Wahlen in Niedersachsen – Wo stehen die Piraten?

Sonntag, 20. Januar 2013

Es geht los – die Wahl in Niedersachsen eröffnet das Superbundestagswahljahr 2013. Nicht nur für die amtierenden Regierungen in Hannover und Berlin, sondern auch für Oppositionsparteien und die größtenteils noch außerparlamentarischen Piraten ist es der erste Test in der neuen Wahlsaison. Ist aber die Wahl in Niedersachsen nur ein regionaler Stimmungstest oder mehr als das – der Einstieg in eine Folge aus First- und Second-Order-Elections, die miteinander verkoppelt sind und eine kohärente Strategie des handelnden Polit-Personals erfordern? Vor allem die hyperaktive Medienlandschaft inszeniert den Aufgalopp im pferdeaffinen Flächenstaat jedenfalls als zentrale Wegmarke des Jahres, nach der zumindest die zentralen Fragen geklärt sind: Bleibt Steinbrück Kandidat, Rösler Vorsitzender? Was wird aus Großburgwedel ohne Wulff? Und wie erholt sich Wolfsburg von der Ära Magath?

(Update am Textende)

Mit Blick auf die Piraten deutet der anhaltende Verfall der Umfragewerte auf Bundes- wie Länderebene sowie die relative Unauffälligkeit im Wahlkampf für viele Beobachter darauf hin, dass die Erfolgsgeschichte vorbei ist – oder zumindest zu Ende erzählt. Nach dem Entern folgt die Ernüchterung.

Was dabei gerne vergessen wird, ist eine Trennung der öffentlich-medialen Entwicklung der Piraten (negativ, destruktiv) mit der organisationsinternen Entwicklung (konsolidierend, konstruktiv). Ähnlich wie in der Phase nach dem ersten Achtungserfolg bei der Bundestagswahl 2009 wachsen die Mitgliederzahlen seit dem Sommer 2012 nicht mehr, sie pendeln sich auf ein Niveau knapp unter 35.000 Mitgliedern ein. In der populären Lesart gilt dies als Stagnation, man könnte allerdings auch von einer Stabilisierung sprechen. Gewachsen ist die formelle Unterstützung vor allem im unmittelbaren Umfeld von Wahlentscheiden, in den längeren Phasen ohne Urnengang beruhigte sich die Organisationsentwicklung stets. In dieser Verbindung von Mobilisierung und innerem Organisationsaufbau liegt auch ein Schlüssel zum Verständnis des Wahlergebnisses: Niedersachsen ist für die Piraten ein kompliziertes Bundesland, das durch seine große Ausdehnung in der Fläche deutlich schwieriger zu „campaignen“ ist als etwa das überschaubare Saarland oder der nördliche Nachbar Schleswig-Holstein. Der Hauptstadterfolg in Berlin gehorchte ohnehin anderen Regelmäßigkeiten, als einzige Kontrastfolie gilt wohl das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Dort allerdings agierte ein hochaktiver, zahlenmäßig gut aufgestellter Landesverband, der zudem von der Welle der Wahl- und Umfrageerfolge im ersten Halbjahr 2012 getragen wurde. In NRW stellten die Piraten einen gerade außerhalb des Internet hochsichtbaren Straßenwahlkampf auf die Beine, außerdem konnte in jedem Wahlkreis ein Direktkandidat nominiert werden. Die Notwendigkeit, sowohl für die Listen- wie auch die Kandidatenanmeldung Unterschriften sammeln zu müssen, spielte der noch immer für viele kaum bekannten Partei in die Hände. Möglicherweise liegt in dieser flächendeckenden Durchdringung des Wahlgebiets ein Grund für das erstaunlich homogene Wahlergebnis der Piraten. Nicht etwa durch Hochburgenbildung in jungen, studentendominierten Bezirken, sondern durch eine sehr konstante Unterstützung in allen Wahlkreisen kam schließlich das respektable Wahlergebnis zustande.

In Niedersachsen sieht es dagegen anders aus: der Landesverband ist in den vergangenen Jahren zwar auch auf etwa 3.000 Mitglieder angewachsen, allerdings ist es nicht gelungen, Direktkandidaten in allen Wahlkreisen zu nominieren. Es wird sich zeigen, ob gerade hier nun Mobilisierungslücken auch an der Wahlurne resultieren, außerdem ist die generelle Stimmenverteilung im Flächenstaat eine interessante Variable. Solche Aspekte der organisationsinternen Entwicklung haben im Vorfeld der Wahlen kaum Beachtung gefunden, stattdessen dominierten Personal-Querelen und erste Flügelbildungen in der Bundespartei, die formalen Schwierigkeiten bei der Kandidatenaufstellung oder vielleicht noch das Konfliktpotenzial der urheberrechtlich ambivalenten Wahlplakate.

Dass es keiner überprominenten Kandidaten bedarf, um bei Landtagswahlen erfolgreich zu sein, haben die letzten Landtagswahlen gezeigt, eine breite Wahrnehmung und Aufmerksamkeit im Elektorat ist dennoch wichtig – trotz der respektablen Erfolge bei den letzten vier Wahlen blieb den Piraten der Zugang zu den niedersächsischen TV-Debatten verwehrt. Gerade für kleine Parteien kann sich dieser Nachteil im Kampagnen-Endspurt negativ auswirken, da in den Debatten ein letzter Test auf die Akzeptanz von Köpfen und Themen erfolgt. Vielleicht haben die Piraten sich hier sogar ein wenig zu zahm verhalten – zumal sie in der öffentlichen Debatte (und auch bei der parlamentarischen Konkurrenz) bereits wie ein vollwertiger Gegner behandelt werden.

Nicht vergessen werden darf jedoch das noch immer sehr junge Alter der Partei und die Tatsache, dass sich eine derart heterogene Organisation eben längst nicht so linear entwickelt, wie es die letzten Resultate bei den Landtagswahlen nahe legen. Die Wahl in Niedersachsen ist für die Piratenpartei keine „critical election“, also ein Wahlgang, nach dem alles anders sein kann als zuvor. Es ist eine regionale Wahl, die mehr über den Zustand und die Mobilisierungsfähigkeit des Landesverbandes aussagt, als über die Performance der Bundespartei als ganzes. Ein Wahlerfolg in Hannover würde den Piraten das Agieren in und mit der Öffentlichkeit in den nächsten Wochen zwar deutlich erleichtern und vielleicht auch ein gewisses „Momentum“ in den Umfragen erzeugen – weit wichtiger sind jedoch die Lehren, die die Partei (und auch deren Gegner) aus der Stimmverteilung in der Fläche ziehen können.

Update: Die Piraten erzielen am Ende mit 2,1% der Stimmen (75.539), verfehlen den Einzug in den Landtag deutlich und fallen auf ein Ergebnis aus der Zeit von 2009 bis 2011 zurück. Der Anteil der Erststimmen liegt bei nur 1,5%, in absoluten Zahlen sind es 52.944. Eine präzise Darstellung der Ergebnisse in den Wahlkreisen ist bislang (0.13 Uhr) nicht verfügbar, eine ausführlichere Diskussion folgt.

In eigener Sache: USA 2012

Samstag, 3. November 2012

Update und Umleitung: jetzt beginnt die Liveberichterstattung – ab sofort blogge ich im ZDF-Hyperland.

Nach vier Jahren schließlich sich ein Kreis: in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begleite ich die Wahlberichterstattung des ZDF im so genannten “Maschinenraum” und kommentiere für das Blog Hyperland die Ereignisse des Wahltages. Hier zum Vorab-Vergleich noch ein paar Auszüge der Nacht im Netz aus dem November 2008, als ich in einer mehrstündigen Improvisationssendung aus Washington auch etwas über dieses Internet erzählen durfte.

Nun also die Die Nacht der Entscheidung, im Untertitel als “Die interaktive Election Night live aus Berlin und Washington” bezeichnet. Was genau dort passieren wird, weiß ich auch noch nicht, allerdings lässt das Set-Up einige erwarten. Das Online-Team des ZDF hat einigen Aufwand betrieben, um möglichst viel des digitalen Geschehens auffangen, aufbereiten und in die Hauptsendung einspeisen zu können. Die hauseigenen Twitter-Accounts werden auf Hochglanz poliert, diverse Google-Hangouts sind geplant, außerdem ist ein eigens eingekauftes Auswertungstool in Position gebracht worden, um die “Liveness” des Social Web einzufangen und zu visualisieren. (Soviel zur Werbung).

(post under construction: Bis zum Dienstag werden noch einige Hinweise zu Themen, Werkzeugen, Personen und Ereignissen rund um die US-Wahl ergänzt.)

Too close to compute?

Die Vorbereitung auf die Sendung läuft bereits im Rahmen meiner Duisburger Vorlesung “Medien, Kommunikation, Politik”, die mit einem eigenen Hashtag versehen ist: unter #mekopo sammeln sich seit einigen Tagen diverse Info-Häppchen. Gerade mit Blick auf den in der Wahlnacht zu erwartenden Endspurt im predicition game erscheint die Diskussion um die Methoden von Nate Silver recht spannend (durch einen längeren Offline-Artikel in der FAZ vom Samstag ist die Debatte nun auch in den Mainstream-Medien angekommen). Silver bloggt seit 2010 unter der Flagge der New York Times und begleitet die Prognosen mit einer eigenen Auswertung und lesenswerten Kommentierungen in seiner Kolumne FiveThirtyEight. Im Hintergrund der zuletzt hitziger werdenden Debatte steht immerhin die Frage um die Konkurrenz zwischen Journalismus und Wissenschaft in der politischen Berichterstattung (vgl. dazu Dylan Byers, Margaret Sullivan, Mark Coddington, Jonathan Stray, John Cassidy).

Early Voter vs. Late Decider

In der Wahlforschung hat sich zuletzt einiges um den Typus des late deciders gedreht, die Entwicklungen am anderen Ende des Spektrums geraten gerne in den Hintergrund. Während sich in Deutschland die Briefwahl immer größerer Beliebtheit erfreut, ist in den USA zuletzt das Early Voting in den Blick geraten. Dabei werden nicht allein Wahlunterlagen per Brief eingeliefert, sondern auch viele Wahllokale haben bereits lange vor dem eigentlichen Wahltag geöffnet. Das führt nicht nur zu technischen, sondern mitunter auch zu demokratiepolitischen Problemen – zuletzt hat sich das vor allem im Umfeld des Hurrikan Sandy gezeigt, als in einigen Bundesstaaten die Stimmabgabe unterbrochen werden musste. Hier eröffnet sich durchaus die Frage, ob nicht eine “Ersatzwahlzeit” eingerichtet werden muss, um für einen Ausgleich zu sorgen. Neben den zuständigen Wahlbehörden in den Bundesstaaten sollte hierzu auch die Election Assistance Commission etwas zu sagen haben, dieses noch vergleichsweise junge Gremium hat sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht durch besondere Aktivität hervorgetan.

Doch zurück zum eigentlichen Early Voting, der Stimmabgabe vor dem Wahltag. Denn bei einer systematischen Betrachtung liefern die ersten Ergebnisse eine zusätzliche Möglichkeit der Vorschau auf das Wahlergebnis, denn die bereits abgegebenen Stimmen registrierter Wähler erlauben Rückschlüsse zumindest auf die Beteiligung der jeweiligen Lager. Eine Rückkopplung zur Situation in den Einzelstaaten (Demografie, bisheriges Stimmverhalten, Ergebnisse in Vorwahlen, Kampagnenaktivität etc.) erlaubt immerhin die Beschreibung eines enthusiasm gap zwischen den Parteien – welches Lager kann seine Anhänger besser mobilisieren?

Systematisch betrachtet wird das Phänomen bislang noch eher selten, allerdings gibt es mit Paul Gronke und dem Early Voting Information Center (EVIC) in Portland (OR) schon eine spezialisierte Forschungsstelle. Gronke zeigt und kommentiert dort das aktuelle Geschehen in den Bundesstaaten, die schon wählen, diskutiert aber auch gerne mal grundsätzliches, wie diese schöne Frage:

If by law voting shall be held on the “first Tuesday after the first Monday in November” how is it that we have early voting?

Die nicht ganz triviale Antwort findet sich hier. Im gesamten Frühwahlprozess entsteht spannendes Datenmaterial, das vor allem im Nachgang zur Wahl zahlreiche Analysen ermöglichen wird – etwa bzgl. des Wahlverhaltens, der Auswirkung unterschiedlicher Wahltechnologien oder auch dem Zusammenhang von Kampagnenführung und frühzeitiger Stimmabgabe.

Entlang der zeitlichen Linie der Stimmabgabe folgt schließlich die Frage: wie informiert man sich als Wähler kurz bevor es zu spät ist? Einige hilfreiche Hinweise finden sich etwa in diesem offenen Online-Dokument, das verschiedene Anlaufstellen für Informationssuchende auflistet und kommentiert. Allein wählen muss auch nicht sein – votewithfriends.net kann da ein paar Vorschläge machen. Auch schön: die Gegenüberstellung der besten Wahltag-Apps für Demokraten und Republikaner. Scharfsinnige Beobachter notieren nicht nur angesichts solcher Tools einen wachsenden sozialen Zwang, der durch unterschiedliche digitale Wahlhelfer ausgelöst werden kann – Ann Althouse  hat hierfür die unschöne, aber zutreffende Umschreibung “to shame and pressure someone about voting” gefunden.

Big Data

Das Vote-Shaming leitet direkt über zu den nächsten drei Themenkomplexen – Daten, Daten, Daten. Benedikt Köhler hat sich im lesenswerten Blog Beautiful Data mit Wikipedia als ertragreiche Datenquelle auseinandergesetzt. Als Untersuchungsraum sei Wikipedia interessant aufgrund von Offenheit, Umfang und Spezifik der Nutzungsvorgänge, daher lohne auch ein Blick auf die kandidatenbezogene Aktivität in der Online-Enzyklopädie: “(Mitt Romneys) Wikipedia page had attracted a lot more visitors in August and September 2012 than his presidential rival’s. Of course, this measure only shows attention, not sentiment.” Die Analyse ist bemerkenswert vor allem aufgrund ihrer grundsätzlichen Anlage, nicht so sehr wegen der Resultate: selbstverständlich ist es spannend zu lesen, dass im Vergleich zur Präsidentschaftswahl 2008 die damalige Kampagne von Barack Obama bei weitem die größten Ausschläge bei der Wikipedia-Aktivität erzeugt hat. Doch gerade die Art der kreativen Auseinandersetzung mit “großen Daten” zeigt, dass mit dem richtigen Gespür und dem adäquaten Werkzeug sehr viele Informationen über neue Formate politischer Kommunikation freigelegt werden können.

Genau dies geschieht selbstverständlich längst: im diesjährigen Wahlzyklus haben spezialisierte Anbieter auf sich aufmerksam gemacht, die den “Wahlkampf mit Datenbänken” als neuen Bestandteil der modernen Kampagnenführung etabliert haben (vgl. CampaignGrid, DSPolitical, Resurgent Republic, Target Point Consulting)

Für den New Scientist ist die Kampagne ein “contest powered by geeks”, die im Gegensatz zu Deutschland grundverschiedene Ausgangssituation wird wiefolgt beschrieben:

Campaigns start with public data on voters’ registration, gender and past turnout in elections. This may include party affiliation, and in some states also information on race. They then purchase consumer data revealing what cars people own, what magazines they subscribe to, what websites they visit, and so on.

(Vgl. dazu auch den 11-minütigen Erklärfilm How Much Do Digital Campaigns Know About You? aus der PBS Newshour, den Special Report Politics Transformed. The High Tech Battle for Your Vote von Mashable oder die deutsche Zusammenfassung Was Obama und Romney aus den Daten ihrer Wähler machen bei Zeit Online).

Doch die eigentliche Schwerstarbeit am Datenmaterial beginnt erst dann – auf die Weiterverarbeitung und Interpretation spezialisierte Dienstleister zerlegen die zunehmende durchsichtige Wählerschaft in Gruppen, Listen und Datensätze, um den Kampagnen möglichst präzise die Arbeit im Ground Game zu erleichtern (vgl. hierzu den ausführlichen Beitrag der Hohenheimer Kollegen von campaignwatchers.de).

Dass die Thematik auch die Wissenschaft beschäftigt, zeigen Konferenzen wie Big Data, Big Challanges? am Oxford Internet Institute oder das ab 2013 erscheinende Journal Big Data (Liebert Publishers).

Video

Trotz Big Data – das klassische Bewegtbild spielt dennoch eine zentrale Rolle im Präsidentschaftswahlkampf. Das Wesleyan Media Project präsentiert hierzu detaillierte Untersuchungen und vergleicht die Entwicklung dieses inzwischen fast schon traditionell wirkenden Wahlkampfformates auch im Zeitverlauf.

(…)

Wahlmaschinen

Eines meiner Lieblingsthemen: ganz sicher gibt es am Wahltag auch sicher wieder reichlich Aufregung wegen nicht funktionierener Wahlgeräte – ganz gleich ob mit oder ohne Hebel, Touchscreen, Scanner, Papier. Seit der Aufregung um die Wahl des Jahres 2000 hatte eigentlich der Help America Vote Act für Abhilfe und Modernisierung sorgen sollen, aber dieses Gremium scheint ähnlich fehleranfällig zu sein wie viele der eingesetzten Wahlmaschinen. Und überhaupt: wer denkt, die Sache damals in Florida sei übel gelaufen, der mache sich auf etwas gefasst. The Atlantic befasst sich mit der Ungewissheit elektronischer Abstimmungsverfahren, die eine Überprüfung möglicher Wahlfehler erschwert oder unmöglich macht.

Angesichts möglicher Zwischenfälle hatte sich 2008 nur wenige Wochen vor der Wahl der Twitter Vote Report formiert, eine Non-Profit-Aktivität zur Meldung von Problemen aller Art via Twitter oder Telefon. Inzwischen sieht das etwas anders aus – vier Tage vor der Wahl wurde die Seite Our Vote Live freigeschaltet.

(…)

Eine lange Nacht

Es deutet sich schon an: das wird eine lange Wahlnacht werden, in der verschiedene Segmente der Kampagne mit Online-Bezug zu diskutieren sind. Hinzu kommen die Ereignisse am Wahltag – es war schon viel die Rede von politischer Echtzeitkommunikation, und wie schon vor vier Jahren wird das Rennen um das Weiße Haus neue Maßstäbe für die Live-Kommunikation im Netz setzen. Stay tuned.

Wie funktioniert ein “Ethics Center”?

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Heute hatte ich die Gelegenheit zu einem Besuch im Markkula Center for Applied Ethics an der Santa Clara University. Seit meinem Wechsel an die Universität Duisburg-Essen habe ich mich (vor allem aus der Perspektive des anwendungsorientiert arbeitenden Politikwissenschaftlers) mit verschiedenen Aspekten der Ethik-Ausbildung an deutschen Hochschulen auseinandergesetzt und den Vergleich mit der US-amerikanischen Praxis halte ich für durchaus ertragreich.

Auch wenn es zunächst etwas unscheinbar klingen mag (wer kennt schon Santa Clara?), das Center ist eines der größten in den USA und weist im Vergleich zu den meisten anderen Ethik-Einrichtungen nicht nur allgemeine Angebote und Services für die jeweilige Hochschule auf, sondern ist auch als Dienstleister und Think Tank in die regionale Umgebung eingebunden. Schließlich weist das Center darüber hinaus eine inhaltlich ausdifferenzierte Struktur entlang mehrerer Themenfelder auf (z.B. Bioethik, Umweltethik, Wirtschafts-/Unternehmensethik) und postitioniert sich als öffentliche Bildungseinrichtung.

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Demokratie, versprochen!

Dienstag, 25. September 2012

Eingezwängt zwischen Juristen- und Soziologentag findet in dieser Woche in Tübingen auch der Politologentag statt, der eigentlich auf den klangvollen Namen “25. Wissenschaftlicher Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen” hört. So steht es zumindest in der Kongresszeitung, die von der Tagungsleitung auf den Stühlen in der Neuen Aula plaziert worden war. Dieses doch eher analoge PR-Tool erscheint voraussichtlich “am 24.9., 26.9, 27.9. (Print) und 29.9. (nur online)”. Immerhin finden sich auf der Rückseite des vierseitigen Faltblattes neben den Statements ranghoher Fachvertreter ein QR-Code und der Hinweis auf den Twitter-Account zur Tagung (@dvpw_2012).

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Twitter als Diskurssystem

Freitag, 14. September 2012

Am 12. und 13. September habe ich am Workshop Partizipation und Vernetzung in mediatisierten Welten des Forschungsfelds Netzwerke im DFG-Schwerpunktprogramm Mediatisierte Welten teilgenommen. Als Respondent sollte ich dabei das Projekt Aspekte digitaler Partizipation am Beispiel von Twitter von Caja Thimm, Mark Dang-Anh und Jessica Einspänner von der Universität Bonn kommentieren. Das war eine spannende Angelegenheit, daher dokumentiere ich hier einige meiner Anmerkungen zur weiteren Kenntnisnahme und Diskussion.

Das Forschungsfeld besteht aus drei weiteren Teilprojekten, in der gemeinsamen Debatte sollten Perspektiven auf den Begriff der Partizipation entwickelt werden. Außer mir kommentierte Sigrid Baringhorst (Politikwissenschaft, Siegen), Heidi Schelhowe (Informatik, Uni Bremen) und Heidi Hanekop (Soziologie, Göttingen) – die Zusammensetzung war also interdisziplinär angelegt, und das war auch gut so.

Schnelles und langsames Twittern

In der Diskussion wurde deutlich, dass bei der sozial- bzw. politikwissenschaftlichen Betrachtung von Twitter zwei ganz unterschiedliche Perspektiven gewählt werden können: einerseits (und das ist die dominierende Variante) lässt sich die Kommunikation bei Twitter hinsichtlich der Echtzeit-Dimension erfassen – das geschieht in den vielen Studien, die sich der Entstehung spontaner Öffentlichkeiten widmen und mit teilweise imposanten Visualisierungen und Animationen das Aufkommen von Hashtags abbilden und so die Genese von Kommunikationsnetzwerken und –verläufen aufzeigen (vgl. Bruns/Burgess 2011). Die andere Variante unternimmt dagegen den Versuch, den Zeitfaktor aus dem Material herauszunehmen und konzentriert sich auf eine funktionale Analyse und markiert die Besonderheiten des technikbasierten Kommunikationssystems Twitter. Das Bonner Forschungsprojekt beachtet hierzu vor allem die Rolle der nicht-sprachlichen Operatoren RT, http://, @ und #.

Tweets können mit den vier Kommunikationsoperatoren (RT, http://, @, #) multireferenziell gestaltet werden. Twitter bildet durch die Bezugnahmehandlungen, die mit diesen Operatoren vollzogen werden, ein komplexes Diskurssystem mit vielfältigen crossmedialen Verweisformen. Es fungiert als Schnittstelle und ist insofern ein offenes System. (Thimm, Einspänner, Dang-Anh 2012)

Die Konzentration auf diese nicht-sprachlichen Elemente der Twitter-Kommunikation ist zwar naheliegend (und wird häufig angewendet), bislang war mir jedoch nicht aufgefallen, dass man dadurch der Sofort-Kommunikation gewissermaßen die Zeit-Dimension entzieht (oder zumindest Teile davon). Auf die weiter führenden Resultate des in Bonn untersuchten Tweet-Korpus möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen (wer möchte, findet hier Hinweise auf erste Ergebnisse und den entsprechenden Forschungsartikel).

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Gestatten, Antrobius

Freitag, 7. September 2012

Vor der Sommerpause hatte mich der geschätzte Kollege Wolf-Christian Ulrich (partner-in-crime bei den “Wahl im Web”-Sendungen auf ZDFinfo) gebeten, als Autor an seinem Blog-Projekt Antrobius mitzuwirken. Nach einer kurzen Visite auf der Seite war ich überzeugt: nicht nur ist das Bildmaterial exquisit gewählt und inszeniert, außerdem klingt der Untertitel “Fachzeitschrift für Machtfragen, urbanes Überleben und kulturelle Äußerungen” äußerst überzeugend. Ach ja, und die dort zu lesenden Texte sind natürlich auch sehr gut.

Anfang dieser Woche habe ich nun ein paar Sätze zur laufenden Debatte um “digitale Demenz” notiert. Eigentlich will ich mich bei Antrobius.de mit den alltäglichen Dingen des digitalen Aufwachsens (und Elternseins) beschäftigen und in gewisser Weise ist das beim Kommentar zur Spitzer-Konjunktur in den Talkshows auch der Fall. Demnächst gibt es dort aber kleine, (hoffentlich) feine Beobachtungen aus der Welt der Pixelpapas und Makermoms.

In eigener Sache: USA (Buch)

Freitag, 31. August 2012

Gerade ist der Nominierungsparteitag der Republikaner vorbei, in der kommenden Woche sind die Demokraten an der Reihe (obwohl: der Platz ist doch schon besetzt, erzählt man sich auf Twitter).

Ein guter Zeitpunkt, um etwas Werbung für ein kleines Projekt zum Thema zu machen: gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Klaus Kamps gebe ich im kommenden Jahr bei Springer VS einen Band zur US-Wahl heraus. Er trägt den reißerischen Titel

Die US-Präsidentschaftswahl 2012
Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft

Im zugehörigen Call for Papers heißt es:

Angestrebt wird – erstmals für den deutschen Sprachraum –, ein die verschiedenen Facetten einer solchen Präsidentschaftswahl näher beleuchtendes Kompendium zu erstellen. Zwar skizzieren gelegentliche Monographien das Wahlsystem, die Parteienkonstellation oder etwa sozio-strukturelle Entwicklungen innerhalb der US-Wählerschaft. Doch ein konzises, die Wahl als kommunikativen Prozess im Kontext spezifischer politischer Systemstrukturen und (aktueller) gesellschaftlicher Rahmenbedingungen erfassendes Konzept liegt für den deutschen Markt nicht vor.

Diese Lücke gilt es also zu schließen und wir freuen uns über tatkräftige Mithilfe. Die erste Deadline lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten, Extended Abstracts (max. 1500 Wörter) erwarten wir bis zum 15. Oktober 2012.

Den vollständigen Call (inkl. Themenvorschlägen und Terminen) habe ich mal hier abgelegt, außerdem gibt´s den Aufruf auch in englischer Sprache.

In eigener Sache: Unter Piraten an der NRW School

Dienstag, 3. Juli 2012

Am Donnerstag, den 12. Juli findet fand an der NRW School of Governance eine Diskussionsrunde zu unserem Buch “Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena” statt. Zu Gast in Duisburg ist war mit Dr. Joachim Paul der Vorsitzende der Piraten-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Ebenfalls am Start: ist Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte, der einen Beitrag über die piratenbezogenen Lerneffekte bei den anderen Parteien beigesteuert hat – gemeinsam wollen haben wir einige Thesen und Ideen des frisch erschienenen Bandes diskutierten.

Hier nun ein kleiner Bericht (notiert für nrwschool.de, daher die “unpersönliche” Form):

Dass es Joachim Paul ernst meint mit der Politik, war schon vor Beginn der Veranstaltung klar – im Vorgespräch schilderte er einige Details zur Situation um die CO-Pipeline zwischen Krefeld und Dormagen. Nicht unbedingt der erwartete Einstieg in die Diskussion um Piraten im Parlament. Gleichwohl ist der Fall sehr aufschlussreich, denn er zeigt anschaulich, wie sich “piratige” Positionen auch auf netzferne Themen übertragen lassen – in der Sicht der Piratenpartei zeigt sich am umstrittenen Projekt auch die “mangelhafte Einbindung der Bürger”. Solche thematische Weiterentwicklungen der Piraten innerhalb der Routinen der Landtagsarbeit waren ein Einstiegspunkt einer lebhaften Diskussion, für die das Buch “Unter Piraten” nur gelegentlich als Impuls- und Stichwortgeber herhalten musste.

Co-Herausgeber Christoph Bieber lenkte das Gespräch zunächst in Richtung einiger organisatorischer Fragen wie etwa den Modus der Kandidatenselektion oder die Entscheidungsprozesse innerhalb der Fraktion. Paul verdeutlichte die Schwierigkeiten, die viele (Neu-)Mitglieder mit den bei den Piraten gängigen “Präferenzwahlverfahren” haben. Da nicht alle wissen, dass  für jeden Kandidaten eine Stimme vergeben werden kann, handelten sich die Piraten Schwierigkeiten bei Landes- und Bundesparteitagen ein. Andererseits würde so die Kandidatenauswahl “gerechter”. Karl-Rudolf Korte verwies an dieser Stelle auf die Vorteile starrer Listen, die genutzt werden könnten, um Minderheitsmeinungen oder auch bestimmte Kandidaten zu stärken. Die große Offenheit der Piraten könne so auch zu einem Dilemma werden, wenn ständig Personal und Positionen neu ausgehandelt werden müssten.

Der Fraktionsvorsitzende Paul verwies an dieser Stelle auf die Möglichkeiten der Online-Kommunikation, die für die interne Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle spielten: dabei geht es keineswegs allein um die durch den Berliner Landesverband bevorzugte Plattform Liquid Feedback, sondern auch um Mumble-Server, Twitter oder Piratenpads, die eine Rückkopplung mit der Basis erlauben. Bieber wies darauf hin, dass sich innerhalb von Liquid Feedback allmählich “digitale Hierachieebenen” ausbilden würden, die die Piraten durch das fehlende Delegiertensystem im Offline-Bereich bisher zu verhindern wussten. Korte ergänzte daraufhin die im Buch angesprochene “Demokratiefrage”, die durch die Piraten gestellt werde: ist die neue Partei Akteur eines fundamentalen Wandels, der die Funktionsprinzipien repräsentativer Demokratie zur Disposition stelle? Als gar so radikal wollte der Herausgeber die (meisten) Buchbeiträge jedoch nicht verstanden wissen, Bieber schätzt die Piraten vor allem als “Innovationsmotor” für Akteure und Prozesse im politischen System ein.

In der abschließenden Fragerunde aus dem Publikum berichtete Paul über die vielfältigen Herausforderungen des parlamentarischen Alltags sowie die gerade beginnenden Professionalisierungsprozesse der Fraktion. Inwiefern eher die Piraten die Politik oder die Politik die Piraten verändere, werde sich erst noch zeigen. Der erste Eindruck der Duisburger Veranstaltung scheint darauf hinzuweisen, dass es sich um einen wechselseitigen Prozess zu handeln scheint – bereits jetzt mit Lerneffekten auf beiden Seiten.

Die Diskussion beginnt um 18.30 Uhr und findet statt im Raum LS 105 (Lotharstraße 53, 47057 Duisburg).

In eigener Sache: Utrecht

Montag, 25. Juni 2012

Man kann über die Unterschiede von Lego Mindstorms (open-minded, open source, die Lösung für viele gesellschaftliche Probleme) und Lego Bionicles (kommerzielles, kreativitätseindämmendes Anti-Lego) trefflich streiten – dass dies allerdings bei der Verteidigung einer Dissertationsschrift geschieht, ist dann doch eher ungewöhnlich. Wenn allerdings der „Promovendus“ Douglas Rushkoff heißt und eine Arbeit mit dem Titel „Monopoly Moneys. The Media Environment of Corporatism and the Player´s Way Out“ vorlegt, ist eine kurze Darlegung über die unterschiedlichen Ansätze nicht nur unterhaltsam, sondern sie erscheint auch absolut zwingend. (Inzwischen hat der “Promovendus” einen kurzen Blogeintrag zur Verteidigung verfasst).

So geschehen am 25. Juni in der Universität Utrecht, im spektakulären Academiegebouw – ich hatte die Ehre, auf Einladung des Kollegen Mirko Schäfer als externer Gutachter und Kommentator an der Verteidigung teilzunehmen. Das war durchaus eine besondere Erfahrung, denn das Ritual der Promotion unterscheidet sich massiv von den Verfahren im deutschen Teil des Elfenbeinturms (beinahe so deutlich wie Mindstorm- und Bionicle-Lego). Es beginnt mit dem Setting im Repräsentativbau der Universität, auf LED-Anzeigetafeln werden die Verteidigungen des Tages angezeigt, die festlich gekleideten Menschenmengen erinnern eher an Hochzeitsgesellschaften – und das Prüfungsgremium („Conferral of the Board“) trägt Talar. Einheimische Professoren haben eine eigene Robe, die Gäste bekommen vom „Pedel“ (dem Pendant zum Gerichtsdiener) ein passendes Stück aus der universitären Kleiderkammer ausgehändigt. Im Besprechungszimmer (einer Art profan-wissenschaftlicher Sakristei) werden die Talare übergezogen, hinzu kommen eine Fliege inkl. Rüschenbund und ein passender Hut (Exemplare in sämtlichen Kopfgrößen liegen bereit).

Dann wird der Ablauf der „Defense“ besprochen – fünf Professoren befragen den Doktoratskandidaten, maximal je 9 Minuten Zeit gibt es für einen Minidiskurs entlang der „Proefschrift“. Es beginnt der- oder diejenige mit der weitesten Anreise: im hiesigen Fall Prof. Meira von der Universität Tampere (aufgrund dieses Reglements hatte ich den zweiten Frageplatz erhalten, was nicht unwichtig ist: die Dauer der Verteidigung ist auf exakt 45 Minuten angelegt). Die Gutachter des Kandidaten können dabei nur zuschauen, geleitet wird die Aussprache vom „Rector“ als Vorsitzenden des Verfahrens. Die Fragestunde findet im Senatssaal des Akademiegebäudes statt, die Prüfer halten – ähnlich den Richtern im Bundesverfassungsgericht – Einzug, während der Kandidat an einem ihm zugewiesenen Katheder wartet. Unterstützung erhält er dabei von den „Paranymphs“, zwei Assistenten, die in etwa die Rolle von Trauzeugen übernehmen: sie organisieren die Veranstaltungen rund um das Hauptereignis, etwa den Empfang im Anschluss oder das gemeinsame Abendessen mit dem Prüfungsgremium.

Nach Ablauf der festgelegten Prüfungszeit öffnet sich die Tür und herein tritt der „Beadle“, eine Art Zeremonienmeister (in diesem Fall eine Zeremonienmeisterin), und erklärt ohne Umschweife mit den Worten „Hora Est!“ das Verfahren für beendet. Nach dem Auszug der Prüfer (in Roben und mit Hut auf dem Kopf – während der Verteidigung und im Sitzen wird die Kopfbedeckung abgenommen) folgt die Aussprache in der Universitäts-Sakristei. Kommt das Gremium zu dem Schluss, dass der Kandidat ein würdiger Doktor ist, wird eine riesige Urkunde ausgefertigt (das Format liegt irgendwo zwischen DIN A2 und DIN A1), zusammengerollt und in einem zylindrischen Behältnis deponiert. Danach geht es zurück in den Senatssaal, wo der Kandidat noch immer wartet – genauso wie das Publikum: die Veranstaltung findet nämlich öffentlich statt und erinnert so eher an eine standesamtliche Hochzeit als ein akademisch-höfisches Ritual. Nach den kurzen formalen Worten des „Rector“, erklärt einer der Gutachter den „Promovendus“ formell zum Doktor, der (oder die) andere hält danach eine Laudatio. Im Falle Douglas Rushkoff handelte es sich um eine sehr persönliche Würdigung von Doktor und Werk, dabei wurde der allmähliche Wandel vom „journalistic author“ zum „scientist“ beschrieben. Schließlich erhält der Neu-Doktor das entscheidende Dokument aus den Händen seiner Betreuer. Beifall, Schluss und Abgang.

Man könnte sich nun über die seltsame Unzeitgemäßheit des Rituals belustigen (wer macht denn noch so ´was in Zeiten von Bologna, ECTS und Exzellenzwettrennen!) – wenn die Unterschiede zum überaus langweilig bürokratisierten deutschen Verfahren nicht so offenkundig wären. Denn das holländische Ritual ist trotz seiner samtigen Oberflächenhaftigkeit auch sehr funktional: so haben etwa die Betreuer der Dissertation während der Aussprache nichts zu melden, sie haben auch keine Kontrolle über die Fragen der internen und externen Vertreter. Das Prüfungsgremium wird zwar vorab per Mail über die wesentlichen Abläufe informiert, bleibt aber frei in seiner inhaltlichen Einschätzung der Arbeit. Sicher, die wenigsten werden in einem solchen Umfeld zur akademischen Blutgrätsche ansetzen, dennoch ist eine unabhängige Betrachtung und Diskussion der Leistungen gewährleistet. Erst im Nachgespräch kommen die Betreuer zu Wort, sie müssen dann die Gründe benennen, warum der „Promovendus“ denn zum Doktor gemacht werden soll. Im Falle Rushkoffs waren dies neben seinem außerordentlichen Gespür für Themen auch die gesellschaftliche bzw. politische Relevanz seiner Fragen, sowie die Fähigkeit, eine genuin wissenschaftliche Leistung über mehrere Jahre hinweg neben dem eigentlichen Broterwerb als Autor, Redner, Kolumninst, Dokumentarfilmer und „Graphic Novelist“ zu erbringen. (Eine inhaltliche Würdigung der Arbeit erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt an dieser – oder anderer – Stelle.)

Erkennbar wird so eine deutliche Arbeitsteilung im akademischen Auswahlprozess, die deutlich über das Procedere im deutschen Verfahren hinausgeht. In den stickigen Besprechungs- und Seminarräumen, die üblicherweise das Umfeld einer deutschen Doktorenkur abgeben, reden Doktorvater oder –mutter auf den Prüfling ein, der zuvor i.d.R. eine Inhaltsangabe seines Werkes gibt und einige Thesen seiner Arbeit darlegt. Eine „wissenschaftliche Widerrede“ findet kaum statt, zugleich ist es ein Verfahren nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, meist auch der akademischen. Das Utrechter Modell setzt andere Akzente und verlagert einen großen Teil der Eignungsprüfung auf den mündlichen Disput zwischen “Opponent” (so werden die Mitglieder der Prüfungsrunde angesprochen) und „Promovendus“. Auch wenn es sich bei dieser Debatte um eine (zumindest teilweise) choregrafierte Redesituation handelt, so wird den Kandidaten anderes abgefordert als in Deutschland: die anwesende Öffentlichkeit hat ein Recht auf eine verständliche Sprache, weshalb auch die Prüfer auf zu kleinteilige Fachdebatten verzichten. Stattdessen werden Anreize gesetzt, die den Kandidaten zum Improvisieren anregen sollen oder das konkrete innerfachliche Problem wird schon in der Frage dargelegt. Im besten Fall nimmt der „Promovendus“ dadurch Anregungen für eine erneute Auseinandersetzung mit seinem Stoff mit, die er produktiv in die weitere Arbeit einbringen kann.

Neue Forschungsfragen gab es dadurch zu Hauf: Gibt es neben dem von Rushkoff entfalteten Konzept der „Playability“ auch so etwas wie „Hackability“? Wie unterscheiden sich „eigensinniges“, „kooperatives“ und „nicht-kooperatives“ Handeln voneinander? Warum verzichtet eine Arbeit über „Monopolgeld“ bzw. „Geld-Monopole“ auf die Arbeiten von Karl Marx und Yochai Benkler? Ist Mark Zuckerberg ein Neo-Korporatist? Ist #occupy eine spielerische politische Bewegung? Kann Code eine politische Machtressource sein? Und was ist aus dem Technik-Determinismus von Marshall McLuhan geworden?

Beantwortet wurden die Fragen natürlich nicht – den Erfolg des Bionicle-Lego über die Mindstorm-Variante allerdings erklärte Douglas Rushkoff entlang der Hauptthese seiner Arbeit. Bislang habe sich noch immer die lineare Erzählweise einer kleinen gesellschaftlichen Elite durchgesetzt: „Jener Elite, die die Druckerpressen besaß, Unternehmen gründete, Fabriken unterhielt, Schulen gestaltete, Geld entwickelte und die Medien programmiert hat.“ Doch genau das könnte sich nun ändern: “Das menschliche Narrativ wird nicht länger erzählt, es wird geschrieben; das Leben wird nicht mehr gelebt, es kann programmiert werden. (…) Interaktive Medien versetzen nicht nur mehr Menschen in die Lage, an der Herstellung dieses Narrativs teilzuhaben, sondern eröffnen Chancen für neue Formen und neue Welten. Genau das kann passieren, wenn wir die scheinbar unbewegliche Landkarte von Marktdominanz und Unternehmensherrschaft als das Spielfeld erkennen, das es tatsächlich ist.“ (317f)

Literatur:

Rushkoff, Douglas (2012): Monopoly Moneys. The Media Environment of Corporatism and the Player´s Way Out. Proefschrift, Universiteit Utrecht.

Schleswig-Holstein

Sonntag, 6. Mai 2012

Eigentlich sollte nicht nur unmittelbar im Umfeld von Wahlen etwas hier im Blog passieren, doch der April war bislang geprägt vom Semesterstart, dem Abschluss der Redaktionsarbeit für das demnächst erscheinende Buch Unter Piraten – Erkundungen in einer neuen politischen Arena und dem scheinbar kaum aufhaltsamen Aufstieg der darin thematisierten Partei.

Und nun also Schleswig-Holstein.

Dass es sich hier um ein eher kleines Bundesland und eine klassische Second-Order-Election handelt, kann man getrost vernachlässigen – die Debatte über die Piraten und deren möglichen Auswirkungen auf Parteiensystem und Politikprozess hat sich auf ein neues Level bewegt. Gut zu erkennen war dies spätestens im Vorfeld des Bundesparteitags von Neumünster (28./29. April, #bpt12), der nicht allein mit einer Cover-Story im (Print-)Spiegel und einem Special in der (Print-)Zeit begleitet worden war, auch prominente internationale (Print-)Medien beschäftigen sich inzwischen damit (Economist, New York Times). Update: Ah, online ist es nun auch ein Thema, vgl. TechPresident.

Ein Einzug der Piraten in den Kieler Landtag scheint gemäß der Prognosen und einer sich abzeichnenden mittelmäßigen Wahlbeteiligung alles andere als unwahrscheinlich. Nachdem schon im Saarland das Signal gesetzt wurde, dass die Piratenpartei auch außerhalb der netzpolitischen Hauptstadt Berlin lebensfähig ist, stärkt bzw. erhält die Entwicklung zwischen Nord- und Ostsee voraussichtlich das Momentum (zumindest in der politischen Eins-zu-Null-Berichterstattung im Vorfeld der Wahlen).

Aus der Perspektive der Regierungsforschung interessieren nun nicht allein neue machtpolitische Konstellationen in den Landtagen, sondern auch die internen Folgen für Organisationsgeflecht und Struktur der Piraten. Jede neue Landtagsfraktion bedeutet auch, dass ein neues innerparteiliches Machtzentrum entsteht: die professionelle Infrastruktur, die die Arbeit im Landtag mit sich bringt, versetzt die Mandatsträger in eine vergleichsweise komfortable Situation gegenüber den ehrenamtlichen Strukturen im Landesverband. Besonders spannend ist dies natürlich auch mit Blick auf die anstehenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen – gelingt den Piraten dort ein ähnliches Resultat wie im Saarland, dann wäre die Düsseldorfer Fraktion vermutlich noch etwas größer als jene in der Hauptstadt. Am Rhein entstünde so ein deutliches Gegengewicht zum bisher tonangebenden Berliner Landesverband.

Gerade in “den Medien” zerbricht man sich im Augenblick die Köpfe, was wohl nach weiteren Parlamentseinzügen der Piraten geschieht – durchweg favorisiert wird die Variante der “Großen Koalition” aus SPD und CDU, da mit einer weiteren kleinen Partei und den damit verbundenen Stimmenabschmelzungen die klassischen Verbindungen aus einem “großen” und einem “kleinen” Koalitionspartner immer seltener funktionsfähig sind (vgl. ein aktuelles Szenario für Kiel). Aus meiner Perspektive wird dabei die steigende Wahrscheinlichkeit von den in Deutschland noch immer sehr seltenen Minderheitsregierungen ausgeklammert – insbesondere bei knappen Wahlausgängen (man nehme zum Beispiel NRW 2010) könnte eine “liquide Piratenfraktion” eine Erleichterung für eine “Regierung ohne dauerhafte Mehrheit” sein.

Einige wenige Abgeordnete dürften sich bei wichtigen Themen durchaus aus der Fraktion “herauslösen” und zur Kooperation motivieren lassen – sofern die Piratenfraktionen ihren basisdemokratischen, hierarchie-kritischen und vor allem ergebnisoffenen Ansatz auch im parlamentarischen Betrieb folgen. Konzeptuell passt ein flexibles Stimmverhalten durchaus zu den bisher gezeigten Denk- und Kooperationsmustern der Piraten, besonders im Umfeld der Debatten zur Liquid Democracy tauchen immer wieder Hinweise auf “Politikfeld-Parlamente” oder “Themenkoalitionen” auf. Ohnehin ist davon auszugehen, dass sich – insbesondere größere – Piratenfraktionen nicht als monolithischer Block durch den parlamentarischen Alltag bewegen werden, sondern immer wieder einmal durch neue und unerwartete Verhaltensweisen auffallen werden. Die Situation in Berlin liefert hierfür eher Beispiele als das Saarland (oder vielleicht auch Schleswig-Holstein). Vom Düsseldorfer Landtag könnte dagegen ein noch größerer Modernisierungsimpuls ausgehen als von den zwei (oder drei) Wahlerfolgen zuvor – aber heute ist ja erst einmal Schleswig-Holstein an der Reihe.

Am Ende noch ein Warnhinweis: Vorsicht, ab 18 Uhr ist mit einer hohen Konzentration nautischer Metaphern zu rechnen.


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