Jornal do Sul: São Paulo

Etwa zur Halbzeit meines Residenzaufenthaltes in Brasilien stand der erste Ausflug zu einem befreundeten Instituts-Standort an: in der vergangenen Woche war ich für knapp drei Tage in São Paulo. Um es kurz zu machen – eine mehr als beeindruckende Stadt. Trotz der massiven Größe (City: ca. 12 Millionen; Region: ca.  21 Millionen) sehr zugänglich, tendenziell sicher, mit einer sehr modernen Metrô ausgestattet (inkl. Belegungsanzeigen für einzelne Wagen des einfahrenden Zuges – cool) und trotzdem auch zu Fuß gut zu erschließen.  Neben den Wirtschafts- und Finanzquartieren (Betonwüste, ja, mit Hubschrauberlandeplattformen auf den Dächern) gibt es auch mondäne Gartenstadtviertel mit cooler Architektur (Beverly Hills ohne Hügel) oder Hipster-Quartiere (Shoreditch in San Franciso-mäßiger Topografie). Sämtliche Annehmlichkeiten moderner Groß-Großstädte sind vorhanden (Gastronomie, Shopping, Kultur, Sport, Musik, Szene…) und sie werden auch eifrig genutzt.

Man kann sich also auch ohne besondere Events gut in der Stadt unterhalten, allerdings findet im Augenblick die 32. Bienal de São Paulo statt. Zentraler Ausstellungsort der nach Venedig zweitgrößten Kunstbiennale der Welt ist ein eigener Pavillon im spektakulären Parque Ibirapueira (der aus mir nicht verständlichen Gründen auf diesem ansonsten einschlägigen Album fehlt). Unter dem etwas kniffligen Motto Incerteza Viva stellen dort seit September 81 Künstler:innen ihre Fotos, Skulpturen, Objekte, Bilder, Projekte, Filme, Performances aus – ein sehr gutes Programm in einem spektakulären Ambiente. Für eine komplette Durchsicht fehlte mir leider die Zeit, aber gut zwei Drittel der Ausstellungsfläche konnte ich mir ansehen. Einige Eindrücke möchte ich notieren.

Zuerst noch mal kurz zum Titel: Incerteza Viva würde ich mit meinem Anfänger-Portugiesisch als „Unsicheres Leben“ übersetzen. Im Englischen lautet der Titel jedoch „Live Uncertainty“, was man ja eher als „Lebe die Unsicherheit“ oder „Lebe mit der Unsicherheit“ verstehen könnte. Oder, wenn man Anglizismen mag, auch „Live-Unsicherheit“. Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit, vielleicht verschiebt sich so aber auch ein wenig der Rahmen für die gezeigten Arbeiten. Hier ein Ausschnitt aus der Selbstbeschreibung der federführend von Jochen Bolz (kollaborativ mit Gabi Ngcobo, Júlia Rebouças, Lars Bang Larsen and Sofía Olascoaga) kuratierten Ausstellung:

While stability is understood as a remedy against anxiety, uncertainty is generally avoided or denied. The arts, though, have always played on the unknown. Historically, art has insisted on vocabularies that allow for fiction and otherness, and it dwells on the incapacity of existing means to describe the systems we are part of. Uncertainty in art points to creation, taking into account ambiguity and contradiction. Art feeds off chance, improvisation and speculation. It leaves room for error, for doubt and even for the most profound misgivings without evading or manipulating them. Art is grounded on imagination, and only through imagination will we be able to envision other narratives for our past and new ways into the future.

Es ist interessant, sich im November 2016 mit den Positionen einer solchen Ausstellung auseinanderzusetzen, weil… natürlich: die USA haben in Gestalt von Donald Trump die Unsicherheit gewählt, sie haben sich gegen die (vermeintliche) Stabilität einer Clinton-Administration gewendet (zumindest im electoral vote, die Debatte um das popular vote führen wir demnächst an anderer Stelle). Gerade die beiden letzten (fett gedruckten) Sätze des obigen Zitats möchte man nicht wirklich in einen Zusammenhang mit Politik stellen, angesichts der aktuellen Nachrichtenlage macht man aber genau dies.

Anyway. Die Ausstellung füllt alle drei Etagen des Niemeyer-Pavillons. Für den (europäischen) Besucher fällt zunächst der eher „organische“ Charakter vieler Exponate auf, die die im Framework genannten Aspekte des Incerteza Viva direkt aufgreifen und die Vergänglichkeit und Bedrohtheit vieler Tiere, Pflanzen, Lebewesen und Lebensweisen thematisieren. Es finden sich viele Hölzer, Farne, Blumen, Steine, Pflanzen, Keime, Kerne in sorgfältigen, gelegentlich skulpturalen Arrangements zusammengefasst, in Szene gesetzt, in Bild oder Film festgehalten. Im Zusammenspiel mit der Offenheit des Ausstellungsbaus ergibt sich so eine durchaus andere, offenere, lebendige Atmosphäre als jene, die man aus europäischen Ausstellungen kennt. Natürlich machen sich hier auch Herkunft und Hintergrund der eingeladenen Künstler:innen bemerkbar, die nicht selten auf prekäre Situationen von Bio- und Geotopen verweisen.

Im engeren Sinne politisch sind sehr viele der gezeigten Werke – bisweilen eher unterschwellig und zum Nachdenken anregend, wie die Tische von José Bento, die je eine Schachtel Streichhölzer aus einer vom Raubbau bedrohten Holzart zeigen. Der süffisante Titel der Installation lautet From Dust to Dust. Zugleich hat die Fokussierung auf das Material aber auch etwas sinnlich reduzierendes – man kann an den Hölzern ja zum Beispiel auch riechen. In eine ähnliche Richtung weist auch die im Wortsinne aus dem Pavillon ausgreifende Installation von Eduardo Navarro: im zweiten Stock können sich Ausstellungsbesucher an ein Hörrohr setzen, das durch ein meterlanges Metallrohr mit einem riesigen Trichter verbunden ist, der direkt vor dem Fenster auf die Krone einer großen Palme gerichtet ist. Die enzyklopädische Darstellung von Nutzpflanzen, deren natürlichem Habitat und den (bei erfolgreicher Bewirtschaftung) daraus resultierenden Früchten ist ein weiteres „Lehrstück“ über das sich wandelnde (eben: unsichere) Verhältnis von Mensch und Umwelt ist gleich im Eingangsbereich aufbereitet. Ruth Ewan breitet mit Back to the Fields ein eigentlich völlig normales Tableau der Kultivierung aus, das angesichts der allgegenwärtigen Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion (und mitten in des 21-Millionen-Molochs Sao Paulo) dann doch schnell wieder irritierend wirkt.

Sicherlich angetrieben durch die kuratorische Exposition spielt die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen häufig eine wichtige Rolle. Sei es durch die Dekontextualisierung des verwendeten Materials oder das Führen der Ausstellungsbesucher auf buchstäblich unsicheren Grund (wieder im José Bento mit „Chão/Floor“) oder durch eine explizit auf Bildung und Wissensvermittlung ausgelegte Gesamtstrategie wie im durchaus monumentalen Wandbild Overkill. Universal Map von Rikke Luther. In drei großflächigen aus bemalten/bedruckten Kachel-Mosaiken (wie man sie auch an vielen brasilianischen Hausfassaden finden kann) dokumentiert sie Effekte und Ausmaß der Umweltverschmutzung zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Im Stile einer überlebensgroßen Infografik werden primäre Ursachen und Akteure der Zerstörung vormals intakter Lebenswelten gezeigt, ergänzt mit vergifteten und verseuchten Erd-, Schlamm- und Gesteinsproben, die hinter Glas gezeigt werden.

Auch die eher auf Aktion und Performance ausgelegte Kunst fehlt nicht – so erhält das Display der Vila Sul-Residentin Grada Kilomba großen Zuspruch. In einem der zahlreichen Video-Räumen präsentiert sie Elemente aus The Desire Project. Als haptisches Interface fungiert dabei „die Maske“, ein Artefakt aus der Zeit des enslavement, mit dem Unterdrückte ihrer Sprache und damit eines Teils ihrer Menschlichkeit beraubt worden waren. Auf verstörende Weise beeindruckend.

Die  vielleicht aktuellste und in die unmittelbare politische Gegenwart hineinreichende Arbeit ist das Oficina de Imaginaçao Política, das „Büro der politischen Imagination“, von Amilcar Packer als offener Interaktionsraum im zweiten Stock des Pavillons eingerichtet. Als begehbarer Arbeits- und Leseraum gestaltet, finden sich die Besucher inmitten einer vielfalt von Parolen, Stichworten, Texten, Tags, Slogans und Markierungen wieder, die sich mit konkreten Ereignissen und Personen nicht nur der brasilianischen Politik auseinandersetzen. Längst nicht allein der Fora Temer!-Schlachtruf der Präsidentengegner ist dort zu lesen, der besonders in den Tagen unmittelbar nach der Ausstellungseröffnung im September den Weg zur Bienal gefunden hat: die Amtsübernahme des ehemaligen running mate war der konkrete Ansatzpunkt für kritische Diskussions- und Workshopveranstaltungen. Mittlerweile lagern sich aber bereits neue Schichtungen auf und über die Wandmalereien: Stand with Standing Rock ist dort ebenso zu lesen wie erste (besorgte) Hinweise auf die herannahende Präsidentschaft von Donald Trump. In der Summe entsteht so ein Fundus „analoger Statusmeldungen“, wie man sie sonst auf den Millionen von Timelines in den sozialen Netzwerken lesen kann – ein interessanter Effekt, da sie zwar einerseits sicht- und haltbar gemacht wurden, ihre Inhalte durch die vielfachen Überschreibungen (und zufälligen Nachbarschaften mit völlig anderen Formaten und Themen) aber nicht besser nachvollziehbar werden. Und genau wie bei der digitalen Verwandschaft bleibt auch hier die Frage offen, wie ein Brückenschlag zum politischen System und den zugehörigen Institutionen aussehen kann.

Hier findet sich schließlich auch die Verbindung zur Ausgangsfrage nach der Bedeutung von Unsicherheit als Impulsgeber für die Kunst – und andere Gesellschaftsbereiche. Mag das Eintauchen in und das Arbeiten mit der Untersicherheit im Bereich der Kunst geeignet sein, kreative Prozesse anzustoßen, Energie zu entfesseln und zu kanalisieren, so löst die Parole des Incerteza Viva, übersetzt als Die Unsicherheit leben, angesichts der aktuellen politischen Situation eher ein Erschaudern aus. So tröstlich es sein mag, Donald Trump als „schöpferischen Unsicherheitsfaktor“ zu begreifen und auf die einhegende Kraft der ihn umgebenden Institutionen zu vertrauen, so besorgniserregend ist aber die Ungewissheit, die sich entlang seiner Äußerungen und Handlungen als president-elect wie ein Schleier über die Übergangsphase bis zur Inauguration als 45. Präsident der Vereinigten Staaten legt.

Und auch in Brasilien ist die Situation nicht so viel anders: Nach dem Impeachment der (wieder-)gewählten Präsidenten Dilma Rousseff durch ihren vormaligen running mate Michel Temer ist die Lage mindestens ungewiss, vielleicht auch incerteza. Zwar sind die Prozesse von Amtsenthebung und –weitergabe als formal korrekt zu bezeichnen, doch schlägt dem neuen Staatsoberhaupt ein deutliches Missstrauen der Bevölkerung entgegen. Bislang hat das zwar zu einigen Protestkundgebungen, Streiks und Aufrufen zum Widerstand geführt, doch scheinen die oppositionellen Kräfte jenseits von Parlament und Parteiensystem (noch) zu zersplittert und kleinteilig zu sein, um eine größere Wirkungskraft entfalten zu können.

Die Folge könnte eine weitere Entfremdung zwischen Bürger:innen und politischer Klasse sein: die Kommunalwahlen im Herbst haben erhöhte Zahlen von Wahlenthaltung und Kritik gezeigt. (In Brasilien herrscht eine von Sanktionen begleitete Wahlpflicht, die aber mittels einer Stimmverweigerung durch „Weißwahl“ ausgehebelt werden kann). Allein – produktiv ist das nicht, so setzten sich größtenteils konservative Politiker durch, die ausreichende Mobilisierungserfolge verzeichnen konnten. Wie sich das Land aus der Abwärtsspirale von ökonomischer und politischer Unsicherheit befreien kann, ist noch lange nicht klar. Mit Blick auf die Ereignisse in den USA ist aber davon auszugehen, dass ein gesellschaftsweiter Diskurs über die Auswege aus dem incerteza viva notwendig sein wird. Ob die brasilianische Öffentlichkeit bis zur nächsten Wahl in der Lage ist, einen gemeinschaftlichen Austausch über die aktuellen Probleme und deren Lösung wird etablieren können ist offen – die Gefahr einer konfusen, durch partei-orientierte Medienimperien und soziale Netzwerke zersplitterten Öffentlichkeit ist auf jeden Fall gegeben.

An dieser Stelle wirken die Worte des Kuratorenteams der 32. Bienal do São Paulo dann  doch wieder tröstlich: Es ist notwendig, Unsicherheit von Furcht zu trennen.

 

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