Jornal do Sul: Show Notes

Dienstag, 8. November 2016

Der Countdown läuft, hier eine kleine Sammlung von Materialien, die heute ganz nützlich sein könnten – ohne weitere Kommentierung. (Post under construction).

+++ Legacy Media +++

New York TimesWashington Post | Los Angeles Times

CBSMSNBCCNNFox News

ARD Blog / Stream | ZDF Szenario / Stream / #USWahlLab

+++ Umfragen, Statistiken, Early Voting +++

FiveThirtyEight Website | Live-Blog
US Election Project
Early Voting Information Center

Twitter-Liste Election 2016

+++ Voter Monitoring / Live-Casting +++

Votecastr (Slate x Vice News) Twitter-Feed | Live-Video
Electionland (Google News Lab x CUNY x …) Website | Twitter-Feed
Facebook Vote Planner

+++ Swing States/Election Officials +++

Florida Election Watch/Division of Elections
North Carolina State Board of Elections
Ohio Secretary of State/Live Results

+++ Candidates +++

Hillary Clinton | Donald Trump/@ | Jill Stein | Gary Johnson | Evan McMullin

Jornal do Sul: Der lange Wahltag

Montag, 7. November 2016

Zwar steht im Kalender der 8. November als Tag der US-Wahl, doch die historische Terminierung auf den Tuesday next after the first Monday in the month of November ist schon länger nur noch eine symbolische. In diesem Jahr wird diese Verlängerung des Abstimmungszeitraums noch deutlicher sichtbar als in den beiden vorangegangenen Wahlen – die zahlreichen Beobachter des Early Voting gehen davon aus, dass bereits mehr als 42 46 Millionen Stimmen abgegeben worden sind (vgl. das etwas unübersichtliche Excel-Datenblatt des United States Election Project). Man weiß natürlich nicht ganz genau, für wen die Stimmen nun gezählt werden, doch lässt die nicht selten bekannte party affiliation schon ahnen, ob es republikanische oder demokratische Wähler:innen gewesen sind. Im Verbund mit der Aufschlüsselung nach Stimmbezirken lassen sich dadurch die zur Genüge vorhandenen Umfragen natürlich verfeinern und vertiefen – oder kritisch hinterfragen.

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Jornal do Sul: Eleições no Norte

Samstag, 5. November 2016

Die erste Woche in Salvador ist inzwischen vorüber – etwas Zeit habe ich durch eine Erkältung verloren (deshalb auch: wenig los im Blog). In der Tendenz waren Klima und Klimaanlagen wohl nicht ganz schuldlos. Die Jahreszeit vielleicht auch. Egal. Trotzdem habe ich mich hier gut eingewöhnt und bin in die aktuellen Residenz-Routinen eingestiegen: lesen, recherchieren und planen.

Das ist auch nötig, denn schon am kommenden Dienstag organisiere ich hier in der Vila Sul einen Workshop zur Wahl in den USA. Gemeinsam mit dem Team des Goethe-Instituts, den Mit-Residenten und einigen Angehörigen der hiesigen Uni schauen wir uns den Verlauf der Stimmenauszählung an und kommentieren das Geschehen auf der anderen Seite des Kontinents. Ein programmatisches Ziel der Residenz ist ja, den Begriff des „Globalen Südens“ als Orientierungspunkt zu begreifen – insofern wirkt eine Veranstaltung zu den eleições vielleicht etwas überraschend. Andererseits gibt es hier in Salvador durchaus ein starkes Interesse an den Entwicklungen im Norden (nebenbei ganz interessant, mal nicht über den „Westen“ zu sprechen, wenn es um die USA geht), und das ist durchaus auch ein Treiber für die Veranstaltung am nächsten Dienstag.

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Jornal do Sul: Check-In

Samstag, 29. Oktober 2016

riogaleaoMit der erfolgreichen Anreise nach Salvador-Bahia (über den teilweise noch im Olympia-Modus arbeitenden Flughafen Tom Jobim in Rio de Janeiro, vgl. rechts) hat heute mein Residenzaufenthalt am Goethe-Institut begonnen.

In loser Folge werde ich in den kommenden Wochen darüber schreiben. Einige inhaltliche Anhaltspunkte hatte ich vor kurzem hier bereits notiert, nun ist es Zeit für (aller)erste Eindrücke. Ich kenne die Stadt Salvador bereits von zwei früheren Besuchen, und erneut hat sich einiges verändert. Am auffälligsten ist bisher die Großbaustelle der Metro Bahia, deren Linha 2 vom Stadtzentrum aus bis zum Flughafen reichen wird. Allerdings ist über eine Strecke von ca. 20 Kilometern noch vieles Stückwerk. Die Haltestellen stehen teilweise im Rohbau, Gleise fehlen, die Elektrifizierung auch. Erst rund um das WM-Stadion Fonte Nova (genau, Deutschland – Portugal 4:0) ist der Bau fertig und funktionstüchtig. Schnell ertappt man sich beim (typisch deutschen?) Gedanken „Wäre sicher praktisch gewesen, wenn es die Bahn schon zur WM 2014 gegeben hätte“. Hier in Salvador aber scheint das Projekt ausdrücklich gewürdigt zu werden, es bringt Menschen in Arbeit, es steht für Aufbruch und Modernisierung (wobei die knallgelben, -grünen und -orangen Overalls irgendwie an Einsätze in Katastrophengebieten erinnern, schon wieder so ein mitgebrachter Gedanke).

Auf jeden Fall dauerte der Transfer vom Flughafen zum Goethe-Institut gerade mal 35 Minuten, es ging viel schneller als 2013 oder 2010. Der Empfang war überaus herzlich, nach einer kurzen Einweisung in die gerade erst fertiggestellten Residenzräume hatte das Goethe-Team eine traditionelle feijoada vorbereitet. Diese explizit nicht-vegane Eintopfart ist durchaus sättigend und es hätte auch einige gute Fotomotive für die sozialen Netzwerke gegeben, aber ich habe das mal unterlassen (bislang habe ich aber noch keine gravierenden Unterschiede in der digitalen, mobilen Mediennutzung feststellen können). Getafelt wurde übrigens direkt vor meiner Unterkunft – hier schon mal das Türschild dazu, weitere Bilder folgen.

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Ein erster Austausch mit den anderen Resident:innen (an Bezeichnung und Rolle muss ich mich erst noch gewöhnen) war schon sehr spannend. Die meisten haben einen Hintergrund im Theater- und/oder Performancebereich, das könnte u.a. für die Begleitung der anstehenden US-Wahl ganz interessant werden: am 8. November wird es in der Vila Sul die lokale Variante eines academic viewing geben, ein Format, mit dem ich erstmals 2004 in Gießen Erfahrungen habe sammeln können.

In den nächsten Tagen wird mein Aufenthalt daher einerseits im Zeichen der Eingewöhnung stehen (Stadt, Sprache, Wetter, frühe Sonnenauf- und -untergänge), andererseits in der Vorbereitung des amerikanischen Wahlabends. Auf dem Programm steht u.a. die Lektüre von Trumpland, der Schweizer Journalist Walter Niederberger hat hier das Porträt einer gespaltenen Nation vorgelegt. Geplant ist für den 8. November auch ein Austausch mit Lehrenden und Studierenden der Bundesuniversität Salvador (UFBA) – wenn es gelingt, hätten wir eine schöne Gesprächskonstellation im Dreieck zwischen Deutschland, Brasilien und den USA. Hinweise auf zeigens- und diskussionswürdiges Material werden in den einschlägigen sozialen Netzwerken jederzeit gerne entgegengenommen.

(Nachtrag: Im Hof des Goethe-Instituts ist jetzt, um kurz vor 22 Uhr Ortszeit, noch guter Betrieb, auf einer kleinen Bühne werden Songs des aktuellen Literaturnobelpreisträgers dargeboten. Ich weiß nicht, ob das als Teil einer deutsch-amerikanisch-brasilianischen Kulturpartnerschaft geschieht – aus (traurigem) tagesaktuellen Anlass wären ja vielleicht auch ein paar Stücke von Manfred Krug passend gewesen, aber dazu wird es  wohl nicht kommen.)

In eigener Sache: Vila Sul

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Zuletzt hatte ich es angedeutet – im gerade begonnenen Forschungssemester wird es auch eine längere Abwesenheit geben, hier nun einige Informationen dazu. Am 27. Oktober beginne ich einen Auslandsaufenthalt als Gast im Residenzprogramm Vila Sul, das vom Goethe-Institut Salvador-Bahia veranstaltet wird (ja genau, es geht um Brasilien). Bis zum 15. Dezember wohne und arbeite ich in den Räumen des Instituts, das als einer von (bisher) wenigen GI-Standorten auf diese Weise den Austausch und die Kommunikation mit lokalen Szenen vor Ort fördert.

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(Ja. Dort.)

Das Residenzprogramm richtet sich an „Intellektuelle,‭ ‬Künstler/-innen,‭ ‬Wissenschaftler/-innen und Autoren/-innen aller Disziplinen bzw.‭ ‬an interdisziplinär arbeitende oder forschende Personen“.‭ Es gibt auch ein gemeinsames Thema für die Resident:innen, dies ist recht allgemein, aber nicht unspannend, mit Süden‭ überschrieben. Im Rahmentext dazu finden sich durchaus gute Anknüpfungspunkte zu meinen bisherigen Arbeiten:

In einer sich immer stärker globalisierenden Welt‭ ‬– mit den Hauptmerkmalen einer sich potenzierenden Digitalisierung und der gleichzeitigen Suche nach neuen‭ analogen‬ Beziehungen‭ ‬– sind kulturelle Vernetzungen eines der wichtigsten‭ Instrumente der Positionierung.‭ ‬Residenzen sind dabei ein besonders wirksames Format für nachhaltige Begegnung und kreative‭ (‬Ko-‭)‬Produktion.‭ ‬Allerdings bedarf es neuer Ansätze,‭ ‬die es vermögen,‭ ‬vielfältig zu agieren und multipel zu wirken.‭ ‬Denn das bloß‭ Bilaterale‬,‭ ‬das Hin und Her,‭ ‬ist in dieser Welt,‭ ‬die nach einer neuen Ordnung sucht,‭ ‬nicht mehr ausreichend.

Das Residenzprogramm steht in Salvador noch am Anfang, in den Zeitraum meines Aufenthaltes fällt auch die offizielle Eröffnung am 16. November – hier ist mit Bundestagspräsident Norbert Lammert ein sehr interessanter Gast angekündigt (der bis dahin vielleicht ja noch interessanter geworden ist).

Gefördert wird der Aufenthalt nicht nur durch das Goethe-Institut, ein weiterer Partner ist die Robert-Bosch-Stiftung – in Salvador wird es während des Aufenthaltes einige öffentliche Veranstaltungen geben, im Goethe-Institut und evtl. auch an der Bundesuniversität von Salvador-Bahia (UFBA). Dorthin gibt es bereits einige Verbindungen, denn ich war bereits 2010 und 2013 jeweils für einige Tage zu Gast in Salvador. Beide Besuche waren überaus ertragreich, aber ein längerer Forschungsaufenthalt wird sicher noch ganz andere Einblicke ermöglichen.

Besonders interessant erscheint aus politikwissenschaftlicher Perspektive zunächst die Frage nach dem aktuellen Zustand des politischen Systems – das Impeachment der gewählten Präsidentin Dilma Rousseff und die Amtsübernahme ihres ehemaligen Stellvertreters Michel Temer ist ein Novum für die noch immer junge Demokratie. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand, der zu meinem Forschungsportfolio passt, ist die Comissao Nacional da Verdade sowie die damit verbundene Transparenzoffensive. Das Gremium hat sich bis 2014 mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur befasst,  die ehemalige Präsidentin Rousseff hatte hier auch Aspekte der Tätigkeit von Ethik-Kommissionen stärken wollen. Ob davon noch etwas zu spüren ist? Wir werden sehen.

In den nächsten Wochen werde ich den Aufenthalt in Brasilien hier im Blog begleiten, nicht unbedingt mit einer sehr verregelten Publikationsstruktur, aber es sollte doch mit einer wesentlich höheren Frequenz von Postings zu rechnen sein.

(Okay, es gäbe da noch dieses prominente Musik-Video, das in Teilen in der Altstadt von Salvador gedreht wurde. Aber nein, das poste ich hier nicht).

In eigener Sache: Forschungssemester

Donnerstag, 6. Oktober 2016

So. Nun ist es also so weit – seit dem vergangenen Samstag (1. Oktober) bin ich offiziell im Forschungssemester. Ich habe das Formular nach § 40 Hochschulgesetz (NRW) ordnungsgemäß ausgefüllt und die Kolleg:innen hier an der UDE haben meinem Antrag auch zugestimmt. Yay!

Das heißt gleichzeitig: ich bin seit mindestens acht Semestern in der Lehre tätig gewesen (genau genommen waren es bereits elf) – es ist wohl irgendwie auch an der Zeit. Seit der Berufung im Sommersemester 2011 habe ich 36 Lehrveranstaltungen angeboten (Vorlesungen, Seminare, Übungen etc.) und in dieser Zeit 76 Gutachten für diverse Abschlussarbeiten geschrieben. Die Zahl korrigierter Hausarbeiten und Klausuren möchte ich lieber gar nicht genau wissen (die Bretter im Archivschrank biegen sich langsam), dazu gab es ja auch noch mündliche Prüfungen und alljährlich die Auswahlgespräche für unseren Master-Studiengang Politikmanagement an der NRW School of Governance… Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: ich bin sehr gerne in der Lehre aktiv und freue mich jedes Mal auf den Semesterstart, das Diskutieren mit den Studierenden entlang einer insgesamt doch recht frei zu gestaltenden Agenda macht nach wie vor großen Spaß.

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Jutta Limbach (1934-2016)

Montag, 12. September 2016

Nein, die Zeit des wissenschaftliches Bloggens ist nicht vorbei, zuletzt hatte etwa Thorsten Thiel im Theorieblog einen lesenswerten Beitrag über Blogs in der politischen Philosophie publiziert.

Interessanter Weise ist es mir seit Ende 2015 nicht gelungen, neue Beiträge für das Blog zu schreiben, obwohl gerade im titelgebenden Bereich „Internet und Politik“ im vergangenen Jahr nun wirklich viel passiert ist – die BMBF-Ausschreibung für ein Deutsches Internet Institut und das dadurch ausgebrochenen Wettrennen um Fördertöpfe wäre nur ein nennenswerter Themenstrang.

Heute erscheint also mal wieder ein Beitrag, ich hoffe, es ist der Start in eine neue, produktivere Lebensphase dieses Blogs, das nun tatsächlich schon zehn Jahre alt ist. Der Anlass ist jedoch ein mehr als trauriger: im Laufe des gestrigen (Montag) Nachmittags habe ich vom Tode Jutta Limbachs erfahren – ich hatte das Glück, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts während ihrer Zeit als Gastprofessorin an der NRW School of Governance in Duisburg zu betreuen. Für die Homepage der NRW School habe ich eine kleine Nachruf-Notiz verfasst, die dieser außerordentlichen Persönlichkeit jedoch kaum gerecht werden kann. Auch deshalb schreibe ich den Text hier noch um ein paar Sätze weiter, denn Frau Limbach war eine wirklich faszinierende Persönlichkeit (hier ein kurzes Video von ihrer Vorlesung im Januar 2014).

Ich erinnere mich noch gut unser erstes Treffen, Frau Limbach kam zum ersten Workshop mit den Studierenden im Master Politikmangement, Public Policy und Öffentliche Verwaltung nach Duisburg – ungefähr zwei Stunden vor der Startzeit des Seminars. Es blieb also viel Zeit für ein intensives Kennenlernen, bei dem ich zum ersten Mal über ihre vielfältigen Interessen und den großen Sachverstand dazu ins Staunen geriet. Der Eindruck setzte sich in den Workshops mit den Studierenden fort, besonders auffällig war ihr echtes Interesse an den Dingen, die „die jungen Leute hier“ aktuell beschäftigen. Längst nicht nur Limbachs Berichte über die allmähliche Etablierung einer weiblichen Perspektive in der Berliner Landespolitik (Stichwort: „Feminat“) fesselten die Teilnehmer/innen der vierteiligen Vortragsserie. Einer der mehrfach geäußerten Sätze war die Feststellung (eher war es eine Maxime) „Langeweile ist der größte Feind des Alters“ –  einer solchen Haltung würde man gerne auch bei viel jüngeren Fachvertreter/innen begegnen.

In Zeiten wie diesen, da Hillary Clinton das Durchbrechen von glass ceilings als zentrales Motiv ihrer Kampagne um das Weiße Haus markiert, ist der Hinweis wichtig, dass es auch hierzulande Personen gibt, die genau dies getan haben: Jutta Limbach war Jura-Professorin und Senatorin in Berlin, Verfassungsrichterin und schließlich Vorsitzende in Karlsruhe als eigentlich nur Männer den Ton in diesen Kreisen angaben. Jenseits ihrer inhaltlichen Arbeit in den verschiedenen Bereichen hat sie auch gezeigt, dass ihr spezifischer Stil (in der Sprache der Regierungsforschung: ihr Mikro-Management) dazu beigetragen hat, Abläufe und Routinen zu hinterfragen und mindestens mit einer Alternative zu versehen. Dies geschah jedoch eher beiläufig, beinahe unauffällig, aber vielleicht gerade deshalb umso erfolgreicher. Damit ist längst nicht gesagt, dass die „Methode Limbach“ heute immer noch erfolgreich wäre – aber die Perspektive ist eröffnet und ein Nachweis ist erbracht. Diese Verdienste um die Offenheit (oder eher: die Aufschließbarkeit) von Laufbahnen im sonst so zementierten deutschen Behördenbetrieb können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Jutta Limbachs Stimme fehlt nun in zahlreichen Debatten der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, zuletzt mochte man sich einen Zwischenruf in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik gewünscht haben. Es steht zu hoffen, dass ihre besondere Perspektive und Haltung von vielen Menschen übernommen wird – es ist das Erbe von Miss Marple.

Episode 3: Phantom Politics

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Das Epos zwischen Hyperraum und Hypertext

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 bei politik-digital.de)

Das Star Wars-Prequel schlägt nicht nur auf der Leinwand politische Wellen: Für einen kleinen Skandal um die political correctness sorgte eine ethnisch geprägte Sprachfärbung der Figuren, die offenbar eine Zuordnung der Charaktere ermöglicht. Auf der bösen Seite finden sich die mit leicht französischem Einschlag daherheuchelnden Handlanger der Handelsföderation (im Original mit japanischem Akzent), der arabisch-kehlig nuschelnde Händler (und Sklavenhalter) Watto auf Tatooine oder natürlich Darth Sidious, der knappe, harte und befehlshaberische Töne zischt. Auch die Phalanx der „Guten“ kennt eine sprachliche Hierarchie, während die edlen Jedi-Ritter und auch Königin Amidala in gepflegtem Oxford-Englisch parlieren, radebrecht der schlappohrige Tolpatsch Jar Jar Binks ein kreolisches Kauderwelsch. Grammatikalisch zwar völlig verstellt, dafür aber geheimnisvoll und würdig untersteicht der Satzbau von Altmeister Yoda dessen prominente Position im Rat der Jedis. In den besonders empfindlichen USA haben die sprachlichen Charakterzuweisungen George Lucas einige Kritik eingebracht und bereits zu bisweilen haarsträubenden Reaktionen geführt.

Sicherlich kann man dem an seinem eigenen Mythos krankenden George Lucas noch mehr vorwerfen, wie z.B. die Dreistigkeit, vier Filme mit identischem Plot abzuliefern, was ihm jedoch andererseits als Geniestreich ausgelegt wird. Also treffen auch in Episode 1 David und Goliath aufeinander, sei es in klassischen Schlachtenszenarien zwischen hochtechnisierter Zivilisation und erdverbundenem Naturvolk oder in Form der obligatorischen Orbitalstation, die wieder einmal von einem einsamen Raumgleiter zerstört wird, diesmal eher versehentlich als geplant. Ein anderes religiöses Dauermotiv ist der Kampf zwischen Gut und Böse, diesmal gegeben von Darth Maul in perfekter Antichrist-Ästhetik und Edel-Jedi Qui-Gon Jinn im Jesus-Look. Neu im Sortiment ist dagegen die Jungfrauengeburt des Anakin Skywalker – allerdings orientiert sich Lucas hier weniger an der biblischen Empfängnisgeschichte. Stattdessen hat er Muster aus asiatischen Religionsverständnissen übernommen, denn möglicherweise wurde der künftige Superschurke von mikroskopisch kleinen Wesen gezeugt. Laut Jedi-Lehre existieren die „Midichlorianer“ innerhalb der Zellen anderer Lebewesen und deren Konzentration stellt eine Maßzahl für die Machtpotenz des Wirtskörpers dar. Ausführlich Auskunft gibt Lucas dazu höchstselbst im Rahmen des Gesprächs „Von Mythen und Menschen“, wenig augenzwinkernd diskutiert wird dieses Konzept etwa von James Flint.

Bleibt die Frage, warum man sich immer wieder dieselbe Seifenoper antun muss, was nicht allein mit den immer neuen und immer perfekteren digitalen Kapriolen zu erklären ist. Aber warum gehen immer wieder Menschen nach Bayreuth, um nichts als Wagner zu sehen oder man selbst zu Weihnachten in den Gottesdienst, um immer wieder dieselbe Geschichte zu hören? Es sind gesellschaftliche Ereignisse, die einen Hauch von Mystik vermitteln, ohne die auch der moderne rationale Mensch nicht auszukommen scheint.

Dass der grundlegende Konflikt um die Besteuerung von Handelswegen ein wenig altbacken daherkommt, hat gerade die massive Verbreitung von Filmkopien unter Zuhilfenahme des Internet bewiesen. Nicht wenige der kindlichen Fans der 70er und 80er Jahre sind dabei zu schonungslosen Saga-Skeptikern mutiert. Allerdings haben sich die vielen CD-ROM-Kopisten keineswegs vollständig auf digitale Vertriebswege verlassen, so dass die Handelsföderation mit ihren Kampfrobotern doch das ein oder andere Mal hätte zuschlagen können. Ein Beteiligter erinnert sich: „Vervielfältigt wurde das 1.5 Gigabyte-Epos meistens mit CD-Brenner und persönlicher Auslieferung, oder als Päckchen versandt. Das Internet diente da nur zur Verknüpfung der Menschen zu einem großen Netz von Freibeutern, die ganz ohne Gewissensbisse dem eingebildeten Lucas eine reinwürgen, und sich den Film kostenlos ohne alberne Warteschlangen vor dem Kino reinziehen.“ [Hinweis: die Gründung der Piratenpartei erfolgte erst im Jahr 2006.]

Der Anschluss an das globale Datennetz führte dabei häufig zu Profilierungs-Profiten in der Peer-Group. Hier zahlte sich die fast schon „klassische“ Kombination von Computer-Nerd und Science-Fiction-Fan als Hauptveranstalter der zahlreichen Undercover Sneak Previews aus. Die Bestätigung dafür kommt aus den Weiten der Net-Community: „Sobald die Leute den Film hatten, haben sie ihn gleich sämtlichen unvernetzten Freunden ebenfalls gezeigt, da wird der teuer erkaufte Pentium mal richtig zum Coolness-Faktor und sozialen Treffpunkt.“ Aber auch weniger gut gerüstete Star Wars-Fans kamen auf ihre Kosten, denn es dauerte nicht sonderlich lange, bis die kostbaren Bits und Bytes auch auf guten, alten Videobändern auftauchten und somit zu einer weiteren Demokratisierung des Vorschau-Vergnügens beitrugen.

Angesichts digitaler wie analoger Kopienschwemme und dem Ballyhoo der alten Massenmedien können sich aber inzwischen eher diejenigen glücklich schätzen, die noch keinen Blick auf die Bilder vom virtuellen Videoplayer geworfen haben und sich damit ein unbelastetes Kinoerlebnis bewahren konnten. Ob allerdings die massive Vermarktungs-Kampagne um den angekündigten Jahrtausendfilm auch wirklich funktioniert, muss sich erst noch zeigen – aus der Lucasschen Werbematerialschlacht könnte statt Merchandising auch ein Märchen-dising werden. Dass der Umlauf von Raubkopien aus dem Netz plötzlich (die technischen Voraussetzungen waren schon länger gegeben) auch hierzulande ostasiatische Verhältnisse angenommen hat, könnte beinahe für eine ausgeklügelte Marketingstrategie der Lucasfilm Ltd. gehalten werden – wenn damit nicht auch ein anderes Verständnis von Eigentums- und Nutzungsrechten verbunden wäre. Gerade die Privatvorführer der Pentium-Kinos sehen hier Parallelen zu einer anderen unterhaltungselektronischen Konfliktlinie: „Es ist durchaus denkbar, dass Hollywood von derselben „mpeg-Krise“ heimgesucht werden wird, wie schon die Musikindustrie durch das mp3-Format.“

Die in den Augen der Kritik recht flache Einstiegsepisode erfährt allerdings eine deutliche Vertiefung, unternimmt man einen Ausflug in die Weiten der zahlreichen Online-Angebote, die die Story unverdrossen ergänzen und weiterschreiben. Die offizielle Site unter http://www.starwars.com erweist sich als ein reichhaltiger Fundus zu Personal, Schauplätzen und Technik der bisher vier Episoden. Sehr hilfreich ist auch – zumindest für nicht ganz eingefleischte Fans – das Angebot der Kinozeitschrift Cinema. Die dort plazierte „Timeline“ zeichnet grob die wichtigsten Events in der kämpfenden Galaxie nach und das „Online-Lexikon“ hilft beim Nachschlagen der wichtigsten Basics. Wer es etwas genauer wissen will, sollte sich in eine der großen amerikanischen Fanpages einloggen, dort wird echtes Expertenwissen zur Schau gestellt und auch die Entwicklung zur „Episode 2“ aus nächster Nähe begleitet. Wem das alles zu virtuell ist, sollte sich überlegen, am großen „Star Wars Lego-Bauwettbewerb“ teilzunehmen.

Geleistet wird hier bereits in Ansätzen eine Verknüpfung der ersten mit den drei späteren Folgen – quasi ein Vorgriff auf die zuerwartenden Vierfach-Features im nächsten kinematischen Sommerloch. Dass auch „Episode 2“, der insgesamt fünfte Streich der Lucas-Saga, noch in der gewohnten Form in die Kinos kommen wird, scheint ausgemachte Sache – schließlich haben die gemeinschaftlichen Film-Erlebnisse vor der „big screen“ schon lange den Charakter von Happenings angenommen. Es könnte aber durchaus sein, dass die Geschichte(n) von Anakin und Darth, Obi-Wan und Yoda, Leia und Luke, Han Solo und all den anderen in ihrer vollen epischen Breite in digitalen und interaktiven Medienumwelten besser aufgehoben sind.

Aktueller Kommentar:

Es ist schon interessant, den 15 Jahre alten Post zu lesen und dabei über Formen der Mediennutzung zu stolpern, die damals als innovativ und neu beschrieben wurden (Pentium-Rechner!). Allerdings bergen die geschilderten Praktiken des Kopieren und Teilens popkultureller Erzeugnisse nach wie vor große Konfliktpotenziale zwischen Urhebern, Verlagen/Verwertern und Publikum (wie insbesondere an Beispielen aus der Musikindustrie zu verfolgen ist). Tatsächlich kann die im Umfeld von Episode I verübte Produktpiraterie ja durchaus als Vorlauf für die späteren Copyright Wars gelesen werden, die Mitte der 00er Jahre zu den Gründungen der diversen Piratenparteien geführt haben (Dispute über Intellectual Property, Immaterialgüterrechte oder Genpatente wären im übrigen die weitaus zeitgemäßere Konfliktgegenstände für eine Sequel-Trilogie).

Auch die gelebte Praxis der Nutzer geht inzwischen natürlich weit über die 1999er Beispiele hinaus – die digitale Aneignung der Geschichte schreitet fort und auch schon vor dem Filmstart haben besonders aktive Zuschauer ihre Beiträge und Deutungsvorschläge zu drängenden Fragen von Story und Personal verbreitet (vor allem die Personalie Luke Skywalker/Kylo Ren hat sich als überaus ertragreich erwiesen).

Die dominante Rolle für die Platzierung und Verbreitung Star Wars-bezogener Zusatzinhalte übernehmen inzwischen die Sozialen Medien, allen voran Facebook und Twitter. Die vielfach geteilten Kommentare, Analysen und Parodien bringen der Star Wars-Franchise natürlich zusätzliche Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, den Anbietern bieten sie die Gelegenheit zur medialen Trittbrettfahrt (und gelegentlich sind sie auch einfach liebevoll und gut gemachte fan art).

Eine ganz andere Form der Aneignung thematisiert dagegen James Douglas in The Awl, dem „letzten Weblog“ (Selbstauskunft). In seinem Beitrag Star Lords entwickelt er die These, dass die biografische Entwicklung von Luke Skywalker aus der Original-Trilogie als Vorlage für die Lebensentwürfe der Helden-Unternehmer aus dem Silikon Valley fungiert: „(T)he franchise seems to exert a special influence on Silicon Valley tech titans, and the culture they propagate.“ Anhand biografischer Portraits der üblichen Verdächtigen (Jobs, Zuckerberg, Andreesen, Thiel…) illustriert er seine Überlegungen und fügt der Silikon Valley-Berichterstattung so eine weitere Facette hinzu.

Und natürlich hat Wired die letzten Wahrheiten parat: The Force will be with us. Always.

 

 

Episode 2: Der politische Prozess

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Konfliktkonstellation und Lösungsstrategien

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 auf politik-digital.de)

Der Name des administrativen Zentrums der interplanetarischen Gemeinschaft, „Coruscant“, klingt im englischen Original dem spanischen Wort „corazon“ zum Verwechseln ähnlich – doch der Herzmuskel des politischen Universums benötigt offenbar einen Bypass: die nur noch schwer zu kontrollierende Bürokratie erschwert das Regieren und hat den Kongress zu einem Debattierklub degenerieren lassen.

In einer Sondersitzung des Senats (parallel tagt die Tafelrunde der Jedi-Ritter) beklagt sich Königin Amidala über die Repressalien des Handelsimperiums, das inzwischen ihren Heimatplaneten Naboo besetzt hält. Auffallend an der Konflikt-Konstellation im Senat ist, dass sich hier die Repräsentanten souveräner Planeten mit einer supraplanetarischen Organisationen wie der Handelsföderation auseinandersetzen müssen. Offenbar hält der Handelsverbund selbst einen Sitz im Galaktischen Senat, dem aggressiven Planetenbund wird somit der Status eines vollwertigen Mitgliedes zuerkannt. Damit gerät allerdings die angestrebte Gleichberechtigung aller Abgeordneten aus den Fugen und die parlamentarische Konstruktion in eine Schieflage.

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Episode 1: Das politische System

Dienstag, 15. Dezember 2015

Galaktischer Senat und Rat der Jedi-Ritter

von Christoph Bieber und Eike Hebecker
(Erstveröffentlichung ca. August 1999 auf politik-digital.de)

Endlich hat das Warten ein Ende. Nachdem die Originalversion ja schon seit einiger Zeit im Internet kursierte, kommt die dunkle Bedrohung nun auch im Kino über Deutschland.

„Episode 1“, zugleich Fortsetzung und Beginn der „Star Wars“-Saga, erreicht die Kinosäle. Zahlreich waren die Kommentare zum Film, doch dabei selten wohlwollend: Langweilig, hausbacken, einfallslos, enttäuschend – und, na gut, erfolgreich. Unter den wenig schmeichelhaften Attributen für das vermeintliche Kino-Highlight des Jahres fiel vor allem eines aus der Reihe: undemokratisch.

Bislang rief der millionenschwere Blockbuster nicht nur Fans und Filmkritiker auf den Plan, auch Kuratoren und Parodisten hatten bereits ihren Spaß. Angesichts der opulenten Bilderwelten von Regisseur George Lucas kommen Architekten, Stadtplaner und Kostümkundler auf ihre Kosten. Und wer hätte es gedacht: selbst für die Politikwissenschaft ist etwas dabei.

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