YouTube@Peking 2008: Protest Yourself?

Die olympischen Spiele in Peking stehen vor der Tür, und „das Internet“ hatte gerade schon seinen ersten großen Auftritt als Streitgegenstand im Dreieck China – IOC – Internationale Presse. Darum geht es hier nicht.

Vor gut zwei Wochen wurde ich von der Journalistin Nina May um ein kurzes E-Mail-Statement zur Nutzung des „Internet und speziell YouTube für Protest bzw. zur Verbreitung politischer Aussagen“ gebeten. Anlass waren die zu diesem Zeitpunkt noch recht frisch veröffentlichten drei Videoclips La Piste, La Piscine, und Un Couple der französischen Theateregisseurin Ariane Mnouchkine.

Nach anfangs recht großem Interesse an den Filmen scheint die Nachfrage kurz vor den Spielen zu erlahmen, dies legt zumindest eine dpa-Meldung nahe, die am 5. August von diversen „Qualitätsmedien“ wie SZ, FTD oder Focus übernommen wurde. Der Umgang mit diesem Text wäre eigentlich Wasser auf die Mühlen der bloggenden „Holzmedien“-Kritiker, denn hier stimmt so einiges nicht – falsche Clip-Titel und fehlerhafte Wiedergabe der Inhalte sind noch die geringeren Fehler. In der dpa-Meldung steht:

Der provokativste dürfte wohl der Film «Le couple», das Paar, sein. Er zeigt den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla. Beiden [sic!] sitzen am Rand einer Tartanbahn. Er spielt nervös an seinem Handy und seiner teuren Rolex, sie legt beruhigend den Arm auf seine Hand. Da stellt sich plötzlich ein Demonstrant vor das Paar und ruft «Freiheit». Dann wird er mit einem Schuss exekutiert.

Wie bitte? Sarkozy und Bruni spielen in einem Protestvideo mit? Nicht schlecht.

Wäre vermutlich ganz gut gewesen, sich die Videos auch mal anzusehen (etwa hier auf der YouTube-Seite von Mnouchkines Théâtre du Soleil). Sorgfältige Journalismus-Lehrer alter Schule werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Zurück zum eigentlichen Thema, der Rolle von YouTube für politischen Protest heute und einigen weiteren Aspekten des eingangs erwähnten E-Mail-Interviews mit Nina May. In ihrem ausführlichen Artikel zu Mnouchkines Olympia-Filmen schreibt sie in der Leipziger Volkszeitung vom 24.7.2008:

Bei Youtube etabliert sich eine neue Protestkultur. 97 700 Treffer listet die Webseite zum Stichwort „Protest“ auf. Allein zum Thema Tibet/China häufen sich Videos von Menschenrechtlern, die zum Beispiel einen Militärübergriff am Fuße des Mount Everest nachstellen. Weltweit bekunden Tierrechtsaktivisten in Videos ihre Solidarität mit verhafteten Kollegen in Österreich, und ein italienischer Künstler stellte Aufnahmen von tausenden roten Kugeln ins Netz, um gegen die Ignoranz der Politiker angesichts des Müllproblems zu kämpfen. Während eine Demonstration auf der Straße lediglich das direkte Umfeld anspricht, können mit den Internetvideos potenziell die rund sieben Millionen monatlichen Youtube-Nutzer erreicht werden.

Das ließe sich mit weiteren Elementen aus der E-Mail-Korrespondenz vom 23.7.2008 noch etwas vertiefen:

Warum wird gerade YouTube als neues Protestmedium verwendet?

YouTube ist als Plattform für kurze Videoclips gerade dabei, das Fernsehen als Verteilmedium für politische Botschaften im „Spot-Format“ abzulösen. Bei kontinuierlich ansteigender und manchmal sogar konkurrenzfähiger Reichweite ist es schlicht viel billiger – zusätzlich zu den Produktionskosten fallen kaum weitere Ausgaben an, da die Sendezeiten nicht gekauft werden müssen. Auf YouTube und ähnlichen Plattformen haben sich dezentrale Verteilmechanismen gebildet, die für eine schnelle Verbreitung der Inhalte durch Zuschauer sorgen. Auch die Archivfunktion ist nicht zu unterschätzen, Internet-Videos werden meist lange auf der jeweiligen Plattform vorgehalten und können auch so eine konkurrenzfähige Reichweite erhalten. Zudem ist der „YouTube-Stil“ der Botschaften häufig etwas „roher“ und unfertiger, was sich ebenfalls günstig auf die Produktionskosten auswirkt. Vor allem aus diesen Gründen dürfte YouTube im diesjährigen US-Präsidentschaftswahlkampf zur ersten Anlaufstelle für die zahlreichen Videobotschaften der Kandidaten und deren Unterstützergruppen werden.

Lässt sich daran eine Veränderung von Protestkultur ablesen – weg von der direkten Aktion auf der Straße hin zum globalen Protest im Internet?

Die Verlagerung der Protestkultur in Richtung der elektronischen Massenmedien hat längst stattgefunden und ist kein Resultat der YouTube-Nutzung. Allenfalls verleihen die Videoplattformen dem Trend zum „Online-Protest“ einen neuen Schub, da nun massentaugliche Audio/Video-Inhalte produziert und verteilt werden können. Zuvor waren Online-Protestaktionen häufig auf eher technische, computer-orientierte Settings angewiesen (E-Mail-Flutwellen, Denial-of-Service-Attacken, Blockaden und Hacks von Websites). Die „YouTube-Proteste“ nutzen lediglich eine neuartige Vertriebsstruktur, eine ganz neue Protestkultur entsteht hier nicht – das sieht man auch gut am Beispiel der Mnouchkine-Clips: eine Theaterregisseurin inszeniert kurze Filmsequenzen. Neu ist dabei „nur“ der „Vertrieb“ der Protestinhalte über eine nicht Print- und nicht Fernsehgestützte Infrastruktur.

Spannend wird in Zukunft sein, ob es Gegenreaktionen zu dieser Kampagne geben wird – einerseits Text-Kommentare zu den Ursprungsfilmen, andererseits aber auch „visuelle Kommentare“, die die Bild-/Filmsprache übernehmen und aus dem Ausgangsmaterial eigene Clips konstruieren. Was würde wohl passieren, wenn im Spot „Un Couple“ nicht der Protestierer vom Startschützen getroffen würde…

[Die eindrucksvollen Visuals vom Affen und seinen Freunden stammen im übrigen von der BBC (Thx, OF!): Created by the men behind Gorillaz – Damon Albarn and Jamie Hewlett – Monkey and his friends will be the faces of the BBC’s Beijing Olympics coverage in the next few months.]

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Eine Antwort to “YouTube@Peking 2008: Protest Yourself?”

  1. Björn Says:

    weitere Online-Protestformen und -kampagnen zu Olympia in einem kurzen Überblick: http://www.kampagne20.de/?p=60

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