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Das Jahr in 140 Zeichen

Dienstag, 29. Dezember 2009

Der Impuls kam – wie so oft – aus den USA: das Online-Magazin Politico.com bemerkte die Twitterisierung der Politik und kürte die 10 wichtigsten Tweets des Jahres.

Auch wenn Twitter im allgemeinen (und das politische Twittern im besonderen) hierzulande noch immer belächelt wird, so lässt sich eine solche Liste durchaus auch für Deutschland anlegen. Nach spontaner Nachfrage in gut twitternden Kreisen hier also eine kleine Liste der politischen Tweets des Jahres 2009.

(Achtung: es handelt sich hier „nur“ um eine chronologisch geführte Liste, kein wertendes Ranking!)

1. Zum Jahresauftakt zieht Thorsten Schäfer-Gümbel auf Twitter relativ alleine seine Bahnen, meldet sich zu allen Tages- und Nachtzeiten und kommentiert regelmäßig das Geschehen auf landes- wie bundespolitischer Ebene. Inzwischen scheint er auch perfekt für (auto)mobiles Twittern ausgerüstet zu sein.

Überhaupt scheint Hessen eine heimliche Twitter-Hochburg zu sein (siehe auch #9) – der neue Parlamentarische Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, Helge Braun (Gießen), glänzt etwa mit diesem Hochqualitätstweet (Danke, @dr_meyer!).

2. Julia Klöckner und Ulrich Kelber verraten das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl.

Der Tweet „Leute, Ihr könnt in Ruhe Fußball gucke. Wahlgang hat geklappt.“ von @JuliaKloeckner scheint inzwischen gelöscht. Eine „Vorsichtsmaßnahme“ mit Blick auf die Landtagswahl 2011 in Rheinland-Pfalz, bei der die „Twitter-Sünderin“ (BILD) gegen Kurt Beck antreten wird?)

3. @mitzeichner zählt 50.000 Unterschriften für die Petition gegen Internetsperren – nach nicht einmal 70 Stunden Laufzeit.

Die Dynamik der Kampagne wirkt sich im Jahresverlauf maßgeblich auf die Entwicklung der Piratenpartei aus – deren Mitgliederzuwachs beginnt schlagartig mit dem Ablauf der Petition und der Bundestagsabstimmung zum Zugangserschwerungsgesetz im Juni.

4. Der langjährige SPD-Abgeordnete Jörg Tauss erklärt seinen Parteiaustritt und wechselt zur Piratenpartei.

Mit dem spektakulären Wechsel generierte Tauss einen massiven Follower-Zuwachs und katapultierte sich an die Spitze der politischen Twitter-Charts in Deutschland.

5. Patrick Rudolph (alias @pr_radebeul) plaudert die hochgeheimen Exitpolls für die Landtagswahlen in Sachsen, Saarland und Thüringen aus.

Der Stadtverordnete aus Radebeul versetzt damit Meinungsforscher, Medien und den Bundeswahlleiter in helle Aufregung.

6. Die erste Sitzung des 16. Bundestages wird zur Twitterparty – Sören Bartol, Volker Beck und  Halina Wawricek feiern mit (vgl. auch die schöne Zusammenstellung drüben bei Homo Politicus).

7. @muentefering tritt zurück (Franz Müntefering aber noch nicht).

Der zugehörige Bericht der Agentur Metronaut („Wir waren Franz Müntefering“) erklärt vieles über das Führen eines Fake-Accouts und beinahe noch mehr über die Twitter-Kompetenz deutscher Journalisten.

8. Im Spätherbst beginnen die Hörsäle zu twittern – in München, Berlin, Marburg und anderswo informieren Twitter-Accounts über die aktuellen Ereignisse im Hochschulstreik.

Die Hashtags #unibrennt und #unsereuni dominieren die Rankings und sorgen für eine Vernetzung und Verbreitung der Studierendenproteste.

9. Kristina Köhler twittert als Bundesministerin weiter (und gibt auch das Briefeschreiben nicht auf).

Auch ohne ihre überraschende Berufung ins Familienministerium wäre @kristinakoehler im Jahresrückblick aufgetaucht – sie nutzte im Rahmen ihrer Bundestagskampagne nicht nur Twitter, sondern auch andere soziale Netzwerke massiv. Und setzte sich in ihrem Wahlkreis immerhin gegen die bisherige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul durch.

10. Der niedersächsische Landtagsabgeordnete Helge Limburg stellt auf seine Weise Öffentlichkeit her (das ist der persönliche „Politeiatweet“ des Jahres von @codeispoetry – danke sehr!).

Zugleich erhält damit die Debatte um die „Rechtmäßigkeit“ des Twittern aus Plenarsitzungen neuen Schwung – in Augsburg ist bereits ein Twitter-Verbot für Sitzungen des Stadtrates in Kraft.

Der kleine Jahresrückblick auf die 140-Zeichen-Ereignisse zeigt, dass das umstrittene Phänomen Twitter zumindest in der deutschen Politik angekommen ist – von anderen Gesellschaftsbereichen lässt sich das nur bedingt behaupten. Die bisweilen arrogant und hämisch geführte öffentliche Debatte über Sinn bzw. Unsinn des Kürzestformates wird sicherlich auch im nächsten Jahr geführt werden.

Die US-Kollegen von Politico.com gehen von einer „Domestizierung“ und „Verharmlosung“ der Twitter-Kommunikation durch politische Akteure aus.

Danach sieht es in Deutschland eher nicht aus.

Nachtrag: Europawahl

Montag, 15. Juni 2009

Nach der ereignisreichen und bisweilen etwas hektischen Wahl im Web vom 7. Juni ergab sich kurzfristig die Gelegenheit zur Zusammenfassung einiger wichtiger Digitalisierungsaspekte rund um die Europawahl – die Juli-Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik (IP) befasst sich mit dem Thema E-Politics, dafür habe ich nun einige Thesen notiert.

Hier schon mal der Teaser:

Wahlen und Wahlkämpfe sorgen stets für eine verstärkte Auseinandersetzung politischer Akteure mit den Möglichkeiten digitaler, interaktiver Kommunikationsumgebungen – auch bei der von den Wählern massiv vernachlässigten Europawahl war dies der Fall. Ein internationaler Rundblick auf ausgewählte Aspekte politischer Digitalisierung zeigt dabei auch, dass die Nutzung des Internet nicht ausschließlich Marketing- und Kommunikationszwecken dient. Vielmehr beeinflusst die digitale Netzwerkkommunikation Prozess-, Inhalts- und Struktur-Dimension von Politik.

Vorgestellt werden im Artikel folgende Beispielfelder:

e-politics als „klassischer“ Fall von Online-Wahlkampfführung unter Nutzung unterschiedlicher Wahlkampf-Arenen. Der Wahlkampf findet nicht mehr nur auf Partei-, Politiker- und Kampagnenseiten statt, sondern verlagert sich in das so genannte Social Web, auf Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter. Zudem sind erste Projekte entstanden, die den Versuch zur Abbildung einer „Europäischen Öffentlichkeit“ unternehmen, indem z.B. Inhalte der Online-Kommunikation integriert werden (zB Tweetelect)

e-policy als grenzüberschreitendes, im Entstehen befindliches „europäisches“ Politikfeld, das sich entlang der Fragen zur Modernisierung des Urheberrechts (Pirate Bay-Prozess in Schweden, Hadopi-Gesetz in Frankreich) sowie der Kontrolle von Online-Inhalten (#zensursula-Debatte in Deutschland) abbilden lässt. Geeignet erscheint hier als Oberbegriff das Segement der „digitalen Bürgerrechte“, zu denen zB auch der allgemeine Schutz von Daten sowie Persönlichkeitsrechten im Netz eingegliedert werden kann.

e-polity als „Beweis“, dass neue Medien politische Systeme längst auch auf institutioneller Ebene beeinflussen können – am anschaulichsten lässt sich dies anhand des Wahlerfolges der schwedischen Piratenpartei (Piratpartiet) zeigen (hierzu gab es ja bereits während der ZDF-Sendung einiges Material, die üblichen Verdächtigen Online-Publikationen haben sich in den Tagen nach der Europwahl mit dem Wahlerfolg in Schweden und den Perspektiven für Deutschland befasst).

Als zusätzliches Thema hätte hier noch die „Digitalisierung des Wahlaktes“ am Beispiel der Online-Wahl in Estland diskutiert werden können, doch da war das Zeichenkontingent der IP bereits aufgebraucht.

(Der Link zur Sonderausgabe folgt nach der Publikation.)

In eigener Sache: Bad Boll

Montag, 23. März 2009

Blogger in den USA mischen sich ein, setzen Themen, organisieren Treffen, sammeln Spenden – machen Politik. Diese zivilgesellschaftliche Basisbewegung zeugt nicht von Politikverdrossenheit, sondern arbeitet außerhalb der politischen Parteien für die Erhaltung demokratischer Grundwerte und eröffnet somit neue politische Perspektiven – auch im deutschen Wahljahr 2009.

So steht es in der Ankündigung für die Tagung Blogger machen Politik. Zivilgesellschaftliches Engagement im Web 2.0, die am 28. März in der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfindet, Mitausrichter ist das Karlsruher ZKM.

Ich soll dabei etwas über den US-Wahlkampf und die möglichen Folgen im Superwahljahr erzählen, ebenfalls am Start sind Markus Beckedahl (leider ohne Co-Referent Hartmut Mehdorn) und Caroline von Lowtzow. Dazu gibt es ein Panel mit Online-Verantwortlichen der baden-württembergischen Landtagsparteien sowie der Linkspartei.

Weitere Informationen finden sich hier.

Update: Beinahe zeitgleich findet in Stuttgart die Veranstaltung DemokratieZweiNull – Wahlkampf im Web statt,  bei der sich Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim u.a. mit der Online-Strategie von Barack Obama auseinandersetzt.

Update 2: Passend zum Tagungsthema habe ich drüben bei zeit.de das so genannte digital town hall meeting vom  26. März beschrieben und kommentiert. Meiner Meinung nach eine Debatte im protected mode, bei zusätzlicher Favorisierung des anwesenden Publikums. Die Beantwortung von fünf aus mehr als einhunderttausend online eingereichter Fragen ist sicher alles andere als eine gute Quote. Trotzdem setzt der Event neue Maßstäbe.

Update 3: Begleitend zur Veranstaltung gab es ein kurzes Interview (4:51 Min) auf SWR2.

In eigener Sache: Washington, DC

Dienstag, 30. September 2008

Gerade erschienen: ein kleiner Artikel über politischen Journalismus in den USA für die Oktober-Ausgabe des ARTE Magazins. Der Teaser geht so:

Wer würde heute einen Abhörskandal im Weißen Haus aufdecken? Der investigative Reporter in der Tradition der Watergate-Rechercheure Woodward und Bernstein findet sich nicht mehr in Amerikas größten Medienhäusern, sondern im Internet-getriebenen Bürgerjournalismus. Ein Besuch in der Hauptstadt der US-Mediendemokratie, Washington D.C. (mehr)

Studie: Junge Menschen sehen weniger fern…

Montag, 4. August 2008

Das Ergebnis einer ersten, nicht-repräsentativen, privatempirischen Überprüfung: Stimmt. ;-)

Anfang August ist die aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen, deren – eher erwartbare – Resultate bereits für Resonanz und Diskussionen gesorgt hat (hier die Themenausgabe der Media-Perspektiven mit mehreren Auswertungsartikeln). Die MSM konzentrieren sich auf die überschriftszeilentauglichen Augenfänger wie „Lieber Fernsehen als Surfen“, „Täglich eine Stunde online“ oder aber „Internet hängt TV ab“ (was ja nicht einmal stimmt).

In einigen Blogs kursieren seit der Publikation am 1. August ein paar Spontankommentare (zB netzpolitik.org, basicthinking, onlinejournalismus.de), die meisten verweisen auf den gewohnt schnell, kompetent und ausführlich arbeitenden Herrn Schmidt mit Dete (inkl. follow-up und Wort zum Sonntag). Dort gibt es bereits eine sich allmählich verästelnde Debatte um die Methodik der Studie sowie v.a. die Web 2.0-relevanten Abschnitte der Untersuchung.

An dieser Stelle nur zwei Dinge (nach einem ersten, wirklich nur oberflächlichen Screening des Materials):

1. Daten zu einer (wie immer gearteten) „politischen Nutzung“ des Internet gibt es so gut wie nicht. Im Überblicksartikel von van Eimeren/Frees zur Internetverbreitung taucht das Wort „Politik“ nicht einmal auf, das Themenfeld verschwimmt in der Catch-all-Kategorie „Nachrichten“. Es wäre doch eigentlich nicht völlig abwegig gewesen, schon im Jahr vor einem Superwahljahr wie 2009 (Bundespräsident, Europa, Bundestag, mindestens vier Landtage) mal ein paar Fragen in diese Richtung zu stellen, um dann im Jahr nach der Wahl mögliche Veränderungen beobachten zu können.

Dieses doch eher simple Verfahren setzt setzt einiger Zeit zB das Pew Internet and American Life Project um, so auch mit dem Report The Internet and the 2008 Election. Auch hier sind die Ergebnisse zwar nicht bahnbrechend (immer mehr Menschen nutzen das Netz für Wahlinformationen, beteiligen sich an Online-Kampagnen und Barack Obama hat die meisten Unterstützer), doch entsteht dabei allmählich ein recht konkretes Bild davon, wie sich die verschiedenen Dimensionen von Politik im Internet entwickelt haben. Noch sehr viel differenzierter ist die vollständige Materialsammlung des Pew Research Center zur US-Wahl 2008.

2. Der Hinweis auf eine verstreut eingesehene Grafik aus dem offiziellen Studienmaterial, das die zeitliche Verteilung der Internetnutzung im Tagesverlauf darstellt.

Leicht lapidar heißt es dazu im Begleittext:

Die Analyse der Internetabrufe im Tagesablauf verdeutlicht, dass sich die Internetnutzung immer stärker in den Abend verlagert. Lagen bis vor wenigen Jahren die Zugriffe der Internetnutzung noch dominant am Vor- und Nachmittag, war bereits in 2005 keine einheitliche Primetime festzumachen, da die Nutzungszeiten am Vormittag, Nachmittag und frühen Abend lagen. Dies hat sich in 2005 verändert.

Zwar ist weiterhin eine erste Primetime am Vormittag auszumachen, zum Beispiel für die
E-Mail-Kommunikation und den Informationsupdate, aber die primären Nutzungszeiten liegen nun am Vorabend und in der Fernseh-Primetime zwischen 20.00 und 22.00 Uhr.

Das ist alles andere als uninteressant: der größte Zuwachs liegt in der Zeit ab 17 Uhr, mit den absoluten Spitzen während des klassischen TV-Abendprogramms. Hier verbirgt sich gleich in mehrfacher Hinsicht einige Sprengkraft – zunächst ist dies die ökonomische Schlüsselzeit für den Verkauf von Werbezeiten, und spätestens jetzt werden sich wohl einige Unternehmen wirklich Gedanken darüber machen, in welches Medienumfeld sie ihre Werbegelder delegieren. Wenn es noch so etwas wie ein „Familienfernsehen“ gibt (auf Angebots- wie auf Nachfrageseite), dann würde es wohl in dieser Zeit stattfinden – die Daten legen jedoch eher ein familiäre media diet nahe, die über mehrere Bildschirme eingenommen wird. Und auch die Vertreter der Printmedien werden diesen Tagesplan der Mediennutzung mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen – meist sind in dieser „neuen“ Hauptnutzungszeit die Zeitungsausgaben des Folgetages bereits online einsehbar: wozu dann noch am nächsten Morgen die Frühstücks- oder Pendlerlektüre aus dem Briefkasten holen?

Die besonders in der Zeitdimension wirkende Konkurrenzsituation deutet dabei auf das Zersplittern des Publikums hin, denn auch die These einer „Mediennutzung im Hintergrund“ scheint bei ähnlichen oder gleichen Inhalten obsolet. Der in der Studie mehrfach erwähnte Erfolg der so genannten „Videoportale“ untermauert die Dominanz audiovisueller Medieninhalte, noch zu klären ist aber in den nächsten Jahren, auf welchem Übertragungsweg die Zielgruppen erreicht werden. Im „klassischen“ Fernsehen oder auf den Videoportalen des Internet. Und das gilt für (fast) alle: Unternehmen, Medienanbieter und – die Politik.

So weit, so unsortiert. Mal sehen, wie es mit der Studienrezeption weiter geht.