Episode 2: Der politische Prozess

Konfliktkonstellation und Lösungsstrategien

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 auf politik-digital.de)

Der Name des administrativen Zentrums der interplanetarischen Gemeinschaft, „Coruscant“, klingt im englischen Original dem spanischen Wort „corazon“ zum Verwechseln ähnlich – doch der Herzmuskel des politischen Universums benötigt offenbar einen Bypass: die nur noch schwer zu kontrollierende Bürokratie erschwert das Regieren und hat den Kongress zu einem Debattierklub degenerieren lassen.

In einer Sondersitzung des Senats (parallel tagt die Tafelrunde der Jedi-Ritter) beklagt sich Königin Amidala über die Repressalien des Handelsimperiums, das inzwischen ihren Heimatplaneten Naboo besetzt hält. Auffallend an der Konflikt-Konstellation im Senat ist, dass sich hier die Repräsentanten souveräner Planeten mit einer supraplanetarischen Organisationen wie der Handelsföderation auseinandersetzen müssen. Offenbar hält der Handelsverbund selbst einen Sitz im Galaktischen Senat, dem aggressiven Planetenbund wird somit der Status eines vollwertigen Mitgliedes zuerkannt. Damit gerät allerdings die angestrebte Gleichberechtigung aller Abgeordneten aus den Fugen und die parlamentarische Konstruktion in eine Schieflage.

Während die äußere Architekur an einen überdimensionalen Pilz erinnert, spiegelt der Senatssaal im Inneren die Dimensionalität des (Welt-)Raums wieder, die in ihm repräsentiert wird. Die Vertreter der Bundesplaneten und Planetenbünde sind in freischwebenden Logen plaziert, die das gesamte Rund der Kuppel ausfüllen. Damit wird über die meist kreisförmige Anordnung irdischer Parlamente hinausgegangen, die den Planeten noch als Scheibe symbolisieren. Somit werden weitere Achsen innerhalb des politischen Spektrums erschlossen: neben den alten Gegensatz von „rechts“ und „links“ können nun auch „oben“ und „unten“ als politische Richtungsbezeichnungen treten.

Der Galaktische Senat wählt auch einen Obersten Kanzler, der auf einer zentral positionierten säulenartigen Empore der Versammlung vorsitzt – es fehlen allerdings die Logen für Regierungsmitglieder. Ohnehin gibt die eigentliche Führungsperson eine traurige Figur ab. Sein Handeln ist darauf beschränkt, als Sitzungsleiter die verschiedenen Abgeordneten aufzurufen. Ist den Parlamentsmitgliedern einmal das Rederecht erteilt, schweben die Redner samt ihrer Loge von der Kuppel herab und können dann ihre Anliegen vorbringen. Begleitet werden sie von einer mobilen Kameraeinheit, die alle Äußerungen in das senatoriale Soundsystem übertragen. Von Königin Amidala der Machtlosigkeit bezichtigt, schluckt Kanzler Valorum nur und erhält dann Einflüsterungen von zwei links und rechts von ihm positionierten „Bürokraten“. Die galaktische Verwaltungsmaschinerie hat das demokratisch gewählte Oberhaupt längst zu einer Sprechpuppe werden lassen.

Als die Prinzessin vehement das Verhalten des Senats in der Naboo-Krise kritisiert, ist der schwache und korrupte Kanzler Valorum nur in der Lage, eine Kommission einzuberufen und mit der Untersuchung der Anschuldigungen vor Ort zu beauftragen. Diese Konstellation mag an das bisweilen unglückliche Agieren des Sicherheitsrates der UNO erinnern, der über Beschlüsse debattiert oder diese blockiert, während militärische Fakten geschaffen und ihre Beobachter zu Geiseln werden.

Königin Amidala bleibt daraufhin nur der Ausweg, ein Misstrauensvotum gegen den Kanzler zu beantragen. Dazu ist sie laut intergalaktischer „Verfassung“ als Herrscherin eines souveränen Systems legitimiert. Diese Konstellation ist durchaus mit dem Misstrauensvotum von Kohl gegen Schmidt 1982 vergleichbar, denn umgehend wird der Abgeordnete ihres Heimatplaneten, der angesehene Senator Palpatine, als einer von drei neuen Kanzlerkandidaten aufgestellt und später auch gewählt. Palpatine hat sich sein Ansehen zunächst als Gesandter von Naboo erworben und ist dann zum „Regionalvertreter“ mehrerer benachbarter Planeten aufgestiegen. Damit versammelt er offenbar eine Art „Fraktion“ hinter sich, die vornehmlich durch geopolitische Interessen zusammengehalten wird. Dies fügt sich zwar gut in das Szenario des Handelskrieges ein, erscheint aber im Zeitalter der Hyperraumfahrt auch ein wenig anachronistisch.

Diese dramatische Szene im galaktischen Parlament wird auch von alten Bekannten beobachtet: Nicht nur haben die „Wookies“, das Volk von Han Solos Gefährten Chewbacca, eine eigene Box, sondern auch die bereits auf der Erde gesichtete Spezies mit dem Leuchtfinger ist dort anwesend. In einer kurzen Schnittfolge direkt nach dem Misstrauensantrag ist im linken Bildvordergrund eine Gruppe von drei E.T.´s zu sehen.

Da der galaktische Gerichtshof nicht schnell genug auf den Plan treten kann, bleibt Königin Amidala nichts anderes übrig, als in der Phase des Übergangs nach Naboo zurückzukehren und eine kriegerische Konfliktlösung anzustreben. Damit handelt sie frei nach der Clausewitzschen Devise: „Krieg ist die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln.“ Und sie folgt so dem genuinen Politikbegriff der „Star Wars“-Saga, der auf einem politischen System aufbaut, das extrem auf das Element der Legislative verkürzt erscheint.

Aktueller Kommentar:

Die politische Lager-Konstellation von The Force Awakens ist – selbstverständlich – bereits Gegenstand einiger halbwegs gut informierter Spekulationen, dabei liefert insbesondere die Namensgebung Hinweise auf mögliche neue (alte?) Konfliktlinien: die First Order scheint die Position des Imperiums einzunehmen, die Resistance tritt an die Stelle der Rebellenallianz. In den Trailern wurden (scheinbar) auch die jeweiligen Protagonisten vorgestellt – Finn/Rey übernehmen die Luke/Leia-Planstelle, Kylo Ren tritt auf der dunklen Seite die Vader-Nachfolge an (diese Personalrechnung geht allerdings derart glatt auf, dass es sicher nicht so ist, wie es scheinen könnte).

Nicht uninteressant sind auch die Überlegungen von Stephen Bush, der nach linken und rechten Deutungsmustern in den bereits vorliegenden Filmen sucht. Seine Frage im New Statesman, ob Star Wars eher eine rechtslastige Parabel oder ein linksorientierter Aufruf zur Solidarität ist, wird recht eindeutig beantwortet:

However, when you look again, Star Wars is not a call for the establishment of inherited privilege – but a confirmation of the left-wing values of solidarity and collective action.

Ebenfalls lesenswert erscheint ein Dialog der The Atlantic-Autoren  Spencer Kornhaber und Stephen Sims, die sich sehr versiert durch die diversen Trailer-Schnipsel diskutieren und dabei auch bereits auf die für Dezember 2016 angekündigte Episode VIII thematisieren. Das Gespräch von Ende Oktober liest sich weit weniger negativ als die vielen  Ernüchterungsrufe kurz vor dem Kinostart.

In the original films, the Empire is pretty solidly in control, and its ships cruise around in imposing formations, while the Rebels always feel like they’re clinging to their one rickety hidey-hole, trying to stay one step ahead from death. Thirty years on, Abrams is giving us a galaxy wracked with violence and death. (…) There’s some real boldness at work there, and a sense that Abrams is setting a table for three films, rather than just his own.

Klingt viel versprechend. Wann geht es endlich los?

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Eine Antwort to “Episode 2: Der politische Prozess”

  1. Das Erwachen der Macht? Zur Politik von Star Wars | Internet und Politik Says:

    […] Episode II: Der politische Prozess […]

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