Das Duell, das wir verdienen

Am Sonntag ist es wieder so weit – das Kanzlerduell steht an. Und eigentlich ist dazu schon alles gesagt (vgl. diese unsortierten Altbeiträge hier im Blog), aber okay, ein paar Zeilen dürfen es auch in diesem Jahr wieder sein. Die Standards (Anzahl, Teilnehmer, Termin, Sendezeit und -dauer, Interviewer, Ablauf) lassen sich über die klassische Berichterstattung in den Traditionsmedien einsammeln. Auffällig ist dabei die allgemeine Empörung über den Modus des Duells und die angebliche „Erpressung“ durch die Amtsinhaberin – wie kann sie nur Einfluss nehmen und sagen „Ein Duell ist genug“ oder „Keine zwei Fragerunden mit jeweils zwei Interviewern“? Das macht man doch nicht, das ist eine Vorteilsnahme zu Lasten des Kontrahenten.

Nun ja. Angela Merkel macht das, weil sie es kann.

Denn es gibt keine Regeln für das Duell, die jeweiligen Rahmenbedingungen entstehen seit der Einführung 2002 immer erst im Prozess der Anbahnung des großen Fernsehereignisses – und dabei sitzt die Amtsinhaberin (oder vielleicht irgendwann mal wieder: der Amtsinhaber) am längeren Hebel. Ohne die Zustimmung aus dem Kanzleramt lässt sich keine Fernsehdebatte planen, arrangieren oder durchführen. So einfach ist das.

Es ist natürlich gar nicht einfach und birgt durchaus Probleme, so weist z.B. Günter Bannas in der FAZ vom 1. September auf die „Systemwidrigkeit“ des Duells hin – schließlich finden am 24. September keine Kanzler-, sondern Parlamentswahlen statt und die Reduzierung auf die Spitzenkandidaten führt zu einer (medialen) Benachteiligung der kleineren Parteien und deren frontrunner.

Ja, über all das ist viel geschrieben und eigentlich auch schon alles gesagt worden. Mein Fazit stimmt mit den Überlegungen zu den Debatten in 2002, 2005, 2009 und 2013 überein und lässt sich auf drei Worte reduzieren. Wir brauchen regeln. Das ist im übrigen auch der Untertitel eines Beitrags in der FAZ (erschienen im März 2016), der meine wesentlichen Bedenken und Hinweise zusammenfasst. Zentraler Ansatzpunkt ist das Fehlen einer Regelungsinstanz, die den grundlegenden Modus der TV-Debatten (die eben nicht zwingend ein Duell sein müssen, und schon gar nicht nur ein Duell) festlegt und als Vermittler zwischen den politischen Parteien und den (öffentlich-rechtlichen und kommerziellen) Medien auftritt. Die beispielgebende Commission on Presidential Debates liefert eine Blaupause, für die es in Deutschland keine Entsprechung gibt.

Stattdessen – bekommen wir die Debatte, die wir verdienen.

In schöner Regelmäßigkeit wiederholt sich also der Entstehungsprozess, der im geheimen beginnt (Politik und Medien suchen hinter den Kulissen das Gespräch), irgendwann eine mehr oder minder große Skandalisierung erfährt (Nur ein Duell! Erpressung! Ungerecht!) und schließlich in der Horserace-Berichterstattung vor, während und nach der Sendung mündet (Wer wird gewinnen? Wer schlägt sich besser? Wer hat verloren?).

„Hochrisikofernsehen“ ist das schon lange nicht mehr – geprägt hat den Begriff der US-amerikanische Duell-Beobachter Alan Schroeder, der sich ausführlich mit Debattenformaten auseinander gesetzt und eine sehr gute Darstellung der unterschiedlichen Phasen und Ebenen der TV-Gespräche vorgelegt hat. Schroeder spricht von einer „dreifachen Agenda“ der Debatten, bei der gleichermaßen Politik, Medien und Bürger einbezogen werden, arrangiert durch die Kommission als „Clearingstelle“. Genau diese Vermittlerposition fehlt jedoch in Deutschland, die Debatte – nein, das Duell – ist Produkt eines Klüngels aus Medien und Politik, das Publikum muss sehen, was am Sonntag übrig bleibt. Das ist weder zeitgemäß noch angemessen, es ist schlicht die Übersetzung des dualen Rundfunksystems in eine – aller Kritik zum Trotz – immer noch hochverdichtete, informationsreiche und manchen Stellen vielleicht sogar aussagekräftige politische Gesprächssendung.

Viel mehr ist dazu an dieser Stelle nicht zu sagen, wer mag, kann an anderer Stelle mehr und ausführlicheres lesen, es gibt sogar auch ´was mit Fußnoten:

Bieber, Christoph (2010): Das „Kanzlerduell“ als Multimediadebatte. Politische Kommunikation und Bürgerbeteiligung zwischen TV und Internet. In: Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Die Bundestagswahl 2009. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung. Wiesbaden. S. 236-258.

Die wirklich spannende Frage zum Duell 2017 ist jedoch die nach den Perspektiven für eine Modernisierung – und selbst die ist nicht neu, denn nicht erst Merkels twitternde Deutschlandkette hat gezeigt, dass das TV-Duell längst auch jenseits von Fernsehkamera und -bildschirm als Multimediadebatte weiterlebt. Neu angefacht wird diese Diskussion aktuell vom Format #DeineWahl, bei dem am 16. August Angela Merkel als Premierengast auf Fragen von vier YouTube-Persönlichkeiten geantwortet hatte (live zugeschaut haben“nur“ 55.000 Nutzer, inzwischen hat das Video knapp 1,8 Millionen Aufrufe).

Am 5. September, gerade mal zwei Tage nach dem „Kanzlerduell“ darf sich dort nun auch Martin Schulz beweisen – am Start sind nur noch zwei der vier Frager aus der ersten Auflage, ansonsten gelten die gleichen Regeln. Ach ja, Regeln… da war doch was.

Oder besser: da war eben nichts – denn auch die Digitalversion entwickelt sich im ungestörten Austausch von Politik und Medien bzw. Anbieter. Durchgeführt wird das Format im Berliner YouTube Space, als Produzent agiert der ProSiebenSAT.1-Ableger Studio 71 „in technischer Kooperation mit YouTube“. Jenseits der Realisation eines für ein deutlich jüngeres Publikum attraktives Politik-Format sind hier die gleichen Fragen (und auch Maßstäbe) anzusetzen wie für das „große“ TV-Duell: wer bestimmt Gästeliste, Abläufe und Inhalte? Wer legt die Themen fest und wer stellt welche Fragen? Und überhaupt: ist das nicht eigentlich auch „Rundfunk“?

Kurzum: hier wiederholt und aktualisiert sich die Frage nach der systemischen Passgenauigkeit prominent besetzter politischer Gesprächsformate in traditionellen und neuen Medienumgebungen. Und solange sich auf der institutionellen Ebene nichts ändert, solange bekommen wir eben die Sendungen, die uns die Verantwortlichen in Medien und Politik servieren. Dass sich das Mediennutzungsverhalten unter den Bedingungen der Digitalisierung massiv verändert und damit auch neue Teilpublika entstehen, die von der Politik adressiert werden müssen – das ist eine weitere Nebenlinie, die am Beispiel des TV-Duells immer deutlicher wird. Das (lineare) TV-Duell am Sonntag zielt auf ein zunehmend älteres Fernsehpublikum, die dezentralen Online-Formate erreichen mehrheitlich eine andere Klientel. Solche Entwicklungen werden in den nächsten Wahlzyklen noch sehr viel wichtiger werden und sie verweisen auch auf die – ungewisse – Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft.

Ach ja, läuft das TV-Duell eigentlich auch auf der funk-Plattform?

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