Die @schlandkette und ihre amerikanischen Verwandten

Montag, 2. September 2013

Okay, dann also doch. Eigentlich wollte ich nichts weiter zum Duell-Mem von der #schlandkette bwz. @schlandkette beitragen, aber dann wurde das Schmuckstück zuerst in den Titel meines kleinen Kommentars für heute.de gehoben und im Laufe des Vormittags begegnete es einem in den sozialen Netzwerken immer wieder (wie es sich für ein ordentliches Mem eben gehört).

Dabei fiel auch der immer gerne bemühte Vergleich zu den (vermeintlich) flachen und nichtssagenden TV-Debatten in den USA, die ja immer gerne für eine (scheinbare) Verflachung des hiesigen Formates herhalten müssen. Auf den ersten Blick scheint die Aufregung um die rot-gold-schwarze Kette am Hals der Kanzlerin auch ganz gut in diese Amerikanisierungslogik zu passen, doch wenn man etwas genauer hinschaut, sieht es etwas anders aus.

Zunächst einmal ist die Aufmerksamkeitslenkung auf ein bestimmtes  Detail der Debatte ganz und gar nichts untypisches für das TV-Format, das haben wir in den USA zuletzt etwa entlang der Hashtags #bindersfullofwomen oder #horseswithbayonets gelernt. In beiden Fällen haben die Begriffe eine große Online-Verbreitung noch während des jeweiligen Duells gefunden, entweder als Textbeitrag oder Bildcollage in den diversen sozialen Netzwerken. Von dort aus sprang das Interesse zurück in Richtung der „alten Medien“, die bei der Nachberichterstattung eifrig auf diese Netz-Eigentümlichkeiten hingewiesen hatten. Auch in 2008 hatte es ein solches Duell-Mem bereits gegeben, damals war ein (scheinbarer) Durchschnittsbürger unter dem Label Joe, the plumber in den Fokus geraten und hatte weite Teile der post-debate-debate auf sich vereinigt.

Hinter allen drei US-Memen stand aber jeweils der Verweis auf bestimmte Einstellungen oder Themen eines der Kandidaten – die Aktenordner voller Frauen verwiesen auf die Versuche, weibliches Personal für das Wahlkampf-Team von Mitt Romney zu rekrutieren. Die spöttische Erwähnung von Pferden und Bajonetten diente Barack Obama zu einer Unterstreichung seiner modernen Militärpolitik und der Bloßstellung des Gegners. Joe, der Klempner stand schließlich als rethorisches Hinweisschild zum Narrativ des „einfachen Mannes“ im Debattenraum, John McCain konnte damit gegen Obams Steuerpläne punkten.

Wofür aber steht nun die @schlandkette?

Sie ist nicht in erster Linie und konkret an eine bestimmte Erzählstrategie der Kanzlerin gekoppelt, die Kette ist formal zunächst einmal die vorauseilende Antwort auf die üblicherweise „staatstragende“ Krawatte männlicher Duell-Teilnehmer (die wir zumindest bislang aber noch nicht in den Landesfarben gesichtet haben). Insofern ziehen solche Amerikanisierungs-Hinweise an dieser Stelle nicht, denn die @schlandkette ist im Vergleich zu #bindersfullofwomen, #horseswithbayonets und auch „Joe, the Plumber“ noch das am wenigsten genau zuzuordnende Element in der Reihe.

Sie ist allerdings auch nicht fehl am Platz und die durchaus starken Reaktionen im Netz zeigen, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlt hat. Die nationalfarbige Halskette war Teil der staatstragenden Inszenierung der Kanzlerin, die sie in vielen Fällen wortreich während des Duells wiederholt hat, etwa bei den zahlreichen Verweisen auf ihre Gespräche mit Politikern von Welt oder der wichtigen Rolle Deutschlands in Europa. Damit wird die @schlandkette zum Gegenstück der  flagpins, den Anstecknadeln in Gestalt des Star-Spangled Banner am Revers männlicher Debattenteilnehmer in den USA.

Hinweis: Forschungsprojekt zur Bundestagswahl

Sonntag, 25. August 2013

Ein wenig Amtshilfe für die Düsseldorfer Kollegen:

Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist zurzeit auf der Suche nach Personen, die sich an einer Studie zur Bundestagswahl beteiligen möchten. Uns interessiert vor allem wie die Bürger das Meinungsklima zu Themen und Kandidaten einschätzen. Diese Studie umfasst verschiedene kleinere Befragungen in einem neuntägigen Zeitraum Anfang/Mitte September.

Als kleines Dankeschön verlosen wir unter den Teilnehmern der Studie 10 neue Vaude Radtaschen.

Wenn Sie Interesse haben können Sie unter folgendem Link prüfen, ob sie als Teilnehmer unserer Studie in Frage kommen (kurzer Fragebogen):

http://ww3.unipark.de/uc/Abt_KMW_III/cc04/

Dort erhalten Sie dann alle weiteren Informationen zur Studie. Die Auswertung der Daten erfolgt selbstverständlich anonym. Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne per E-Mail an den zuständigen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Herrn Pablo Porten-Cheé (pablo.porten-chee@phil.uni-duesseldorf.de), wenden.

Wahlkampf in persönlichen Öffentlichkeiten

Donnerstag, 8. August 2013

Unter dem Titel Im Social Web angekommen ist in diesen Tagen ein recht umfangreiches Dossier zum Stand des Online-Wahlkampfs in den sozialen Netzwerken auf tagesschau.de veröffentlicht worden. In der Vorbereitung dafür wurde ich von der Redaktion interviewt, unser Gespräch schaffte am Ende dann aber nicht den „Cut“ und blieb offline. Hier im Blog dokumentiere ich aber mal die zentralen Passagen unserer Unterhaltung, die einige aus meiner Sicht wichtige Elemente der politischen Online-Kommunikation vor der Bundestagswahl 2013 anschneiden.

Frage: In Tweets und Posts ist eine extreme Komplexitätsreduktion notwendig. Sind diese Plattformen überhaupt zur serösen Vermittlung von politischen Inhalten verwendbar?

CB: Ja, weil Man in kurzen Tweets und Posts auf andere Inhalte im Netz verweisen kann, in denen dann mehr Raum ist für differenzierte Informationen.

Das wäre also eine Art „Anfüttern“ auf den Social-Media-Plattformen.

Man kann Social Media ja durchaus als mehr als eine reine Verkündungsplattform für Pressemitteilungen sehen. In der Echtzeit-Kommunikation sind die einzelnen Äußerungen Bestandteile eines längeren Dialogs mit einer oder mehreren Personen. Die einzelnen Tweets oder Posts beziehen sich ja aufeinander.

Der Austausch oder Dialog ist ja eine Idealvorstellung. Wird die bereits umgesetzt in der deutschen Politik?

Die deutsche Politik kennt sich mit Twitter fast länger aus als die deutschen Qualitätsmedien, die nur zögerlich begonnen hatten, Social Media in die eigene Arbeit zu integrieren. Schauen Sie sich an, was im Umfeld von Plenardebatten getwittert wird, wie über Programme in den Sozialen Netzwerken diskutiert wird, wie „Online-Ereignisse“ kreiert werden wie zum Beispiel #fragpeer bei der SPD. Auch bei großen Parteitagen wird die Echtzeit-Kommunikation in die PR-Strategie eingebunden.

Verändert sich das Politikverständnis durch die Kommunikation über Social Media?

Die Öffentlichkeiten verändern sich. Es sind nicht mehr die klassischen Zuschaueröffentlichkeiten der alten Massenmedien. Der Kommunikationssoziologe Jan Schmidt beschreibt das mit dem Begriff der „persönlichen Öffentlichkeiten“: Das Umfeld der sozialen Netzwerke  ist geprägt von den Personen, die sich dort bewegen, die selbst entscheiden können, an welches Publikum sie sich richten. Das ist etwas anderes als das unpersönliche Publikum der Massenmedien, bei dem es kaum möglich ist, direkte Beziehungen zu den Menschen herzustellen. Wie man davon als Politiker, Journalist oder auch Bürger profitieren kann, das müssen alle Beteiligten erst noch herausfinden.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen Twitter und Facebook?

Der erste Ansatz wäre, dass Die Kommunikation bei Twitter ist noch stärker auf Echtzeit-Ereignisse ausgelegt ist. Allerdings finden auch als die Facebook-Updates häufig in Echtzeit statt. Trotzdem könnte man einen Unterschied daran festmachen, dass auf Facebook eher das zu finden ist, was früher charakteristisch für die persönlichen Homepages war, während die Kommunikation auf Twitter immer einen konkreten Bezug zum Ereignis aufweist.

Was können Politiker über Social-Media-Kampagnen im Wahlkampf erreichen?

Das Online-Campaigning zielt immer in drei Richtungen: erstens auf die Menschen, mit denen die Parteien und Politiker in irgendeiner Weise verbunden sind, das heißt, sie sprechen in erster Linie ihre Unterstützer an. Kampagnen können außerdem darauf ausgerichtet sein, auf die eher Unentschlossenen anzusprechen und so neue Unterstützer zu gewinnen. Drittens werden auf jeden Fall auch Medienakteure angesprochen, sowohl innerhalb wie außerhalb des Netzes. Das, was Politiker in den neuen Medien machen, hat momentan noch einen so hohen Neuigkeitswert, dass auch in den alten Medien darüber berichtet wird. Dadurch steigert sich die Reichweite der politischen Kommunikation im Netz. Eine relevante Sichtbarkeit erreicht man zumeist erst dann, wenn man den Sprung von den neuen in die alten Medien schafft.

Was raten Sie denn Politikern?

Als Wissenschaftler kann ich sagen, dass die Politiker es nicht so machen sollten wie in den vorherigen Wahlkämpfen und ihr Interesse für die sozialen Medien nicht nur bis zum Wahltag um 18 Uhr aufrecht erhalten. Auch während der Amtsführung oder in der Opposition sind diese Plattformen alltägliche Kommunikationswege.

In eigener Sache: WDR-Rundfunkrat

Freitag, 19. Juli 2013

Im Februar hatte die NRW-Landtagsfraktion der Piratenpartei die ihr zugeordneten Plätze im WDR-Rundfunkrat ausgeschrieben und damit den Versuch unternommen, dem bislang üblichen Zuteilungsverfahren eine Alternative entgegenzusetzen. Nicht nur, weil ich damals gerade in meiner Vorlesung „Medien, Kommunikation, Politik“ über die Modernisierung des Dualen Rundfunksystems gesprochen und mich mit den Herausforderungen der Digitalisierung für den Mediensysteme auseinandergesetzt habe, erschien mir eine Bewerbung als konsequente Weiterführung und Ergänzung des wissenschaftlichen Interesses am Thema.

In der vergangenen Woche nun hat sich die Piratenfraktion entschlossen, mich als ordentliches Mitglied für den Rundfunkrat vorzuschlagen, daraufhin hat der Landtag diese Entsendung beschlossen.

In der Pressemeldung der Piratenfraktion zur inzwischen erfolgten Besetzung wird der Hintergrund des Verfahrens noch einmal kurz erläutert:

Im Gegensatz zur Praxis der anderen Parteien, teilweise aktive Landespolitiker in den WDR-Rundfunkrat zu entsenden, hat sich die Piratenfraktion NRW für ein gänzlich anderes Verfahren entschieden: die beiden Kandidaten wurden im Rahmen eines öffentlichen Ausschreibungsverfahren in mehreren Bewerbungsrunden von der Fraktion ausgewählt.

Ich freue mich sehr über das mir entgegengebrachte Vertrauen und die verantwortungsvolle Aufgabe – es gibt einige Themen, die ich gerne in den Arbeitsprozess einbringen möchte und die sich insbesondere mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befassen: das sind unter anderem die zukünftige „Finanzierung von Öffentlichkeit“ in der vernetzten, digitalen Medienumwelt, die Herausforderungen an eine moderne Medienethik, aber auch die Organisation gesellschaftlichen Feedbacks und die Rückkopplung eines zunehmend aktiven Publikums.

In der nächsten Zeit werde ich hier im Blog über die Entwicklung der Tätigkeit in diesem Gremium berichten. Stay tuned.

#opennrw13 – Konferenz im Landtag

Freitag, 17. Mai 2013

Die regionale Leistungsschau zu „Open Government“ im Düsseldorfer Landtag hat begonnen, den Auftakt bildete ein Grußwort von Ministerpräsidentin Kraft (die Thematik berühre die „Herzkammer der Demokratie“) und ein im wohlwollenden Sinne tendenziöses Eröffnungspanel, das aus elf Perspektiven sehr deutlich die Bedeutung von „Transparenz“, „offenen Daten“ und eben „Open Government“ betont hat. In zwei Runden erläuterten zuerst sechs Verantwortliche und Experten, dann fünf Parlamentarier die theoretischen und praktischen Implikationen der anstehenden Welle von Veränderungen durch die vielfältigen digitalen „Öffnungsprozesse“. Vorgestellt wurden dabei auch das Eckpunkte-Papier zur Open Government-Strategie, das im Laufe des Tages in verschiedenen Workshops diskutiert, kommentiert und idealerweise weiterentwickelt werden soll (vgl. auch den Vorbericht bei WDR.de).

Update: Die Konferenz ist vorbei, und in der Community scheint die Resonanz einigermaßen wohlwollend zu sein, vgl. im Bericht bei heise.de, den Blog-Eintrag von Kirsten Westphal, oder die Zusammenfassung der Transparenzaktivisten von nrw-blickt-durch.de. Ein wenig anders sieht das in den Notizen des Open Data-Hardliner fukami aus.

(Fortsetzung Original-Blogpost)

In der Arbeitsphase der Konferenz teilt sich das Plenum in diverse Themenworkshops, am Nachmittag bin ich selbst in der Sitzung zum Thema „Alles offen? Transparenz vs. Vertraulichkeit“ am Start, aktuell verfolge ich die Session zu „Transparenz und Offenheit – Open Parliament im Landtag NRW“.

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Achtung: die Twitter-Timeline zur Veranstaltung wird gerade geflutet von Katzen-Tweets.

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Auffällig ist – bislang – das Transparenzverständnis der beteiligten Akteure. In den verschiedenen Gesprächsrunden bisher wurde zwar durchaus einiger Begriffsklärungsaufwand betrieben (unter Verweis auf aktuelle Definitionen aus der (öffentlichen, wissenschaftlichen) Debatte sowie die Perspektive der parlamentarischen Praxis). Dabei wird rasch deutlich, dass ein „top-down-orientiertes“ Bild von Transparenz bzw. „transparent machen“ vorherrscht. Daten und Informationen werden bereitgestellt, doch welche das sind, darüber entscheiden die „Datenbesitzer“ in Parlament, Regierung oder Verwaltung. In diese Richtung zielte auch die Antwort auf die Frage von Stefan Gehrke, als er während der Eröffnungsdiskussion etwas über die Chancen und nicht die Gefahren von „Transparenzierungsprozessen“ wissen wollte. Zu bedenken seien stets rechtliche Restriktionen, die vor einer Freigabe von Daten stets zu beachten seien – die erste Replik kam zwar von Dirk Wedel (FDP), aber auch die Fraktionskollegen der anderen Parteien (auch der Piraten) folgten durchaus in dieser Richtung. Grundsätzlich sei man sich einig, nur über das „wie“ herrsche noch ein Dissens. Sounds familiar, die „ungeduldige Zivilgesellschaft“ scharrte im Panel (Gehrke, de Bastion) und im Saal (@ertelt, @mrtopf) schon mit den Füßen.

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In eigener Sache: Antrobius

Samstag, 13. April 2013

Seit beinahe drei Monaten (!) herrscht Funkstille hier im Blog, eigentlich unentschuldbar, aber dennoch ein kurzer Erklärungsversuch.

Zum einen schreibe ich seit dem vergangenen Spätsommer eine regelmäßige Kolumne im Blogprojekt Antrobius des geschätzten Kollegen Wolf-Christian Ulrich (sehr schön der Untertitel: „Fachzeitschrift für Machtfragen, urbanes Überleben und kulturelle Äußerungen“). Dort kümmere ich mich schwerpunktmäßig um Fragen des „digitalen Aufwachsens“, zuletzt etwa über die Problematik des tethered life, aber es ging auch schon mal um #aufschrei, Raabs #absolutemehrheit und auch das #lsr war Gegenstand einer Kolumne.

Diese „Auswärtsspiele“ genügen natürlich nicht als Ausrede, und in Kürze sollte hier auch wieder etwas regelmäßiger etwas zu lesen sein (in der Zwischenzeit geben die Tweets unter @drbieber ein paar Hinweise auf aktuelle Aktivitäten). Allerdings stehen bis Juni noch einige größere Publikationsprojekte an (u.a. trudeln gerade die ersten Beiträge für den Band zur US-Wahl 2012 ein, diverse Überblicke zu den Piraten (bzw. deren Niedergang) sind angefragt und ein Konzeptband zu Ethik und Politikmanagement ist in Vorbereitung).

Also: stay tuned!

Ethik unterwegs: Zürich

Freitag, 25. Januar 2013

Vor einigen Tagen ging die Exkursion des neuen Master-Jahrgangs an der NRW School of Governance zu Ende – im Rahmen des diesjährigen Haniel Master Course führte uns die #nrwxzh an das Ethik-Zentrum der Universität Zürich (UZH). Ähnlich wie bei meiner Visite am Markkula Center for Applied Ethics ist dies Anlass für ein paar Gedanken über die Funktionsweise und Ausrichtung von Ethik-Zentren.

Vorab zum Rahmen: Unsere Seminargruppe befasst sich im laufenden Semester vertiefend mit ethischer Politikberatung, aus diesem inhaltlichen Bezug heraus entstand die Idee für eine Reise in die Schweiz. Dank der freundlichen Aufnahme und großen Unterstützung von Prof. Dr. Markus Huppenbauer war die Organisation einer „Mini-Konferenz“ möglich, die den Studierenden (und dem Lehrstuhl-Team) nicht nur Einblicke in die Arbeitsweise des Zentrums, sondern auch in aktuelle Forschungsprojekte erlaubte. Anders als bei konventionellen Exkursionen, die zu großen Teilen aus einer Art „Venue-Hopping“ bestehen und sbei denen Seminargruppen wild durch den jeweiligen Exkursionsort gescheucht werden, fanden alle Sessions im so genannten „Kutscherhaus“, dem Seminargebäude des Zentrums statt. Das Resultat waren ein Crash-Kurs in „Ethischer Entscheidungsfindung“, ein theoriegesättigter Vortrag über Klimagerechtigkeit und Demokratie, eine umfassende Einführung in Fragen von Medienqualität und Medienethik sowie eine Auseinandersetzung mit dem Konzept Sozial Verantwortlichen Investierens.

An der Zürcher Konstruktion lässt sich sehr gut die aktuelle Dynamik dieses Forschungsbereichs zeigen: die Basis bildet der Zusammenschluss des Instituts für Sozialethik, der Arbeits- und Forschungsstelle für Ethik sowie dem Institut für Biomedizinische Ethik zum „Ethik-Zentrum“ – (inzwischen) klassische Eckpfeiler der Ethik im Wissenschaftsbetrieb mit Wurzeln in der Philosophischen Fakultät inklusive eines Einschlags aus den Lebenswissenschaften. Das Zentrum wird seit 2005 für jeweils 4 Jahre ergänzt durch den „Universitären Forschungsschwerpunkt Ethik“ (USFP), der insbesondere durch ein Graduiertenprogramm eine interdisziplinäre Verankerung ethik-bezogener Forschung erreicht hat. In der ersten Tranche (2007-2010) wurden Projekte aus der Medizinischen, der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen, der Rechtswissenschaftlichen, der Wirtschaftswissenschaftlichen sowie der Philosophischen Fakultät der UZH gefördert, die aktuelle Förderphase (2010-2013) legt den Akzent auf das Thema „Gerechtigkeit“ und erweitert auf diese Weise ebenfalls die Reichweite der Forschungsarbeiten.

In den vier Arbeitsschwerpunkten dieses Förderbereichs spiegelt sich die aktuelle Konjunktur ethik-bezogener Forschungen wieder. Die Themen Globale Gerechtigkeit, Gerechtigkeit und biomedizinische Ethik, Gerechtigkeit und Unternehmensethik und Umweltgerechtigkeit lassen sich dabei gut an politikwissenschaftliche Forschungskontexte anknüpfen: Global Governance als Herausforderung für (funktionierende, demokratisch legitimierte) Politik im Weltmaßstab, ethische Beratungsorgane wie der Ethikrat als neue politische Akteure, Finanzmarktpolitik und Klimapolitik als Politikfelder im Zeichen einer zusätzlichen Einflussgröße jenseits szientistischer Verrechnungsmodelle. Unmittelbar deutlich wird hier die Forschungsorientierung des Zürcher Zentrums im Vergleich zur US-amerikanischen Spielart des stark praxisorientierten Markkula Center – während dort der intensive Austausch mit den lokalen und regionalen Akteuren aus Politik und Verwaltung als wesentlicher Treiber für die Organisation der Einrichtung gilt, ist das Ethik-Zentrum der UZH mehrfach in den Wissenschaftsbetrieb vernetzt und wirkt als produktiver Innovationsort einer interdisziplinären Ethik-Forschung.

Hier deutet sich an, dass eine spezifisch politikwissenschaftliche Perspektive durchaus in der Lage sein kann, Impulse und Ergänzungen zu liefern. Für Reichweite und Wirkungstiefe einer ethik-orientierten Forschung in den unterschiedlichen Feldern spielt die Verzahnung mit politischen Debatten sowie den zentralen Akteuren politischer Systeme eine wichtige Rolle – genau dabei ist die spezielle Expertise politikwissenschaftlicher Forschung gefordert: Wie transportieren und verarbeiten politische Akteure Ethik-Diskurse im parlamentarischen Raum oder in innerparteilichen Diskussionsräumen? Inwiefern verändern spezialisierte Ethische Beratungsorgane die Verfahren im Kernbereich politischer Systeme? Wie reagieren Abgeordnete auf Debatten und Impulse der Ethik-Gremien, werden dadurch Entscheidungskommunikation und Politikmanagement beeinflusst? Verbessert sich dadurch die Qualität und Nachhaltigkeit politischer Entscheidungen? Ermöglicht eine ethisch begründete Kritik bereits getroffener Entscheidungen bessere Möglichkeiten zur Evaluation und Reformulierung im policy cycle?

In Ansätzen werden hier auch Ansätze zur Schärfung von Profil und Arbeitsprogramm der Duisburger Stiftungsprofessur erkennbar. Als nächster Schritt steht hier nun die Edition des Sonderheftes 2013 der Zeitschrift für Politikwissenschaft auf der Agenda, um für weitere Impulse zur Vernetzung sozialwissenschaftlicher Forschungsansätze zu sorgen.

Stay tuned.

Wahlen in Niedersachsen – Wo stehen die Piraten?

Sonntag, 20. Januar 2013

Es geht los – die Wahl in Niedersachsen eröffnet das Superbundestagswahljahr 2013. Nicht nur für die amtierenden Regierungen in Hannover und Berlin, sondern auch für Oppositionsparteien und die größtenteils noch außerparlamentarischen Piraten ist es der erste Test in der neuen Wahlsaison. Ist aber die Wahl in Niedersachsen nur ein regionaler Stimmungstest oder mehr als das – der Einstieg in eine Folge aus First- und Second-Order-Elections, die miteinander verkoppelt sind und eine kohärente Strategie des handelnden Polit-Personals erfordern? Vor allem die hyperaktive Medienlandschaft inszeniert den Aufgalopp im pferdeaffinen Flächenstaat jedenfalls als zentrale Wegmarke des Jahres, nach der zumindest die zentralen Fragen geklärt sind: Bleibt Steinbrück Kandidat, Rösler Vorsitzender? Was wird aus Großburgwedel ohne Wulff? Und wie erholt sich Wolfsburg von der Ära Magath?

(Update am Textende)

Mit Blick auf die Piraten deutet der anhaltende Verfall der Umfragewerte auf Bundes- wie Länderebene sowie die relative Unauffälligkeit im Wahlkampf für viele Beobachter darauf hin, dass die Erfolgsgeschichte vorbei ist – oder zumindest zu Ende erzählt. Nach dem Entern folgt die Ernüchterung.

Was dabei gerne vergessen wird, ist eine Trennung der öffentlich-medialen Entwicklung der Piraten (negativ, destruktiv) mit der organisationsinternen Entwicklung (konsolidierend, konstruktiv). Ähnlich wie in der Phase nach dem ersten Achtungserfolg bei der Bundestagswahl 2009 wachsen die Mitgliederzahlen seit dem Sommer 2012 nicht mehr, sie pendeln sich auf ein Niveau knapp unter 35.000 Mitgliedern ein. In der populären Lesart gilt dies als Stagnation, man könnte allerdings auch von einer Stabilisierung sprechen. Gewachsen ist die formelle Unterstützung vor allem im unmittelbaren Umfeld von Wahlentscheiden, in den längeren Phasen ohne Urnengang beruhigte sich die Organisationsentwicklung stets. In dieser Verbindung von Mobilisierung und innerem Organisationsaufbau liegt auch ein Schlüssel zum Verständnis des Wahlergebnisses: Niedersachsen ist für die Piraten ein kompliziertes Bundesland, das durch seine große Ausdehnung in der Fläche deutlich schwieriger zu „campaignen“ ist als etwa das überschaubare Saarland oder der nördliche Nachbar Schleswig-Holstein. Der Hauptstadterfolg in Berlin gehorchte ohnehin anderen Regelmäßigkeiten, als einzige Kontrastfolie gilt wohl das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Dort allerdings agierte ein hochaktiver, zahlenmäßig gut aufgestellter Landesverband, der zudem von der Welle der Wahl- und Umfrageerfolge im ersten Halbjahr 2012 getragen wurde. In NRW stellten die Piraten einen gerade außerhalb des Internet hochsichtbaren Straßenwahlkampf auf die Beine, außerdem konnte in jedem Wahlkreis ein Direktkandidat nominiert werden. Die Notwendigkeit, sowohl für die Listen- wie auch die Kandidatenanmeldung Unterschriften sammeln zu müssen, spielte der noch immer für viele kaum bekannten Partei in die Hände. Möglicherweise liegt in dieser flächendeckenden Durchdringung des Wahlgebiets ein Grund für das erstaunlich homogene Wahlergebnis der Piraten. Nicht etwa durch Hochburgenbildung in jungen, studentendominierten Bezirken, sondern durch eine sehr konstante Unterstützung in allen Wahlkreisen kam schließlich das respektable Wahlergebnis zustande.

In Niedersachsen sieht es dagegen anders aus: der Landesverband ist in den vergangenen Jahren zwar auch auf etwa 3.000 Mitglieder angewachsen, allerdings ist es nicht gelungen, Direktkandidaten in allen Wahlkreisen zu nominieren. Es wird sich zeigen, ob gerade hier nun Mobilisierungslücken auch an der Wahlurne resultieren, außerdem ist die generelle Stimmenverteilung im Flächenstaat eine interessante Variable. Solche Aspekte der organisationsinternen Entwicklung haben im Vorfeld der Wahlen kaum Beachtung gefunden, stattdessen dominierten Personal-Querelen und erste Flügelbildungen in der Bundespartei, die formalen Schwierigkeiten bei der Kandidatenaufstellung oder vielleicht noch das Konfliktpotenzial der urheberrechtlich ambivalenten Wahlplakate.

Dass es keiner überprominenten Kandidaten bedarf, um bei Landtagswahlen erfolgreich zu sein, haben die letzten Landtagswahlen gezeigt, eine breite Wahrnehmung und Aufmerksamkeit im Elektorat ist dennoch wichtig – trotz der respektablen Erfolge bei den letzten vier Wahlen blieb den Piraten der Zugang zu den niedersächsischen TV-Debatten verwehrt. Gerade für kleine Parteien kann sich dieser Nachteil im Kampagnen-Endspurt negativ auswirken, da in den Debatten ein letzter Test auf die Akzeptanz von Köpfen und Themen erfolgt. Vielleicht haben die Piraten sich hier sogar ein wenig zu zahm verhalten – zumal sie in der öffentlichen Debatte (und auch bei der parlamentarischen Konkurrenz) bereits wie ein vollwertiger Gegner behandelt werden.

Nicht vergessen werden darf jedoch das noch immer sehr junge Alter der Partei und die Tatsache, dass sich eine derart heterogene Organisation eben längst nicht so linear entwickelt, wie es die letzten Resultate bei den Landtagswahlen nahe legen. Die Wahl in Niedersachsen ist für die Piratenpartei keine „critical election“, also ein Wahlgang, nach dem alles anders sein kann als zuvor. Es ist eine regionale Wahl, die mehr über den Zustand und die Mobilisierungsfähigkeit des Landesverbandes aussagt, als über die Performance der Bundespartei als ganzes. Ein Wahlerfolg in Hannover würde den Piraten das Agieren in und mit der Öffentlichkeit in den nächsten Wochen zwar deutlich erleichtern und vielleicht auch ein gewisses „Momentum“ in den Umfragen erzeugen – weit wichtiger sind jedoch die Lehren, die die Partei (und auch deren Gegner) aus der Stimmverteilung in der Fläche ziehen können.

Update: Die Piraten erzielen am Ende mit 2,1% der Stimmen (75.539), verfehlen den Einzug in den Landtag deutlich und fallen auf ein Ergebnis aus der Zeit von 2009 bis 2011 zurück. Der Anteil der Erststimmen liegt bei nur 1,5%, in absoluten Zahlen sind es 52.944. Eine präzise Darstellung der Ergebnisse in den Wahlkreisen ist bislang (0.13 Uhr) nicht verfügbar, eine ausführlichere Diskussion folgt.

In eigener Sache: USA 2012

Samstag, 3. November 2012

Update und Umleitung: jetzt beginnt die Liveberichterstattung – ab sofort blogge ich im ZDF-Hyperland.

Nach vier Jahren schließlich sich ein Kreis: in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begleite ich die Wahlberichterstattung des ZDF im so genannten „Maschinenraum“ und kommentiere für das Blog Hyperland die Ereignisse des Wahltages. Hier zum Vorab-Vergleich noch ein paar Auszüge der Nacht im Netz aus dem November 2008, als ich in einer mehrstündigen Improvisationssendung aus Washington auch etwas über dieses Internet erzählen durfte.

Nun also die Die Nacht der Entscheidung, im Untertitel als „Die interaktive Election Night live aus Berlin und Washington“ bezeichnet. Was genau dort passieren wird, weiß ich auch noch nicht, allerdings lässt das Set-Up einige erwarten. Das Online-Team des ZDF hat einigen Aufwand betrieben, um möglichst viel des digitalen Geschehens auffangen, aufbereiten und in die Hauptsendung einspeisen zu können. Die hauseigenen Twitter-Accounts werden auf Hochglanz poliert, diverse Google-Hangouts sind geplant, außerdem ist ein eigens eingekauftes Auswertungstool in Position gebracht worden, um die „Liveness“ des Social Web einzufangen und zu visualisieren. (Soviel zur Werbung).

(post under construction: Bis zum Dienstag werden noch einige Hinweise zu Themen, Werkzeugen, Personen und Ereignissen rund um die US-Wahl ergänzt.)

Too close to compute?

Die Vorbereitung auf die Sendung läuft bereits im Rahmen meiner Duisburger Vorlesung „Medien, Kommunikation, Politik“, die mit einem eigenen Hashtag versehen ist: unter #mekopo sammeln sich seit einigen Tagen diverse Info-Häppchen. Gerade mit Blick auf den in der Wahlnacht zu erwartenden Endspurt im predicition game erscheint die Diskussion um die Methoden von Nate Silver recht spannend (durch einen längeren Offline-Artikel in der FAZ vom Samstag ist die Debatte nun auch in den Mainstream-Medien angekommen). Silver bloggt seit 2010 unter der Flagge der New York Times und begleitet die Prognosen mit einer eigenen Auswertung und lesenswerten Kommentierungen in seiner Kolumne FiveThirtyEight. Im Hintergrund der zuletzt hitziger werdenden Debatte steht immerhin die Frage um die Konkurrenz zwischen Journalismus und Wissenschaft in der politischen Berichterstattung (vgl. dazu Dylan Byers, Margaret Sullivan, Mark Coddington, Jonathan Stray, John Cassidy).

Early Voter vs. Late Decider

In der Wahlforschung hat sich zuletzt einiges um den Typus des late deciders gedreht, die Entwicklungen am anderen Ende des Spektrums geraten gerne in den Hintergrund. Während sich in Deutschland die Briefwahl immer größerer Beliebtheit erfreut, ist in den USA zuletzt das Early Voting in den Blick geraten. Dabei werden nicht allein Wahlunterlagen per Brief eingeliefert, sondern auch viele Wahllokale haben bereits lange vor dem eigentlichen Wahltag geöffnet. Das führt nicht nur zu technischen, sondern mitunter auch zu demokratiepolitischen Problemen – zuletzt hat sich das vor allem im Umfeld des Hurrikan Sandy gezeigt, als in einigen Bundesstaaten die Stimmabgabe unterbrochen werden musste. Hier eröffnet sich durchaus die Frage, ob nicht eine „Ersatzwahlzeit“ eingerichtet werden muss, um für einen Ausgleich zu sorgen. Neben den zuständigen Wahlbehörden in den Bundesstaaten sollte hierzu auch die Election Assistance Commission etwas zu sagen haben, dieses noch vergleichsweise junge Gremium hat sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht durch besondere Aktivität hervorgetan.

Doch zurück zum eigentlichen Early Voting, der Stimmabgabe vor dem Wahltag. Denn bei einer systematischen Betrachtung liefern die ersten Ergebnisse eine zusätzliche Möglichkeit der Vorschau auf das Wahlergebnis, denn die bereits abgegebenen Stimmen registrierter Wähler erlauben Rückschlüsse zumindest auf die Beteiligung der jeweiligen Lager. Eine Rückkopplung zur Situation in den Einzelstaaten (Demografie, bisheriges Stimmverhalten, Ergebnisse in Vorwahlen, Kampagnenaktivität etc.) erlaubt immerhin die Beschreibung eines enthusiasm gap zwischen den Parteien – welches Lager kann seine Anhänger besser mobilisieren?

Systematisch betrachtet wird das Phänomen bislang noch eher selten, allerdings gibt es mit Paul Gronke und dem Early Voting Information Center (EVIC) in Portland (OR) schon eine spezialisierte Forschungsstelle. Gronke zeigt und kommentiert dort das aktuelle Geschehen in den Bundesstaaten, die schon wählen, diskutiert aber auch gerne mal grundsätzliches, wie diese schöne Frage:

If by law voting shall be held on the “first Tuesday after the first Monday in November” how is it that we have early voting?

Die nicht ganz triviale Antwort findet sich hier. Im gesamten Frühwahlprozess entsteht spannendes Datenmaterial, das vor allem im Nachgang zur Wahl zahlreiche Analysen ermöglichen wird – etwa bzgl. des Wahlverhaltens, der Auswirkung unterschiedlicher Wahltechnologien oder auch dem Zusammenhang von Kampagnenführung und frühzeitiger Stimmabgabe.

Entlang der zeitlichen Linie der Stimmabgabe folgt schließlich die Frage: wie informiert man sich als Wähler kurz bevor es zu spät ist? Einige hilfreiche Hinweise finden sich etwa in diesem offenen Online-Dokument, das verschiedene Anlaufstellen für Informationssuchende auflistet und kommentiert. Allein wählen muss auch nicht sein – votewithfriends.net kann da ein paar Vorschläge machen. Auch schön: die Gegenüberstellung der besten Wahltag-Apps für Demokraten und Republikaner. Scharfsinnige Beobachter notieren nicht nur angesichts solcher Tools einen wachsenden sozialen Zwang, der durch unterschiedliche digitale Wahlhelfer ausgelöst werden kann – Ann Althouse  hat hierfür die unschöne, aber zutreffende Umschreibung „to shame and pressure someone about voting“ gefunden.

Big Data

Das Vote-Shaming leitet direkt über zu den nächsten drei Themenkomplexen – Daten, Daten, Daten. Benedikt Köhler hat sich im lesenswerten Blog Beautiful Data mit Wikipedia als ertragreiche Datenquelle auseinandergesetzt. Als Untersuchungsraum sei Wikipedia interessant aufgrund von Offenheit, Umfang und Spezifik der Nutzungsvorgänge, daher lohne auch ein Blick auf die kandidatenbezogene Aktivität in der Online-Enzyklopädie: „(Mitt Romneys) Wikipedia page had attracted a lot more visitors in August and September 2012 than his presidential rival’s. Of course, this measure only shows attention, not sentiment.“ Die Analyse ist bemerkenswert vor allem aufgrund ihrer grundsätzlichen Anlage, nicht so sehr wegen der Resultate: selbstverständlich ist es spannend zu lesen, dass im Vergleich zur Präsidentschaftswahl 2008 die damalige Kampagne von Barack Obama bei weitem die größten Ausschläge bei der Wikipedia-Aktivität erzeugt hat. Doch gerade die Art der kreativen Auseinandersetzung mit „großen Daten“ zeigt, dass mit dem richtigen Gespür und dem adäquaten Werkzeug sehr viele Informationen über neue Formate politischer Kommunikation freigelegt werden können.

Genau dies geschieht selbstverständlich längst: im diesjährigen Wahlzyklus haben spezialisierte Anbieter auf sich aufmerksam gemacht, die den „Wahlkampf mit Datenbänken“ als neuen Bestandteil der modernen Kampagnenführung etabliert haben (vgl. CampaignGrid, DSPolitical, Resurgent Republic, Target Point Consulting)

Für den New Scientist ist die Kampagne ein „contest powered by geeks“, die im Gegensatz zu Deutschland grundverschiedene Ausgangssituation wird wiefolgt beschrieben:

Campaigns start with public data on voters‘ registration, gender and past turnout in elections. This may include party affiliation, and in some states also information on race. They then purchase consumer data revealing what cars people own, what magazines they subscribe to, what websites they visit, and so on.

(Vgl. dazu auch den 11-minütigen Erklärfilm How Much Do Digital Campaigns Know About You? aus der PBS Newshour, den Special Report Politics Transformed. The High Tech Battle for Your Vote von Mashable oder die deutsche Zusammenfassung Was Obama und Romney aus den Daten ihrer Wähler machen bei Zeit Online).

Doch die eigentliche Schwerstarbeit am Datenmaterial beginnt erst dann – auf die Weiterverarbeitung und Interpretation spezialisierte Dienstleister zerlegen die zunehmende durchsichtige Wählerschaft in Gruppen, Listen und Datensätze, um den Kampagnen möglichst präzise die Arbeit im Ground Game zu erleichtern (vgl. hierzu den ausführlichen Beitrag der Hohenheimer Kollegen von campaignwatchers.de).

Dass die Thematik auch die Wissenschaft beschäftigt, zeigen Konferenzen wie Big Data, Big Challanges? am Oxford Internet Institute oder das ab 2013 erscheinende Journal Big Data (Liebert Publishers).

Video

Trotz Big Data – das klassische Bewegtbild spielt dennoch eine zentrale Rolle im Präsidentschaftswahlkampf. Das Wesleyan Media Project präsentiert hierzu detaillierte Untersuchungen und vergleicht die Entwicklung dieses inzwischen fast schon traditionell wirkenden Wahlkampfformates auch im Zeitverlauf.

(…)

Wahlmaschinen

Eines meiner Lieblingsthemen: ganz sicher gibt es am Wahltag auch sicher wieder reichlich Aufregung wegen nicht funktionierener Wahlgeräte – ganz gleich ob mit oder ohne Hebel, Touchscreen, Scanner, Papier. Seit der Aufregung um die Wahl des Jahres 2000 hatte eigentlich der Help America Vote Act für Abhilfe und Modernisierung sorgen sollen, aber dieses Gremium scheint ähnlich fehleranfällig zu sein wie viele der eingesetzten Wahlmaschinen. Und überhaupt: wer denkt, die Sache damals in Florida sei übel gelaufen, der mache sich auf etwas gefasst. The Atlantic befasst sich mit der Ungewissheit elektronischer Abstimmungsverfahren, die eine Überprüfung möglicher Wahlfehler erschwert oder unmöglich macht.

Angesichts möglicher Zwischenfälle hatte sich 2008 nur wenige Wochen vor der Wahl der Twitter Vote Report formiert, eine Non-Profit-Aktivität zur Meldung von Problemen aller Art via Twitter oder Telefon. Inzwischen sieht das etwas anders aus – vier Tage vor der Wahl wurde die Seite Our Vote Live freigeschaltet.

(…)

Eine lange Nacht

Es deutet sich schon an: das wird eine lange Wahlnacht werden, in der verschiedene Segmente der Kampagne mit Online-Bezug zu diskutieren sind. Hinzu kommen die Ereignisse am Wahltag – es war schon viel die Rede von politischer Echtzeitkommunikation, und wie schon vor vier Jahren wird das Rennen um das Weiße Haus neue Maßstäbe für die Live-Kommunikation im Netz setzen. Stay tuned.

Wie funktioniert ein „Ethics Center“?

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Heute hatte ich die Gelegenheit zu einem Besuch im Markkula Center for Applied Ethics an der Santa Clara University. Seit meinem Wechsel an die Universität Duisburg-Essen habe ich mich (vor allem aus der Perspektive des anwendungsorientiert arbeitenden Politikwissenschaftlers) mit verschiedenen Aspekten der Ethik-Ausbildung an deutschen Hochschulen auseinandergesetzt und den Vergleich mit der US-amerikanischen Praxis halte ich für durchaus ertragreich.

Auch wenn es zunächst etwas unscheinbar klingen mag (wer kennt schon Santa Clara?), das Center ist eines der größten in den USA und weist im Vergleich zu den meisten anderen Ethik-Einrichtungen nicht nur allgemeine Angebote und Services für die jeweilige Hochschule auf, sondern ist auch als Dienstleister und Think Tank in die regionale Umgebung eingebunden. Schließlich weist das Center darüber hinaus eine inhaltlich ausdifferenzierte Struktur entlang mehrerer Themenfelder auf (z.B. Bioethik, Umweltethik, Wirtschafts-/Unternehmensethik) und postitioniert sich als öffentliche Bildungseinrichtung.

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