Tschö Forschungssemester

Da sich das laufende Semester dem Ende nähert, rückt allmählich die neue Spiel- bzw. Lehrzeit in den Fokus – für mich in diesem Jahr ein besonderer Wechsel, denn damit endet auch mein erstes Forschungssemester. Die Zeit seit dem 1. Oktober war durchaus ereignis- und auch ertragreich, neben dem längeren Aufenthalt in der Vila Sul, der Residenz des Goethe-Instituts in Salvador, stand vor allem die Arbeit an Nach Obama (offizieller Erscheinungstermin: 6. April) im Vordergrund. Nun aber geht die Aufmerksamkeit wieder in Richtung des akademischen Alltags und genau dazu sind in den letzten Tagen doch einige interessante Texte erschienen, die ich hier zu Archivzwecken einlagere. Kommentare und Hinweise auf weitere Materialien zu den Themen sind sehr willkommen.

1. Die Krise der Klugen – Wissenschaft und/in der Öffentlichkeit

Mal wieder führt die Politikwissenschaft eine Debatte um ihren eigenen Anspruch, Sichtbarkeit und Wirkung (von „Sinn“ spreche ich hier mal nicht). Das ist nicht neu, gab es zum Beispiel bereits im letzten Jahr („Fach ohne Ausstrahlung“) und wird von der DVPW auch ordentlich dokumentiert (vgl. hier). Nun wähnt Carlo Masala in der Zeit das Fach gleich ganz auf dem Rückzug und Manuel Hartung weitet die Thematik auf weitere Fächer aus und schließt auch die Studierenden in die Krisendiagnose ein.

In ihrer März-Ausgabe klinkt sich nun ich die Zeitschrift für Politikwissenschaft in die Debatte um Unser Fach Politikwissenschaft ein und versammelt mehrere Beiträge im Rahmen der Forums-Rubrik. Ich selbst verbinde die Diskussionen gerne mit dem pracademics-Begriff aus dem US-amerikanischen Kontext, zuletzt etwa im Nachgang zur Wahl von Donald Trump, als sich viele Wissenschaftler/innen geradezu gierig auf Weblogs als weapon of choice in der öffentlichen Debatte gestürzt haben (vgl. hier).

Ergänzung: In eine ähnliche Richtung zielt auch der Leitartikel von Heike Schmoll in der FAZ vom 1.4.2017. Unter der (Print-)Überschrift Wo bleibt der Mut? kritisiert sie Hochschullehrer und -leitungen, „das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit“ zu ignorieren, bzw. auf dem Altar des New Public Management zu opfern. In Gefahr sei daher die freie Wissenschaft, „gerade in Zeiten des Populismus und der einfachen Wahrheiten, in denen es nur ein kleiner Schritt von der „Lügenpresse“ zur „Lügenwissenschaft“ ist (online ist der Text übrigens direkter überschrieben mit („Professoren, mischt Euch endlich wieder ein!“).

2. Die Hölle der Hausarbeiten

Chef-Bolognakritiker Stefan Kühl ergänzt seine lose Folge von Beobachtungen aus der Hochschulwelt mit einem Text zur Frage „Warum wissenschaftliches Schreiben weiter nötig ist“ (FAZ vom 23. März, (noch) nicht online). Ein zentraler Punkt ist der „faktische Ausschluss von Hausarbeiten“ durch die systematische Überlastung der Studierenden mit Modul- und Modulteilprüfungen. Zitat: „Mit einer Mischung aus Multiple-Choice-Klausuren, mündlichen Prüfungen, Referaten und schriftlichen Gruppenarbeiten können inzwischen auch funktionale Analphabeten ihren Studienabschluss erlangen.“ Kühl erkennt den Wert der klassischen Haus- bzw. Seminararbeit an und fordert nach mehr Zeitressourcen für die Studierenden, um sich dieser anspruchsvollen Aufgabe angemessen widmen zu können. Interessant ist schließlich auch der Hinweis auf das Format der „Hausarbeits-Konferenz“, bei der Studierende die Texterzeugnisse ihrer Kommiliton/innen lesen und diskutieren.

Zum guten Schluss hat Kühl einen schönen Hinweis parat:

All dies ändert nichts daran, dass das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit eine Qual ist. Aber ein gutes Studium ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht nur ein intelligentes Vergnügen, sondern auch eine Schule der Härte und des Durchhaltens ist.

3. Die Schrecken der Schlechtachten

Passend dazu gleich noch ein weiteren Beitrag/Verweis: Der oft sehr lesbare und unterhaltsame Kollege Stefan Porombka berichtet regelmäßig in der Zeit aus seiner professoralen Praxis und hat sich diesmal die wunderbare Welt der Gutachten vorgenommen. Er schildert dabei verschiedene Vorgehensweisen, die sich im Bologna-Alltag (aber vermutlich nicht erst da) ausgebildet haben. Neben interessanten Einordnungen und Genre-Hinweisen zur Gut- bzw. Schlechtachten-Praxis hat der Professor auch einen Rat für Studierende zur Hand – nämlich den Spieß einmal umzudrehen, und die Gutachten genauer in den Blick zu nehmen. Es dürfte spannend werden, sich einmal mit den Resultaten seines Aufrufs zur Vorlage stilistisch, inhaltlich oder formal auffälliger Haus- und Studienarbeits-Gutachten zu befassen.

Nun aber zunächst weiter mit dem qualvollen Schreiben eines Lexikoneintrags.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: