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Der Obama-Effekt

Montag, 25. Oktober 2010

Fast zwei Jahre ist es nun her, seit Barack Obama ins Weiße Haus gewählt wurde – jetzt stehen die midterm elections an und so wie es aussieht, wird diese Kongresswahl zu einem Referendum gegen den Präsidenten und mehr als nur einem Denkzettel für ihn und seine Partei.

Mit Facebook nach Washington?Folgt man der Vorberichterstattung, so gibt es einen nennenswerten enthusiasm gap zwischen Demokraten und Republikanern – oder sollte man besser sagen zwischen dem progressiven und konservativen Spektrum? Denn mitunter deutlich rechts von der republikanischen Parteiplattform sorgen seit geraumer Zeit die Anhänger der Tea Party für Aufsehen und treiben nicht nur den Demokraten die Sorgenfalten auf die Stirn. Neben dieser ideologischen Verschiebung ist noch etwas ganz anders als 2008: die Republikaner haben das Internet als Kampagnenplattform entdeckt und haben den zuletzt klar überlegenen Demokraten offenbar den Rang abgelaufen. So scheint es zumindest, denn um Größenordnung und Bedeutung der Anzahl von Freunden, Fans und Followern tobt inzwischen eine heftige Debatte.

Klar ist aber schon jetzt: hier handelt es sich um das bisher beste Bespiel für den häufig vorschnell herbei geredeten Obama-Effekt – doch ob es den Facebook-Favoriten und Twitter-Königen tatsächlich auch gelingt, ihr digitales Übergewicht in analoge Stimmen zu verwandeln, wird erst der Wahltag am 2. November zeigen.

Der einführende Text „Obamas gute Schüler“ mit Hinweisen auf verschiedene Blogs und Materialien zum Streit zwischen „Online-Left“ und „Online-Right“ ist heute bei heute.de/zdf.de erschienen. Update: Ein Rückblick auf den Internet-Wahlkampf mit einigen Kampagnen-Beispielen ist für Zeit Online vorgesehen.

Auch wenn der Disput um Größe und Bedeutung der Online-Basis manchmal als Spezialistendiskurs unter Polit-Nerds geführt wird, so halte ich die Debatte dennoch für überaus spannend: zum einen werden dabei neue Methoden zur Abbildung politischer Online-Aktivität erprobt und dadurch die Kampagnen- und Beteiligungslandschaft neu vermessen. Zum anderen dürften die Wahlergebnisse auch Hinweise darauf liefern, wie sich die virtuelle Unterstützung im Netz tatsächlich in Wählerstimmen übersetzen lässt. Ein Indikator dafür werden vor allem solche Wahlkreise sein, in denen es klare Unterschiede zwischen klassischen Meinungsumfragen und den Werten der Online-Unterstützung gibt.

Anschlussfähig ist an dieser Stelle darüber hinaus die seit einigen Wochen an prominenter Stelle geführte Debatte um den generellen Wert politischer Kommunikation im Internet – im „New Yorker“ hatte der Bestseller-Autor Malcolm Gladwell soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook als rein virtuelle Veranstaltungen disqualifiziert, die keine Auswirkungen auf die „echte Politik“ im öffentlichen Raum hätten (eine gute Zusammenfassung dazu lieferte Dirk von Gehlen). Die Kritik an Gladwells These folgte auf dem Fuß, allerdings auf deutlich mehr als 140 Zeichen (lesenswerte Repliken stammen u.a. von Biz Stone, Jonah Lehrer oder Maria Popova). Sollte nun den Facebook-Favoriten und Twitterkönigen der diesjährigen Wahlsaison der Durchmarsch an der Urne gelingen, wäre dies ein weiteres Indiz für die gestiegene politische Bedeutung des Internet.

PS: Lassen sich aus diesen Entwicklungen bereits Schlüsse für die Präsidentschaftswahl 2012 ableiten? Wohl kaum. Barack Obama hat derzeit gut 15,2 Millionen Facebook-Freunde. Tendenz: steigend.