Archive for the ‘Brasilien’ Category

Jornal do Sul: Greve Geral

Freitag, 11. November 2016

Heute ist in Salvador der Tag des paralisação, der Tag des Stillstands, der Lähmung des öffentlichen Lebens – nein, das ist kein öffentlicher Feiertag, sondern das Resultat eines Streikaufrufs der Frente Brasil Popular (etwa „Brasilianische Volksfront“ – wer hier an Monty Python denkt, liegt vielleicht nicht ganz falsch, doch die Sache ist eine ernste Angelegenheit).

In dieser Gruppe organisieren sich zahlreiche Verbände, Organisationen und Bewegungen des linken Spektrums, insbesondere mit einem Fokus auf die Jugend, Frauen, Menschen afro-brasilianischer Herkunft, die LGBT-Community aber auch Regionalverbände und Arbeiter- bzw. Berufsgenossenschaften. Für manche ähnelt das Bündnis der spanischen Podemos-Bewegung, aktuell formuliert es massive Kritik an den ersten Entscheidungen und Richtungsänderungen unter Michel Temer, der nach dem Amtsenthebungsverfahren gegen die wiedergewählte Präsidentin Dilma Rousseff die Regierungsverantwortung an sich gezogen hatte (vgl. hier). Im Zentrum der Proteste stehen Einschnitte im Bildungswesen, das im besonderen durch Umverteilung staatlicher Zuschüsse zu leiden hätte. Der Slogan ist knapp und eingängig: Fora Temer! – Temer, hau ab!

(Update 1: Dazu passt ein erneuter Angriff der vormaligen Präsidentin Rousseff auf ihren ehemaligen Running-Mate Temer – sie wirft ihm die unrechtmäßige Annahme von Spendengeldern während der gemeinsamen Kampagne in 2014 vor (vgl. hier). Es bleibt zu fragen, wie eine solche Aktion auf die Bevölkerung wirkt – in der aktuellen Gemengelage ist eher davon auszugehen, dass es die Ablehnung gegenüber der politischen Elite verstärkt. Bereits bei den Kommunalwahlen im Oktober hatte sich die Zahl der Nicht- oder „Weißwähler“, die sich der hier geltenden Wahlpflicht durch ein Ungültigmachen der Stimme entzogen haben, deutlich erhöht. Die Verlängerung der Fehde der beiden politischen Spitzenkräfte und die Behandlung durch die Gerichte wird das politische Klima in Brasilien jedenfalls kaum beruhigen.)

Allerdings sind die Effekte der Protest-Bewegung bislang kaum messbar – in den Kommunalwahlen haben in den großen Städten verlässlich die Kandidaten des konservativen Lagers gewinnen können. In einer Stadt wie Salvador regiert nach den Wahlen der mit übersoliden 75% ins Amt gewählte Antônio Carlos Magalhães Neto und fährt dort ein Infrastruktur- und Sicherheitsprogramm, das bei der lokalen (Wahl-)
Bevölkerung offenbar ganz gut ankommt.

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Jornal do Sul: Eleições no Norte

Samstag, 5. November 2016

Die erste Woche in Salvador ist inzwischen vorüber – etwas Zeit habe ich durch eine Erkältung verloren (deshalb auch: wenig los im Blog). In der Tendenz waren Klima und Klimaanlagen wohl nicht ganz schuldlos. Die Jahreszeit vielleicht auch. Egal. Trotzdem habe ich mich hier gut eingewöhnt und bin in die aktuellen Residenz-Routinen eingestiegen: lesen, recherchieren und planen.

Das ist auch nötig, denn schon am kommenden Dienstag organisiere ich hier in der Vila Sul einen Workshop zur Wahl in den USA. Gemeinsam mit dem Team des Goethe-Instituts, den Mit-Residenten und einigen Angehörigen der hiesigen Uni schauen wir uns den Verlauf der Stimmenauszählung an und kommentieren das Geschehen auf der anderen Seite des Kontinents. Ein programmatisches Ziel der Residenz ist ja, den Begriff des „Globalen Südens“ als Orientierungspunkt zu begreifen – insofern wirkt eine Veranstaltung zu den eleições vielleicht etwas überraschend. Andererseits gibt es hier in Salvador durchaus ein starkes Interesse an den Entwicklungen im Norden (nebenbei ganz interessant, mal nicht über den „Westen“ zu sprechen, wenn es um die USA geht), und das ist durchaus auch ein Treiber für die Veranstaltung am nächsten Dienstag.

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Jornal do Sul: Check-In

Samstag, 29. Oktober 2016

riogaleaoMit der erfolgreichen Anreise nach Salvador-Bahia (über den teilweise noch im Olympia-Modus arbeitenden Flughafen Tom Jobim in Rio de Janeiro, vgl. rechts) hat heute mein Residenzaufenthalt am Goethe-Institut begonnen.

In loser Folge werde ich in den kommenden Wochen darüber schreiben. Einige inhaltliche Anhaltspunkte hatte ich vor kurzem hier bereits notiert, nun ist es Zeit für (aller)erste Eindrücke. Ich kenne die Stadt Salvador bereits von zwei früheren Besuchen, und erneut hat sich einiges verändert. Am auffälligsten ist bisher die Großbaustelle der Metro Bahia, deren Linha 2 vom Stadtzentrum aus bis zum Flughafen reichen wird. Allerdings ist über eine Strecke von ca. 20 Kilometern noch vieles Stückwerk. Die Haltestellen stehen teilweise im Rohbau, Gleise fehlen, die Elektrifizierung auch. Erst rund um das WM-Stadion Fonte Nova (genau, Deutschland – Portugal 4:0) ist der Bau fertig und funktionstüchtig. Schnell ertappt man sich beim (typisch deutschen?) Gedanken „Wäre sicher praktisch gewesen, wenn es die Bahn schon zur WM 2014 gegeben hätte“. Hier in Salvador aber scheint das Projekt ausdrücklich gewürdigt zu werden, es bringt Menschen in Arbeit, es steht für Aufbruch und Modernisierung (wobei die knallgelben, -grünen und -orangen Overalls irgendwie an Einsätze in Katastrophengebieten erinnern, schon wieder so ein mitgebrachter Gedanke).

Auf jeden Fall dauerte der Transfer vom Flughafen zum Goethe-Institut gerade mal 35 Minuten, es ging viel schneller als 2013 oder 2010. Der Empfang war überaus herzlich, nach einer kurzen Einweisung in die gerade erst fertiggestellten Residenzräume hatte das Goethe-Team eine traditionelle feijoada vorbereitet. Diese explizit nicht-vegane Eintopfart ist durchaus sättigend und es hätte auch einige gute Fotomotive für die sozialen Netzwerke gegeben, aber ich habe das mal unterlassen (bislang habe ich aber noch keine gravierenden Unterschiede in der digitalen, mobilen Mediennutzung feststellen können). Getafelt wurde übrigens direkt vor meiner Unterkunft – hier schon mal das Türschild dazu, weitere Bilder folgen.

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Ein erster Austausch mit den anderen Resident:innen (an Bezeichnung und Rolle muss ich mich erst noch gewöhnen) war schon sehr spannend. Die meisten haben einen Hintergrund im Theater- und/oder Performancebereich, das könnte u.a. für die Begleitung der anstehenden US-Wahl ganz interessant werden: am 8. November wird es in der Vila Sul die lokale Variante eines academic viewing geben, ein Format, mit dem ich erstmals 2004 in Gießen Erfahrungen habe sammeln können.

In den nächsten Tagen wird mein Aufenthalt daher einerseits im Zeichen der Eingewöhnung stehen (Stadt, Sprache, Wetter, frühe Sonnenauf- und -untergänge), andererseits in der Vorbereitung des amerikanischen Wahlabends. Auf dem Programm steht u.a. die Lektüre von Trumpland, der Schweizer Journalist Walter Niederberger hat hier das Porträt einer gespaltenen Nation vorgelegt. Geplant ist für den 8. November auch ein Austausch mit Lehrenden und Studierenden der Bundesuniversität Salvador (UFBA) – wenn es gelingt, hätten wir eine schöne Gesprächskonstellation im Dreieck zwischen Deutschland, Brasilien und den USA. Hinweise auf zeigens- und diskussionswürdiges Material werden in den einschlägigen sozialen Netzwerken jederzeit gerne entgegengenommen.

(Nachtrag: Im Hof des Goethe-Instituts ist jetzt, um kurz vor 22 Uhr Ortszeit, noch guter Betrieb, auf einer kleinen Bühne werden Songs des aktuellen Literaturnobelpreisträgers dargeboten. Ich weiß nicht, ob das als Teil einer deutsch-amerikanisch-brasilianischen Kulturpartnerschaft geschieht – aus (traurigem) tagesaktuellen Anlass wären ja vielleicht auch ein paar Stücke von Manfred Krug passend gewesen, aber dazu wird es  wohl nicht kommen.)

In eigener Sache: Vila Sul

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Zuletzt hatte ich es angedeutet – im gerade begonnenen Forschungssemester wird es auch eine längere Abwesenheit geben, hier nun einige Informationen dazu. Am 27. Oktober beginne ich einen Auslandsaufenthalt als Gast im Residenzprogramm Vila Sul, das vom Goethe-Institut Salvador-Bahia veranstaltet wird (ja genau, es geht um Brasilien). Bis zum 15. Dezember wohne und arbeite ich in den Räumen des Instituts, das als einer von (bisher) wenigen GI-Standorten auf diese Weise den Austausch und die Kommunikation mit lokalen Szenen vor Ort fördert.

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(Ja. Dort.)

Das Residenzprogramm richtet sich an „Intellektuelle,‭ ‬Künstler/-innen,‭ ‬Wissenschaftler/-innen und Autoren/-innen aller Disziplinen bzw.‭ ‬an interdisziplinär arbeitende oder forschende Personen“.‭ Es gibt auch ein gemeinsames Thema für die Resident:innen, dies ist recht allgemein, aber nicht unspannend, mit Süden‭ überschrieben. Im Rahmentext dazu finden sich durchaus gute Anknüpfungspunkte zu meinen bisherigen Arbeiten:

In einer sich immer stärker globalisierenden Welt‭ ‬– mit den Hauptmerkmalen einer sich potenzierenden Digitalisierung und der gleichzeitigen Suche nach neuen‭ analogen‬ Beziehungen‭ ‬– sind kulturelle Vernetzungen eines der wichtigsten‭ Instrumente der Positionierung.‭ ‬Residenzen sind dabei ein besonders wirksames Format für nachhaltige Begegnung und kreative‭ (‬Ko-‭)‬Produktion.‭ ‬Allerdings bedarf es neuer Ansätze,‭ ‬die es vermögen,‭ ‬vielfältig zu agieren und multipel zu wirken.‭ ‬Denn das bloß‭ Bilaterale‬,‭ ‬das Hin und Her,‭ ‬ist in dieser Welt,‭ ‬die nach einer neuen Ordnung sucht,‭ ‬nicht mehr ausreichend.

Das Residenzprogramm steht in Salvador noch am Anfang, in den Zeitraum meines Aufenthaltes fällt auch die offizielle Eröffnung am 16. November – hier ist mit Bundestagspräsident Norbert Lammert ein sehr interessanter Gast angekündigt (der bis dahin vielleicht ja noch interessanter geworden ist).

Gefördert wird der Aufenthalt nicht nur durch das Goethe-Institut, ein weiterer Partner ist die Robert-Bosch-Stiftung – in Salvador wird es während des Aufenthaltes einige öffentliche Veranstaltungen geben, im Goethe-Institut und evtl. auch an der Bundesuniversität von Salvador-Bahia (UFBA). Dorthin gibt es bereits einige Verbindungen, denn ich war bereits 2010 und 2013 jeweils für einige Tage zu Gast in Salvador. Beide Besuche waren überaus ertragreich, aber ein längerer Forschungsaufenthalt wird sicher noch ganz andere Einblicke ermöglichen.

Besonders interessant erscheint aus politikwissenschaftlicher Perspektive zunächst die Frage nach dem aktuellen Zustand des politischen Systems – das Impeachment der gewählten Präsidentin Dilma Rousseff und die Amtsübernahme ihres ehemaligen Stellvertreters Michel Temer ist ein Novum für die noch immer junge Demokratie. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand, der zu meinem Forschungsportfolio passt, ist die Comissao Nacional da Verdade sowie die damit verbundene Transparenzoffensive. Das Gremium hat sich bis 2014 mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur befasst,  die ehemalige Präsidentin Rousseff hatte hier auch Aspekte der Tätigkeit von Ethik-Kommissionen stärken wollen. Ob davon noch etwas zu spüren ist? Wir werden sehen.

In den nächsten Wochen werde ich den Aufenthalt in Brasilien hier im Blog begleiten, nicht unbedingt mit einer sehr verregelten Publikationsstruktur, aber es sollte doch mit einer wesentlich höheren Frequenz von Postings zu rechnen sein.

(Okay, es gäbe da noch dieses prominente Musik-Video, das in Teilen in der Altstadt von Salvador gedreht wurde. Aber nein, das poste ich hier nicht).