Posts Tagged ‘Wahl im Web’

In eigener Sache: Hamburg

Donnerstag, 17. Februar 2011

Update: Die Hamburger Drei-Farben-Woche ist vorbei und auf St. Pauli-Braun (Mittwoch), HSV-Blau (Samstag) folgte ein sattes SPD-Rot. Weitere Namen, Daten und Zahlen sind bekannt (hier die schon am Wahlabend sehr hilfreiche Website des Landeswahlleitung).

Nachgereicht noch ein paar Gedanken, die während der Wahl im Web“-Sendung nur angetextet werden konnten.

1. Der Online-Wahlkampf ist im Web 2.0 angekommen
Die vergleichsweise langweiligen Online-Wahlkampagnen in der Hansestadt haben sich bis zum Wahltag systematisch an das Web 2.0 und die „sozialen Medien“ angenähert. Augenfälligste Beispiele waren die Marathon-Aktionen von Grünen (3 Tage wach) und Julis (50 Stunden nonstop) und vor allem Twitter und Facebook am Wahlsonntag. Tagsüber dominierten die 140-Zeichen-Nachrichten aus den Wahllokalen und von unterwegs, nach 18 Uhr übernahm bei der arbeitsteiligen Echtzeitkommunikation dann Facebook. Die Pinnwände der Facebook-Profile sind dabei die Neuauflagen der Gästebücher – neue Freunde, Glückwünsche und Schulterklopfer (bzw. „Gefällt mir“-Daumen) gab es für die Wahlsieger, Beileid und Spott für die Verlierer. Gut zu erkennen war hier auch, dass manchen politischen Akteuren längst noch nicht klar ist, mit welcher Öffentlichkeit sie es hier zu tun haben – vermutlich eher für die wahlparty geeignete Beiträge via Facebook zu äußern, dürfte insbesondere bei der CDU Hamburg für einigen Gesprächsbedarf sorgen (Links und Material folgen).

2. Hamburg ist ein „Altmedien-Standort“
Theoretisch hätte es in der Hansestadt einen lebhaften Online-Wahlkampf geben müssen, der (N)Onliner-Atlas listet Hamburg mit 75,0% Onlinern auf Rang vier im Bundesländervergleich, außerdem rühmt man sich als Medienstandort mit renommierten Unternehmen und zahlreichen Ausbildungsstätten. Davon war vor der Wahl wenig zu spüren: keine innovativen Angebote zur Berichterstattung, keine Experimente mit neuen Formaten (zB im Bereich der Hyperlokal-Berichterstattung) und auch keine Adressierung des Themas im Wahlkampf. Immerhin residieren in Hamburg mit Facebook und Google zwei Firmen, die Barack Obama in seiner „State of the Union“-Ansprache in einem Atemzug mit den Gebrüdern Wright und Thomas A. Edison genannt hat. Natürlich sind Elbvertiefung und Hafenausbau wichtige Wirtschaftsthemen, aber die Neuen Medien sind es eben auch. Beziehungsweise, sie könnten es sein.

3. Personalisiertes Wahlrecht und Social Media
Die 20 zu vergebenden Stimmen des „neuen“ Hamburger Wahlrechts verschieben die Wahl in Richtung Persönlichkeitsorientierung. Warum haben die Kandidaten diesen Ansatz nicht aufgegriffen und die potenzielle Wahlverwandschaft mit personalisierter Kommunikation in den sozialen Medien nicht deutlich gemacht? Bis zu fünf Stimmen, die ad personam vergeben werden können, bieten die Möglichkeit, die parteiintern gebildeten Listen durcheinanderzuwürfeln. Noch scheinen die Kandidaten sich mit der Partei-Hackordung zufrieden zu geben. Außerdem: warum wurde die Form der Stimmabgabe (kumulieren, panaschieren) nicht stärker in die digitalen Kampagnen integriert? Musterstimmzettel, die mittels Mauszeiger das Abstimmen an der richtigen Stelle einüben, wären ein Erfolg versprechendes Feature auf Kandidatenseiten gewesen. Leider Fehlanzeige.

Genauer ansehen muss man sich offenbar auch den parteiinternen Umgang mit dem persönlichen Wahlrecht, wie dieser Beitrag zu Fairnessregeln nahelegt. Eine substanzielle, länderübergreifende Debatte um die Modernisierung des Wahlrechts sollte folgen.

4. Netzpolitik findet nicht statt
Inhaltlich ist mit netzpolitischen Themen wie Datenschutz, Open Data/Open Government, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität etc. kein (Stadt)Staat zu machen. Punkt, Aus, Ende.

5. Es gibt keine NetzpolitikerInnen
Das Thema Netzpolitik wird nicht als persönliches Alleinstellungsmerkmal genutzt. Bindestrich-Politiker ist man nach wie vor mit Themen wie Finanzen, Wirtschaft, Integration, Bildung, oder Sicherheit. Ohne die explizite Verbindung mit einer Person lassen sich die nicht ganz trivialen Themen (vgl. Punkt 4) jedoch nicht vermitteln. Von einem Datensenator/einer Datensenatorin als CIO der Bürgerschaft wollen wir erst gar nicht reden (vgl. dazu auch Punkt 2).

6. Die Piraten sind auch nur noch eine Partei
Der „Normalisierungsprozess“ der Piratenpartei führt die Schwierigkeit deutscher Online-Wahlkämpfe vor Augen. Natürlich sind die Piraten online noch immer eine Macht, daran ändern auch die Besserungsversuche der „Etablierten“ nichts. Dennoch ist es bemerkenswert, wie sehr die „Professionalisierung“ der Piraten (also: der Aufbau von formalen Strukturen, die Differenzierung und Delegation von Arbeitsaufgaben, die Orientierung an konkreten Wahlzielen wie Stimmenmaximierung) gleichzeitig als „Verlangweiligung“ verstanden werden kann. Natürlich ist es rational und konsequent, die Aufmerksamkeit von online nach offline zu verschieben – die Piraten müssen das Netz verlassen, um eine größere Klientel zu erreichen und zumindest in die Nähe der 5%-Hürde zu kommen. Die damit verbundene „Analogisierung“ der Themen ein Effekt – die sehr viel weitreichendere Überlegung ist aber: kann es sein, dass die formale Organisation von Interessen im Rahmen klassischer Partestrukturen das innovative Potenzial der offenen, dezentralen Unterstützerkommunikation unter sich begräbt? Das wäre insofern nicht nur interessant für eine künftige Einschätzung der Piratenaktivität – sondern es hieße auch, dass die besondere Ausprägung der „Parteiendemokratie“ der eigentliche Hemmschuh für die Entwicklung einer digitalen Demokratiekultur in Deutschland ist.

7. Die Modernisierung des Zählens
Und dennoch passieren Dinge, die sind einfach so gut, dass man sie nicht besser erfinden könnte. Aus der fixen (und ziemlich nerdigen) Idee, die Auszählung der Stimmen per Livestream einer breiteren Öffentlichkeit (oder überhaupt einer Öffentlichkeit) zugänglich zu machen, entwickelte sich die heimliche Erfolgsgeschichte des Wahltags (Disclaimer: ich kenne die „Auszählungsöffentlichkeitshersteller“ persönlich und habe bereits mehrfach mit ihnen zusammengearbeitet).

Die Crew des Wahllokals 105.02 schaltete am Sonntag ab ca. 18.20 Uhr via make.tv einen Livestream, der Außenstehenden einen Blick auf die demokratisch wertvolle Tätigkeit des „Wahlhelfens“ vermittelte. Außer stapelweise Papier und konzentriert arbeitenden Menschen sah man gelegentlich Wahlvorsteher Jöran Muuß-Merholz in die Kamera sprechen und das Geschehen erklären.

Bereits im Laufe des Tages hatten Hinweise auf die Aktion im Netz für Aufmerksamkeit gesorgt, und folgerichtig geriet der Stream schnell an die Kapazitätsgrenzen – vor allem auch deshalb, weil die so genannten Massenmedien über die Aktion berichtet haben. Ein Link aus dem Spiegel Online-Ticker und die Erwähnung in der Wahlsondersendung des ZDF gegen 19.15 Uhr brachten den Stream ins Wanken.

Was aber ist nun so spektakulär daran? Im Grunde nicht viel, denn „Öffentlichkeit“ gehört schließlich zum Standard der Auszählungspraxis in Deutschland – jeder Bürger hat grundsätzlich die Möglichkeit, nach 18 Uhr in (s)ein Wahllokal zu gehen und sich dort von der Richtigkeit des Verfahrens zu überzeugen. Nur: war macht so etwas?

Das demokratische Ritual des Wählens erschöpft sich für die Allermeisten in der Stimmabgabe an der Urne (oder zunehmend zu Hause, in der mehr oder weniger individuellen Briefwahl-Variante). Die wertvolle Kultur des „Wahlhelfens“ ist vom Aussterben bedroht und wird zunehmend zu einem Kostenfaktor (bei der Bürgerschaftswahl 2008 war „Erfrischungsgeld“ mit 6,3 Millionen Euro der mit Abstand größte Posten in der damaligen Endabrechnung des Landeswahlleiters). Die Live-Übertragung dieser für demokratische Gemeinwesen eigentlich selbstverständlichen Tätigkeit ist eine „Werbung in eigener Sache“, die zugleich Anschauungsmaterial für politische Bildungsveranstaltungen hervor gebracht hat.

Es steht zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht und wir bei den kommenden Landtagswahlen ähnliches zu sehen bekommen. Bis zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt (20. März), Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (jeweils 27. März) ist auf jeden Fall noch genügend Zeit, die Vorbereitungen für solche Nachweise von Democracy in Action zu treffen. Die „Modernisierung des Wählens“ ist in Deutschland ja ein schwieriges Thema, immerhin ist nun bei der „Modernisierung des Zählens“ ein deutliches Signal gesetzt worden. Weiter so!

(Der ursprüngliche Beitrag vom 17.2.2011 folgt nach dem Break.)
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In eigener Sache: Erfurt

Dienstag, 25. August 2009

Am Sonntag ist mal wieder Wahl im Web: im Saarland, Sachsen und Thüringen (Twitter: #sst) finden Wahlen statt. Vier Wochen vor der Bundestagswahl natürlich eine letzte Standortbestimmung, aber vor allem – Landtagswahlen. Das inzwischen bewährte Format feat. Moderator Markus Kavka erfährt also eine Neuauflage, diesmal wird aus Erfurt gesendet. Als Location dient der Centrum Club – im thüringischen Landtag, dort wird die Hauptsendung des ZDF produziert, gab es keine geeigneten Räumlichkeiten. Okay, es ist ja auch einiges unterzubringen, schließlich twittern @Herr_Marx, @malte_politicus und @fabianpingel um die Wette, vier Webscouts beobachten die Online-Ereignisse nach 18 Uhr, @markuskavka braucht Auslauf und ich suche mir einen bequemen Lounge-Chair Clubsessel.

Worüber aber wird berichtet?

Die Wahlgebiete haben sich bisher nicht als Klassenbeste in Sachen Internet hervorgetan, der aktuelle (N)onliner-Atlas führt die drei Länder auf den Plätzen 1 (Saarland), 2 (Thüringen) und 5 (Sachsen) im Offliner-Ranking. Nach der Methodik der Studie sind „Offliner“ jene Menschen, die das Internet zum Zeitpunkt der Befragung nicht nutzen und auch in den nächsten 12 Monaten keine Online-Nutzung planen. Im Saarland gehören 34,4 % der Befragten in diese Kategorie, in Thüringen sind es 33,6 %, in Sachsen 30,3 %. Am anderen Ende der Skala rangiert Berlin – in der Hauptstadt verweigern sich nur noch 23,6 % langfristig dem neuen Medium. Möglicherweise herrschen also nicht die besten Bedingungen für das Führen interaktiver Online-Wahlkämpfe auf den beteiligungsorientierten Plattformen des Web 2.0.

Und es gibt noch weitere Überlegungen, die in diese Richtung weisen: in „#sst“ erzielt die Linkspartei zumindest in den Umfragen recht solide Werte – im Saarland 16 %, in Sachsen 20 % und in Thüringen zuletzt 23% (vgl. die SpOn-Wahlzentrale). Folgt man der Analyse der Kollegen Schoen und Falter zur Bundestagswahl 2005, dann darf man davon ausgehen, dass die Linkspartei nicht in erster Linie auf Internet-affine Wähler abzielt:

Über mehrere Wahlen hinweg war die PDS von Menschen mit hoher formaler Bildung, Beamten, Angestellten und Arbeitslosen bevorzugt gewählt worden, wobei es sich häufig um ehemals Privilegierte des DDR-Systems gehandelt hatte. Arbeiter und Personen mit niedriger formaler Bildung, die als gleichsam natürliche Wähler einer traditionellen Linkspartei erscheinen könnten, zeigten sich dagegen der PDS gegenüber relativ reserviert. Das änderte sich 2005. Nun stimmten Menschen mit formal niedriger Bildung, Arbeitslose und Arbeiter überdurchschnittlich häufig für die Linkspartei. Der Linkspartei.PDS ist es also 2005 gelungen, verstärkt in soziale Gruppen vorzudringen, die ihr vorher eher fern gestanden hatten. Gemessen an ihrer Attraktivität in verschiedenen sozialen Gruppen, hat sie sich – überspitzt formuliert – von einer Elitenpartei in Richtung einer Unterschichtpartei entwickelt.

Zu verbinden ist diese Darstellung mit den Resultaten der ARD/ZDF-Offlinestudie 2009 – neben dem Alter wird dort auf den Bildungsgrad als wesentlicher Grund für die Internet-Abstinenz verwiesen:

Nicht nur durch das höhere Alter, sondern auch durch die Nicht-Berufstätigkeit lassen sich die Offliner charakterisieren. Auch wenn der Anteil unter  den Nicht-Berufstätigen seit Jahren sinkt, so sind es 2009 immer noch knapp zwei Drittel in dieser  Gruppe, die kein Internet nutzen – vor fünf Jahren aren es noch über drei Viertel. Damit zeigt sich erneut der starke Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Beruf.

Unmittelbar gekoppelt mit den Zahlen der Linkspartei sind aber die Werte für die SPD – bisher stets eine tragende Säule mit Blick auf den Online-Wahlkampf. Während sich im Saarland der „neue Mann“ Heiko Maas noch halbwegs stabil (26 %) als Haupt-Herausforderer von Ministerpräsident Peter Müller präsentiert und vor allem mit einigen formal auffälligen YouTube-Videos punktet, sind die Sozialdemokraten in Sachsen (20 %) und Thüringen (14 %) nur noch dritte Kraft. Weitaus stärker als die dürftigen Prognosen wirkt sich aber die dünne Personaldecke auf die Online-Performance aus – die einfache Formel lautet hier: weniger Parteimitglieder, weniger Online-Wahlkampf. Der thüringische Landesverband notiert im Juli 2009 nur 4.374 Mitglieder, in Sachsen sind es mit 4.230 potenziellen Bloggern, Twitterern oder Facebook-Freunden mit Parteibuch sogar noch etwas weniger. Geradezu opulent mutet dagegen das Reservoir im Saarland an, dort sind zum 31.7.2009 immerhin noch 21.593 Genossen registriert.

Doch auch die anderen Parteien machen nicht unbedingt durch forcierte Digitalisierung auf sich aufmerksam – und warum auch? Gleich mehrere Kontextbedingungen begünstigen einen klassischen Medienwahlkampf und auch der Obama-Effekt scheint allmählich nachzulassen. Nicht mehr jede Online-Aktivität deutscher Politiker – zumal auf Landesebene – wird in eine Reihe mit der spektakulär erfolgreichen Internet-Kampagne des US-Präsidenten gestellt. Ein Grund dafür ist sicher der größere zeitliche Abstand zur Obamania zu Jahresbeginn, ein anderer Grund trägt den Doppelnamen Schäfer-Gümbel. Gerade Landespolitiker müssen seit dem hessischen Landtagswahlkampf im Januar mit der gewagten, aber letztlich erfolgreichen Internet-Strategie von @tsghessen konkurrieren – das #sst-Spitzenpersonal aber unternimmt erst gar nicht den Versuch, die Online-Aktivitäten in ähnlicher Weise ins Zentrum der Kampagne zu stellen wie der an der Urne zwar unterlegene, in der eigenen Partei aber gefestigte Mittelhesse.

Angesichts solcher Rahmenbedingungen führt die Recherche fast automatisch in Richtung der Piratenpartei – doch ach: die netzaffine Bande führt einzig in Sachsen ihre Armada in die Schlacht (sorry, diese Seefahrts-Metaphern schreiben sich fast von alleine). In den beiden anderen Bundesländern führt dies zu einer Annäherung an die Grünen – während man sich in Thüringen zu einer durchaus formalen Kooperation durchringen konnte, sieht das im Saarland noch etwas anders aus. In Sachsen dagegen steht die Piratenpartei am 30. August sehr wohl auf dem Stimmzettel, allerdings nicht am 27. September. Die Begründung dafür lautet:

Der Landesverband Sachsen, erst am 08.08.2008 gegründet und deswegen noch in der Aufbauphase, sah sich, konfrontiert mit der am 30. August und damit fast zeitgleich mit der Bundestagswahl stattfindenden Landtagswahl, außerstande, beide Ereignisse ihrer Wichtigkeit gemäß zu bearbeiten und entschloss sich deshalb auf eine Teilnahme an der Bundestagswahl zu verzichten.

Wie clever diese Entscheidung gewesen ist, wird sich zeigen – die Debatte um das „Zugangserschwerungsgesetz“ jedenfalls hat in Ursula von der Leyen (aka #Zensursula) ihre Personifizierung gefunden, gilt aber vor allem als bundespolitisches Thema.

All diese Faktoren deuten zwar darauf hin, dass die „Wahl im Web“ sich am Sonntag mit einem Online-Wahlkampf in der Offline-Zone auseinandersetzen muss. Ich würde sagen, es gibt schlechtere Ausgangspositionen für einen spannenden Wahlabend im Netz.

Nachtrag: Europawahl

Montag, 15. Juni 2009

Nach der ereignisreichen und bisweilen etwas hektischen Wahl im Web vom 7. Juni ergab sich kurzfristig die Gelegenheit zur Zusammenfassung einiger wichtiger Digitalisierungsaspekte rund um die Europawahl – die Juli-Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik (IP) befasst sich mit dem Thema E-Politics, dafür habe ich nun einige Thesen notiert.

Hier schon mal der Teaser:

Wahlen und Wahlkämpfe sorgen stets für eine verstärkte Auseinandersetzung politischer Akteure mit den Möglichkeiten digitaler, interaktiver Kommunikationsumgebungen – auch bei der von den Wählern massiv vernachlässigten Europawahl war dies der Fall. Ein internationaler Rundblick auf ausgewählte Aspekte politischer Digitalisierung zeigt dabei auch, dass die Nutzung des Internet nicht ausschließlich Marketing- und Kommunikationszwecken dient. Vielmehr beeinflusst die digitale Netzwerkkommunikation Prozess-, Inhalts- und Struktur-Dimension von Politik.

Vorgestellt werden im Artikel folgende Beispielfelder:

e-politics als „klassischer“ Fall von Online-Wahlkampfführung unter Nutzung unterschiedlicher Wahlkampf-Arenen. Der Wahlkampf findet nicht mehr nur auf Partei-, Politiker- und Kampagnenseiten statt, sondern verlagert sich in das so genannte Social Web, auf Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter. Zudem sind erste Projekte entstanden, die den Versuch zur Abbildung einer „Europäischen Öffentlichkeit“ unternehmen, indem z.B. Inhalte der Online-Kommunikation integriert werden (zB Tweetelect)

e-policy als grenzüberschreitendes, im Entstehen befindliches „europäisches“ Politikfeld, das sich entlang der Fragen zur Modernisierung des Urheberrechts (Pirate Bay-Prozess in Schweden, Hadopi-Gesetz in Frankreich) sowie der Kontrolle von Online-Inhalten (#zensursula-Debatte in Deutschland) abbilden lässt. Geeignet erscheint hier als Oberbegriff das Segement der „digitalen Bürgerrechte“, zu denen zB auch der allgemeine Schutz von Daten sowie Persönlichkeitsrechten im Netz eingegliedert werden kann.

e-polity als „Beweis“, dass neue Medien politische Systeme längst auch auf institutioneller Ebene beeinflussen können – am anschaulichsten lässt sich dies anhand des Wahlerfolges der schwedischen Piratenpartei (Piratpartiet) zeigen (hierzu gab es ja bereits während der ZDF-Sendung einiges Material, die üblichen Verdächtigen Online-Publikationen haben sich in den Tagen nach der Europwahl mit dem Wahlerfolg in Schweden und den Perspektiven für Deutschland befasst).

Als zusätzliches Thema hätte hier noch die „Digitalisierung des Wahlaktes“ am Beispiel der Online-Wahl in Estland diskutiert werden können, doch da war das Zeichenkontingent der IP bereits aufgebraucht.

(Der Link zur Sonderausgabe folgt nach der Publikation.)

Wahl im Web: Ebbelwoi-Edition

Dienstag, 13. Januar 2009

Die Wahl ist gelaufen, die Sendung „Wahl im Web“ auch. Hier ist eine 15-minütige Zusammenfassung aus der ZDF-Mediathek, hier der Nachbericht des ZMI (inkl. Feedback). Und hier schließlich die Resultate einer Twittersuche nach dem Hashtag #wahlimweb.

Hier die Ankündigung zum Event (= das alte Posting):

Der zweite Wahltag binnen eines Jahres in Hessen wirft seine Schatten voraus:  die Auseinandersetzung mit dem Wahlgeschehen findet nicht nur in Blogs, auf YouTube oder Twitter statt, sondern auch in den alten elektronischen Medien. Aber auch hier verwischen die Grenzen – als follow-up zur Nacht im Netz anlässlich der US-Präsidentschaftswahl legt das ZDF – genauer: die Online-Redaktion im Verbund mit dem Infokanal – das Format neu auf.

Nach dem Muster des Event vom 3. November 2008 wird die Sendung Wahl im Web an einer Universität aufgezeichnet – praktischerweise bei uns in Gießen. Die Moderation übernimmt jedoch nicht Claus Kleber, sondern Markus Kavka (im Promo-Video auf YouTube nimmt er die Sache für meinen Geschmack ein wenig zu locker). Über Konzept, Gäste und (geplante) Inhalte informiert dieser Bericht auf zdf.de.

In Gießen beflügelt die Veranstaltung ganz offensichtlich die Fantasie: wie aus der offiziellen Pressemitteilung der JLU hervorgeht, gibt es ein public viewing in der Aula – das gab es ja noch nicht mal bei der WM!

Update: Im Vorfeld der „Wahl im Web“ habe ich für zdf.de eine kurze Zusammenfassung zu den diversen Online-Aktivitäten im hessischen Landtagswahlkampf schreiben sollen. Hier ist das Ergebnis.