Midterms: „O-H“ – „I-O“

Ein kurzer Abriss zu den zentralen Themen der Wahlkampf-Termine an Tag 1 der Midterm Study Tour – die langen Transferzeiten im Buckeye State (mit der doppelten Fläche von Bayern) bieten trotz des dichten Arbeitsplans eine gute Möglichkeit zur Nachbereitung. Den Auftakt gibt David L. Stack, Politikwissenschaftler an der Cleveland State University (abgekürzt CSU, was bei den Mitreisenden mehrfach für Belustigung gesorgt hat). Im Mittelpunkt seiner Forschung steht der Bezug des Wählerverhaltens zur Kampagnenfinanzierung – inwiefern werden Wähler für ihr Stimmverhalten „belohnt“, welche Incentives lenken die Abgeordneten zurück in ihre Wahlkreise? Die enge Bindung an den Wahlkreis belohnt in aller Regel die Amtsinhaber, für die Herausforderer ist generell schwer, das Gefüge aufzubrechen. Dementsprechend fließt in „sicheren“ Wahlbezirken deutlich weniger Geld, bis hin zu eher symbolischen Kampagnen nahezu ohne funding für völlig aussichtslose Kandidaten. Das Geld folgt den umstrittenen Kampagnen in den swing districts. Auf die Frage nach den Chancen auf ein re-destricting reagiert Stack mit beredtem Schweigen. Immer öfter sichern sich die Kandidaten durch die Ziehung „parteiischer“ Wahlkreisgrenzen ab, die Praxis des gerrymandering gilt in beiden Lagern als wichtige Technik zum Machterhalt. Zusammen mit den Geldkreisläufen vor den Wahlen resultiert daraus eine immer stärkere Abschottung zwischen Republikanern und Demokraten, mittlerweile auch mit der Folge der Ausbildung ideologisch homogener Wohnviertel – die politische Geografie verändert (und festigt) ein zunehmend polarisiertes soziales Gefüge.

Für die aktuellen Kampagnen weist Stack außerdem auf die gestiegene Bedeutung des outside money hin: Immer häufiger fließen über Einzelspenden Gelder aus anderen Bundesstaaten in die congressional races und können so einen eigentlich verlässlichen Indikator für die Wählerunterstützung vor Ort verzerren. Ein Beispiel genau dafür liefert das Duell im Congressional District #16, wo der ehemalige Football-Profi Anthony Gonzalez (Ohio State University, Indianapolis Colts) antritt. Seine Kampagne wird unter anderem unterstützt durch seinen Ex-Mannschaftskollegen Payton Manning oder auch die NFL-Franchise der Denver Broncos. So ganz geheuer scheint der Kandidat dem lokalen Chapter der Republikaner in Medina nicht zu sein, beim kurzen Meet & Greet gibt es einige kritische Fragen aus einem stark überalterten Auditorium, mit dem Highlight zur aktuellen Situation rund um den Caravan: „Anthony, tell us about the invasion!“ Gonzalez pariert mit einem eher moderaten Statement und bezieht dabei den eigenen kubanischen Migrationshintergrund mit ein: „Eine geregelte Einwanderung ist wichtig und wir brauchen sie über die richtigen Kanäle.“

Der turnout der Versammlung ist eher spärlich, was vielleicht auch mit der massiv gestiegenen Briefwahltätigkeit zu tun haben könnte. Für die Kampagnentreibenden spielt die frühzeitige Identifikation von absentee ballots eine wichtige Rolle, denn nach der täglichen Übermittlung der entsprechenden Daten aus dem Wahlbüro werden unmittelbar Flyer versendet, im ländlichen Medina County meistens per analoger Post. Immerhin der Abschluss ist versöhnlich, denn der klassische Schlachtruf für die heimischen Football-Teams geht allen Teilnehmer/innen flüssig über die Lippen: Auf das einstimmende „O-H“ folgt ein gemeinsam gerufenes „I-O“.

Vom beschaulichen Medina (noch mit funktionsfähigem historic town center) geht es über den touristisch korrekt schnurgeraden Highway nach Westerville, einen Vorort von Columbus, zur Einstimmung auf eine canvassing tour beim Kandidaten Troy Balderson. Im eher unscheinbaren field office warten Einblicke in alte und neue Kampagnentechniken – yard signs, bumper sticker und sonstige Flyer liegen in großer Zahl für die nur sporadisch auftauchende Laufkundschaft aus. Spannender sind die digitalen Werkzeuge, die eine auch im ländlichen Ohio boomende campaign industry bereitstellt. Und ja: So ein hands-on-Einblick in eine Phonebanking-Software oder eine Canvassing-App ist schon ganz eindrucksvoll, insbesondere in Zeiten deutscher und europäischer Datenschutzwirklichkeiten.

Am Abend dann direkt in die Hauptstadt: Vier Tage vor Schließung der Wahllokale gibt sich der noch amtierende Governeur John Kasich die Ehre. Im Boathouse, am Zusammenfluss von Olentangy und Scioto mit Blick auf die malerische Skyline von Columbus gelegen, unterstützt Trump-Kritiker Kasich seinen designierten, aber etwas blassen Nachfolger Mike DeWine. Vor den vielleicht 150 motivierten Republikaner/innen entwickelt sich eine Szene wie aus dem Kampagnen-Handbuch. Im Warm-Up loben zwei lokale Parteivorstände die anwesenden Kandidat/innen für die verschiedensten Ämter über den sprichwörtlichen Klee. „The best“, „incredible“, „awesome“ sind ausgewählte Superlative, die hier zum Einsatz kommen, um den künftigen legislators und ihren Getreuen zu schmeicheln.

Der hemdsärmlige Auftritt von Kasich kontert solche Lobhudeleien mit einer vielleicht schmucklosen, aber doch sehr engagierten und authentischen Darstellung der Lage seines Bundesstaates – inklusive des erwarteten endorsement für den Kandidaten. Während der vielleicht 15 Minuten langen Ansprache steht DeWine etwas verloren mit seiner Frau auf der Bühne herum und lässt den vermeintlichen Amtsvorgänger gewähren. Dann nimmt er selbst das Mikro in die Hand. Presidential politics spielen überhaupt keine Rolle, der Name Trump fällt in beiden Reden nicht ein einziges Mal. Sucht man nach einer Agenda, dann ist es eine eher zentristische. Chancengleichheit, Stärkung der lokalen Wirtschaft, keine Steuererhöhungen, mehr Geld für die Bildung, niemand soll zurückbleiben. Am Ende bittet der recht hölzern wirkende Kandidat vier seiner insgesamt 23 (sic!) Enkel auf die Bühne. Er weiß offenbar, wo seine Schwächen liegen.

So geht der Tag auf dem campaign trail mit einer zweistündigen Fahrt durch das nächtliche Ohio zu Ende. Für Tag 2 ist mit einem geringeren Radius zu rechnen, es stehen nur Ziele im engeren Umkreis von Downtown Cleveland auf dem Programm.

To be continued…

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