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#12062020olympia

Dienstag, 26. November 2019

Unter obigem Hashtag versammelt sich seit einigen Tagen reichlich Material, das sich allmählich zu einer kleinen Diskussion um die Gestaltung zeitgemäßer politischer Versammlungen entwickeln könnte (Vgl. z.B. hier, hier oder hier und vielleicht auch hier). In Vorbereitung auf ein kleines Interview zum Thema bin ich nun auch mal eingestiegen und notiere ein paar – unfertige, unvollständige und unsortierte – Gedanken.

Grundsätzlich handelt es sich wohl um eine politische Versammlung, dagegen ist ja auch erst einmal nichts einzuwenden. Es ist somit eine Variante der „Veranstaltungsöffentlichkeit“ und für diese „kleinen Formen von Öffentlichkeit“ gibt (tatsächlich mit Jürgen Habermas, aber auch anderen Öffentlichkeitsforscher*innen wie Jürgen Gerhards oder Judith Butler) bestimmte Muster, die deren Charakter beschreiben. Aus diesem Blickwinkel könnte man nun die in einigen Beiträgen kritisch hinterfragten Motive der Veranstalter rund um die Berliner #einhornboys betrachten.

Einen anderen Ansatz liefert die „Eventhaftigkeit“ der Veranstaltung, inklusive der (sicher zeitgemäßen) Vorbereitung und Finanzierung via Crowdfunding. Möglicherweise hat gerade die Form des startnext-Formulars zu einem Teil der Verwirrung und Irritation beigetragen (der Begriff „Ticket“ ist jedenfalls überhaupt nicht glücklich gewählt, um die verschiedenen Möglichkeiten einer „Teilhabe“ zu beschreiben).

Zur Datensicherung hier auch mal der Einleitungstext zur Startnext-Kampagne, die die mit ca. 1,8 Millionen Euro angegebenen Kosten für die Organisation der Veranstaltung im Berliner Olympiastadion aufbringen soll:

Stell dir vor, es gibt einen Tag, an dem du dich auf den Weg machst. Stell dir vor, es gibt einen Tag, der einzig allein dafür da ist, die Welt zu einem zukunftsfähigeren Ort zu gestalten. Stell dir vor, dass du ein Teil davon bist. Stell dir vor, es gibt ein riesiges Stadion. Darin befinden sich 90.000 Weltbürger*innen, die genau das Gleiche wollen wie du. Ein riesiger Kreis. Eine Bewegung. Eine Veränderung. Stell dir vor, diesen Tag wird es wirklich geben. Bist du dabei?

Ergänzend zum Text ist auch der eingestellte Video-Beitrag eine Sichtung wert, über dessen Inhalt und Ästhetik auch gesondert zu reden wäre (@DaxWerner hat zwar damit begonnen (siehe oben), aber da geht noch mehr. Schade, dass @ulfposh nicht mehr am Start ist). Weitere Infos auf der Crowdfunding-Seite legen den Eindruck nahe, dass im Juni kommenden Jahres eine Mixtur aus TED-Talk und Startup-Pitch in Stadion-Atmo geplant ist:

Stell dir vor, an diesem Tag kommen die renommiertesten Expert*innen aus allen Bereichen zusammen, um die Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Zeit gebündelt zu präsentieren.

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive sollte auch der Verweis auf den gerade abgeschlossenen Bürgerrat Demokratie nicht fehlen. In einem komplizierten, mehrstufigen Verfahren mit Regionalkonferenzen, einem per Zufallsauswahl bestimmten Bürgerrat, Diskussionen zwischen Politik und Zivilgesellschaft ist ein Bürgergutachten entstanden, das am Tag der Demokratie dem Bundestagspräsidenten übergeben wurde. Vielleicht stehen dort sogar schon Dinge drin, die die Welt zu einem zukunftsfähigeren Ort machen? Man könnte es hier jedenfalls nachlesen.

Und natürlich gibt es auch einen anspruchsvolleren konzeptuellen Rahmen, der hier angelegt werden könnte – der von John Fishkin entwickelte Deliberation Day bildet so etwas wie den theoretischen Frame für eine innovative, bürgerorientierte Beteiligungsveranstaltung. Beschäftigt man sich ein wenig mit diesem Ansatz, wird aber schnell klar, wie komplex Beteiligungsversuche geraten können. Aktuell liegt das Augenmerk vor allem auf den Vorbereitungen und den organisatorischen Anforderungen für den Veranstaltungstag in Berlin, der wirklich schwierige Teil folgt aber doch erst nach einer – wie immer genau verlaufenen – Bürgerdebatte: Wie gelangen die diskutierten Punkte, Positionen, Papiere, Petitionen an die politischen Institutionen?  Machen sich politische Akteure die Inhalte der Stadionversammlung zu eigen? Und ist das gut oder nicht? Was geschieht mit den Teilnehmer*innen, lässt sich deren politische Energie erhalten und in andere, nachhaltige Zusammenhänge umlenken?

Es ist kompliziert…

YouTube@Peking 2008: Protest Yourself?

Mittwoch, 6. August 2008

Die olympischen Spiele in Peking stehen vor der Tür, und „das Internet“ hatte gerade schon seinen ersten großen Auftritt als Streitgegenstand im Dreieck China – IOC – Internationale Presse. Darum geht es hier nicht.

Vor gut zwei Wochen wurde ich von der Journalistin Nina May um ein kurzes E-Mail-Statement zur Nutzung des „Internet und speziell YouTube für Protest bzw. zur Verbreitung politischer Aussagen“ gebeten. Anlass waren die zu diesem Zeitpunkt noch recht frisch veröffentlichten drei Videoclips La Piste, La Piscine, und Un Couple der französischen Theateregisseurin Ariane Mnouchkine.

Nach anfangs recht großem Interesse an den Filmen scheint die Nachfrage kurz vor den Spielen zu erlahmen, dies legt zumindest eine dpa-Meldung nahe, die am 5. August von diversen „Qualitätsmedien“ wie SZ, FTD oder Focus übernommen wurde. Der Umgang mit diesem Text wäre eigentlich Wasser auf die Mühlen der bloggenden „Holzmedien“-Kritiker, denn hier stimmt so einiges nicht – falsche Clip-Titel und fehlerhafte Wiedergabe der Inhalte sind noch die geringeren Fehler. In der dpa-Meldung steht:

Der provokativste dürfte wohl der Film «Le couple», das Paar, sein. Er zeigt den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla. Beiden [sic!] sitzen am Rand einer Tartanbahn. Er spielt nervös an seinem Handy und seiner teuren Rolex, sie legt beruhigend den Arm auf seine Hand. Da stellt sich plötzlich ein Demonstrant vor das Paar und ruft «Freiheit». Dann wird er mit einem Schuss exekutiert.

Wie bitte? Sarkozy und Bruni spielen in einem Protestvideo mit? Nicht schlecht.

Wäre vermutlich ganz gut gewesen, sich die Videos auch mal anzusehen (etwa hier auf der YouTube-Seite von Mnouchkines Théâtre du Soleil). Sorgfältige Journalismus-Lehrer alter Schule werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Zurück zum eigentlichen Thema, der Rolle von YouTube für politischen Protest heute und einigen weiteren Aspekten des eingangs erwähnten E-Mail-Interviews mit Nina May. In ihrem ausführlichen Artikel zu Mnouchkines Olympia-Filmen schreibt sie in der Leipziger Volkszeitung vom 24.7.2008:

Bei Youtube etabliert sich eine neue Protestkultur. 97 700 Treffer listet die Webseite zum Stichwort „Protest“ auf. Allein zum Thema Tibet/China häufen sich Videos von Menschenrechtlern, die zum Beispiel einen Militärübergriff am Fuße des Mount Everest nachstellen. Weltweit bekunden Tierrechtsaktivisten in Videos ihre Solidarität mit verhafteten Kollegen in Österreich, und ein italienischer Künstler stellte Aufnahmen von tausenden roten Kugeln ins Netz, um gegen die Ignoranz der Politiker angesichts des Müllproblems zu kämpfen. Während eine Demonstration auf der Straße lediglich das direkte Umfeld anspricht, können mit den Internetvideos potenziell die rund sieben Millionen monatlichen Youtube-Nutzer erreicht werden.

Das ließe sich mit weiteren Elementen aus der E-Mail-Korrespondenz vom 23.7.2008 noch etwas vertiefen:

Warum wird gerade YouTube als neues Protestmedium verwendet?

YouTube ist als Plattform für kurze Videoclips gerade dabei, das Fernsehen als Verteilmedium für politische Botschaften im „Spot-Format“ abzulösen. Bei kontinuierlich ansteigender und manchmal sogar konkurrenzfähiger Reichweite ist es schlicht viel billiger – zusätzlich zu den Produktionskosten fallen kaum weitere Ausgaben an, da die Sendezeiten nicht gekauft werden müssen. Auf YouTube und ähnlichen Plattformen haben sich dezentrale Verteilmechanismen gebildet, die für eine schnelle Verbreitung der Inhalte durch Zuschauer sorgen. Auch die Archivfunktion ist nicht zu unterschätzen, Internet-Videos werden meist lange auf der jeweiligen Plattform vorgehalten und können auch so eine konkurrenzfähige Reichweite erhalten. Zudem ist der „YouTube-Stil“ der Botschaften häufig etwas „roher“ und unfertiger, was sich ebenfalls günstig auf die Produktionskosten auswirkt. Vor allem aus diesen Gründen dürfte YouTube im diesjährigen US-Präsidentschaftswahlkampf zur ersten Anlaufstelle für die zahlreichen Videobotschaften der Kandidaten und deren Unterstützergruppen werden.

Lässt sich daran eine Veränderung von Protestkultur ablesen – weg von der direkten Aktion auf der Straße hin zum globalen Protest im Internet?

Die Verlagerung der Protestkultur in Richtung der elektronischen Massenmedien hat längst stattgefunden und ist kein Resultat der YouTube-Nutzung. Allenfalls verleihen die Videoplattformen dem Trend zum „Online-Protest“ einen neuen Schub, da nun massentaugliche Audio/Video-Inhalte produziert und verteilt werden können. Zuvor waren Online-Protestaktionen häufig auf eher technische, computer-orientierte Settings angewiesen (E-Mail-Flutwellen, Denial-of-Service-Attacken, Blockaden und Hacks von Websites). Die „YouTube-Proteste“ nutzen lediglich eine neuartige Vertriebsstruktur, eine ganz neue Protestkultur entsteht hier nicht – das sieht man auch gut am Beispiel der Mnouchkine-Clips: eine Theaterregisseurin inszeniert kurze Filmsequenzen. Neu ist dabei „nur“ der „Vertrieb“ der Protestinhalte über eine nicht Print- und nicht Fernsehgestützte Infrastruktur.

Spannend wird in Zukunft sein, ob es Gegenreaktionen zu dieser Kampagne geben wird – einerseits Text-Kommentare zu den Ursprungsfilmen, andererseits aber auch „visuelle Kommentare“, die die Bild-/Filmsprache übernehmen und aus dem Ausgangsmaterial eigene Clips konstruieren. Was würde wohl passieren, wenn im Spot „Un Couple“ nicht der Protestierer vom Startschützen getroffen würde…

[Die eindrucksvollen Visuals vom Affen und seinen Freunden stammen im übrigen von der BBC (Thx, OF!): Created by the men behind Gorillaz – Damon Albarn and Jamie Hewlett – Monkey and his friends will be the faces of the BBC’s Beijing Olympics coverage in the next few months.]