Midterms: Field Office Fury

Tag 2, unterwegs in Cleveland und Umgebung: Wir beginnen den Tag mit der Visite bei Dave Greenspan, einem Abgeordneten im Ohio State House, der in seinem Wahlkreis westlich von Cleveland zur Wiederwahl ansteht. Das Wochenende steht im Zeichen der Mobilisierung „sicherer“ Wählerstimmen, das Mittel der Wahl ist das klassische canvassing. Dafür sammeln sich die lokalen Unterstützer vor dem field office, das sich erneut in einem gesichtslosen Mehrzweckbau in den weit gefächerten Vorstadtbereichen befindet. Bevor es losgeht, gibt er den volunteers in einer kleinen knock-off-speech ein paar warme Wort mit auf den Weg – Beteiligungswahlkampf aus dem Bilderbuch, wenn man so will.

Inhaltlich interessant ist die Abgrenzung die Greenspan vornimmt, denn er führt eigentlich zwei Wahlkämpfe: „We are campaigning against the opposition and, well, also against the president. We don´t like his rhetoric, we don´t like his demeanor, we don´t like his style.“ Ähnliches hört man hier zwar öfter, aber bislang noch nicht so deutlich und offen. Inwiefern die Trennung zwischen state und federal politics in der Praxis allerdings funktioniert, steht auf einem anderen Blatt.

Die Passage zum zweiten Termin, einer phone bank-Session in Stow, wird unterbrochen von einem seit gestern eingeforderten Zwischenstopp in einer architektonisch geschmackvoll gestalteten Käsekuchenfabrik – allerdings gelegen in einem durchdesignten Stadtentwicklungsprojekt namens Crocker Park. Dem ersten Augenschein nach ist es eine lokale Variante des Celebration-Konzepts aus Florida: Wohnen, Einkaufen und Leben auf der grünen Wiese, gestaltet als eine Art „Mall für Fortgeschrittene“ mit Main Street-Feeling, farmers market und community center.

Angekommen in Stow, etwa 40 Minuten südöstlich von Downtown Cleveland, überrascht zunächst mal die vergleichsweise opulente Immobilie: Das NGO-Joint-Venture von Concerned Veterans for America und America for Prosperity residiert in einer Art Tudor-Landhaus, das inzwischen zu einer Art Co-Working-Space umfunktioniert worden ist. Drinnen gibt es eine kurze Einführung zur radikal Issue-orientierten Mobilisierung durch die field organizer und volunteer activists. Gesponsort werden die Organisationen durch finanzstarke donors, sagen wir mal die Koch-Brüder (entsprechende Literatur findet sich in den Regalen des kleinen Büroflurs, direkt neben allerlei Merchandise-Materialien – am auffälligsten darunter sicher die Miniatur-Handgranate als stress-relief-tool).

Interessant ist sicher die Positionierung der activists in der politischen Landschaft. Die in 38 Staaten vertretenen Organisationen identifizieren über ihr Board of Directors gewünschte Themen, die dann in lokalen und regionalen outreach events in Richtung der Bürgerschaft transportiert werden. Vor den Wahlen werden die Kandidatenprofile auf Passfähigkeit überprüft und dann setzt sich – je nachdem – die Support- oder Abwehrkampagne in Bewegung. Im aktuellen politischen Klima bietet die radikale Issue-Orientierung auch die Möglichkeit für ideologische Fluchtbewegungen in Räume jenseits der politischen Lager. Das Nebenprodukt ist aber auch eine Dekonstruktion ideologischer Rahmenkonzepte, die gerade durch solche Formen des Graswurzel-Aktivismus punktiert und geschwächt werden. Und die Biegsamkeit solcher Organisationen ist hoch: Zuletzt hat America for Prosperity eine Unterstützungskampagne für Brett Kavanaugh gefahren, hier eröffnet die Reduzierung auf das Einzelargument einer unverbrüchlichen, aber vagen Verfassungstreue der Weg zum umstrittenen Supreme Court-Kandidaten.

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