South-by-Southwest: In der Blase

Dienstag, 13. März. Wir schreiben Tag 5 der South-by-Southwest (#SXSW) und gerade überlagert die Washingtoner Politik das Festival im texanischen Austin: In den Morgenstunden erfährt Außenminister Rex Tillerson via Twitter, dass @realDonaldTrump ihn durch CIA-Chef Mike Pompeo ersetzen will – am späten Abend erreichen die Demokraten in einem als „tiefrot“ eingestuften Congressional District in Pennsylvania ein too-close-to-call bei einer Nachwahl zum Repräsentantenhaus. Der erst 34 Jahre alte Conor Lamb hält den republikanischen Favoriten Rick Saccone in Schach, erst die Briefwahlstimmen werden die Wahl entscheiden. Trump hatte in den Wahlkreisen im November 2016 mit etwa 20 Punkten Vorsprung gegen Hillary Clinton gewonnen. Nicht wenige Kommentatoren sehen hier die Vorboten für die midterm elections im November, die parteiischen substitutes im Fernsehen sagen es ganz deutlich: „The rumble you can hear is not a train, it´s not a storm, it is the anti-trump movement, that is coming from the mountains to every voting booth out there.“ Während bei CNN sich der Wind zu drehen scheint, hat man drüben bei FOX die Niederlage noch längst nicht akzeptiert und sendet das Celebrity-Magazin „page six tv“, keine Wahlsondersendung. Dass in dieser Nacht Stephen Hawking stirbt, spielt in keinem der beiden Sender eine Rolle.

Was hat das mit dem schrill-modernen Interactive-/Gaming-/Musik-/Film-Festival South-by (wie man in Austin sagt) zu tun? Gar nicht mal so wenig, denn die tiefen ideologischen Gräben haben sich auch in der vollgepackten Veranstaltungswoche gezeigt – allerdings nicht durch polarisierte oder gar feindliche Auseinandersetzungen auf den Panels, sondern durch das so gut wie vollständige Fehlen der republikanisch/trumpistischen Perspektive – Amerika ist noch immer auf der Suche nach den Vereinigten Staaten. (Sorry, die Werbeeinblendung musste sein, aber der Claim zu unserem Buch aus dem vergangenen Jahr passt hier einfach zu gut).

Sicher ist es mehr als eindrucksvoll, was das Team der SXSW auf die Beine gestellt hat. Ein imposantes Programm, bei dem im täglichen Newsletter immer noch neue Highlights hinzugefügt werden (Katie Couric! Elon Musk! Melinda Gates! Mark Hammill! Midge Ure!). (Okay, Midge Ure fällt ein wenig ab in dieser Reihe, aber immerhin kam er als special guest zu einer Podiumsdiskussion über den Elektromusikpionier Conny Planck ins german haus, die nicht uncoole Offsite-Präsentationsbude der deutschen Wirtschaftsförderungstruppe).

Die SXSW war politisch absolut einseitig und daher in dieser Perspektive auch nicht besonders interessant, eher sogar enttäuschend. Zu beobachten war ein komplettes Abtauchen in der liberal-progressiven Filterblase, ein wehmütiger Rückblick auf das Präsidentschaftswahljahr und die Zeit danach. Richtig schlimm: Viele public intellectuals (Journalisten, Autoren, Wissenschaftler) stellen ihre eigene Erfolgs- und/oder Leidensgeschichte mit und nach Obama vor. Prominentestes Beispiel: Der Vorzeige-Intellektuelle Ta-Nehisi Coates (The Atlantic) jammert schon im Titel seiner Essay-Sammlung We were 8 Years in Power. Technisch gesehen ist das natürlich zutreffend und richtig, nur leider schaut kaum jemand nach vorne und macht Vorschläge, was nun folgt und wie sich eine progressive Linke gegen Trump und den republikanischen Rest aufstellen kann. Ostküsten-Professor Mark Lilla war zwar nicht in Austin, aber seine Diagnose aus The Once and Future Liberal schwebte über zahlreichen Panels – in einem immer kleinteiliger werdenden Streit über die eigene Befindlichkeit verliert ein linkes Lager zusehends an Zusammenhalt und Identität. Die identity politics der letzten Jahrzehnte wenden sich gegen sich selbst und überlassen einer zumindest ansatzweise pragmatisch agierenden Gegnerschaft das Feld. Dabei ist Trump aktuell gar nicht mal das größte Problem, er verschanzt sich zunehmend hinter der Fassade des Weißen Hauses, setzt das systematische Zerlegen der Washingtoner Machtzentren fort und schart seine follower um sich – nicht nur bei Twitter, sondern auch in Regierungs- Verwaltungsämtern. Auch das ist zwar schlimm, hat für die Vorbereitung der kommenden Kampagnen derzeit aber noch keine spielentscheidende Bedeutung.

Denn ob dieser radikale Ego- und Machtfokus auch längerfristig Folgen haben kann, wird sich wohl im November zeigen. Substanzielle Verluste in Haus und Senat könnten ein Signal für einen Wechsel nach nur vier Jahren sein – allerdings müssten die Demokraten dann allmählich auch einmal personelle Zeichen für 2020 setzen. Und das heißt: Schon Anfang 2019, denn aussichtsreiche Präsidentschaftskampagnen brauchen in aller Regel einen langen Anlauf. Nur: Woher sollen diese Signale kommen? Aussichtsreiche Gegenkandidaten sind bisher noch nicht zu erkennen, dass eine Kandidatur von Obama-Vize Joe Biden ernsthaft diskutiert wird, sagt bereits vieles (seine Kampagne wäre im übrigen auch die Ausnahme für eine „Sprint-Kandidatur“, die in schon laufende primaries eingreift).

Im föderalen System bietet sich eigentlich die Ebene der Bundesstaaten als Widerstand gegen die Hauptstadt an, doch bis auf Kalifornien, das sich als „natürliche“ Gegenmacht am anderen Ende des Kontinents geriert, ist noch nicht viel passiert. Etwas mehr Bewegung kommt aus den Städten, und das war auch in Austin zu spüren: Die Bürgermeister des Cities Summit waren politische Aktivposten bei der SXSW, die US-Mayors wissen um ihre Verantwortung als Gegenmacht zu einem Washington, das unter Trump immer schwächer wird. Sadiq Khan, der Gast aus London, hielt eine eindringliche, sehr politische Rede – in und zwischen den Zeilen. Mit seinem Auftritt platzierte er sich gleich zwischen mehreren Stühlen, als bekennender Trump-Gegner hielt er mit Kritik und Unverständnis nicht hinter dem Berg, als technophiles, dabei aber marktrealistisches Stadtoberhaupt bot er radikalen Datenaktiven die Stirn und nebenbei steuerte er als gewähltes Oberhaupt des Bremain-London gegen den Kurs von Premierministerin May. Viel besser kann man es nicht machen – leider blieb er die große Ausnahme.

Was ist sonst noch zu erwähnen? Im Technologie-Diskurs dominierten die (erwartbaren) Themen Blockchain und Künstliche Intelligenz, auffällig war hier die Differenz zwischen Elon Musk („AI ist schlimmer als Atomraketen“) und Ray Kurzweil („AI ist eine weitere dezentrale, auf Unterstützung des Menschen ausgerichtete Sammlung von Hilfsprogrammen“). Sie brachten ihre Einschätzungen in großen Einzel-Events vor (wie es sich für Titanen gehört) und nicht im Dialog miteinander – vielleicht programmiert demnächst ja jemand zwei Bots, die den Austausch dann aufgreifen und fortführen. Zuzutrauen ist der SXSW-Gemeinde ja grundsätzlich alles. Der digitale Alltag ist in den USA schon viel umfassender und gegenwärtiger als bei uns, die Gesundheitsthemen verzweigen sich inzwischen von digital wellbeing, über enhancements aller Art bis hin zur virtuellen (Un-)sterblichkeit. Auch stärker als in Deutschland und Europa macht sich der Einfluss von eSports bemerkbar – sowohl auf den Werbemarkt wie auch auf die Sportarten ohne vorgeschaltetes „e“. Eine ganze Konferenz-Sparte widmete sich der wachsenden ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung der erneuten Medialisierung des Sports.

Ein Fazit soll nicht zu nüchtern klingen – die SXSW ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und diese Menge an Talent, Enthusiasmus und Wissen kommt nicht bei vielen Gelegenheiten zusammen. Wie sich die Großveranstaltung in die – durch einen massiven Bauboom gerade etwas unwirtliche – Innenstadt von Austin einbettet und diese in eine multiple Erlebnislandschaft verwandelt, ist nicht anders als grandios zu bezeichnen. Eine in den analogen Stadtraum platzierte enhanced reality: Respekt, gerne mehr davon. Die Teilnehmer stehen vor der schwierigen (und immer unlösbaren) Aufgabe, selbst zu entscheiden, was man davon auf- und mitnehmen möchte. Daraus resultiert eine unsichere Navigation in einem durch gezielte Überforderung völlig überladenen Angebot – das ist schon eine ziemlich gute Metapher für die Lage der digitalen Gesellschaft und dürfte sehr wohl im Sinne der Veranstalter sein.

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