt- und Strukturgeber für das Reden über Fußball genutzt werden. Und da heute Deutschland spielt (vgl. die Vorberichterstattung in der Social Media-Presseschau der Bundeszentrale für politische Bildung), ist auch wieder ein Strafstoß fällig. Natürlich erstmal nur hier im Blog, nicht auf dem Feld.
 
Mathias Mertens: Herr Bieber, warum haben wir eigentlich noch nie über Abseits diskutiert?
 
Christoph Bieber: Was gibt´s da zu diskutieren, Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Ach nein, das war ja der Elfmeter… Dann ist es eine gute Frage. Es liegt glaube ich nicht daran, dass wir die Regel nicht verstanden hätten. Dabei gibt es  ja durchaus einige mediale Formatierungen (Zeitlupe, Abseitslinie, Flächenschraffur, 3D-Perspektivenwechsel), die unmittelbar aus der Abseitsregel resultieren. Kommen sie jetzt darauf, weil es nun die ominöse Torlinien-Technologie gibt?
 
MM: Ja. Denn ist im Fußball nicht alles nur das, was der Schiedsrichter pfeift? Ist es nicht diese Tatsache, die den Fußball von anderen Spielen unterscheidet? Zumindest habe ich die 20 Millionen Feierabend-Wittgensteinianer in den letzten Monaten so verstanden.
 
CB: Uh, sie zwingen mich in den Philosophenfußballzweikampf, dem muss ich dringend entziehen, indem ich einen ebenso weiten wie naheliegenden Abschlag zu den Kollegen von Monty Python mache. In deren legendärem Fußballspiel zwischen Deutschland (mit „Nobby“ Hegel als Kapitän) und Griechenland (Tor: Plato, Libero: Aristoteles, Sturm: Sokrates) entscheidet ja Archimedes über „Fußball“ und „Nicht-Fußball“. Dabei kommt er aber ganz ohne Schiedsrichterpfiff aus. Wittgenstein trägt in diesem Match übrigens die Rückennummer 9 – halten Sie ihn denn für eine falsche oder eine echte?
 

 
MM: Sowohl als auch natürlich, denn es gibt ja deren zwei. Den logisch positivistischen Mittelstürmer à la Müller, der denkt: Was sich überhaupt treten lässt, lässt sich klar ins Tor schießen; und wogegen man nicht treten kann, darüber muss man steigen. Und den analytischen Sprachspieler à la Messi, der sich gerne mal hängen lässt und den Ball als Instrument ansieht und seinen Sinn als seine originelle Verwendung, nicht unbedingt im Tor.
 
CB: Ihr philosophisches Dribbling in Ehren, aber wir wollten hier doch über Abseits reden, nicht wahr? Im deutsch-griechischen Gelehrtenvergleich ist es Karl Marx vorbehalten, der den Sokrates´ Treffer wegen Abseits anzweifelt – eine pragmatisch-realistische Position, die sich doch gerade im Turnierfußball immer wieder durchsetzt. Allerdings: zuletzt waren es ja die Spanier, die mit ihrem netzwerkartigen Ballbesitzfußball spielsprachschöpferisch tätig waren. Sehen Sie da eigentlich Parallelen zu medientechnologischen Entwicklungen oder ist diese Analogie genauso überschätzt wie das Internet und ich stehe hoffnungslos im Abseits?
 
MM: TikiTakaKurzpassspiel passt sehr viel besser zur Fernsehberichterstattung als die Steilpässe unserer beider Kindheit. Was waren das für halsbrecherische Reissschwenks, die die Kameramänner damals bringen mussten! Hätte es sich nicht um Mitglieder der Flakhelfergeneration gehandelt, wer weiß, ob wir überhaupt etwas anderes als den im Strafraum stehenden Beckenbauer gesehen hätten. Und da war auch noch Abseits, denn seien wir mal ehrlich: in den Staffettenwolken des gegenwärtigen Fußballs ist es televisionär völlig unersichtlich und unerheblich, wer zwei Zentimeter woanders gestanden hat als der andere. Da ist das Abseits-Reklamieren nur mehr Folklore, und kein knallharter historischer Materialismus mehr.
 
CB: Okay, jetzt sind wir also schon bei der geschichtsphilosophischen Einordnung der Abseitsregel. Auch wenn Spanien bereits aus dem Turnier geschieden ist, so scheint mir das Kurzpassspiel doch eine wichtige Entwicklungsleistung gewesen zu sein. Erst in der  Dekonstruktion des Spiels in seine Einzelteile (Spieler, Position, Raumaufteilung, Lauf- und Ballwege) wird die Entwicklung neuer Ansätze sicht- und spielbar. Das eher grobschlächtige Abseits als unsichtbare Grenzmauer wirkt tatsächlich wie ein Relikt aus alten Zeiten – und in diesem Kontext ist doch gerade die „falsche Neun“ mit all ihrer Unschärfe die richtige Antwort auf die Anforderungen einer unübersichtlichen Risiko-Moderne. Doch was nun? Was ist die nächste Große Erzählung, woher kommt der neue Ball-Narrativ?
 
MM: Aus derTorlinientechnik natürlich! Die Diskussionen der letzten Monate über Chips, Überwachungskameras, Smartwatches und Videobeweisauszeiten haben doch, egal ob sie zustimmend oder ablehnend waren, die Verbindung von Technologie und Spielsituation als Möglichkeit in die Köpfe gepflanzt. Demnächst wird die Selbstvermessung und die sofortige Präsentation der Ergebnisse Einzug ins Spiel halten. Spiele werden zu einer bunten Tüte aus 23 individuellen Aktionenalben, die während und vor allem nach dem Spiel genossen werden. Abseits ist dann, wenn der Zuschauer wegklickt. Das müsste Ihnen als Piratenexperte doch gefallen!
 
CB: Dann steht uns also die überwachte Fußball-Moderne bevor, der Traum der Transparenz wird also auch auf dem Rasen fortgeschrieben… Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob die Piraten hier eine La Ola-Welle anzetteln würden – inzwischen haben auch sie bemerkt, dass uneinsehbare Rückzugsräume strategisch gar nicht mal so schlecht sein können. Ist es nicht auch beim Fußball so, dass zuviel Sichtbarkeit und Berechenbarkeit das Spiel zerstören würden? Ich weiß, das ist nicht weit entfernt von den Argumenten der reaktionären FIFA-Rentner, aber ihr Technologie-Szenario hat für mich einen zu hohen Panopticon-Faktor. Aber nochmal zurück zu den Linien – stiehlt nicht gerade die kurzlebige, haptische Freistoßlinie der digitalen Torlinie die Schau? Deren Schaumhaftigkeit weckt doch sicher medienwissenschaftliche Assoziationen bei ihnen, oder?
 
MM: Ich glaube ja bis zu dieser Minute, dass das alles Fake-Videos von Youtube sind. Dass der Schiedsrichter seine Rasierschaumdose zückt, um genaue Landvermessung zu betreiben, fällt für mich aus jedem philosophischen und medientheoretischen Raster. Die neun Meter sind alles was der Schaum ist, zumindest für die nächste Minute? Hier wird Hard Fact mit schlimmster Scheinhaftigkeit verschmolzen. Schlimmer als in unseren Texten. Da müssen wir raus! Lösen wir uns ganz schnell auf!
 
CB: Sie hab_n rec_t. Bi_ z_m nä__st_n M_l!

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