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In eigener Sache: USA 2012

Samstag, 3. November 2012

Update und Umleitung: jetzt beginnt die Liveberichterstattung – ab sofort blogge ich im ZDF-Hyperland.

Nach vier Jahren schließlich sich ein Kreis: in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begleite ich die Wahlberichterstattung des ZDF im so genannten „Maschinenraum“ und kommentiere für das Blog Hyperland die Ereignisse des Wahltages. Hier zum Vorab-Vergleich noch ein paar Auszüge der Nacht im Netz aus dem November 2008, als ich in einer mehrstündigen Improvisationssendung aus Washington auch etwas über dieses Internet erzählen durfte.

Nun also die Die Nacht der Entscheidung, im Untertitel als „Die interaktive Election Night live aus Berlin und Washington“ bezeichnet. Was genau dort passieren wird, weiß ich auch noch nicht, allerdings lässt das Set-Up einige erwarten. Das Online-Team des ZDF hat einigen Aufwand betrieben, um möglichst viel des digitalen Geschehens auffangen, aufbereiten und in die Hauptsendung einspeisen zu können. Die hauseigenen Twitter-Accounts werden auf Hochglanz poliert, diverse Google-Hangouts sind geplant, außerdem ist ein eigens eingekauftes Auswertungstool in Position gebracht worden, um die „Liveness“ des Social Web einzufangen und zu visualisieren. (Soviel zur Werbung).

(post under construction: Bis zum Dienstag werden noch einige Hinweise zu Themen, Werkzeugen, Personen und Ereignissen rund um die US-Wahl ergänzt.)

Too close to compute?

Die Vorbereitung auf die Sendung läuft bereits im Rahmen meiner Duisburger Vorlesung „Medien, Kommunikation, Politik“, die mit einem eigenen Hashtag versehen ist: unter #mekopo sammeln sich seit einigen Tagen diverse Info-Häppchen. Gerade mit Blick auf den in der Wahlnacht zu erwartenden Endspurt im predicition game erscheint die Diskussion um die Methoden von Nate Silver recht spannend (durch einen längeren Offline-Artikel in der FAZ vom Samstag ist die Debatte nun auch in den Mainstream-Medien angekommen). Silver bloggt seit 2010 unter der Flagge der New York Times und begleitet die Prognosen mit einer eigenen Auswertung und lesenswerten Kommentierungen in seiner Kolumne FiveThirtyEight. Im Hintergrund der zuletzt hitziger werdenden Debatte steht immerhin die Frage um die Konkurrenz zwischen Journalismus und Wissenschaft in der politischen Berichterstattung (vgl. dazu Dylan Byers, Margaret Sullivan, Mark Coddington, Jonathan Stray, John Cassidy).

Early Voter vs. Late Decider

In der Wahlforschung hat sich zuletzt einiges um den Typus des late deciders gedreht, die Entwicklungen am anderen Ende des Spektrums geraten gerne in den Hintergrund. Während sich in Deutschland die Briefwahl immer größerer Beliebtheit erfreut, ist in den USA zuletzt das Early Voting in den Blick geraten. Dabei werden nicht allein Wahlunterlagen per Brief eingeliefert, sondern auch viele Wahllokale haben bereits lange vor dem eigentlichen Wahltag geöffnet. Das führt nicht nur zu technischen, sondern mitunter auch zu demokratiepolitischen Problemen – zuletzt hat sich das vor allem im Umfeld des Hurrikan Sandy gezeigt, als in einigen Bundesstaaten die Stimmabgabe unterbrochen werden musste. Hier eröffnet sich durchaus die Frage, ob nicht eine „Ersatzwahlzeit“ eingerichtet werden muss, um für einen Ausgleich zu sorgen. Neben den zuständigen Wahlbehörden in den Bundesstaaten sollte hierzu auch die Election Assistance Commission etwas zu sagen haben, dieses noch vergleichsweise junge Gremium hat sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht durch besondere Aktivität hervorgetan.

Doch zurück zum eigentlichen Early Voting, der Stimmabgabe vor dem Wahltag. Denn bei einer systematischen Betrachtung liefern die ersten Ergebnisse eine zusätzliche Möglichkeit der Vorschau auf das Wahlergebnis, denn die bereits abgegebenen Stimmen registrierter Wähler erlauben Rückschlüsse zumindest auf die Beteiligung der jeweiligen Lager. Eine Rückkopplung zur Situation in den Einzelstaaten (Demografie, bisheriges Stimmverhalten, Ergebnisse in Vorwahlen, Kampagnenaktivität etc.) erlaubt immerhin die Beschreibung eines enthusiasm gap zwischen den Parteien – welches Lager kann seine Anhänger besser mobilisieren?

Systematisch betrachtet wird das Phänomen bislang noch eher selten, allerdings gibt es mit Paul Gronke und dem Early Voting Information Center (EVIC) in Portland (OR) schon eine spezialisierte Forschungsstelle. Gronke zeigt und kommentiert dort das aktuelle Geschehen in den Bundesstaaten, die schon wählen, diskutiert aber auch gerne mal grundsätzliches, wie diese schöne Frage:

If by law voting shall be held on the “first Tuesday after the first Monday in November” how is it that we have early voting?

Die nicht ganz triviale Antwort findet sich hier. Im gesamten Frühwahlprozess entsteht spannendes Datenmaterial, das vor allem im Nachgang zur Wahl zahlreiche Analysen ermöglichen wird – etwa bzgl. des Wahlverhaltens, der Auswirkung unterschiedlicher Wahltechnologien oder auch dem Zusammenhang von Kampagnenführung und frühzeitiger Stimmabgabe.

Entlang der zeitlichen Linie der Stimmabgabe folgt schließlich die Frage: wie informiert man sich als Wähler kurz bevor es zu spät ist? Einige hilfreiche Hinweise finden sich etwa in diesem offenen Online-Dokument, das verschiedene Anlaufstellen für Informationssuchende auflistet und kommentiert. Allein wählen muss auch nicht sein – votewithfriends.net kann da ein paar Vorschläge machen. Auch schön: die Gegenüberstellung der besten Wahltag-Apps für Demokraten und Republikaner. Scharfsinnige Beobachter notieren nicht nur angesichts solcher Tools einen wachsenden sozialen Zwang, der durch unterschiedliche digitale Wahlhelfer ausgelöst werden kann – Ann Althouse  hat hierfür die unschöne, aber zutreffende Umschreibung „to shame and pressure someone about voting“ gefunden.

Big Data

Das Vote-Shaming leitet direkt über zu den nächsten drei Themenkomplexen – Daten, Daten, Daten. Benedikt Köhler hat sich im lesenswerten Blog Beautiful Data mit Wikipedia als ertragreiche Datenquelle auseinandergesetzt. Als Untersuchungsraum sei Wikipedia interessant aufgrund von Offenheit, Umfang und Spezifik der Nutzungsvorgänge, daher lohne auch ein Blick auf die kandidatenbezogene Aktivität in der Online-Enzyklopädie: „(Mitt Romneys) Wikipedia page had attracted a lot more visitors in August and September 2012 than his presidential rival’s. Of course, this measure only shows attention, not sentiment.“ Die Analyse ist bemerkenswert vor allem aufgrund ihrer grundsätzlichen Anlage, nicht so sehr wegen der Resultate: selbstverständlich ist es spannend zu lesen, dass im Vergleich zur Präsidentschaftswahl 2008 die damalige Kampagne von Barack Obama bei weitem die größten Ausschläge bei der Wikipedia-Aktivität erzeugt hat. Doch gerade die Art der kreativen Auseinandersetzung mit „großen Daten“ zeigt, dass mit dem richtigen Gespür und dem adäquaten Werkzeug sehr viele Informationen über neue Formate politischer Kommunikation freigelegt werden können.

Genau dies geschieht selbstverständlich längst: im diesjährigen Wahlzyklus haben spezialisierte Anbieter auf sich aufmerksam gemacht, die den „Wahlkampf mit Datenbänken“ als neuen Bestandteil der modernen Kampagnenführung etabliert haben (vgl. CampaignGrid, DSPolitical, Resurgent Republic, Target Point Consulting)

Für den New Scientist ist die Kampagne ein „contest powered by geeks“, die im Gegensatz zu Deutschland grundverschiedene Ausgangssituation wird wiefolgt beschrieben:

Campaigns start with public data on voters‘ registration, gender and past turnout in elections. This may include party affiliation, and in some states also information on race. They then purchase consumer data revealing what cars people own, what magazines they subscribe to, what websites they visit, and so on.

(Vgl. dazu auch den 11-minütigen Erklärfilm How Much Do Digital Campaigns Know About You? aus der PBS Newshour, den Special Report Politics Transformed. The High Tech Battle for Your Vote von Mashable oder die deutsche Zusammenfassung Was Obama und Romney aus den Daten ihrer Wähler machen bei Zeit Online).

Doch die eigentliche Schwerstarbeit am Datenmaterial beginnt erst dann – auf die Weiterverarbeitung und Interpretation spezialisierte Dienstleister zerlegen die zunehmende durchsichtige Wählerschaft in Gruppen, Listen und Datensätze, um den Kampagnen möglichst präzise die Arbeit im Ground Game zu erleichtern (vgl. hierzu den ausführlichen Beitrag der Hohenheimer Kollegen von campaignwatchers.de).

Dass die Thematik auch die Wissenschaft beschäftigt, zeigen Konferenzen wie Big Data, Big Challanges? am Oxford Internet Institute oder das ab 2013 erscheinende Journal Big Data (Liebert Publishers).

Video

Trotz Big Data – das klassische Bewegtbild spielt dennoch eine zentrale Rolle im Präsidentschaftswahlkampf. Das Wesleyan Media Project präsentiert hierzu detaillierte Untersuchungen und vergleicht die Entwicklung dieses inzwischen fast schon traditionell wirkenden Wahlkampfformates auch im Zeitverlauf.

(…)

Wahlmaschinen

Eines meiner Lieblingsthemen: ganz sicher gibt es am Wahltag auch sicher wieder reichlich Aufregung wegen nicht funktionierener Wahlgeräte – ganz gleich ob mit oder ohne Hebel, Touchscreen, Scanner, Papier. Seit der Aufregung um die Wahl des Jahres 2000 hatte eigentlich der Help America Vote Act für Abhilfe und Modernisierung sorgen sollen, aber dieses Gremium scheint ähnlich fehleranfällig zu sein wie viele der eingesetzten Wahlmaschinen. Und überhaupt: wer denkt, die Sache damals in Florida sei übel gelaufen, der mache sich auf etwas gefasst. The Atlantic befasst sich mit der Ungewissheit elektronischer Abstimmungsverfahren, die eine Überprüfung möglicher Wahlfehler erschwert oder unmöglich macht.

Angesichts möglicher Zwischenfälle hatte sich 2008 nur wenige Wochen vor der Wahl der Twitter Vote Report formiert, eine Non-Profit-Aktivität zur Meldung von Problemen aller Art via Twitter oder Telefon. Inzwischen sieht das etwas anders aus – vier Tage vor der Wahl wurde die Seite Our Vote Live freigeschaltet.

(…)

Eine lange Nacht

Es deutet sich schon an: das wird eine lange Wahlnacht werden, in der verschiedene Segmente der Kampagne mit Online-Bezug zu diskutieren sind. Hinzu kommen die Ereignisse am Wahltag – es war schon viel die Rede von politischer Echtzeitkommunikation, und wie schon vor vier Jahren wird das Rennen um das Weiße Haus neue Maßstäbe für die Live-Kommunikation im Netz setzen. Stay tuned.

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Wie funktioniert ein „Ethics Center“?

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Heute hatte ich die Gelegenheit zu einem Besuch im Markkula Center for Applied Ethics an der Santa Clara University. Seit meinem Wechsel an die Universität Duisburg-Essen habe ich mich (vor allem aus der Perspektive des anwendungsorientiert arbeitenden Politikwissenschaftlers) mit verschiedenen Aspekten der Ethik-Ausbildung an deutschen Hochschulen auseinandergesetzt und den Vergleich mit der US-amerikanischen Praxis halte ich für durchaus ertragreich.

Auch wenn es zunächst etwas unscheinbar klingen mag (wer kennt schon Santa Clara?), das Center ist eines der größten in den USA und weist im Vergleich zu den meisten anderen Ethik-Einrichtungen nicht nur allgemeine Angebote und Services für die jeweilige Hochschule auf, sondern ist auch als Dienstleister und Think Tank in die regionale Umgebung eingebunden. Schließlich weist das Center darüber hinaus eine inhaltlich ausdifferenzierte Struktur entlang mehrerer Themenfelder auf (z.B. Bioethik, Umweltethik, Wirtschafts-/Unternehmensethik) und postitioniert sich als öffentliche Bildungseinrichtung.

(more…)

In eigener Sache: USA (Buch)

Freitag, 31. August 2012

Gerade ist der Nominierungsparteitag der Republikaner vorbei, in der kommenden Woche sind die Demokraten an der Reihe (obwohl: der Platz ist doch schon besetzt, erzählt man sich auf Twitter).

Ein guter Zeitpunkt, um etwas Werbung für ein kleines Projekt zum Thema zu machen: gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Klaus Kamps gebe ich im kommenden Jahr bei Springer VS einen Band zur US-Wahl heraus. Er trägt den reißerischen Titel

Die US-Präsidentschaftswahl 2012
Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft

Im zugehörigen Call for Papers heißt es:

Angestrebt wird – erstmals für den deutschen Sprachraum –, ein die verschiedenen Facetten einer solchen Präsidentschaftswahl näher beleuchtendes Kompendium zu erstellen. Zwar skizzieren gelegentliche Monographien das Wahlsystem, die Parteienkonstellation oder etwa sozio-strukturelle Entwicklungen innerhalb der US-Wählerschaft. Doch ein konzises, die Wahl als kommunikativen Prozess im Kontext spezifischer politischer Systemstrukturen und (aktueller) gesellschaftlicher Rahmenbedingungen erfassendes Konzept liegt für den deutschen Markt nicht vor.

Diese Lücke gilt es also zu schließen und wir freuen uns über tatkräftige Mithilfe. Die erste Deadline lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten, Extended Abstracts (max. 1500 Wörter) erwarten wir bis zum 15. Oktober 2012.

Den vollständigen Call (inkl. Themenvorschlägen und Terminen) habe ich mal hier abgelegt, außerdem gibt´s den Aufruf auch in englischer Sprache.

…und 2012?

Samstag, 31. Dezember 2011

Freundlicher Weise hat mich der Tagesspiegel um einen kurzen Beitrag für die Silvester-Ausgabe des „Netzspiegel“ gebeten. In gut 600-800 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sollte ich ein paar Gedanken zum Internet-Jahr 2012 formulieren. Zum Abgleich hatte ich mir vorab die stärker technisch orientierten Perspektiven von Mercedes Bunz und Alexis Madrigal angesehen.

Meine zentralen Stichworte sind dagegen Piraten und USA – hier die Langfassung (inkl. Links) mit immerhin 1.343 Zeichen:

2012 wird ein langweiliges Politik-Jahr im Netz – vielleicht. Im Kalender steht nur die Landtagswahl in Schleswig-Holstein, immerhin sorgt dort ein wackerer Datenschützer im Kampf gegen Facebook für etwas netzpolitische Aufregung. Ob das der Piratenpartei nutzt, ist noch längst nicht ausgemacht. Die Ruhe an der Urne spielt den Polit-Neulingen jedoch in die Hände: so bleibt mehr Zeit für die Weiterentwicklung von Offline-Programmatik und interner, netzbasierter Willensbildung. Die Netzpolitiker der übrigen Parteien dürfen sich jedenfalls freuen – das Thema ist nun fester Bestandteil der politischen Agenda. Den Rest des Jahres schaut der Politikbetrieb nach Westen – im Mai wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und im November steht die US-Wahl auf dem Programm. Dort ist zwar nicht mit einem solchen Innovationsschub zu rechnen wie vor vier Jahren, doch dürfte das Online-Campaigning erneut Maßstäbe setzen. Zumal soziale Netzwerke dann wohl „das neue Normal“ sein werden und den TV-Sendern die Rolle des medialen Lagerfeuers streitig machen (…oder sind es doch die Daten, Dummkopf?). Das Frühjahr wird aber im Zeichen der #Occupy-Bewegung stehen – im Lager der 99% überwintert man vor dem Rechner und programmiert neue Tools, damit rund um den „Super Tuesday“ im März nicht mehr die Vorwahlen die Nachrichten dominieren, sondern die Neuauflage der Proteste. Online wie offline.

Und hier zur veröffentlichten Version im Tagesspiegel.