Archive for the ‘USA 2016’ Category

South-by-Southwest: In der Blase

Donnerstag, 15. März 2018

Dienstag, 13. März. Wir schreiben Tag 5 der South-by-Southwest (#SXSW) und gerade überlagert die Washingtoner Politik das Festival im texanischen Austin: In den Morgenstunden erfährt Außenminister Rex Tillerson via Twitter, dass @realDonaldTrump ihn durch CIA-Chef Mike Pompeo ersetzen will – am späten Abend erreichen die Demokraten in einem als „tiefrot“ eingestuften Congressional District in Pennsylvania ein too-close-to-call bei einer Nachwahl zum Repräsentantenhaus. Der erst 34 Jahre alte Conor Lamb hält den republikanischen Favoriten Rick Saccone in Schach, erst die Briefwahlstimmen werden die Wahl entscheiden. Trump hatte in den Wahlkreisen im November 2016 mit etwa 20 Punkten Vorsprung gegen Hillary Clinton gewonnen. Nicht wenige Kommentatoren sehen hier die Vorboten für die midterm elections im November, die parteiischen substitutes im Fernsehen sagen es ganz deutlich: „The rumble you can hear is not a train, it´s not a storm, it is the anti-trump movement, that is coming from the mountains to every voting booth out there.“ Während bei CNN sich der Wind zu drehen scheint, hat man drüben bei FOX die Niederlage noch längst nicht akzeptiert und sendet das Celebrity-Magazin „page six tv“, keine Wahlsondersendung. Dass in dieser Nacht Stephen Hawking stirbt, spielt in keinem der beiden Sender eine Rolle.

Was hat das mit dem schrill-modernen Interactive-/Gaming-/Musik-/Film-Festival South-by (wie man in Austin sagt) zu tun? Gar nicht mal so wenig, denn die tiefen ideologischen Gräben haben sich auch in der vollgepackten Veranstaltungswoche gezeigt – allerdings nicht durch polarisierte oder gar feindliche Auseinandersetzungen auf den Panels, sondern durch das so gut wie vollständige Fehlen der republikanisch/trumpistischen Perspektive – Amerika ist noch immer auf der Suche nach den Vereinigten Staaten. (Sorry, die Werbeeinblendung musste sein, aber der Claim zu unserem Buch aus dem vergangenen Jahr passt hier einfach zu gut).

Sicher ist es mehr als eindrucksvoll, was das Team der SXSW auf die Beine gestellt hat. Ein imposantes Programm, bei dem im täglichen Newsletter immer noch neue Highlights hinzugefügt werden (Katie Couric! Elon Musk! Melinda Gates! Mark Hammill! Midge Ure!). (Okay, Midge Ure fällt ein wenig ab in dieser Reihe, aber immerhin kam er als special guest zu einer Podiumsdiskussion über den Elektromusikpionier Conny Planck ins german haus, die nicht uncoole Offsite-Präsentationsbude der deutschen Wirtschaftsförderungstruppe).

Die SXSW war politisch absolut einseitig und daher in dieser Perspektive auch nicht besonders interessant, eher sogar enttäuschend. Zu beobachten war ein komplettes Abtauchen in der liberal-progressiven Filterblase, ein wehmütiger Rückblick auf das Präsidentschaftswahljahr und die Zeit danach. Richtig schlimm: Viele public intellectuals (Journalisten, Autoren, Wissenschaftler) stellen ihre eigene Erfolgs- und/oder Leidensgeschichte mit und nach Obama vor. Prominentestes Beispiel: Der Vorzeige-Intellektuelle Ta-Nehisi Coates (The Atlantic) jammert schon im Titel seiner Essay-Sammlung We were 8 Years in Power. Technisch gesehen ist das natürlich zutreffend und richtig, nur leider schaut kaum jemand nach vorne und macht Vorschläge, was nun folgt und wie sich eine progressive Linke gegen Trump und den republikanischen Rest aufstellen kann. Ostküsten-Professor Mark Lilla war zwar nicht in Austin, aber seine Diagnose aus The Once and Future Liberal schwebte über zahlreichen Panels – in einem immer kleinteiliger werdenden Streit über die eigene Befindlichkeit verliert ein linkes Lager zusehends an Zusammenhalt und Identität. Die identity politics der letzten Jahrzehnte wenden sich gegen sich selbst und überlassen einer zumindest ansatzweise pragmatisch agierenden Gegnerschaft das Feld. Dabei ist Trump aktuell gar nicht mal das größte Problem, er verschanzt sich zunehmend hinter der Fassade des Weißen Hauses, setzt das systematische Zerlegen der Washingtoner Machtzentren fort und schart seine follower um sich – nicht nur bei Twitter, sondern auch in Regierungs- Verwaltungsämtern. Auch das ist zwar schlimm, hat für die Vorbereitung der kommenden Kampagnen derzeit aber noch keine spielentscheidende Bedeutung.

Denn ob dieser radikale Ego- und Machtfokus auch längerfristig Folgen haben kann, wird sich wohl im November zeigen. Substanzielle Verluste in Haus und Senat könnten ein Signal für einen Wechsel nach nur vier Jahren sein – allerdings müssten die Demokraten dann allmählich auch einmal personelle Zeichen für 2020 setzen. Und das heißt: Schon Anfang 2019, denn aussichtsreiche Präsidentschaftskampagnen brauchen in aller Regel einen langen Anlauf. Nur: Woher sollen diese Signale kommen? Aussichtsreiche Gegenkandidaten sind bisher noch nicht zu erkennen, dass eine Kandidatur von Obama-Vize Joe Biden ernsthaft diskutiert wird, sagt bereits vieles (seine Kampagne wäre im übrigen auch die Ausnahme für eine „Sprint-Kandidatur“, die in schon laufende primaries eingreift).

Im föderalen System bietet sich eigentlich die Ebene der Bundesstaaten als Widerstand gegen die Hauptstadt an, doch bis auf Kalifornien, das sich als „natürliche“ Gegenmacht am anderen Ende des Kontinents geriert, ist noch nicht viel passiert. Etwas mehr Bewegung kommt aus den Städten, und das war auch in Austin zu spüren: Die Bürgermeister des Cities Summit waren politische Aktivposten bei der SXSW, die US-Mayors wissen um ihre Verantwortung als Gegenmacht zu einem Washington, das unter Trump immer schwächer wird. Sadiq Khan, der Gast aus London, hielt eine eindringliche, sehr politische Rede – in und zwischen den Zeilen. Mit seinem Auftritt platzierte er sich gleich zwischen mehreren Stühlen, als bekennender Trump-Gegner hielt er mit Kritik und Unverständnis nicht hinter dem Berg, als technophiles, dabei aber marktrealistisches Stadtoberhaupt bot er radikalen Datenaktiven die Stirn und nebenbei steuerte er als gewähltes Oberhaupt des Bremain-London gegen den Kurs von Premierministerin May. Viel besser kann man es nicht machen – leider blieb er die große Ausnahme.

Was ist sonst noch zu erwähnen? Im Technologie-Diskurs dominierten die (erwartbaren) Themen Blockchain und Künstliche Intelligenz, auffällig war hier die Differenz zwischen Elon Musk („AI ist schlimmer als Atomraketen“) und Ray Kurzweil („AI ist eine weitere dezentrale, auf Unterstützung des Menschen ausgerichtete Sammlung von Hilfsprogrammen“). Sie brachten ihre Einschätzungen in großen Einzel-Events vor (wie es sich für Titanen gehört) und nicht im Dialog miteinander – vielleicht programmiert demnächst ja jemand zwei Bots, die den Austausch dann aufgreifen und fortführen. Zuzutrauen ist der SXSW-Gemeinde ja grundsätzlich alles. Der digitale Alltag ist in den USA schon viel umfassender und gegenwärtiger als bei uns, die Gesundheitsthemen verzweigen sich inzwischen von digital wellbeing, über enhancements aller Art bis hin zur virtuellen (Un-)sterblichkeit. Auch stärker als in Deutschland und Europa macht sich der Einfluss von eSports bemerkbar – sowohl auf den Werbemarkt wie auch auf die Sportarten ohne vorgeschaltetes „e“. Eine ganze Konferenz-Sparte widmete sich der wachsenden ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung der erneuten Medialisierung des Sports.

Ein Fazit soll nicht zu nüchtern klingen – die SXSW ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und diese Menge an Talent, Enthusiasmus und Wissen kommt nicht bei vielen Gelegenheiten zusammen. Wie sich die Großveranstaltung in die – durch einen massiven Bauboom gerade etwas unwirtliche – Innenstadt von Austin einbettet und diese in eine multiple Erlebnislandschaft verwandelt, ist nicht anders als grandios zu bezeichnen. Eine in den analogen Stadtraum platzierte enhanced reality: Respekt, gerne mehr davon. Die Teilnehmer stehen vor der schwierigen (und immer unlösbaren) Aufgabe, selbst zu entscheiden, was man davon auf- und mitnehmen möchte. Daraus resultiert eine unsichere Navigation in einem durch gezielte Überforderung völlig überladenen Angebot – das ist schon eine ziemlich gute Metapher für die Lage der digitalen Gesellschaft und dürfte sehr wohl im Sinne der Veranstalter sein.

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Boys don´t cry (Song for Donald)

Donnerstag, 9. Februar 2017

Hm, wer hätte das gedacht – da beginnt Jan Böhmermann die neue Staffel seiner Sendung Neo Magazin Royale mit einem kleinen, feinen Anti-Trump-Song, und keiner hat´s gemerkt. Stattdessen nörgelte die Fachpresse über die Cover-Version des Cure-Stücks Boys don´t cry (im Original von 1979/80). „Immerhin halbwegs fluffigurteilt der Musikexpress, „was für 1 dünnes Stimmchen“ mokiert sich der Rolling Stone.

 ´Tschuldigung, Kollegen! ist man da geneigt zu rufen, um die Musik ging es bei dem Stück zwar schon, denn es war der erste Auftritt der neuen Studiomusiker, dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, nachdem Rapper Dendemann Ende letzten Jahres ausgeschieden war (der Name der, äh, Band bedürfte eigentlich noch eines eigenen Kommentars, zumal aus Rundfunkrats-Perspektive).

Aber um die Stimme ginge es bei dem Song gar nicht, sondern um den Text.

Doch da haben die Kollegen von den Fachorganen offenbar nicht genau genug zugehört. Aber es gibt ja das Internet. Aufmerksame Zuhörer und versierte Kenner des The Cure-Œuvres (Danke, Dirk!) haben einige Abweichungen vom Originaltext bemerkt, und wenn man sich das noch mal etwas genauer anhört, dann merkt man – es ist ein Protestsong. Und im Kontext der Sendung vom 2. Februar wird schnell klar, dass ein gewisser Donald Trump der Adressat ist.

Böhmermann fügt nebenbei ein paar zusätzliche Wörter ein:
I try to laugh about it / YOU Cover it all up with lies

Er nimmt kleine Änderungen vor, etwa hier:
But I know that YOU´RE A FRAUD / And now there’s nothing I can do

oder hier:
But I know that it’s no use / That you WILL NEVER GO away

Zum Ende hin läuft es auf klare Ansagen hinaus:
TAKE IT for granted / WE DON´T NEED YOU ANYMORE.

und

Now I would do almost anything / to get you OFF OF OUR SIDES.

Alles in allem machen die kleine Eingriffe daraus lange kein grobschlächtiges, aber medienwirksames Schmähgedicht, doch eine Beleidigung (You´re a fraud) und der Vorwurf der Lüge (You cover it all up with lies) sind schon dabei. Doch es war gerade ja auch nur schlechte Stimmung auf Twitter, und die Welt, na, eigentlich nur Deutschland brauchte etwas Aufmunterung.

Danke, @JanBoehm, gut gemacht!

Update: Jetzt ist es raus – es war wirklich alles für Donald. @janboehm kommt raus mit der Wahrheit. It´s true. We love it. Amazing.

Pracademics vs. Trump

Mittwoch, 23. November 2016

Die ersten beiden Wochen nach der US-Präsidentschaftswahl sind gekennzeichnet von einem erhöhten Meinungs- und Nachrichtenaufkommen: das Versagen der pollster, Anti-Trump-Proteste, Kritik am Electoral College, hate speech, die holprige Transition to Power, Erklärungsversuche zum Wahlverhalten, (düstere) Zukunftsperspektiven, die Debatte um „Fake News“, erste internationale Gehversuche (und Irritationen) der Trump-Familie Adiminstration bis hin zur Frage nach dem Umgang mit der Presse (und deren Freiheit). Die Liste ist lang und längst nicht abgeschlossen.

Doch neben den unzähligen Medienberichten über die verschiedenen Ebenen des Trump-Aftermath gibt es noch eine weitere Ebene der Auseinandersetzung mit dem anstehenden Wechsel im Weißen Haus. Die Kommentare, Essays, Analysen und Interventionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich ebenfalls zu Wort melden – zum Teil als Gastautoren in den etablierten legacy media, sehr häufig aber auch in einer in Deutschland eher übersehenen From: den politischen (oder besser: politikwissenschaftlichen) Blogs.

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Jornal do Sul: Transition

Mittwoch, 16. November 2016

Die US-Präsidentschaftswahl vom 8. November ist natürlich auch hier im Süden ein Thema – in den nächsten Tagen werde ich dazu noch in zwei Workshops mit Lehrenden und Studieren der UFBA darüber reden. Am Wahltag selbst waren die Meinungen noch gespalten: einerseits gab es Befürchtungen ob der Beziehungen zwischen Brasilien und den USA mit einem besonderen Blick auf den Status der expats, andererseits fiel der Blick auf mögliche neue Spielräume und Einflussmöglichkeiten im südamerikanischen Raum, nicht unähnlich der in Europa geäußerten Fokussierung auf die eigene Region. Diese Perspektiven gilt es in weiteren Gesprächen noch zu präzisieren und zu vertiefen.

Doch nun zu etwas ganz anderem…

…nein, nicht dem ziemlich überheblichen (okay, auch einigermaßen lustigen) Brief von John Cleese an die USA, sondern zu einem anderen Thema, das vielleicht auch gewisse Comedy-Elemente enthält, aber eigentlich eine grundernste Angelegenheit darstellt: den Prozess der Transition of Power, der Übergangsphase zwischen zwei Präsidentschaften.

Bislang dominiert in der Berichterstattung das Erstaunen (und nicht selten: Entsetzen) über die geplante Zusammensetzung des Teams, mit dem president-elect Donald Trump die Arbeit im Weißen Haus aufnehmen will. Als Top-Personalien gelten bisher die Nominierung (noch nicht: Ernennung) von Reince Priebus, dem Vorsitzenden des Republican National Committee zum White House Chief of Staff sowie die Entscheidung, den rechtskonservativen, offen anti-semitischen Publizisten Stephen Bannon zum Counselor to the President zu machen. Die US-amerikanischen Medien sind voll von Berichten und Kommentaren zum aktuellen Stand der Dinge (vgl. hier, hier, hier und hier), und den bisherigen transition process als „holprig“ zu bezeichnen, ist ein Euphemismus (okay, für Donald Trump „is it going so smoothly“, aber das steht bei Twitter und somit auf einem anderen Blatt).

Noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit bekommt dagegen das in den vergangenen Jahren stark angewachsene Regelwerk, das den Übergang zwischen zwei Präsidentschaften reguliert, nämlich der Presidential Transition Act. Wirklich überraschend ist das nicht, denn das Paket ist im Lauf der Zeit recht unübersichtlich geworden, durch zahlreiche Updates, Ergänzungen und flankierende Presidential Orders.

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Jornal do Sul: Der lange Wahltag

Montag, 7. November 2016

Zwar steht im Kalender der 8. November als Tag der US-Wahl, doch die historische Terminierung auf den Tuesday next after the first Monday in the month of November ist schon länger nur noch eine symbolische. In diesem Jahr wird diese Verlängerung des Abstimmungszeitraums noch deutlicher sichtbar als in den beiden vorangegangenen Wahlen – die zahlreichen Beobachter des Early Voting gehen davon aus, dass bereits mehr als 42 46 Millionen Stimmen abgegeben worden sind (vgl. das etwas unübersichtliche Excel-Datenblatt des United States Election Project). Man weiß natürlich nicht ganz genau, für wen die Stimmen nun gezählt werden, doch lässt die nicht selten bekannte party affiliation schon ahnen, ob es republikanische oder demokratische Wähler:innen gewesen sind. Im Verbund mit der Aufschlüsselung nach Stimmbezirken lassen sich dadurch die zur Genüge vorhandenen Umfragen natürlich verfeinern und vertiefen – oder kritisch hinterfragen.

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Jornal do Sul: Eleições no Norte

Samstag, 5. November 2016

Die erste Woche in Salvador ist inzwischen vorüber – etwas Zeit habe ich durch eine Erkältung verloren (deshalb auch: wenig los im Blog). In der Tendenz waren Klima und Klimaanlagen wohl nicht ganz schuldlos. Die Jahreszeit vielleicht auch. Egal. Trotzdem habe ich mich hier gut eingewöhnt und bin in die aktuellen Residenz-Routinen eingestiegen: lesen, recherchieren und planen.

Das ist auch nötig, denn schon am kommenden Dienstag organisiere ich hier in der Vila Sul einen Workshop zur Wahl in den USA. Gemeinsam mit dem Team des Goethe-Instituts, den Mit-Residenten und einigen Angehörigen der hiesigen Uni schauen wir uns den Verlauf der Stimmenauszählung an und kommentieren das Geschehen auf der anderen Seite des Kontinents. Ein programmatisches Ziel der Residenz ist ja, den Begriff des „Globalen Südens“ als Orientierungspunkt zu begreifen – insofern wirkt eine Veranstaltung zu den eleições vielleicht etwas überraschend. Andererseits gibt es hier in Salvador durchaus ein starkes Interesse an den Entwicklungen im Norden (nebenbei ganz interessant, mal nicht über den „Westen“ zu sprechen, wenn es um die USA geht), und das ist durchaus auch ein Treiber für die Veranstaltung am nächsten Dienstag.

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