Jornal do Sul: Eleições no Norte

Die erste Woche in Salvador ist inzwischen vorüber – etwas Zeit habe ich durch eine Erkältung verloren (deshalb auch: wenig los im Blog). In der Tendenz waren Klima und Klimaanlagen wohl nicht ganz schuldlos. Die Jahreszeit vielleicht auch. Egal. Trotzdem habe ich mich hier gut eingewöhnt und bin in die aktuellen Residenz-Routinen eingestiegen: lesen, recherchieren und planen.

Das ist auch nötig, denn schon am kommenden Dienstag organisiere ich hier in der Vila Sul einen Workshop zur Wahl in den USA. Gemeinsam mit dem Team des Goethe-Instituts, den Mit-Residenten und einigen Angehörigen der hiesigen Uni schauen wir uns den Verlauf der Stimmenauszählung an und kommentieren das Geschehen auf der anderen Seite des Kontinents. Ein programmatisches Ziel der Residenz ist ja, den Begriff des „Globalen Südens“ als Orientierungspunkt zu begreifen – insofern wirkt eine Veranstaltung zu den eleições vielleicht etwas überraschend. Andererseits gibt es hier in Salvador durchaus ein starkes Interesse an den Entwicklungen im Norden (nebenbei ganz interessant, mal nicht über den „Westen“ zu sprechen, wenn es um die USA geht), und das ist durchaus auch ein Treiber für die Veranstaltung am nächsten Dienstag.

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Über die Differenzen und Gemeinsamkeiten der Wahlprozesse in den USA und Brasilien lässt sich ein recht guter Leitfaden durch den Abend gestalten – wenn man mal nicht dem horserace um das electoral college oder der ermüdenden personality show um Trump und Clinton folgen möchte. Ein natürliches Interesse gilt selbstverständlich auch in Brasilien der Auswahl des politischen Führungspersonals – hatte das Land doch gerade erst vorexerziert, wie auch während einer laufenden Amtsperiode (der immerhin wiedergewählten Dilma Rousseff) ein Machtwechsel durchgeführt werden kann. Die Auswirkungen für das politische System insgesamt sind bislang – trotz den spürbaren Kriseneffekten – noch nicht wirklich sichtbar geworden. Die Parteienlandschaft bleibt dynamisch, der lange dominante Altpolitiker Lula ringt weiter um Aufmerksamkeit und Anerkennung, Teile der etablierten politischen Klasse schotten sich vom Rest der Bevölkerung ab. Klingt sicherlich nicht toll, hat aber längst nicht zum Erliegen des öffentlichen Lebens und anhaltender Tristesse geführt.

Auch in Salvador bewegt sich noch einiges, die Stadt wirkt in Teilen offener (und moderner) als noch vor drei Jahren, zumindest in den besseren Stadtvierteln findet eine weitere Anpassung an die westlichen nördlichen und nord-östlichen Vorbilder statt. Sichtbare Zeichen im Stadtbild sind deutlich größere (und teurere) Autos, eine Ausweitung des Warenangebotes (gerade auch für den alltäglichen Bereich, z.B. Lebensmittel, Haushaltswaren) oder auch die auffällig große Zahl von Hunden, die spazieren geführt werden (inklusive zugehöriger Fachgeschäfte und Dienstleister).

Zurück zu den eleições: Deutlich anders als in Brasilien ist allerdings das Wahlverfahren in den USA – das wird zugleich der Aufmacher für die o.g. Veranstaltung am 8. November sein. Genauso wie in Deutschland übt der absehbare Verlauf des Wahlabends mit der allmählich von Ost nach West wandernden Schließung der Wahllokale eine große Faszination aus – diese vom US-amerikanischen Wahl-Mosaik vorgegebene Strukturierung leitet (auch) uns durch durch den Abend. Vermutlich werden gleich in den ersten Runden (um 8 und 9 Uhr EST) einige Schlüsselstaaten den endgültigen Wahlausgang vorprogrammieren – im weiteren Verlauf des Abends wird es danach wohl nur noch wenige Möglichkeiten für ein anderes Resultat geben. (Hinweis: Einige „inhaltliche“ Anmerkungen zum Verlauf des Wahlabends  folgen in einem separaten Post).

Aber möglicherweise ist das sich allmählich entfaltende Ergebnis ja gar nicht das spannendste am „Dienstag nach dem ersten Montag im November“ (hoffentlich aber doch). Was, wenn Donald Trump seine angekündigte Aufkündigung des loser´s consent wahr macht, und er das Resultat nicht anerkennt? Das ist eigentlich eine Situation, die ich nicht diskutieren möchte, aber wer weiß – im aktuellen Modus der beiden Kampagnen ist ja eigentlich nichts mehr auszuschließen. Vorerst halte ich nicht aber noch zurück, bleibe ruhig und mache weiter.

Nachtrag, bzw. Nachfrage: Die deutsche Debatte um die US-Wahl zieht ja auch allmählich an, aber sehenswerte Beiträge habe ich beim Stöbern in den Mediatheken bislang nicht gefunden. Obwohl die öffentlich-rechtlichen auf diversen Kanälen und Plattformen aktiv sind, wirken mir die jeweiligen Zielgruppenangebote nicht besonders inspiriert. Dner für funk, Böhmermann für ZDF neo, Illner im ZDF, am Sonntag dann Wie ticken die Amerikaner? als Vier-Stunden-Sendung in den Montagmorgen hinein (srsly?). Bevor das ein eigener Post wird, höre ich lieber auf. Sachdienliche Hinweise zu guten Beiträgen (privat und ÖR) nehme ich gerne entgegen!

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