#TelAviv: Zwei Tage im Durchlauferhitzer

Was bringt ein kurzes Abtauchen in das Startup-Ökosystem der israelischen Tech-Metropole Tel Aviv? Vor allem eine ganze Menge Einblicke in eine völlig anders strukturierte Gemengelage zwischen Tech-Industrie, staatlichen Institutionen, Universitäten, internationalen Unternehmen und dem Militär. (Okay, und natürlich auch jede Menge Hummus, Kebab, Shakshuka, Tahini und wie das ganze gute Essen eben so heißt.)

Grund für die Reise ans östliche Ende des Mittelmeers war die Konferenz How does Innovation grow? Together!, die im Rahmen der Ruhrkonferenz durch das NRW Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales im Verbund mit der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer ausgerichtet wurde. Meine Rolle war dabei die Moderation einer Fishbowl-Session zum Thema Cybersecurity, in die ich durch meine aktuelle Tätigkeit am Center for Advanced Internet Studies in der NRW-Sicherheitsmetropole Bochum hineingeraten bin. Die Session war nicht unspannend, denn wider Erwarten führt ein in Israel spürbar anderes „Sicherheitsklima“ nicht zwingend auch zu einem besseren Verständnis für Cybersecurity bei den Nutzern vor Ort – das privacy paradox lebt auch in der Weißen Stadt weiter, die Passwörter sind in Tel Aviv nicht origineller (oder sicherer) als in Deutschland.

Das dichte Programm für die NRW-Delegation war als Wechsel aus Impulsen bei israelischen Startups, Berichten von der internationalen High-Tech-Front sowie Besuchen bei Projekten, Agenturen und Universitäten gestaltet. So sind dann auch schon die Eckpunkte des vielgerühmten Ökosystems der Startup Nation benannt: damit es den lokalen Startups gut geht, kooperiert ein Netz aus staatlichen Einrichtungen (wie die Israel Innovation Authority), den Universitäten und dem Militär (sic!) eng mit internationalen Playern, die sich längst auch in Tel Aviv niedergelassen haben. Zwischen den verschiedenen Knotenpunkten gibt es eine Art revolving door-System, das einen (mehrfachen) Wechsel der Seiten erlaubt. Dynamik ist sowieso ein wichtiges Stichwort in Israel, Stillstand ist dort scheinbar nicht erlaubt. Die Zauberformel für die Tech-Szene geht so: Startup – Grow up – Exit – Repeat.

Für die agile Nachwuchsgarde der NRW-Delegation (ping: XingSys, Aware7 und Replex sorgte dieser ständige flow durchaus für Überraschung, denn ein wirkliches Interesse an der nachhaltigen Hege und Pflege der eigenen Firmenkreation scheint man in Israel nicht unbedingt zu haben. Der lukrative Exit als millionen- oder milliardenteures Aufkaufen durch einen möglichst bekannten internationalen Konzern ist ein zentrales Ziel, das auch von der begleitenden Wirtschaftsförderung und natürlich der Politik aufgegriffen wird („We need big logos!“). Begründet wird das Modell des schnellen Erfindungs-, Entwicklungs- und Verkaufszyklus gerne mit dem (angeblich) nicht vorhandenen eigenen Markt – israelische Startups zielen von vornherein auf den internationalen Erfolg und suchen dementsprechend die Nähe zu den prominenten Zentren des digitalen Fortschritts. China bleibt dabei allerdings außen vor – von den meisten Startups kamen ganz klare Absagen an mögliche Kooperationen mit Fernost. Ob es zu der in der EU allgemein erwarteten Dreierkonstellation im Kampf um die Digitalhegemonie kommt, scheint aus der israelischen Perspektive aber noch längst nicht klar: „EU-ropa“ gilt hier als der schwächste Player.

Besondere Aufmerksamkeit verdient aus deutscher Sicht die Israel Defence Force (IDF) – das Militär hat sich längst als wirksamer backbone im Startup-Boom erwiesen, fast alle mit teuren Exits erfolgreichen Startups sind auf die ein oder andere Weise mit militärischen Einrichtungen verbunden. Manche Projekte verbleiben in diesem Bereich (es heißt, mit einem Iron Dome hätte auch die Zerstörung von Kings Landing verhindert werden können), andere finden den Weg zur zivilen Nutzung, etwa im Bereich Mobilität (Mobile Eye) oder im Gesundheitswesen (Orcam). Neben der institutionellen Verbindung, etwa über die Negev-Universität in Beer Sheva, sind auch die Effekte für die Unternehmenskultur nicht zu unterschätzen – Militärausbildung und Reservetätigkeit gelten als hilfreich für Effizienz- und Ergebnisorientierung. Eher überraschend klingt dagegen eine andere Spätfolge, nämlich die Akzeptanz flacher Hierarchien. Durch die Möglichkeit eines Rollentauschs zum Beispiel bei einer Reserveübung würden Machtgefälle in Unternehmen entschärft und förderten die Kommunikation auf Augenhöhe. Von außen überprüfbar ist das natürlich nicht ohne weiteres, aber ein durchgängig lockerer, aber bestimmter Umgangston, der lässige Dresscode und das Fehlen des „Du“ im Hebräischen wie im Englischen lassen dies nicht unwahrscheinlich wirken.

Dass das technische Know-how nicht allein für eine erfolgreiche Startup-Ökonomie sorgt, macht das Unbox-Projekt an der Bar-Ilan Universität im Osten Tel Avivs deutlich. Diese Mixtur aus Inkubator, Fortbildungsmaßnahme und Coworking-Space richtet sich nämlich nicht an Studierende, sondern an Forschende – zurzeit durchlaufen 12 Mitarbeiter der Uni das Weiterbildungsprogramm und können so ein eigenes Produkt entwickeln, Kontakte zu Kunden herstellen und erste Fundraising-Schritte einleiten. Das zentrale Ziel dabei ist es, eine unternehmerische Kultur unter den Hochschulmitarbeiter*innen zu fördern – im Erfolgsfall profitieren die erfolgreichen researchpreneurs und die Universität von den Erträgen. Die Schwierigkeiten eines Transfers auf das deutsche Wissenschaftssystem liegen auf der Hand – zum einen müssten die Hochschulen ein finanzielles Reservoir für diese Form der internen Vergabe von venture capital anlegen, zum anderen erschwert das Dienstrecht solche Mechaniken.

An vielen Stellen treten die Unterschiede zwischen Israel und Deutschland zu Tage, so sind das Fehlen einer punktgenau eingesetzten Digitalwirtschafts- und Innovationsförderung, aber auch die Komplexität des föderalen Wettbewerbs zwischen und in den Bundesländern wichtige Faktoren. Wo und wie ist nun von einer straff formierten, agilen Startup-Ökonomie zu lernen? Ganz sicher im Detail, bei der Betrachtung spezifischer Bedarfe der Akteure und der Orientierung an funktionierenden Mechanismen innerhalb des israelischen Ökosystems. In der gerade zu beobachtenden Ausbildung mehrerer Digital-Hubs in Deutschland liegt natürlich auch eine Chance – im gegenseitigen Wettbewerb voneinander lernen ist nicht einfach, kann aber auch anregend wirken. Es wäre die Aufgabe der Politik, hier zu unterstützen und zu fördern, allerdings wäre dafür auch eine geeignete Aufgaben- und Arbeitsteilung hilfreich. Danach sieht es trotz allen Digitalaktivismus rund um das Kanzleramt oder den verschiedenen Digitalministerien jedoch nicht aus – möglicherweise sind Genese, Struktur und Arbeitsprogramm der Israel Innovation Authority noch einen genaueren Blick wert – man darf hoffen, dass die vielen deutschen Israel-Reisenden genügend Hinweise für die auf Bundesebene angedachte Agentur für Sprunginnovationen finden und aufgreifen. Solange aber auf Bundesebene kaum klare Zuständigkeiten bestehen, sind die Länder gefordert, die im Zweifel regionale Stärken (und Bedarfe) ohnehin besser kennen dürften. Auch dort sind verschiedene Ansätze am Start, die mal mehr und mal weniger koordiniert wirken, aber sowohl in Stadt- (Hamburg, Berlin) wie auch in Flächenstaaten (Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen) eine spürbare Wirkung entfalten.

Ein so kohärentes, in sich produktives, selbstbewusstes Ökosystem wie in Israel findet man in Deutschland bislang nicht – aber die Bewegung in den Innovationsregionen ist klar erkennbar. Gefordert sind dabei auch die daran beteiligten Organisationen, angefangen bei den Startups selbst. Dazu zählen weiter größere Unternehmen aus dem IT-Bereich, mittelständische Betriebe mit digitalem Nachholbedarf, aber auch Einrichtungen der Wirtschaftsförderung und die Kommunen, nicht zuletzt auch die Universitäten und andere Forschungseinrichtungen. Hier scheinen besonders die TTOsTechnology Transfer Offices – an den israelischen Hochschulen lohnende Vorbilder zu sein, oder eben Experimente wie das Unbox-Programm. Transferzentren gibt es zwar vielerorts schon, doch scheinen deren Angebote noch nicht genügend auf die besonderen Anforderungen der Digitalökonomie ausgerichtet. Auch für die Hochschulen könnte gelten, was Mickey Steiner, Managing Director für innogy Israel, festgestellt hat: „We need to disrupt our own business, before someone else does it.

Doch es gibt auch Probleme im israelischen Modell, so arbeiten nur etwa 8% der Arbeitnehmer*innen im Digitalsektor, diese Gruppe wiederum ist jedoch verantwortlich für einen Großteil der Steuereinnahmen. Auch wenn der Innovationsfluss ungebrochen scheint, durch die zahlreichen Exits entstehen ganz offenbar nicht viele neue (und gut dotierte) Arbeitsplätze vor Ort. Die Startup-Nation ist – bislang – eine recht elitäre Veranstaltung, die zwar eigenes Talent fördert und funktionierende Kreisläufe schafft, aber das Fehlen eines soliden Heimatmarktes und das große Interesse internationaler Investoren und Unternehmen macht Israel vor allem zu einem spannenden Ausbildungsplatz im globalen Wettbewerb – vielleicht das aktuelle Ajax Amsterdam der digitalen Champions League.

Auf eine ganz andere Situation hat David Rosenberg kurz nach der gescheiterten Regierungsbildung in der internationalen Ausgabe von Haaretz (31.5.2019) hingewiesen. Die politische Kontroverse um die Wehrpflicht hat nicht nur die von Benjamin Netanjahu angestrebte Koalition ausgehebelt, sondern rückt auch Schwierigkeiten im Bildungsbereich in den Vordergrund.

At midnight on Wednesday, [Avigdor Liebermann] struck a blow for the Israel of skilled and educated people, the denizens of Startup Nation and all those Israelis who have made the country prosperous and powerful – when he forced Netanyahu into calling new elections. (…) Israel has a lot of problems producing educated and skilled workers: Its schools are bad and its universities are underfunded. The very real achievements we have made in high-tech, science and culture rely on a tiny minority of people.

Die Umgehung der Wehrpflicht durch viele ultraorthodoxe Juden korrespondiert mit deren Ausscheren aus dem modernen Bildungssystem – dadurch verkleinert sich gleichzeitig auch die digital gut gebildeten Arbeitsmarktreserve. Im Verbund mit dem Wegzug erfolgreicher Gründer- und weiterer hochqualifizierter Entwickler*innen in die europäischen und US-amerikanischen Digital-Hubs kann die Startup-Nation nur noch eingeschränkt skalieren. Noch einmal Rosenberg:

In absolute terms, the brain drain isn´t huge. But because the number of brains in Israel isn´t that big to begin with, each departing Israeli has an outsized effect.

Dynamisch wird es also auch weiterhin bleiben in Israel, das ist schon einmal klar. Die deutsche Innovationsreisetätigkeit steigt derweil erheblich an, allein in diesem Jahr erwartet Grisha Alroi-Alroser, der Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, etwa dreißig Delegationen in Tel Aviv. Man darf gespannt sein, welche Ideen und Impulse sich in Deutschland wiederfinden werden, in NRW sind jedenfalls schon mal einige angekommen (trotz der notorisch scharfen Kontrollen beim Grenzübertritt).

Ergänzungen: Die FAZ liefert einen (nicht so originellen, aber solide recherchierten) Beitrag zur Architektur der Weißen Stadt. Eine Ausstellung über Tel Aviv („Die Erfindung der Stadt“) gibt es im Jüdischen Museum Hohenems.

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