Jutta Limbach (1934-2016)

Nein, die Zeit des wissenschaftliches Bloggens ist nicht vorbei, zuletzt hatte etwa Thorsten Thiel im Theorieblog einen lesenswerten Beitrag über Blogs in der politischen Philosophie publiziert.

Interessanter Weise ist es mir seit Ende 2015 nicht gelungen, neue Beiträge für das Blog zu schreiben, obwohl gerade im titelgebenden Bereich „Internet und Politik“ im vergangenen Jahr nun wirklich viel passiert ist – die BMBF-Ausschreibung für ein Deutsches Internet Institut und das dadurch ausgebrochenen Wettrennen um Fördertöpfe wäre nur ein nennenswerter Themenstrang.

Heute erscheint also mal wieder ein Beitrag, ich hoffe, es ist der Start in eine neue, produktivere Lebensphase dieses Blogs, das nun tatsächlich schon zehn Jahre alt ist. Der Anlass ist jedoch ein mehr als trauriger: im Laufe des gestrigen (Montag) Nachmittags habe ich vom Tode Jutta Limbachs erfahren – ich hatte das Glück, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts während ihrer Zeit als Gastprofessorin an der NRW School of Governance in Duisburg zu betreuen. Für die Homepage der NRW School habe ich eine kleine Nachruf-Notiz verfasst, die dieser außerordentlichen Persönlichkeit jedoch kaum gerecht werden kann. Auch deshalb schreibe ich den Text hier noch um ein paar Sätze weiter, denn Frau Limbach war eine wirklich faszinierende Persönlichkeit (hier ein kurzes Video von ihrer Vorlesung im Januar 2014).

Ich erinnere mich noch gut unser erstes Treffen, Frau Limbach kam zum ersten Workshop mit den Studierenden im Master Politikmangement, Public Policy und Öffentliche Verwaltung nach Duisburg – ungefähr zwei Stunden vor der Startzeit des Seminars. Es blieb also viel Zeit für ein intensives Kennenlernen, bei dem ich zum ersten Mal über ihre vielfältigen Interessen und den großen Sachverstand dazu ins Staunen geriet. Der Eindruck setzte sich in den Workshops mit den Studierenden fort, besonders auffällig war ihr echtes Interesse an den Dingen, die „die jungen Leute hier“ aktuell beschäftigen. Längst nicht nur Limbachs Berichte über die allmähliche Etablierung einer weiblichen Perspektive in der Berliner Landespolitik (Stichwort: „Feminat“) fesselten die Teilnehmer/innen der vierteiligen Vortragsserie. Einer der mehrfach geäußerten Sätze war die Feststellung (eher war es eine Maxime) „Langeweile ist der größte Feind des Alters“ –  einer solchen Haltung würde man gerne auch bei viel jüngeren Fachvertreter/innen begegnen.

In Zeiten wie diesen, da Hillary Clinton das Durchbrechen von glass ceilings als zentrales Motiv ihrer Kampagne um das Weiße Haus markiert, ist der Hinweis wichtig, dass es auch hierzulande Personen gibt, die genau dies getan haben: Jutta Limbach war Jura-Professorin und Senatorin in Berlin, Verfassungsrichterin und schließlich Vorsitzende in Karlsruhe als eigentlich nur Männer den Ton in diesen Kreisen angaben. Jenseits ihrer inhaltlichen Arbeit in den verschiedenen Bereichen hat sie auch gezeigt, dass ihr spezifischer Stil (in der Sprache der Regierungsforschung: ihr Mikro-Management) dazu beigetragen hat, Abläufe und Routinen zu hinterfragen und mindestens mit einer Alternative zu versehen. Dies geschah jedoch eher beiläufig, beinahe unauffällig, aber vielleicht gerade deshalb umso erfolgreicher. Damit ist längst nicht gesagt, dass die „Methode Limbach“ heute immer noch erfolgreich wäre – aber die Perspektive ist eröffnet und ein Nachweis ist erbracht. Diese Verdienste um die Offenheit (oder eher: die Aufschließbarkeit) von Laufbahnen im sonst so zementierten deutschen Behördenbetrieb können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Jutta Limbachs Stimme fehlt nun in zahlreichen Debatten der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, zuletzt mochte man sich einen Zwischenruf in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik gewünscht haben. Es steht zu hoffen, dass ihre besondere Perspektive und Haltung von vielen Menschen übernommen wird – es ist das Erbe von Miss Marple.

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