Textilvergehen – Der „Strafstoß“ ist zurück

Aus Anlass des heutigen Auftaktspiels der deutschen Mannschaft habe ich mich neulich an anderer Stelle an die schöne Tradition des Mail-Interviews mit Mathias Mertens erinnert – auch bekannt als dem indirekten freistoß seine Kolumne. Vor zehn (!) Jahren hatten wir uns unter der Schirmherrschaft des geschätzten Kollegen Oliver Fritsch über Fußballdinge ausgetauscht. Nun gibt es eine Neuauflage, wir beginnen unter dem Stichwort Textilvergehen mit diversen Bekleidungsfragen.

Herr Bieber: Wenn Sie ein Trikot wären, Herr Mertens, welches?

Herr Mertens: Herr Bieber, das ist aber eine arg retroistische Frage! Da kann man ja nur mit frühkindlicher Prägung kommen. Also zunächst mal ganz unverbindlich: jedes Trikot auf das irgendeiner hilfloser Geschäftsstellenazubi Comic Sans drucken ließ, bin ich schon mal nicht.

CB: „Retroistisch“? Aber das sind die meisten Trikots doch auch, oder? Aber von „witzigen“ Schreibschriftformen ist man in diesem Jahr doch recht weit entfernt. Kein Zufall, dass sie gleich mit den Schriftzeichen beginnen, vorab könnte man doch auch ein paar Worte über Material, Stoff oder Textur verlieren…

MM: Könnte man. Aber obwohl ich sonst an das Programm „The Medium is the Message“ glaube, muss ich beim Trikot doch feststellen, dass seit Ablösung der Baumwolle durch tagesaktuelle synthetische Technofasern jegliche Botschaftsfähigkeit verschwunden ist. Kein schweissnasses Kleben am Körper mehr, keine grün-braunen Bremsstreifen oder aufgerissenen Nähte, stattdessen Paninibild-hafte, beständige Hochglanzhüllen, an denen alles abrutscht. Ein Spiel vermag ich nicht auf ihnen zu lesen.

CB: Mir persönlich sind ja diese Strukturen und Zusatzmotive aufgefallen, die im Stile von Wasserzeichen eingearbeitet sind (vgl. zB Belgien oder Iran). Das sieht so aus, als hätten die Designer dort einen zusätzlichen „Layer“ eingebaut. Ist das so eine Art Photoshop-Effekt?

MM: Ich würde eher sagen Sportartikelshop-Effekt. Denn das kann doch nur zur Geltung kommen, wenn ich direkt vor dem Ding stehe und es sogar in der Hand halte. Ohne 3D-Körperkameras kommt das im Fernsehen nicht rüber, und ob es überhaupt reale Zuschauer in den Stadien gibt, denen das auffallen könnte, sei mal dahingestellt. Das Wasserzeichen ist das Distinktionsmerkmal beim Merchandising, aber interessanterweise kein Erlebnis-abgleichendes mehr, sondern ein hyperreales. Haben Sie denn schon Ihr diesjähriges Trikot für’s Public Viewing gekauft?

CB: Äh, wie sie vielleicht wissen, wurde ich nicht in irgendeinen Kader berufen (kurzzeitig hatte ich mit der Autorennationalmannschaft spekuliert, aber offenbar hat mein Verlag da nicht genug Lobbyarbeit geleistet). Daher halte ich mich von den Trikots fern. Aber auch der Begleiterstab hat ja inzwischen Ausstatterverträge und auch die „Ausgehanzüge“ der Teams wären auch noch eine Variante (nebenbei: im Schrank lagert noch einiges aus der „sport casual“-Reihe von der Sommermärchen-WM 2006). Bei den dieses Jahr sehr angesagten Gangway-Fotos der Mannschaften vor dem Abflug nach Brasilien hat sich da aber auch niemand wirklich aufgedrängt. Was halten Sie den von der Ikonografie dieser „Wir-wollen-ganz-hoch-hinaus“-Bilder? Ein weiter Weg von den klassischen Mannschaftsfotos auf grünen Wiesen und vor Sperrholzzäunen, oder?

MM: Diese Fotos lassen sich nur mediologisch verstehen. Das ist auf den ersten Blick zwar Posieren für anderer Leute Kameras, aber wenn man die gesamte medientechnische Sozialisation hinzudenkt, wird es zum äußerst privilegierten Selfie. Die wissen alle ganz genau, wie das mit dem Abbilden und dem Verbreiten technisch funktioniert, die haben alle einen immensen Fundus an Bildern in sich, und so benutzen sie den Apparat der Journalistenmeute, um ein aktuell distinguiertes Selbstporträt von sich herzustellen und hochzuladen. Mir scheint aber, dass das klassische Mannschaftsfoto in der Trainingsplatzecke und das Panini-Album-Trikotbrustbild einen sehr viel höheren Inszenierungsgrad besitzen, als diese Laufstegfotos. Gerade wegen ihrer starren Unterwerfung gegenüber der fotografischen Situation. Ich würde ja äußerst gerne von Ihnen, Herr Bieber, ein solches Panini-Bild haben, Sie hätten dafür die richtige Physiognomie und Ausstrahlung.

CB: Sie Schmeichler. Aber na gut, da haben Sie´s (aus urheberrechtlichen Gründen ist das Bild nicht für alle Leser sichtbar). Die Selfie-These gefällt mir gut, und auch den Panini-Hinweis nehme ich gerne auf. Dabei muss dann gleich an diese animinerten Portraits denken, die vor dem Spiel zur Mannschaftsaufstellung eingeblendet werden. Da ist die Pose (verschränkte Arme) ja gleich mit eingebaut, und auch der Spielerblick will angemessen angriffslustig wirken. Wie beurteilen Sie denn hier das Verhältnnis von Medium und Botschaft? (Nebenbei: von Brasiliens Schwalbenkönig Fred möchte ich da ab jetzt ein clowneskes Aus-dem-Bild-Stolpern sehen.)

MM: Das ist so Wrestling-Klischee, wie es Achtziger-Jahre-mäßiger nicht sein könnte. Erinnert an Epic Rap Battles of History, nur nicht so reflektiert. Oder an Streetfighter, nur nicht so authentisch. Aber wir drücken uns um die Trikot-Frage. Ich weiß ja, was ich bin, aber was ist eigentlich mit Ihnen? Ich sage Ihnen direkt, dass nicht jedes FC Bayern-Trikot eigentlich das Ihre ist.
CB: Moment mal! Die Achtziger sind ein gutes Stichwort. Sie haben die 1984-1989er Trikotserie im Blick? Mit dem Nerd-Provider Commodore als Sponsor und dem computerspielartigen Achteck-Muster für das UEFA Cup-Trikot? Und da sind wir wieder beim Retroismus… Nun ist es aber an ihnen – welches Trikot sind Sie, lieber Herr Mertens?

MM: Ich trage eines, in dem ich altertümliche Vereinshaftigkeit mit dem Wunsch nach Weltläufgkeit verbinde. In dem ich auf Baumwolle Petrochemie propagiere. In dem ich billig und nach Big Money aussehe. Ein Trikot, in dem ich 1:0 im größten Endspiel gewinne.

CB: Hm, das klingt verdächtig nach dem Hamburger SV, neulich in Athen gegen Juventus. Aber klar, wenn ich mir Sie als Doppelspitze mit dem eleganten Horst Hrubesch vorstelle, kann ich dem vieles abgewinnen. Und da die Grundfarbe des Trikots ein kräftiges Rot gewesen ist, sogar noch etwas mehr.

MM: Mit Ihren Bananenflanken und meinem Kopf hauen wir dann jeden Text in den Kasten. Schön, mal wieder von Ihnen gehört zu haben!

Eine Antwort to “Textilvergehen – Der „Strafstoß“ ist zurück”

  1. Von Räumen, Schäumen und Linien. Strafstoß #2 (Ed. 2014) | Internet und Politik Says:

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