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Die Summe aller Ängste

Dienstag, 17. November 2015

Unter dem obigen Titel habe ich ein Jahr nach 9/11 einen kurzen Beitrag für das ARTE TV Magazin verfasst und mich mit den Folgen für die US-amerikanische Politik auseinandergesetzt. Leider scheinen einige Ahnungen und Entwicklungsperspektiven von damals noch immer aktuell, daher poste ich hier einmal einen Scan des Artikels (die Originaldatei liegt mir nach einigen Rechnerwechseln nicht mehr vor).

Grundsätzlich funktioniert die damals vorgenommene Dreiteilung der Effekte auf globale, nationale und lokale Folgen der Terroranschläge nach wie vor und an manchen Stellen ließe sich George W. Bush problemlos durch François Hollande ersetzen. Die Grundtendenz in der außenpolitischen Ausrichtung ist unverändert, im Artikel hieß es: „Mit Blick auf die globale Situation nach den Anschlägen dominiert eine harte, entscheidungsfreudige, aktivistische Linie – das Leitmotiv lautet „Kampf gegen den Terror.“

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich die „administrative Radikalkur“ auf innen- und sicherheitspolitischer Ebene auch in Frankreich entfaltet – in den USA wurden nach 9/11 nicht nur die Grundlagen für das heutige Überwachungsregime gelegt, sondern auch zahlreiche neue Ämter und Strukturen eingerichtet worden, die den Bereich der „Homeland Security“ neu definiert haben.

Allein auf lokaler Ebene fallen die Unterschiede auf – die Anschläge von Paris haben kein Monument der Stadtarchitektur niedergerissen, sondern suchten und fanden ihre Opfer in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt. Die Erneuerung eines urbanen Leerraumes steht in Paris nicht an, bis die Risse und Schäden der Anschläge an der Seine verheilt sind, wird es aber vermutlich ähnlich lange dauern wie seinerzeit am Hudson.

Über die Strategien der Aufarbeitung lässt sich derzeit noch nicht viel sagen, mit den sozialen Medien ist zwischenzeitlich eine neue Sphäre der Erinnerungspolitik entstanden, die als Resonanzraum für Antwortversuche auf das Terrorgeschehen wirkt – Hashtags, Grafiken, Zeichnungen bilden eine erste Linie von Instant-Reaktionen auf die Anschläge. In der Stadt selbst (und auch anderswo) übernehmen blau-weiß-rote Lichtinstallationen die Aufgabe einer visuellen Mahnung, ganz ähnlich den 2002 errichteten „Towers of Light“. Im nächsten Schritt dürften andere kulturorientierte Reaktionen folgen, so wie es in New York Videobotschaften oder Spontankonzerte gegeben hat. Nach der gestrigen Schweigeminute um 12 Uhr dürften die Fußballspiele des heutigen Abends eine ähnliche Rolle übernehmen.

Zum ganzen Artikel:  Die Summe aller Ängste, in: ARTE TV Magazin, Nr. 9/2002. S. 4.

Der Obama-Effekt

Montag, 25. Oktober 2010

Fast zwei Jahre ist es nun her, seit Barack Obama ins Weiße Haus gewählt wurde – jetzt stehen die midterm elections an und so wie es aussieht, wird diese Kongresswahl zu einem Referendum gegen den Präsidenten und mehr als nur einem Denkzettel für ihn und seine Partei.

Mit Facebook nach Washington?Folgt man der Vorberichterstattung, so gibt es einen nennenswerten enthusiasm gap zwischen Demokraten und Republikanern – oder sollte man besser sagen zwischen dem progressiven und konservativen Spektrum? Denn mitunter deutlich rechts von der republikanischen Parteiplattform sorgen seit geraumer Zeit die Anhänger der Tea Party für Aufsehen und treiben nicht nur den Demokraten die Sorgenfalten auf die Stirn. Neben dieser ideologischen Verschiebung ist noch etwas ganz anders als 2008: die Republikaner haben das Internet als Kampagnenplattform entdeckt und haben den zuletzt klar überlegenen Demokraten offenbar den Rang abgelaufen. So scheint es zumindest, denn um Größenordnung und Bedeutung der Anzahl von Freunden, Fans und Followern tobt inzwischen eine heftige Debatte.

Klar ist aber schon jetzt: hier handelt es sich um das bisher beste Bespiel für den häufig vorschnell herbei geredeten Obama-Effekt – doch ob es den Facebook-Favoriten und Twitter-Königen tatsächlich auch gelingt, ihr digitales Übergewicht in analoge Stimmen zu verwandeln, wird erst der Wahltag am 2. November zeigen.

Der einführende Text „Obamas gute Schüler“ mit Hinweisen auf verschiedene Blogs und Materialien zum Streit zwischen „Online-Left“ und „Online-Right“ ist heute bei heute.de/zdf.de erschienen. Update: Ein Rückblick auf den Internet-Wahlkampf mit einigen Kampagnen-Beispielen ist für Zeit Online vorgesehen.

Auch wenn der Disput um Größe und Bedeutung der Online-Basis manchmal als Spezialistendiskurs unter Polit-Nerds geführt wird, so halte ich die Debatte dennoch für überaus spannend: zum einen werden dabei neue Methoden zur Abbildung politischer Online-Aktivität erprobt und dadurch die Kampagnen- und Beteiligungslandschaft neu vermessen. Zum anderen dürften die Wahlergebnisse auch Hinweise darauf liefern, wie sich die virtuelle Unterstützung im Netz tatsächlich in Wählerstimmen übersetzen lässt. Ein Indikator dafür werden vor allem solche Wahlkreise sein, in denen es klare Unterschiede zwischen klassischen Meinungsumfragen und den Werten der Online-Unterstützung gibt.

Anschlussfähig ist an dieser Stelle darüber hinaus die seit einigen Wochen an prominenter Stelle geführte Debatte um den generellen Wert politischer Kommunikation im Internet – im „New Yorker“ hatte der Bestseller-Autor Malcolm Gladwell soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook als rein virtuelle Veranstaltungen disqualifiziert, die keine Auswirkungen auf die „echte Politik“ im öffentlichen Raum hätten (eine gute Zusammenfassung dazu lieferte Dirk von Gehlen). Die Kritik an Gladwells These folgte auf dem Fuß, allerdings auf deutlich mehr als 140 Zeichen (lesenswerte Repliken stammen u.a. von Biz Stone, Jonah Lehrer oder Maria Popova). Sollte nun den Facebook-Favoriten und Twitterkönigen der diesjährigen Wahlsaison der Durchmarsch an der Urne gelingen, wäre dies ein weiteres Indiz für die gestiegene politische Bedeutung des Internet.

PS: Lassen sich aus diesen Entwicklungen bereits Schlüsse für die Präsidentschaftswahl 2012 ableiten? Wohl kaum. Barack Obama hat derzeit gut 15,2 Millionen Facebook-Freunde. Tendenz: steigend.

In eigener Sache: Boston

Mittwoch, 29. Oktober 2008

(Warning: This post may contain elements of media sentimentalism)

Vor etwas mehr als zwölf Jahren begann die Vor-Ort-Recherche zum Online-Wahlkampf in den USA im Rahmen der Arbeit an meiner Dissertation mit einem Musikvideo: Richard Ashcroft, der seltsame Sänger von The Verve wanderte stoisch durch die Straßen einer nicht näher vorgestellten Stadt (im Zweifel: New York?), blickte starr in die Kamera und ließ sich durch nichts und niemand an seinem Spaziergang hindern. Mit dem Sound der Bittersweet Symphony im Kopf folgten dann gut fünf Wochen Eintauchen in die noch sehr fremde Welt der US-amerikanischen Internet-Szene. Im Gepäck damals: ein etwa vier Kilogramm schweres Notebook und ein paar Adressen der wenigen Internet-Forscher, die sich kurz nach dem Durchbruch des World Wide Web mit dessen Folgen auf Wahlkampf und Politik auseinandergesetzt hatten.

An fortgeschrittenes Equipment im personal media-Segment war dagegen nicht zu denken: Digitalkameras waren unerschwinglich (oder noch gar nicht im Markt?), Mobiltelefone gehörten noch eher in die Kategorie Weltraumtechnologie. Immerhin war im Vorfeld der Reise noch eine Modemkarte im inzwischen antiken PCMCIA-Format erstanden worden (zum Spottpreis von ca. DM 500.- gab es immerhin eine maximale Übertragungsrate von 28.8 K). Online von unterwegs war also möglich, der Uplink fand per analogem Modemkabel statt, wenn man Glück hatte, über einen lokalen und in den USA kostenlosen Einwahlknoten des Internet-Providers AOL. Mit diesem minimal set der mobilen Datenfernkommunikation konnte man aber immerhin schon etwas anfangen – die E-Mail-Korrespondenz mit der akademischen Heimat war sicher gestellt (privat nutzte man eher die aus dem Reiseführer bekannte Technologie der calling card – das Skype der frühen Tage).

Nach ein paar Tagen vor Ort stellte sich heraus, dass es einiges zu berichten gab: zum Beispiel über die „aus dem Boden schießenden“ Internet-Cafés, in denen man entweder für teures Geld ein paar Stunden auf schnellen Maschinen im Internet surfen oder zeitgemäße Computerspiele spielen konnte. In den ganz vornehmen Varianten gab es sogar Rechner, die mit einer externen Kamera (!) ausgerüstet waren, so dass digitale Beweisfotos von der innovativen Telearbeit möglich waren (das hieß dann CU-SeeMe). Herrliches Material für kurze Berichte von der digital frontier. Doch wie teilt man diese Neuigkeiten den Daheimgebliebenen mit? Die eigene Website gab es zwar schon (und gibt es noch, als digitales Datenmuseum: www.spokk.de), aber von außerhalb des Hochschulnetzes war kein Zugriff und also auch keine Aktualisierung möglich. So half nur die Kollaboration mit den Mitforschern in Mittelhessen: die Texte wurden per E-Mail nach Gießen versendet und dort hinter der universitären Firewall auf die Website geladen. So entstanden die NotebookNotizen, eine Art Forschungsjournal aus der Fremde. Heute würde man das vielleicht als frühen Blog-Versuch bezeichnen – wenn Blogs denn noch auf der Höhe der Zeit wären.

Der Feldausflug im Jahr 2008 sieht etwas anders aus, fühlt sich aber doch irgendwie bekannt an. Richard Ashcroft läuft jetzt auf dem iPod, genauso wie die Soundtracks zu Finanzkrise (Heaven 17: Penthouse and Pavement), Präsidentschaftswahl (Morrissey: America is not the World), World Series (Belle & Sebastian: Piazza, New York Catcher) und Abenden allein im Hotelzimmer (The Album Leaf, Air, Phoenix). Auf einer Google-Map sind die Orte verzeichnet, an denen man die Interviewpartner trifft (die man aber schon als Facebook-Freund kennt) und gleich wird auf Twitter die Location von Deutschland auf Ostküste umgestellt.

Während ein Highlight der 1996er-Reise die Live-Begleitung einer Debatte in einem New Yorker Internetcafé war (vgl. hier), wird in diesem Jahr der election day in New York verfolgt. Dann vermutlich inklusive Live-Schaltung nach Deutschland per Skype (allerdings wohl nur mit Ton, denn das aktuelle Notebook ist etwas kleiner und leichter, hat aber keine Kamera).

Und natürlich ist der Zugang zum hiesigen Weblog inzwischen etwas unkomplizierter geworden. Trotz aller Verfallserscheinungen dieses einstigen Modeformats wird es auch weiterhin beibehalten, flankiert von kleineren Eintragungen im weltweiten Getwitter. In diesem Sinne: stay tuned

In eigener Sache: Washington, DC

Dienstag, 30. September 2008

Gerade erschienen: ein kleiner Artikel über politischen Journalismus in den USA für die Oktober-Ausgabe des ARTE Magazins. Der Teaser geht so:

Wer würde heute einen Abhörskandal im Weißen Haus aufdecken? Der investigative Reporter in der Tradition der Watergate-Rechercheure Woodward und Bernstein findet sich nicht mehr in Amerikas größten Medienhäusern, sondern im Internet-getriebenen Bürgerjournalismus. Ein Besuch in der Hauptstadt der US-Mediendemokratie, Washington D.C. (mehr)

Die USA wählt (digital)

Mittwoch, 27. Februar 2008

Terminhinweis: Die Politics Online Conference in Washington, DC (4./5. März) befasst sich mit dem aktuellen Stand der politischen Nutzung des Internet, vor allem darum geht es:

„The Politics Online Conference sits at the intersection of smart politics, good governance, transparent democracy, and innovative technology, spotlighting tools, applications, strategies, and ideas that affect a range of functions, from writing policy to organizing democratic movements to running a smarter political campaign to building dialogue with your constituents.“

So kann man das sagen.