Archive for the ‘In eigener Sache’ Category

Wahlkampf in persönlichen Öffentlichkeiten

Donnerstag, 8. August 2013

Unter dem Titel Im Social Web angekommen ist in diesen Tagen ein recht umfangreiches Dossier zum Stand des Online-Wahlkampfs in den sozialen Netzwerken auf tagesschau.de veröffentlicht worden. In der Vorbereitung dafür wurde ich von der Redaktion interviewt, unser Gespräch schaffte am Ende dann aber nicht den „Cut“ und blieb offline. Hier im Blog dokumentiere ich aber mal die zentralen Passagen unserer Unterhaltung, die einige aus meiner Sicht wichtige Elemente der politischen Online-Kommunikation vor der Bundestagswahl 2013 anschneiden.

Frage: In Tweets und Posts ist eine extreme Komplexitätsreduktion notwendig. Sind diese Plattformen überhaupt zur serösen Vermittlung von politischen Inhalten verwendbar?

CB: Ja, weil Man in kurzen Tweets und Posts auf andere Inhalte im Netz verweisen kann, in denen dann mehr Raum ist für differenzierte Informationen.

Das wäre also eine Art „Anfüttern“ auf den Social-Media-Plattformen.

Man kann Social Media ja durchaus als mehr als eine reine Verkündungsplattform für Pressemitteilungen sehen. In der Echtzeit-Kommunikation sind die einzelnen Äußerungen Bestandteile eines längeren Dialogs mit einer oder mehreren Personen. Die einzelnen Tweets oder Posts beziehen sich ja aufeinander.

Der Austausch oder Dialog ist ja eine Idealvorstellung. Wird die bereits umgesetzt in der deutschen Politik?

Die deutsche Politik kennt sich mit Twitter fast länger aus als die deutschen Qualitätsmedien, die nur zögerlich begonnen hatten, Social Media in die eigene Arbeit zu integrieren. Schauen Sie sich an, was im Umfeld von Plenardebatten getwittert wird, wie über Programme in den Sozialen Netzwerken diskutiert wird, wie „Online-Ereignisse“ kreiert werden wie zum Beispiel #fragpeer bei der SPD. Auch bei großen Parteitagen wird die Echtzeit-Kommunikation in die PR-Strategie eingebunden.

Verändert sich das Politikverständnis durch die Kommunikation über Social Media?

Die Öffentlichkeiten verändern sich. Es sind nicht mehr die klassischen Zuschaueröffentlichkeiten der alten Massenmedien. Der Kommunikationssoziologe Jan Schmidt beschreibt das mit dem Begriff der „persönlichen Öffentlichkeiten“: Das Umfeld der sozialen Netzwerke  ist geprägt von den Personen, die sich dort bewegen, die selbst entscheiden können, an welches Publikum sie sich richten. Das ist etwas anderes als das unpersönliche Publikum der Massenmedien, bei dem es kaum möglich ist, direkte Beziehungen zu den Menschen herzustellen. Wie man davon als Politiker, Journalist oder auch Bürger profitieren kann, das müssen alle Beteiligten erst noch herausfinden.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen Twitter und Facebook?

Der erste Ansatz wäre, dass Die Kommunikation bei Twitter ist noch stärker auf Echtzeit-Ereignisse ausgelegt ist. Allerdings finden auch als die Facebook-Updates häufig in Echtzeit statt. Trotzdem könnte man einen Unterschied daran festmachen, dass auf Facebook eher das zu finden ist, was früher charakteristisch für die persönlichen Homepages war, während die Kommunikation auf Twitter immer einen konkreten Bezug zum Ereignis aufweist.

Was können Politiker über Social-Media-Kampagnen im Wahlkampf erreichen?

Das Online-Campaigning zielt immer in drei Richtungen: erstens auf die Menschen, mit denen die Parteien und Politiker in irgendeiner Weise verbunden sind, das heißt, sie sprechen in erster Linie ihre Unterstützer an. Kampagnen können außerdem darauf ausgerichtet sein, auf die eher Unentschlossenen anzusprechen und so neue Unterstützer zu gewinnen. Drittens werden auf jeden Fall auch Medienakteure angesprochen, sowohl innerhalb wie außerhalb des Netzes. Das, was Politiker in den neuen Medien machen, hat momentan noch einen so hohen Neuigkeitswert, dass auch in den alten Medien darüber berichtet wird. Dadurch steigert sich die Reichweite der politischen Kommunikation im Netz. Eine relevante Sichtbarkeit erreicht man zumeist erst dann, wenn man den Sprung von den neuen in die alten Medien schafft.

Was raten Sie denn Politikern?

Als Wissenschaftler kann ich sagen, dass die Politiker es nicht so machen sollten wie in den vorherigen Wahlkämpfen und ihr Interesse für die sozialen Medien nicht nur bis zum Wahltag um 18 Uhr aufrecht erhalten. Auch während der Amtsführung oder in der Opposition sind diese Plattformen alltägliche Kommunikationswege.

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In eigener Sache: WDR-Rundfunkrat

Freitag, 19. Juli 2013

Im Februar hatte die NRW-Landtagsfraktion der Piratenpartei die ihr zugeordneten Plätze im WDR-Rundfunkrat ausgeschrieben und damit den Versuch unternommen, dem bislang üblichen Zuteilungsverfahren eine Alternative entgegenzusetzen. Nicht nur, weil ich damals gerade in meiner Vorlesung „Medien, Kommunikation, Politik“ über die Modernisierung des Dualen Rundfunksystems gesprochen und mich mit den Herausforderungen der Digitalisierung für den Mediensysteme auseinandergesetzt habe, erschien mir eine Bewerbung als konsequente Weiterführung und Ergänzung des wissenschaftlichen Interesses am Thema.

In der vergangenen Woche nun hat sich die Piratenfraktion entschlossen, mich als ordentliches Mitglied für den Rundfunkrat vorzuschlagen, daraufhin hat der Landtag diese Entsendung beschlossen.

In der Pressemeldung der Piratenfraktion zur inzwischen erfolgten Besetzung wird der Hintergrund des Verfahrens noch einmal kurz erläutert:

Im Gegensatz zur Praxis der anderen Parteien, teilweise aktive Landespolitiker in den WDR-Rundfunkrat zu entsenden, hat sich die Piratenfraktion NRW für ein gänzlich anderes Verfahren entschieden: die beiden Kandidaten wurden im Rahmen eines öffentlichen Ausschreibungsverfahren in mehreren Bewerbungsrunden von der Fraktion ausgewählt.

Ich freue mich sehr über das mir entgegengebrachte Vertrauen und die verantwortungsvolle Aufgabe – es gibt einige Themen, die ich gerne in den Arbeitsprozess einbringen möchte und die sich insbesondere mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befassen: das sind unter anderem die zukünftige „Finanzierung von Öffentlichkeit“ in der vernetzten, digitalen Medienumwelt, die Herausforderungen an eine moderne Medienethik, aber auch die Organisation gesellschaftlichen Feedbacks und die Rückkopplung eines zunehmend aktiven Publikums.

In der nächsten Zeit werde ich hier im Blog über die Entwicklung der Tätigkeit in diesem Gremium berichten. Stay tuned.

In eigener Sache: Antrobius

Samstag, 13. April 2013

Seit beinahe drei Monaten (!) herrscht Funkstille hier im Blog, eigentlich unentschuldbar, aber dennoch ein kurzer Erklärungsversuch.

Zum einen schreibe ich seit dem vergangenen Spätsommer eine regelmäßige Kolumne im Blogprojekt Antrobius des geschätzten Kollegen Wolf-Christian Ulrich (sehr schön der Untertitel: „Fachzeitschrift für Machtfragen, urbanes Überleben und kulturelle Äußerungen“). Dort kümmere ich mich schwerpunktmäßig um Fragen des „digitalen Aufwachsens“, zuletzt etwa über die Problematik des tethered life, aber es ging auch schon mal um #aufschrei, Raabs #absolutemehrheit und auch das #lsr war Gegenstand einer Kolumne.

Diese „Auswärtsspiele“ genügen natürlich nicht als Ausrede, und in Kürze sollte hier auch wieder etwas regelmäßiger etwas zu lesen sein (in der Zwischenzeit geben die Tweets unter @drbieber ein paar Hinweise auf aktuelle Aktivitäten). Allerdings stehen bis Juni noch einige größere Publikationsprojekte an (u.a. trudeln gerade die ersten Beiträge für den Band zur US-Wahl 2012 ein, diverse Überblicke zu den Piraten (bzw. deren Niedergang) sind angefragt und ein Konzeptband zu Ethik und Politikmanagement ist in Vorbereitung).

Also: stay tuned!

In eigener Sache: USA 2012

Samstag, 3. November 2012

Update und Umleitung: jetzt beginnt die Liveberichterstattung – ab sofort blogge ich im ZDF-Hyperland.

Nach vier Jahren schließlich sich ein Kreis: in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begleite ich die Wahlberichterstattung des ZDF im so genannten „Maschinenraum“ und kommentiere für das Blog Hyperland die Ereignisse des Wahltages. Hier zum Vorab-Vergleich noch ein paar Auszüge der Nacht im Netz aus dem November 2008, als ich in einer mehrstündigen Improvisationssendung aus Washington auch etwas über dieses Internet erzählen durfte.

Nun also die Die Nacht der Entscheidung, im Untertitel als „Die interaktive Election Night live aus Berlin und Washington“ bezeichnet. Was genau dort passieren wird, weiß ich auch noch nicht, allerdings lässt das Set-Up einige erwarten. Das Online-Team des ZDF hat einigen Aufwand betrieben, um möglichst viel des digitalen Geschehens auffangen, aufbereiten und in die Hauptsendung einspeisen zu können. Die hauseigenen Twitter-Accounts werden auf Hochglanz poliert, diverse Google-Hangouts sind geplant, außerdem ist ein eigens eingekauftes Auswertungstool in Position gebracht worden, um die „Liveness“ des Social Web einzufangen und zu visualisieren. (Soviel zur Werbung).

(post under construction: Bis zum Dienstag werden noch einige Hinweise zu Themen, Werkzeugen, Personen und Ereignissen rund um die US-Wahl ergänzt.)

Too close to compute?

Die Vorbereitung auf die Sendung läuft bereits im Rahmen meiner Duisburger Vorlesung „Medien, Kommunikation, Politik“, die mit einem eigenen Hashtag versehen ist: unter #mekopo sammeln sich seit einigen Tagen diverse Info-Häppchen. Gerade mit Blick auf den in der Wahlnacht zu erwartenden Endspurt im predicition game erscheint die Diskussion um die Methoden von Nate Silver recht spannend (durch einen längeren Offline-Artikel in der FAZ vom Samstag ist die Debatte nun auch in den Mainstream-Medien angekommen). Silver bloggt seit 2010 unter der Flagge der New York Times und begleitet die Prognosen mit einer eigenen Auswertung und lesenswerten Kommentierungen in seiner Kolumne FiveThirtyEight. Im Hintergrund der zuletzt hitziger werdenden Debatte steht immerhin die Frage um die Konkurrenz zwischen Journalismus und Wissenschaft in der politischen Berichterstattung (vgl. dazu Dylan Byers, Margaret Sullivan, Mark Coddington, Jonathan Stray, John Cassidy).

Early Voter vs. Late Decider

In der Wahlforschung hat sich zuletzt einiges um den Typus des late deciders gedreht, die Entwicklungen am anderen Ende des Spektrums geraten gerne in den Hintergrund. Während sich in Deutschland die Briefwahl immer größerer Beliebtheit erfreut, ist in den USA zuletzt das Early Voting in den Blick geraten. Dabei werden nicht allein Wahlunterlagen per Brief eingeliefert, sondern auch viele Wahllokale haben bereits lange vor dem eigentlichen Wahltag geöffnet. Das führt nicht nur zu technischen, sondern mitunter auch zu demokratiepolitischen Problemen – zuletzt hat sich das vor allem im Umfeld des Hurrikan Sandy gezeigt, als in einigen Bundesstaaten die Stimmabgabe unterbrochen werden musste. Hier eröffnet sich durchaus die Frage, ob nicht eine „Ersatzwahlzeit“ eingerichtet werden muss, um für einen Ausgleich zu sorgen. Neben den zuständigen Wahlbehörden in den Bundesstaaten sollte hierzu auch die Election Assistance Commission etwas zu sagen haben, dieses noch vergleichsweise junge Gremium hat sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht durch besondere Aktivität hervorgetan.

Doch zurück zum eigentlichen Early Voting, der Stimmabgabe vor dem Wahltag. Denn bei einer systematischen Betrachtung liefern die ersten Ergebnisse eine zusätzliche Möglichkeit der Vorschau auf das Wahlergebnis, denn die bereits abgegebenen Stimmen registrierter Wähler erlauben Rückschlüsse zumindest auf die Beteiligung der jeweiligen Lager. Eine Rückkopplung zur Situation in den Einzelstaaten (Demografie, bisheriges Stimmverhalten, Ergebnisse in Vorwahlen, Kampagnenaktivität etc.) erlaubt immerhin die Beschreibung eines enthusiasm gap zwischen den Parteien – welches Lager kann seine Anhänger besser mobilisieren?

Systematisch betrachtet wird das Phänomen bislang noch eher selten, allerdings gibt es mit Paul Gronke und dem Early Voting Information Center (EVIC) in Portland (OR) schon eine spezialisierte Forschungsstelle. Gronke zeigt und kommentiert dort das aktuelle Geschehen in den Bundesstaaten, die schon wählen, diskutiert aber auch gerne mal grundsätzliches, wie diese schöne Frage:

If by law voting shall be held on the “first Tuesday after the first Monday in November” how is it that we have early voting?

Die nicht ganz triviale Antwort findet sich hier. Im gesamten Frühwahlprozess entsteht spannendes Datenmaterial, das vor allem im Nachgang zur Wahl zahlreiche Analysen ermöglichen wird – etwa bzgl. des Wahlverhaltens, der Auswirkung unterschiedlicher Wahltechnologien oder auch dem Zusammenhang von Kampagnenführung und frühzeitiger Stimmabgabe.

Entlang der zeitlichen Linie der Stimmabgabe folgt schließlich die Frage: wie informiert man sich als Wähler kurz bevor es zu spät ist? Einige hilfreiche Hinweise finden sich etwa in diesem offenen Online-Dokument, das verschiedene Anlaufstellen für Informationssuchende auflistet und kommentiert. Allein wählen muss auch nicht sein – votewithfriends.net kann da ein paar Vorschläge machen. Auch schön: die Gegenüberstellung der besten Wahltag-Apps für Demokraten und Republikaner. Scharfsinnige Beobachter notieren nicht nur angesichts solcher Tools einen wachsenden sozialen Zwang, der durch unterschiedliche digitale Wahlhelfer ausgelöst werden kann – Ann Althouse  hat hierfür die unschöne, aber zutreffende Umschreibung „to shame and pressure someone about voting“ gefunden.

Big Data

Das Vote-Shaming leitet direkt über zu den nächsten drei Themenkomplexen – Daten, Daten, Daten. Benedikt Köhler hat sich im lesenswerten Blog Beautiful Data mit Wikipedia als ertragreiche Datenquelle auseinandergesetzt. Als Untersuchungsraum sei Wikipedia interessant aufgrund von Offenheit, Umfang und Spezifik der Nutzungsvorgänge, daher lohne auch ein Blick auf die kandidatenbezogene Aktivität in der Online-Enzyklopädie: „(Mitt Romneys) Wikipedia page had attracted a lot more visitors in August and September 2012 than his presidential rival’s. Of course, this measure only shows attention, not sentiment.“ Die Analyse ist bemerkenswert vor allem aufgrund ihrer grundsätzlichen Anlage, nicht so sehr wegen der Resultate: selbstverständlich ist es spannend zu lesen, dass im Vergleich zur Präsidentschaftswahl 2008 die damalige Kampagne von Barack Obama bei weitem die größten Ausschläge bei der Wikipedia-Aktivität erzeugt hat. Doch gerade die Art der kreativen Auseinandersetzung mit „großen Daten“ zeigt, dass mit dem richtigen Gespür und dem adäquaten Werkzeug sehr viele Informationen über neue Formate politischer Kommunikation freigelegt werden können.

Genau dies geschieht selbstverständlich längst: im diesjährigen Wahlzyklus haben spezialisierte Anbieter auf sich aufmerksam gemacht, die den „Wahlkampf mit Datenbänken“ als neuen Bestandteil der modernen Kampagnenführung etabliert haben (vgl. CampaignGrid, DSPolitical, Resurgent Republic, Target Point Consulting)

Für den New Scientist ist die Kampagne ein „contest powered by geeks“, die im Gegensatz zu Deutschland grundverschiedene Ausgangssituation wird wiefolgt beschrieben:

Campaigns start with public data on voters‘ registration, gender and past turnout in elections. This may include party affiliation, and in some states also information on race. They then purchase consumer data revealing what cars people own, what magazines they subscribe to, what websites they visit, and so on.

(Vgl. dazu auch den 11-minütigen Erklärfilm How Much Do Digital Campaigns Know About You? aus der PBS Newshour, den Special Report Politics Transformed. The High Tech Battle for Your Vote von Mashable oder die deutsche Zusammenfassung Was Obama und Romney aus den Daten ihrer Wähler machen bei Zeit Online).

Doch die eigentliche Schwerstarbeit am Datenmaterial beginnt erst dann – auf die Weiterverarbeitung und Interpretation spezialisierte Dienstleister zerlegen die zunehmende durchsichtige Wählerschaft in Gruppen, Listen und Datensätze, um den Kampagnen möglichst präzise die Arbeit im Ground Game zu erleichtern (vgl. hierzu den ausführlichen Beitrag der Hohenheimer Kollegen von campaignwatchers.de).

Dass die Thematik auch die Wissenschaft beschäftigt, zeigen Konferenzen wie Big Data, Big Challanges? am Oxford Internet Institute oder das ab 2013 erscheinende Journal Big Data (Liebert Publishers).

Video

Trotz Big Data – das klassische Bewegtbild spielt dennoch eine zentrale Rolle im Präsidentschaftswahlkampf. Das Wesleyan Media Project präsentiert hierzu detaillierte Untersuchungen und vergleicht die Entwicklung dieses inzwischen fast schon traditionell wirkenden Wahlkampfformates auch im Zeitverlauf.

(…)

Wahlmaschinen

Eines meiner Lieblingsthemen: ganz sicher gibt es am Wahltag auch sicher wieder reichlich Aufregung wegen nicht funktionierener Wahlgeräte – ganz gleich ob mit oder ohne Hebel, Touchscreen, Scanner, Papier. Seit der Aufregung um die Wahl des Jahres 2000 hatte eigentlich der Help America Vote Act für Abhilfe und Modernisierung sorgen sollen, aber dieses Gremium scheint ähnlich fehleranfällig zu sein wie viele der eingesetzten Wahlmaschinen. Und überhaupt: wer denkt, die Sache damals in Florida sei übel gelaufen, der mache sich auf etwas gefasst. The Atlantic befasst sich mit der Ungewissheit elektronischer Abstimmungsverfahren, die eine Überprüfung möglicher Wahlfehler erschwert oder unmöglich macht.

Angesichts möglicher Zwischenfälle hatte sich 2008 nur wenige Wochen vor der Wahl der Twitter Vote Report formiert, eine Non-Profit-Aktivität zur Meldung von Problemen aller Art via Twitter oder Telefon. Inzwischen sieht das etwas anders aus – vier Tage vor der Wahl wurde die Seite Our Vote Live freigeschaltet.

(…)

Eine lange Nacht

Es deutet sich schon an: das wird eine lange Wahlnacht werden, in der verschiedene Segmente der Kampagne mit Online-Bezug zu diskutieren sind. Hinzu kommen die Ereignisse am Wahltag – es war schon viel die Rede von politischer Echtzeitkommunikation, und wie schon vor vier Jahren wird das Rennen um das Weiße Haus neue Maßstäbe für die Live-Kommunikation im Netz setzen. Stay tuned.

Demokratie, versprochen!

Dienstag, 25. September 2012

Eingezwängt zwischen Juristen- und Soziologentag findet in dieser Woche in Tübingen auch der Politologentag statt, der eigentlich auf den klangvollen Namen „25. Wissenschaftlicher Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen“ hört. So steht es zumindest in der Kongresszeitung, die von der Tagungsleitung auf den Stühlen in der Neuen Aula plaziert worden war. Dieses doch eher analoge PR-Tool erscheint voraussichtlich „am 24.9., 26.9, 27.9. (Print) und 29.9. (nur online)“. Immerhin finden sich auf der Rückseite des vierseitigen Faltblattes neben den Statements ranghoher Fachvertreter ein QR-Code und der Hinweis auf den Twitter-Account zur Tagung (@dvpw_2012).

(more…)

In eigener Sache: USA (Buch)

Freitag, 31. August 2012

Gerade ist der Nominierungsparteitag der Republikaner vorbei, in der kommenden Woche sind die Demokraten an der Reihe (obwohl: der Platz ist doch schon besetzt, erzählt man sich auf Twitter).

Ein guter Zeitpunkt, um etwas Werbung für ein kleines Projekt zum Thema zu machen: gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Klaus Kamps gebe ich im kommenden Jahr bei Springer VS einen Band zur US-Wahl heraus. Er trägt den reißerischen Titel

Die US-Präsidentschaftswahl 2012
Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft

Im zugehörigen Call for Papers heißt es:

Angestrebt wird – erstmals für den deutschen Sprachraum –, ein die verschiedenen Facetten einer solchen Präsidentschaftswahl näher beleuchtendes Kompendium zu erstellen. Zwar skizzieren gelegentliche Monographien das Wahlsystem, die Parteienkonstellation oder etwa sozio-strukturelle Entwicklungen innerhalb der US-Wählerschaft. Doch ein konzises, die Wahl als kommunikativen Prozess im Kontext spezifischer politischer Systemstrukturen und (aktueller) gesellschaftlicher Rahmenbedingungen erfassendes Konzept liegt für den deutschen Markt nicht vor.

Diese Lücke gilt es also zu schließen und wir freuen uns über tatkräftige Mithilfe. Die erste Deadline lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten, Extended Abstracts (max. 1500 Wörter) erwarten wir bis zum 15. Oktober 2012.

Den vollständigen Call (inkl. Themenvorschlägen und Terminen) habe ich mal hier abgelegt, außerdem gibt´s den Aufruf auch in englischer Sprache.

In eigener Sache: Unter Piraten an der NRW School

Dienstag, 3. Juli 2012

Am Donnerstag, den 12. Juli findet fand an der NRW School of Governance eine Diskussionsrunde zu unserem Buch „Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena“ statt. Zu Gast in Duisburg ist war mit Dr. Joachim Paul der Vorsitzende der Piraten-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Ebenfalls am Start: ist Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte, der einen Beitrag über die piratenbezogenen Lerneffekte bei den anderen Parteien beigesteuert hat – gemeinsam wollen haben wir einige Thesen und Ideen des frisch erschienenen Bandes diskutierten.

Hier nun ein kleiner Bericht (notiert für nrwschool.de, daher die „unpersönliche“ Form):

Dass es Joachim Paul ernst meint mit der Politik, war schon vor Beginn der Veranstaltung klar – im Vorgespräch schilderte er einige Details zur Situation um die CO-Pipeline zwischen Krefeld und Dormagen. Nicht unbedingt der erwartete Einstieg in die Diskussion um Piraten im Parlament. Gleichwohl ist der Fall sehr aufschlussreich, denn er zeigt anschaulich, wie sich „piratige“ Positionen auch auf netzferne Themen übertragen lassen – in der Sicht der Piratenpartei zeigt sich am umstrittenen Projekt auch die „mangelhafte Einbindung der Bürger“. Solche thematische Weiterentwicklungen der Piraten innerhalb der Routinen der Landtagsarbeit waren ein Einstiegspunkt einer lebhaften Diskussion, für die das Buch „Unter Piraten“ nur gelegentlich als Impuls- und Stichwortgeber herhalten musste.

Co-Herausgeber Christoph Bieber lenkte das Gespräch zunächst in Richtung einiger organisatorischer Fragen wie etwa den Modus der Kandidatenselektion oder die Entscheidungsprozesse innerhalb der Fraktion. Paul verdeutlichte die Schwierigkeiten, die viele (Neu-)Mitglieder mit den bei den Piraten gängigen „Präferenzwahlverfahren“ haben. Da nicht alle wissen, dass  für jeden Kandidaten eine Stimme vergeben werden kann, handelten sich die Piraten Schwierigkeiten bei Landes- und Bundesparteitagen ein. Andererseits würde so die Kandidatenauswahl „gerechter“. Karl-Rudolf Korte verwies an dieser Stelle auf die Vorteile starrer Listen, die genutzt werden könnten, um Minderheitsmeinungen oder auch bestimmte Kandidaten zu stärken. Die große Offenheit der Piraten könne so auch zu einem Dilemma werden, wenn ständig Personal und Positionen neu ausgehandelt werden müssten.

Der Fraktionsvorsitzende Paul verwies an dieser Stelle auf die Möglichkeiten der Online-Kommunikation, die für die interne Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle spielten: dabei geht es keineswegs allein um die durch den Berliner Landesverband bevorzugte Plattform Liquid Feedback, sondern auch um Mumble-Server, Twitter oder Piratenpads, die eine Rückkopplung mit der Basis erlauben. Bieber wies darauf hin, dass sich innerhalb von Liquid Feedback allmählich „digitale Hierachieebenen“ ausbilden würden, die die Piraten durch das fehlende Delegiertensystem im Offline-Bereich bisher zu verhindern wussten. Korte ergänzte daraufhin die im Buch angesprochene „Demokratiefrage“, die durch die Piraten gestellt werde: ist die neue Partei Akteur eines fundamentalen Wandels, der die Funktionsprinzipien repräsentativer Demokratie zur Disposition stelle? Als gar so radikal wollte der Herausgeber die (meisten) Buchbeiträge jedoch nicht verstanden wissen, Bieber schätzt die Piraten vor allem als „Innovationsmotor“ für Akteure und Prozesse im politischen System ein.

In der abschließenden Fragerunde aus dem Publikum berichtete Paul über die vielfältigen Herausforderungen des parlamentarischen Alltags sowie die gerade beginnenden Professionalisierungsprozesse der Fraktion. Inwiefern eher die Piraten die Politik oder die Politik die Piraten verändere, werde sich erst noch zeigen. Der erste Eindruck der Duisburger Veranstaltung scheint darauf hinzuweisen, dass es sich um einen wechselseitigen Prozess zu handeln scheint – bereits jetzt mit Lerneffekten auf beiden Seiten.

Die Diskussion beginnt um 18.30 Uhr und findet statt im Raum LS 105 (Lotharstraße 53, 47057 Duisburg).

In eigener Sache: Utrecht

Montag, 25. Juni 2012

Man kann über die Unterschiede von Lego Mindstorms (open-minded, open source, die Lösung für viele gesellschaftliche Probleme) und Lego Bionicles (kommerzielles, kreativitätseindämmendes Anti-Lego) trefflich streiten – dass dies allerdings bei der Verteidigung einer Dissertationsschrift geschieht, ist dann doch eher ungewöhnlich. Wenn allerdings der „Promovendus“ Douglas Rushkoff heißt und eine Arbeit mit dem Titel „Monopoly Moneys. The Media Environment of Corporatism and the Player´s Way Out“ vorlegt, ist eine kurze Darlegung über die unterschiedlichen Ansätze nicht nur unterhaltsam, sondern sie erscheint auch absolut zwingend. (Inzwischen hat der „Promovendus“ einen kurzen Blogeintrag zur Verteidigung verfasst).

So geschehen am 25. Juni in der Universität Utrecht, im spektakulären Academiegebouw – ich hatte die Ehre, auf Einladung des Kollegen Mirko Schäfer als externer Gutachter und Kommentator an der Verteidigung teilzunehmen. Das war durchaus eine besondere Erfahrung, denn das Ritual der Promotion unterscheidet sich massiv von den Verfahren im deutschen Teil des Elfenbeinturms (beinahe so deutlich wie Mindstorm- und Bionicle-Lego). Es beginnt mit dem Setting im Repräsentativbau der Universität, auf LED-Anzeigetafeln werden die Verteidigungen des Tages angezeigt, die festlich gekleideten Menschenmengen erinnern eher an Hochzeitsgesellschaften – und das Prüfungsgremium („Conferral of the Board“) trägt Talar. Einheimische Professoren haben eine eigene Robe, die Gäste bekommen vom „Pedel“ (dem Pendant zum Gerichtsdiener) ein passendes Stück aus der universitären Kleiderkammer ausgehändigt. Im Besprechungszimmer (einer Art profan-wissenschaftlicher Sakristei) werden die Talare übergezogen, hinzu kommen eine Fliege inkl. Rüschenbund und ein passender Hut (Exemplare in sämtlichen Kopfgrößen liegen bereit).

Dann wird der Ablauf der „Defense“ besprochen – fünf Professoren befragen den Doktoratskandidaten, maximal je 9 Minuten Zeit gibt es für einen Minidiskurs entlang der „Proefschrift“. Es beginnt der- oder diejenige mit der weitesten Anreise: im hiesigen Fall Prof. Meira von der Universität Tampere (aufgrund dieses Reglements hatte ich den zweiten Frageplatz erhalten, was nicht unwichtig ist: die Dauer der Verteidigung ist auf exakt 45 Minuten angelegt). Die Gutachter des Kandidaten können dabei nur zuschauen, geleitet wird die Aussprache vom „Rector“ als Vorsitzenden des Verfahrens. Die Fragestunde findet im Senatssaal des Akademiegebäudes statt, die Prüfer halten – ähnlich den Richtern im Bundesverfassungsgericht – Einzug, während der Kandidat an einem ihm zugewiesenen Katheder wartet. Unterstützung erhält er dabei von den „Paranymphs“, zwei Assistenten, die in etwa die Rolle von Trauzeugen übernehmen: sie organisieren die Veranstaltungen rund um das Hauptereignis, etwa den Empfang im Anschluss oder das gemeinsame Abendessen mit dem Prüfungsgremium.

Nach Ablauf der festgelegten Prüfungszeit öffnet sich die Tür und herein tritt der „Beadle“, eine Art Zeremonienmeister (in diesem Fall eine Zeremonienmeisterin), und erklärt ohne Umschweife mit den Worten „Hora Est!“ das Verfahren für beendet. Nach dem Auszug der Prüfer (in Roben und mit Hut auf dem Kopf – während der Verteidigung und im Sitzen wird die Kopfbedeckung abgenommen) folgt die Aussprache in der Universitäts-Sakristei. Kommt das Gremium zu dem Schluss, dass der Kandidat ein würdiger Doktor ist, wird eine riesige Urkunde ausgefertigt (das Format liegt irgendwo zwischen DIN A2 und DIN A1), zusammengerollt und in einem zylindrischen Behältnis deponiert. Danach geht es zurück in den Senatssaal, wo der Kandidat noch immer wartet – genauso wie das Publikum: die Veranstaltung findet nämlich öffentlich statt und erinnert so eher an eine standesamtliche Hochzeit als ein akademisch-höfisches Ritual. Nach den kurzen formalen Worten des „Rector“, erklärt einer der Gutachter den „Promovendus“ formell zum Doktor, der (oder die) andere hält danach eine Laudatio. Im Falle Douglas Rushkoff handelte es sich um eine sehr persönliche Würdigung von Doktor und Werk, dabei wurde der allmähliche Wandel vom „journalistic author“ zum „scientist“ beschrieben. Schließlich erhält der Neu-Doktor das entscheidende Dokument aus den Händen seiner Betreuer. Beifall, Schluss und Abgang.

Man könnte sich nun über die seltsame Unzeitgemäßheit des Rituals belustigen (wer macht denn noch so ´was in Zeiten von Bologna, ECTS und Exzellenzwettrennen!) – wenn die Unterschiede zum überaus langweilig bürokratisierten deutschen Verfahren nicht so offenkundig wären. Denn das holländische Ritual ist trotz seiner samtigen Oberflächenhaftigkeit auch sehr funktional: so haben etwa die Betreuer der Dissertation während der Aussprache nichts zu melden, sie haben auch keine Kontrolle über die Fragen der internen und externen Vertreter. Das Prüfungsgremium wird zwar vorab per Mail über die wesentlichen Abläufe informiert, bleibt aber frei in seiner inhaltlichen Einschätzung der Arbeit. Sicher, die wenigsten werden in einem solchen Umfeld zur akademischen Blutgrätsche ansetzen, dennoch ist eine unabhängige Betrachtung und Diskussion der Leistungen gewährleistet. Erst im Nachgespräch kommen die Betreuer zu Wort, sie müssen dann die Gründe benennen, warum der „Promovendus“ denn zum Doktor gemacht werden soll. Im Falle Rushkoffs waren dies neben seinem außerordentlichen Gespür für Themen auch die gesellschaftliche bzw. politische Relevanz seiner Fragen, sowie die Fähigkeit, eine genuin wissenschaftliche Leistung über mehrere Jahre hinweg neben dem eigentlichen Broterwerb als Autor, Redner, Kolumninst, Dokumentarfilmer und „Graphic Novelist“ zu erbringen. (Eine inhaltliche Würdigung der Arbeit erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt an dieser – oder anderer – Stelle.)

Erkennbar wird so eine deutliche Arbeitsteilung im akademischen Auswahlprozess, die deutlich über das Procedere im deutschen Verfahren hinausgeht. In den stickigen Besprechungs- und Seminarräumen, die üblicherweise das Umfeld einer deutschen Doktorenkur abgeben, reden Doktorvater oder –mutter auf den Prüfling ein, der zuvor i.d.R. eine Inhaltsangabe seines Werkes gibt und einige Thesen seiner Arbeit darlegt. Eine „wissenschaftliche Widerrede“ findet kaum statt, zugleich ist es ein Verfahren nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, meist auch der akademischen. Das Utrechter Modell setzt andere Akzente und verlagert einen großen Teil der Eignungsprüfung auf den mündlichen Disput zwischen „Opponent“ (so werden die Mitglieder der Prüfungsrunde angesprochen) und „Promovendus“. Auch wenn es sich bei dieser Debatte um eine (zumindest teilweise) choregrafierte Redesituation handelt, so wird den Kandidaten anderes abgefordert als in Deutschland: die anwesende Öffentlichkeit hat ein Recht auf eine verständliche Sprache, weshalb auch die Prüfer auf zu kleinteilige Fachdebatten verzichten. Stattdessen werden Anreize gesetzt, die den Kandidaten zum Improvisieren anregen sollen oder das konkrete innerfachliche Problem wird schon in der Frage dargelegt. Im besten Fall nimmt der „Promovendus“ dadurch Anregungen für eine erneute Auseinandersetzung mit seinem Stoff mit, die er produktiv in die weitere Arbeit einbringen kann.

Neue Forschungsfragen gab es dadurch zu Hauf: Gibt es neben dem von Rushkoff entfalteten Konzept der „Playability“ auch so etwas wie „Hackability“? Wie unterscheiden sich „eigensinniges“, „kooperatives“ und „nicht-kooperatives“ Handeln voneinander? Warum verzichtet eine Arbeit über „Monopolgeld“ bzw. „Geld-Monopole“ auf die Arbeiten von Karl Marx und Yochai Benkler? Ist Mark Zuckerberg ein Neo-Korporatist? Ist #occupy eine spielerische politische Bewegung? Kann Code eine politische Machtressource sein? Und was ist aus dem Technik-Determinismus von Marshall McLuhan geworden?

Beantwortet wurden die Fragen natürlich nicht – den Erfolg des Bionicle-Lego über die Mindstorm-Variante allerdings erklärte Douglas Rushkoff entlang der Hauptthese seiner Arbeit. Bislang habe sich noch immer die lineare Erzählweise einer kleinen gesellschaftlichen Elite durchgesetzt: „Jener Elite, die die Druckerpressen besaß, Unternehmen gründete, Fabriken unterhielt, Schulen gestaltete, Geld entwickelte und die Medien programmiert hat.“ Doch genau das könnte sich nun ändern: „Das menschliche Narrativ wird nicht länger erzählt, es wird geschrieben; das Leben wird nicht mehr gelebt, es kann programmiert werden. (…) Interaktive Medien versetzen nicht nur mehr Menschen in die Lage, an der Herstellung dieses Narrativs teilzuhaben, sondern eröffnen Chancen für neue Formen und neue Welten. Genau das kann passieren, wenn wir die scheinbar unbewegliche Landkarte von Marktdominanz und Unternehmensherrschaft als das Spielfeld erkennen, das es tatsächlich ist.“ (317f)

Literatur:

Rushkoff, Douglas (2012): Monopoly Moneys. The Media Environment of Corporatism and the Player´s Way Out. Proefschrift, Universiteit Utrecht.

#dlf50

Freitag, 6. Januar 2012

Am 6. und 7. Januar nehme ich an der Geburtstagstagung des Deutschlandfunks in Köln statt, am zweiten Tag habe ich einen Impuls-Beitrag in einem Speedlab übernommen (dazu weiter unten mehr). Die Konferenz steht unter dem Titel Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt und befasst sich erfreulicher Weise fast durchgängig mit sehr aktuellen Entwicklungen im Bereich digitaler Öffentlichkeit. Das ist zunächst einmal absolut zu begrüßen, auch wenn im Detail die einzelnen Sessions wohl nicht ganz so innovativ geworden sind/werden, wie man hätte hoffen können. (Die Konferenz wird unter dlf50.org durch ein studentisches Projekt begleitet, so erhält man neben Live-Stream und Twitter-Stream (Hashtag: #dlf50) einen recht guten Eindruck vom Geschehen.

Wo ist der Ort des Politischen?

Zunächst ein kurzer Einwurf zur Tagung heute, die ich bis zur Predigt zum Vortrag von Bodo Hombach besucht habe. Zur Keynote von Colin Crouch habe ich einige Notizen getwittert, der Autor gab einen kurzen Umriss zu seinem Konzept der Postdemokratie, ohne jedoch sonderlich explizit eine Verbindung zum Tagungsthema oder der laufenden Wulff-Affäre herzustellen (begonnen hatte die Begrüßung am Morgen mit einer Art „Hack“ durch Frank Schirrmacher, der in seinem gestrigen Text in Sachen Wulff äußerst elegant eine Vorlage für die Tagung geliefert hatte, indem er auf Ähnlichkeiten bei der Eigenheimfinanzierung von Peter Mandelson verwiesen hatte – für Crouch eine Art Auslöser für die Studie).

Die Fragen, die Crouch dann dem Deutschlandfunk mit auf den Weg gab, passten nicht so recht zu den eigentlich wichtigen Themen oder diese wurden zumindest nicht korrekt adressiert. Ich glaube, dass Crouch so etwas wie „Netzneutralität“ meinte, als er von einem „ebenen Spielplatz“ („levelled playing field“) sprach. „Überwachung“ sei schon ein Problem (von „Privacy“ oder gar „Postprivacy“ redete er nicht), die Authentizität politischer Bewegungen sei umstritten (der Disput zwischen Clay Shirky und Evgeny Morozov wurde nicht erwähnt).

Das alles ist insofern verzeihlich, zumal Crouch sich zu Beginn als wirtschafts- und nicht als medienpolitischer Politikwissenschaftler bezeichnet hatte. Was er allerdings hätte sagen können, wären ein paar Worte zur occupy-Bewegung gewesen. Dieses Phänomen eignet sich m.E. nämlich ziemlich gut, um seine These, dass Demokratie heutzutage „geografisch nicht beweglich“ sei, zumindest herauszufordern. Außerdem ist sie ein Beispiel für die Lebendigkeit des Politischen in einer Landschaft aus „erloschenen Vulkanen“ (so bezeichnet Crouch die etablierten Parteien, mit Ausnahme der Grünen – die Piraten kennt er offenbar noch nicht). Und schließlich steht #occupy (ja, das Hashtag) für etwas, das aus meiner Sicht bisher in der gesamten Veranstaltung nicht ausreichend diskutiert worden ist (wie gesagt, ich war nur bis zum frühen Nachmittag anwesend, den Rest habe ich versucht via Twitter- und Blog-Kommentare zu verfolgen): der „Ort des Politischen“ wird bislang ausschließlich geografisch modelliert (lokale Räume, Nationalstaaten, Staatenverbünde, Globalisierung) oder als Produkt/Symbiose des Zusammenwirkens von Öffentlichkeitsakteuren, wobei hier insbesondere die klassischen Massenmedien und das politische System sowie gelegentlich die Zivilgesellschaft gemeint waren.

Was ist der Ort des Politischen?

Ich meine, hier fehlt etwas: nämlich die allmähliche Umformung von Orten durch die fortschreitende Technologie-Entwicklung. Die Räume, in denen Politik diskutiert und verhandelt wird, sind andere als früher, weil sie digitale Erweiterungen erhalten und daher eben auch anders hergestellt werden können. Deutlich wird das mE am Beispiel des Hashtags #occupy – es bezeichnet nämlich auch einen Raum, einen Ort des Politischen und eben nicht nur eine flüchtige Erkennungsmarke in einer Flut aus vermeintlich unwesentlichen Kurznachrichten.

Ganz neu ist diese mediale Erweiterung der Raumkategorie in Debatten um Öffentlichkeit natürlich nicht – schon 1996 hat William J. Mitchell in City of Bits auf die technologischen Veränderungen urbaner (und öffentlicher) Räume durch die Digitalisierung hingewiesen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe spannender Auseinandersetzungen mit dem damit verbundenen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zuletzt wären hier wohl Wirelessness. Radical Empiricism in Network Cultures von Adrian Mackenzie (2010) sowie Code/Space. Software and Everyday Life (2011) von Rob Kitchin und Martin Dodge zu nennen.

Meine eigene Rezeption dieser Bände ist bei weitem noch nicht abgeschlossen, doch scheint mir die Richtung überaus interessant zu sein: Formen der Vernetzung und des Netzzugangs definieren politische Raumkonzepte neu, eine wesentliche Rolle spielt dabei der Umgang mit Code. Leider fehlen Ansätze zur Auseinandersetzung im Rahmen der Konferenz (bisher) völlig.

Doch vielleicht gab es eine Ausnahme: im etwa halbstündigen Gespräch über die Ereignisse in Kairo vor ziemlich genau einem Jahr wurde Philip Rizk gefragt „wie es Euch ergangen ist, als das Internet abgeschaltet wurde“. Darauf (oder auf eine andere, ähnlich formulierte Frage) antwortete er, dass es dieses „Euch“ nicht gebe, weil seine Bezugsgruppe keine festen Strukturen besaß, sondern sich durch die digitale Kommunikation stets neu formiert hatte. Das ist wohl der entscheidende Punkt: durch die neuen technologischen Strukturen wie eben zB stabile, breitbandige Netzzugänge oder (besonders im öffentlichen Raum) WLAN-Wolken, entstehen neuartige, virtuelle Orte des Politischen.

Ach ja: Das Speedlab

Nun hätte ich ja beinahe vergessen, die digitalen Notizen hier zu hinterlegen, um die es mir eigentlich ging, als ich mit dem Schreiben zu diesem Posting begonnen habe. Im Rahmen des Speedlabs Neue Formen des Politischen, neue Formate der Medien gestalte ich gemeinsan mit Christian Kreutz von frankfurt-gestalten.de die Session Partizipation und Parlamente – Wie kann digitale Mitwirkung in Zukunft aussehen?

Mein ursprünglicher Plan war es, in etwa fünf Minuten ein paar Worte über den Gang von E-Petitionen zum Deutschen Bundestag zu berichten. Das Fallbeispiel wäre – natürlich – die berühmte #zensursula-Kampagne, die ja zentral mit der Petition von Franziska Heine verbunden war. Der Verlauf der Zeichnungsaktivität ist noch einsehbar, außerdem auch die Kommentare zum formellen Resultat der Petition – der Anhörung von Franziska Heine vor dem Petitionsausschuss.

Als eine indirekte Folge der Petition kann allerdings auch die Einrichtung der Enquete-Kommission Internet und Digitale Medien (#eidg) gelten, die allerdings eher als ein abschreckendes Beispiel für „digitale Mitwirkung“ herhalten kann. Es sei denn, mit dem aus einer internen Kontroverse hervorgegangenen Projekt enquetebeteiligung.de entwickelt sich nun doch noch eine Keimzelle für etwas wirklich neues in Sachen digitaler Bürgerbeteiligung – nämlich Liquid Democracy.

…und 2012?

Samstag, 31. Dezember 2011

Freundlicher Weise hat mich der Tagesspiegel um einen kurzen Beitrag für die Silvester-Ausgabe des „Netzspiegel“ gebeten. In gut 600-800 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sollte ich ein paar Gedanken zum Internet-Jahr 2012 formulieren. Zum Abgleich hatte ich mir vorab die stärker technisch orientierten Perspektiven von Mercedes Bunz und Alexis Madrigal angesehen.

Meine zentralen Stichworte sind dagegen Piraten und USA – hier die Langfassung (inkl. Links) mit immerhin 1.343 Zeichen:

2012 wird ein langweiliges Politik-Jahr im Netz – vielleicht. Im Kalender steht nur die Landtagswahl in Schleswig-Holstein, immerhin sorgt dort ein wackerer Datenschützer im Kampf gegen Facebook für etwas netzpolitische Aufregung. Ob das der Piratenpartei nutzt, ist noch längst nicht ausgemacht. Die Ruhe an der Urne spielt den Polit-Neulingen jedoch in die Hände: so bleibt mehr Zeit für die Weiterentwicklung von Offline-Programmatik und interner, netzbasierter Willensbildung. Die Netzpolitiker der übrigen Parteien dürfen sich jedenfalls freuen – das Thema ist nun fester Bestandteil der politischen Agenda. Den Rest des Jahres schaut der Politikbetrieb nach Westen – im Mai wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und im November steht die US-Wahl auf dem Programm. Dort ist zwar nicht mit einem solchen Innovationsschub zu rechnen wie vor vier Jahren, doch dürfte das Online-Campaigning erneut Maßstäbe setzen. Zumal soziale Netzwerke dann wohl „das neue Normal“ sein werden und den TV-Sendern die Rolle des medialen Lagerfeuers streitig machen (…oder sind es doch die Daten, Dummkopf?). Das Frühjahr wird aber im Zeichen der #Occupy-Bewegung stehen – im Lager der 99% überwintert man vor dem Rechner und programmiert neue Tools, damit rund um den „Super Tuesday“ im März nicht mehr die Vorwahlen die Nachrichten dominieren, sondern die Neuauflage der Proteste. Online wie offline.

Und hier zur veröffentlichten Version im Tagesspiegel.