Jornal do Sul: Der lange Wahltag

Zwar steht im Kalender der 8. November als Tag der US-Wahl, doch die historische Terminierung auf den Tuesday next after the first Monday in the month of November ist schon länger nur noch eine symbolische. In diesem Jahr wird diese Verlängerung des Abstimmungszeitraums noch deutlicher sichtbar als in den beiden vorangegangenen Wahlen – die zahlreichen Beobachter des Early Voting gehen davon aus, dass bereits mehr als 42 46 Millionen Stimmen abgegeben worden sind (vgl. das etwas unübersichtliche Excel-Datenblatt des United States Election Project). Man weiß natürlich nicht ganz genau, für wen die Stimmen nun gezählt werden, doch lässt die nicht selten bekannte party affiliation schon ahnen, ob es republikanische oder demokratische Wähler:innen gewesen sind. Im Verbund mit der Aufschlüsselung nach Stimmbezirken lassen sich dadurch die zur Genüge vorhandenen Umfragen natürlich verfeinern und vertiefen – oder kritisch hinterfragen.

Genau das passiert gerade mit einer hohen Intensität durch mehr und spezialisiertere Akteure als in den beiden Wahlzyklen zuvor (begonnen hatte die Live-Begleitung des Wahltags mit dem provisorischen Twitter Vote Report in 2008, hier ein Text aus dem Archiv). Zugleich geschieht dies mit einer hohen Transparenz, so dass das frontloading des Abstimmungsprozesses nicht nur den Daten- und Statistikfreunden in die Hände spielt oder den Kampagnen Hinweise für das „Endspiel um das Weiße Haus“ liefert, sondern es kann durchaus auch als eine Sicherheitsfunktion verstanden werden. Gewissermaßen als Bumerang kommt Donald Trumps Rede von der „rigged election“ zurück, wenn Aktivisten, Journalisten und Medienunternehmen alles daran setzen, Informationen über die laufende Stimmabgabe zu sammeln, zu sichten und möglichst live einem großen Publikum wieder zurückzuspiegeln. Bereits am Wochenende vor der Wahl wurden so zahlreiche Berichte von Schlangen vor Wahllokalen, verfrühten Schließungen oder aktiver voter suppression gemeldet und über soziale Medien zusammengetragen.

Mit Electionland (Pro Publica, Google News Lab, Columbia University et. al.) und Votecastr (CNN, New York Times, Slate et. al.) haben sich gleich zwei große operations formiert, die schon mit Öffnung der Wahllokale aktiv werden – während Electionland sich vor allem auf das Monitoring individueller Wahlerfahrungen zu fokussieren scheint, positioniert sich Votecastr als Konkurrenz zur Berichterstattung der legacy media companies (schöner Begriff, relativ nah an unseren Traditionsmedien). Hier soll während des gesamten Wahltags eine dauerhafte Berichterstattung erfolgen, die Live-Resultate mit eigenen Nachwahl-Umfragen sowie den eingehenden Daten zum early voting kombiniert. An dieser in den Abstimmungsprozess hineinragenden Berichterstattung gibt es Kritik (vgl. hier), da einige Beobachter vermuten, dass dadurch Wähler beeinflusst werden könnten. Grundsätzlich besteht dieses Problem durch die zeitverschobene Schließung der Wahllokale zwischen Ost- und Westküste auch ohne irgendwelche Social Media-Aktivitäten – die US-amerikanische Wahlforschung ist sich jedoch einig, dass hier keine Effekte für Stimmabgabe zu erwarten sind.

Dennoch bleibt diese Ausweitung der Stimmabgabe über den eigentlichen Wahltag hinaus ein Thema, das sowohl in einer praktischen (Organisation der Stimmabgabe, Schaffung eines breiteren Zugangs für alle Bevölkerungsgruppen, Kostendimension) wie auch in einer theoretischen Perspektive (Freiheit, Gleichheit der Wahl) diskutiert werden dürfte. Und schließlich bildet gerade die Technologisierung des Wahlprozesses eine gute Vergleichsmöglichkeit zur Situation in anderen Ländern – während es in Deutschland reichlich Erfahrungen mit dem early voting in Gestalt der Briefwahl gibt, verläuft in Brasilien die Stimmabgabe quasi synchronisiert durch die Registrierung per Wahlcomputer. Letztlich spiegeln sich darin die jeweilige politische Kultur des Wählens und das Vertrauen gegenüber politischen Institutionen, einen so komplexen Prozess wie die Durchführung nationaler Wahlen organisieren zu können.

Die Tatsache, dass sich in den letzten Tagen die Nachrichten aus den Wahllokalen geradezu überschlagen und sich zahlreiche Aktivitäten zum Echtzeit-Monitoring ausbilden, deutet auch darauf hin, dass sich die USA ob genau dieses Vertrauens nicht so ganz im klaren sind.

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