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Niedersachsen: Debatten-Sprints?

Mittwoch, 23. Januar 2008

Drei Tage nach der hessischen Premiere ist heute Debattentag in Niedersachsen – soeben läuft lief im NDR (zum Live-Stream) gerade das „kleine Duell“ zwischen Philipp Rösler (FDP) und Stefan Wenzel (Die Grünen), um 21 Uhr treten dann Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und Herausforderer Wolfgang Jüttner (SPD) gegeneinander an.

Anders als in Hessen werden die Debatten live ausgestrahlt, ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Dauer: für Rösler und Wenzel steht gerade mal eine halbe Stunde zur Verfügung, die zudem durch Einspielfilme zu den Debattenthemen (auch dies ein Unterschied zur hessischen Variante) verkürzt wird. Dadurch wird die Aufgabe für Moderatorin Susanne Stichler noch schwerer, die Diskutanten im Zaum und die Redezeitkonten ausgeglichen zu halten (ähnlich wie in Hessen zeigt ein Monitor die Sprechzeit der beiden Gäste an).

Die Zeitbegrenzung sorgt für ein enormes Tempo der Debatte, in schneller Folge wechseln die Themen, die Redner passen sich der Geschwindigkeit an und reden – schnell. Ob der NDR dem Format damit einen Gefallen erweist, wird sich zeigen. Immerhin verteilt der Sender die vorhandene Zeit auf vier und nicht nur zwei Parteien – in Hessen gab es schließlich nur das große 90-Minuten-„Duell“ zwischen Koch und Ypsilanti (vgl. unten). Allerdings stellen der Sendeplatz im Vorabendprogramm und das geringe Zeitkontingent durchaus starke Einschränkungen für die Vertreter der kleineren Parteien dar.

Noch bevor die Protagonisten von CDU und SPD ein Wort gewechselt haben, steht aber der eigentliche Verlierer der niedersächsischen TV-Debatten bereits fest: es ist die Linkspartei, für die keiner der exponierten Redeplätze zur Verfügung gestellt wurde. In den jüngsten Umfragen kommt die fünfte Kraft (hier vielleicht eher: das fünfte Rad?) immerhin auch auf fünf Prozent und scheint an den Türen des Landtags zu kratzen.

Unter den wenigen sicheren Erkenntnisse zur Wirkung der TV-Debatten stechen die Mobilisierungseffekte heraus: auch wenn die prominenten Formate nur in den seltensten Fällen auf individuelle Wahlentscheidungen einwirken, durch die auch auf Landesebene nicht unerhebliche Reichweite weisen sie jedoch einiges Mobilisierungspotenzial auf. Bei ihrer Wahlkampfpremiere in Niedersachsen hat es die Linke daher nicht leichter – die Duell-Rechnung des NDR endet leider bei zwei mal zwei.

Eine Ergänzung aus dem Nachbarbüro: Christian Marx weist darauf hin, dass Rösler und Wenzel am Ende noch Gelegenheit zu einer direkten Wähleransprache haben („Liebe Niedersachsen…“), auch dies ein Unterschied zur HR-Debatte. Bei den insgesamt vier Themen (Wirtschaft, Bildung, Umwelt, Jugendkriminalität) gab es nur für die ersten drei Einspielfilme, in denen die Positionen der Parteien wiedergegeben wurden. Eine nicht uninteressante Variante, denn noch am Sonntag wurden diese Informationen in den jeweiligen Eröffnungsstatements von Koch und Ypsilanti mitgeteilt.

Update (24.1.2008):  Die Hauptdebatte zwischen Christian Wulff und Wolfgang Jüttner ist die erwartet konfliktarme Diskussionsrunde geworden (bei der ersten Auflage eines Niedersachsen-Duells im Jahr 2003 zwischen Wulff und dem damaligen Ministerpräsidenten Siegmar Gabriel war es deutlich rauer zugegangen).

In formaler Hinsicht folgte die 2008er-Debatte den oben beschriebenen Regeln, ergänzend sollte vielleicht noch die „Stehordnung“ im Studio erwähnt werden.

Durch drei trapezförmige Stehpulte waren die Diskutanten und der Moderator sehr dicht zueinander aufgestellt – die relative Nähe erzeugte eher die Atmosphäre einer herkömmlichen Pressegesprächsrunde und nicht so sehr die eines auf Konfrontation ausgelegten „Duells“ (vergleichbare Anordnungen liefern häufig die Vizepräsidentschaftsdebatten in den USA, die häufig im Format der „Presserunde“, nicht selten auch in sitzender Position an einem Schreibtisch, durchgeführt werden).

Auch die postdebate debate fällt weniger laut aus als in Hessen, hier einige Kostproben:

NDR: Kontroverse in sachlichem Ton
RP Online: Jüttner wirft Wulff Versagen vor
Spiegel Online: Duell der Dauerlächler
SZ:  Wulff kontert Jüttner aus
Die Zeit: „Die Krawatte immerhin gefällt mir“

Koch vs. Ypsilanti – Debatte in acht Runden

Sonntag, 20. Januar 2008

Nach der Debatte ist vor der Wahl – wieder einmal leistet ein leicht abgewandelter Herbergerismus gute Dienste bei der ersten Charakterisierung eines so genannten „TV-Duells“. Die hessische Premiere mit den Hauptdarstellern Roland Koch und Andrea Ypsilanti ging ohne größere Aus- und Zwischenfälle über die Bühne – das sorgsam in die umfangreiche Berichterstattung des HR eingepasste Debattensendung verlief über 90 Minuten in grob strukturierten Bahnen, zeigte aber auch die erwartbaren Schwächen (vgl. die Debatten-Nachbereitung des HR oder den Videobericht von SpOn über ein Public Viewing in Gießen).

Hinweis: Der nachfolgende Bericht basiert auf Notizen, die während der Aufzeichnung der Debatte im Pressebereich des HR entstanden sind und ist als Roh- und Ausgangsmaterial für eine weitere wissenschaftliche Bearbeitung anzusehen. Die Darstellung folgt dabei dem chronologischen Ablauf und verweist auf einige Besonderheiten des Debattenformats, der Gesprächsführung, der Bildregie sowie insbesondere den organisatorischen Rahmenbedingungen nach Ende der Aufzeichnung. An einigen Stellen finden sich Verweise auf noch ausstehende Vertiefungen oder Teiluntersuchungen, die im weiteren Verlauf der Debatten-Untersuchung folgen werden.

Die Eröffnung

In formaler Hinsicht hat sich der HR für ein double moderator-Modell entschieden, Alois Theisen und Claudia Schick wirken als Gespann dabei nicht immer sicher und souverän. Nach einer schnellen Begrüßung und den ersten „establishing shots“ durch das Studio folgt die Vorstellung der beiden Protagonisten mittels kurzer Einspielfilme (eine genauere Untersuchung der Produktionsbedingungen wird folgen).

Danach beginnt jedoch erstmal kein „Duell“, sondern eine Art „Aufwärmphase“, die eher an parallel geführte Interviews erinnert: während Theisen Andrea Ypsilanti mit einer Eröffnungsfrage zur SPD-internen Attacke von Wolfgang Clement aus der Reserve locken wollte, ruft Schick in der ersten Anmoderation für Roland Koch die sinkenden Umfragewerte und die unvermeidliche Kriminalitätsdebatte in Erinnerung. Hierbei wendet sich Andrea Ypsilanti erstmals direkt an Koch und will mit der recht starren Abfolge der Wortbeiträge brechen, doch HR-Chefredakteur Theisen unterbindet den Versuch im Stile eines Schiedsrichters – insgesamt erinnern die ersten acht Minuten kaum an ein typisches Debattenformat.

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Koch vs. Ypsilanti: TV-Duell live

Sonntag, 20. Januar 2008

11:34 Uhr
Im Hochsicherheitstrakt des HR: in Studio 2 fragen sich die geladenen Journalisten gerade, was sie denn nun dürfen oder nicht – die Restriktionen werden zwar mehrfach vorgetragen (u.a. vom Intendanten Helmut Reitze persönlich), doch so ganz klar ist nicht, wer wann was genau darf. Sicher ist: bis 20.15 Uhr herrscht Nachrichtensperre.

11.40 Uhr
Der Fototermin mit Roland Koch und Andrea Ypsilanti läuft gerade, die Spannung steigt, das WLAN funktioniert, das Büffet ist aufgebaut. Die Frage kommt auf, ob die Sperrvermerke denn auch für Twitter-Feeds gelten.

12.00 Uhr
Es geht los. Aufgrund der Sperrfristen werden direkte Kommentare zum Duell nicht vor 20.15 Uhr publiziert.

12.28 Uhr
Hier in Studio 2 ist so etwas wie „angespanntes Interesse“ zu bemerken. Die etwa 40-50 Beobachter befassen sich konzentriert mit der laufenden Diskussion, es gibt kaum spontane Regungen (der Grund dafür ist nicht Langeweile). Strategisch gesehen wäre jetzt zwar ein guter Zeitpunkt für den Gang zum Büffet, doch (fast) alle bleiben sitzen.

12.45 Uhr
Halbzeit (keine Pause, kein Seitenwechsel, keine Auswechslungen).

13.04 Uhr
Fundstück im Presse-WLAN: Das TV-Duell wird heute abend in Gießen als public viewing-Event übertragen. Ab 20.15 Uhr berichtet auch Weblog der Gießener Jusos über das Duell – „live“. Naja.

13.22 Uhr
Zielgerade und Endspurt.

13.30 Uhr
Das war´s. Das Duell endet etwas schnell, nach Ablauf der Rede- und Sendezeiten wird die Debatte durch die Moderation für beendet erklärt. Nach einer kurzen Wartezeit von ca. 10-15 Minuten gibt es noch die kurze Gelegenheit zur Nachfrage an die Protagonisten.

13.42 Uhr
Roland Koch tritt vor die Journalisten, er beginnt unmittelbar mit der Kommentierung der gerade beendeten Aufzeichnung (Andrea Ypsilanti ist noch nicht zu sehen). Die „Debatte nach der Debatte“ hat begonnen.

13.54 Uhr
Andrea Ypsilanti kommt zur Nachbesprechung, auch sie beginnt mit einem kurzen Statement. Die „Debatte nach der Debatte“ geht weiter.

Debatte oder Duell?

Donnerstag, 17. Januar 2008

Wer hätte das gedacht? In der jüngsten Umfrage zur Landtagswahl liegen CDU (38%) und SPD (37%) Kopf an Kopf, Herausforderin Andrea Ypsilanti (48%, +6) hat Ministerpräsident Roland Koch (38%, -4) in der Persönlichkeitswertung sogar um unerhörte zehn Prozent abgehängt (Videozusammenfassung via Hr-Online).

Damit kommt die für den 18.1. angekündigte Pressekonferenz des HR zum „Fernsehduell“ gerade recht: zwei Tage vor dem am Sonntag ausgestrahlten und nicht erst seit jetzt mit erheblicher Spannung erwarteten medial vermittelten Schlagabtausch der Spitzenkandidaten rückt einmal mehr ein noch junges Format des Medienwahlkampfs in den Vordergrund. Im Verbund mit den gerade veröffentlichten Umfragedaten und des seit Jahresbeginn routiniert ablaufenden medialen Erregungsprogramms ergibt sich eine Woche vor dem Wahltag eine Situation wie aus dem Kampagnen-Bilderbuch.

Ein Auszug aus der Ankündigung zur Pressekonferenz lässt einen gewissen „Spektakel-Charakter“ erwarten: „Die Vertreter der beiden Parteien werden zudem eine Münze werfen, um zu ermitteln, wer zuerst und wer zuletzt antworten kann. Die Pressekonferenz wird in der Studio-Dekoration für das Fernsehduell im Studio 2 stattfinden.“

Man hätte ahnen können, dass die Debatten-Inszenierung auch auf der Landesebene von erheblicher Bedeutung sind – im Februar 2005 verspielte Heide Simonis in Schleswig-Holstein einige Sympathien durch einen schlecht vorbereiteten Auftritt gegen den in den Umfragen weit zurück liegenden Peter-Harry Cartensen – der Anfang vom Ende der bislang einzigen deutschen Ministerpräsidentin. Im gleichen Jahr sorgte eine der zwei Debatten zur schicksalhaften Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für Furore: das von RTL übertragene „Duell“ war von Friedrich Küppersbuschs Firma pro bono produziert worden, im CDU-Lager schimpfte man damals aber eine angeblich tendenziöse Auswahl von Einspielfilmen mit Bürgerfragen.

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