Event, Advent

Freitag, 14. November 2014

Besinnlich wird das eher nicht in den nächsten Wochen, es stehen zum Jahresende noch einige Veranstaltungen ins Haus. Hier mal eine kurze Zusammenfassung inklusive einiger Infos zu den Themen und Events.

Am 25. November findet in Bonn die Abschlussveranstaltung zum Projekt Digitale Erregungskampagnen in Wirtschaft und Politik statt (intern: das Shitstorm-Projekt). Projekt und Veranstaltung werden von der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik (BAPP) unterstützt, die Arbeiten daran habe ich gemeinsam mit der geschätzten Kollegin Caja Thimm von der Uni Bonn durchgeführt, die auch den Impuls dafür gegeben hat. In Bonn findet dann auch die Panel-Diskussion statt, und zwar im sehr schönen Institut für Medienwissenschaft, das in der Alten Sternwarte in der Poppelsdorfer Allee beheimatet ist. An der Diskussion nehmen teil: Matti Bolte (MdL NRW, Bündnis 90/Die Grünen), André Kauselmann (Pressesprecher Social Media, ING-DiBa AG, Prof. Dr. Torsten Ostmanns (Partner/Global Marketing Director Roland Berger Strategy Consultants), Johannes Marcus Schäfer (Leiter Beratung/Marketingleiter, nexum AG) und Marina Weisband. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr.

Knapp eine Woche später geht es weiter in Dresden, am 3. Dezember spreche ich dort in der schönen Vorlesungsreihe Die demokratische Frage – neu gestellt. Kuratiert hat die Serie Mark Arenhövel, den ich noch aus der Gießener Zeit kenne, organisiert wird das ganze im Rahmen des “weiter denken”-Programms der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen. Mein Vortrag ist überschrieben mit Ethik: Das sinkende Schiff in politischen Gewässern? Gut, dass der gemeinsam mit Sven Grundmann herausgegebene ZPol-Sonderband Ethik und Politikmanagement einiges Material versammelt hat, mit dem ich das Publikum im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels (hoffentlich) vom Gegenteil überzeugen kann.

Damit keine Langweile aufkommt, folgt am 5. und 6. Dezember der kleine, aber sehr feine Workshop Digitalisierung als Kulturprozess an der Universität Witten/Herdecke. Die Veranstaltung ist eine der letzten im Wissenschaftsjahr Digitale Gesellschaft – der Wittener Philosoph Matthias Kettner hatte eine Kooperation angeregt. Obwohl nur wenig Zeit zur Vorbereitung blieb, ist eine illustre Runde zusammengekommen, die im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am 5. Dezember ab 18 Uhr im Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) der Universität einige Ergebnisse des Tages vorstellt. Mit von der Partie sind unter anderem Geert Lovink, Roberto Simanowski, Birger Priddat und Georg Franck.

Ein Tag Pause muss genügen, denn am 8. Dezember findet ab 19 Uhr im Duisburger Mercator-Haus (gleich neben der NRW School) die Käte-Hamburger-Lecture von Jeffrey Alexander statt. Der nicht ganz unbekannte Soziologe arbeitet an der Yale University und hat zuletzt gemeinsam mit Bernadette Jaworsky den Band Obama Power vorgelegt, eine sehr lesenswerte narrativ-performativ orientierte Studie des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2012. Sein Vortrag trägt den Titel The Crisis of Journalism Reconsidered  – hierzu bin ich als Discussant eingeladen und soll einige zielführende Kommentare beisteuern.

Danach folgen noch einige Seminartermine, Gremien und Forschungsgruppen-Sitzungen, einmal Rundfunkrat sowie diverse Weihnachtsfeiern. Na dann mal los…

Neulich, im Rechenzentrum

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ja, ich weiß. Zuletzt ist hier im Blog nicht viel passiert (sorry!) und eine billige Methode, um etwas mehr Aktivität zu s(t)imulieren, ist die Wiederveröffentlichung alter Texte.

Genau das mache ich nun aber.

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Der Grund dafür liegt 20 (zwanzig!) Jahre zurück, und es ist die Publikation des ersten Textes, den ich über dieses Internet geschrieben habe. Im Herbst 1994 hatte mich ein gewisser Marx Marvellous ins Rechenzentrum der Gießener Justus-Liebig-Universität eingeladen, um mir oben am Heinrich-Buff-Ring in einem ziemlich menschenleeren Rechnerraum die seltsamen Praktiken des “Surfen”, “Mailen” und “Chatten” vorzustellen.

Was soll ich sagen – es war ein mehr als interessanter Nachmittag, mit unerwarteten Langzeitfolgen. Wenig später meldete ich Internet und Politik als Klausurthema für meine Magisterprüfung im Fach Politikwissenschaft an, im Frühjahr 1995 wurde daraus ein Exposé für eine Dissertation und im Sommer erhielt ich ein Stipendium der Hessischen Graduiertenförderung. Daraus wurde schließlich der Band Politische Projekte im Internet, erschienen 1999 im Campus Verlag.

Ach ja, eigentlich ging es aber doch um diesen alten Text für das in Gießen (okay, und in Marburg auch) weltberühmte Stadtmagazin Express. Passend zum Semesterstart erschien Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet, und ich war sehr stolz darauf (Fun Fact: der damalige Ansprechpartner in der Gießener Geschäftsstelle steht heute einem nicht ganz unwichtigen Wochenmagazin in Hamburg vor).

Das Wiederlesen des Textes erzeugt ein bisweilen heftiges Schmunzeln – immerhin findet sich schon im dritten Absatz der Begriff Neuland. Auch die enorme Menge von Anführungszeichen sticht ins Auge – die allermeisten Fachbegriffe gehören inzwischen zum regulären Sprachschatz  und sind Duden-notiert. Völlig obskur wirkt im Rückblick der Absatz über Emoticons (“Dem ungeübten Leser erschließt sich die Bedeutung erst, wenn er den Zeichen-Mischmasch um 90 Grad dreht und sich einen Kreis hinzudenkt.”).

Aber genug geredet, hier ist die kleine Ausgrabung der Zukunft. Viel Spaß!

Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet

Marx Marvellous studiert in Gießen. Physik, 5. Semester. Letzte Woche traf er sich mit Charlie Parker, SpaceKelly und Zaphod B., um bei einem zünftigen „Chat“ Neues aus aller Welt zu erfahren. Seine Gesprächspartner aus Stockholm, Wien und Bordeaux versammelte „Marx“ jedoch nicht in der engen Studentenbude in Annerod, das exotische Quartett aus den europäischen Metropolen hielt sein virtuelles Kaffeekränzchen im Internet ab: Die vier „Netztouristen“ tummelten sich per Computer in einer elektronischen Konferenzschaltung.

Das Internet gilt als der weltweilt größte Verbund von Computer-Netzwerken, auf seinen verschlungenen Datenpfaden bewegen sich derzeit mehrere Millionen Benutzer. Das weltweite Telekommunikationsnetz stellt dabei die Verbindungen auf die Beine.

Das Gießener Eintrittstor zur virtuellen Computerwelt steht am Heinrich-Buff-Ring: Im Hochschulrechenzentrum (HRZ) können sich Studierende mit einer „student-mail“(s-mail)-Zulassung in die Informations-Tiefen des Internets stürzen. Die Vorlage von Personal- und Studentenausweis genügt: eine neue Netzwerk-Persönlichkeit ist geboren. Nach nur zwei Tagen erhält der Netz-Novize seine Kennung und darf die ersten Schritte im telekommunikativen Neuland wagen. Um sich im weitverzweigten Datendschungel einigermaßen zurechtzufinden, gibt das HRZ ordentlich Starthilfe. Info-Blätter zum Umgang mit Datennetzen, Software und vor allem der pfleglichen Konversation mit anderen Netzteilnehmern erleichtern die Orientierung im zuweilen hektisch bis chaotischen Internet-Gesprächsverkehr.

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Irgendwas mit Selfies

Sonntag, 10. August 2014

Ja, schon klar. Zum Thema Selfies ist eigentlich alles schon gesagt worden. Nur eben nicht von jedem, deshalb hier auch noch meine zwei Cents dazu. Ohne konkretes Ziel, eher als Ablage für Unfertiges auf dem open desk, angeregt von einer kurzen Visite in London diese Woche.

In der Hotellobby (die eher wie ein angesagter Gemischtwarenladen mit angeschlossenem Co-Workingspace aussah) stolperte man als erstes Zeichen über eine quasi-antike Photo Booth – da hätte man es schon ahnen können. Das Selfie ist tatsächlich zu einer starken kulturprägenden Kraft geworden, die Rede von einer Selfie Culture ist wohl wirklich nicht allzu weit hergeholt.

Gleich der erste Spaziergang führte in die White Cube Gallery, wo die eindrucksvolle Bildersammlung Scapegoating Pictures von Gilbert & George präsentiert wird. Das Künstlerpaar ist seit Karrierebeginn eine Art “lebendes Doppel-Selfie”, denn bekanntermaßen sind die beiden Herren in all ihren Werken präsent. Ob als singende Skulptur (von 1969) oder eben aktuell in grotesk-gruseligen Verrenkungen als zentrales Schaustück ihrer mitunter sehr wütenden Bildinstallationen.

ldn14_scapegoatIn einer sehenswerten Video-Kommentierung erläutern die beiden die Serie, die sie als “Townscapes” bezeichnen, künstlerische Bestandsaufnahmen der urbanen Gegenwart. Schwer modern und sehr gut (mich irritiert im Video besonders die schwarz-rot-goldene Verzierung am Revers von George Passmore – ein Verweis auf den deutschen WM-Titel?). Zu den Bildern ließe sich natürlich auch noch vieles sagen (vor allem zu den Lachgas-Patronen, die sich nicht nur als wiederkehrendes Element der Ausstellung, sondern auch auf den Straßen von East London finden lassen) – aber auch das wäre ein anderes Posting.

ldn14_picturelistGut vier Meilen weiter westlich empfängt die nächste Protaginistin der Selfie Art ihre Gäste: in 512 Hours verstört Marina Abramovic das tapfer wartende Publikum, das sich – wenn es einmal in die heilige Halle der Serpentine Gallery eingelassen wurde – mit der Großmeisterin der Dauerperformance auseinandersetzen darf bzw. muss. Das Künsterselbst ist dabei bisweilen unangenehm präsent (vgl. die Eintragungen im Ausstellungs-Tumblr) – und ähnlich wie bei den omnipräsenten Digitalbildern ist ein Ausweichen oder Wegschauen nicht vorgesehen. Gleich in der benachbarten Sackler Gallery findet sich mit Ribbons von Ed Atkins die nächste mit dem Selfie-Phänomen mindestens verwandte Präsentation. Der unheimliche (uncanny) Avatar-Star der multiplen HD-Animationen mag dem Künstler vielleicht nicht ähnlich sehen, und doch liegt die Vermutung nahe, es handele sich hier eben auch “nur” um eine digitale Version des Selbst.

Mit etwas mehr Zeit und einer nur wenig systematischeren Selektion könnte man der Reihe sicher noch weitere Beispiele hinzufügen – und nicht nur in London (ganz bestimmt auch in Berlin: nämlich mindestens mit der Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau, aber die kommt ja ursprünglich auch von der Insel).

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn nicht hier, dann woanders, denn siehe oben: zur Selfie Culture ist eigentlich schon alles gesagt. Nur nicht von jedem.

 

 

Von Räumen, Schäumen und Linien. Strafstoß #2 (Ed. 2014)

Donnerstag, 26. Juni 2014
Das nächste Spiel ist immer das nächste – so (oder so ähnlich) lautet einer der zahlreichen Herbergerismen, die gerne als willkommene Takt- und Strukturgeber für das Reden über Fußball genutzt werden. Und da heute Deutschland spielt (vgl. die Vorberichterstattung in der Social Media-Presseschau der Bundeszentrale für politische Bildung), ist auch wieder ein Strafstoß fällig. Natürlich erstmal nur hier im Blog, nicht auf dem Feld.
 
Mathias Mertens: Herr Bieber, warum haben wir eigentlich noch nie über Abseits diskutiert?
 
Christoph Bieber: Was gibt´s da zu diskutieren, Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Ach nein, das war ja der Elfmeter… Dann ist es eine gute Frage. Es liegt glaube ich nicht daran, dass wir die Regel nicht verstanden hätten. Dabei gibt es  ja durchaus einige mediale Formatierungen (Zeitlupe, Abseitslinie, Flächenschraffur, 3D-Perspektivenwechsel), die unmittelbar aus der Abseitsregel resultieren. Kommen sie jetzt darauf, weil es nun die ominöse Torlinien-Technologie gibt?
 
MM: Ja. Denn ist im Fußball nicht alles nur das, was der Schiedsrichter pfeift? Ist es nicht diese Tatsache, die den Fußball von anderen Spielen unterscheidet? Zumindest habe ich die 20 Millionen Feierabend-Wittgensteinianer in den letzten Monaten so verstanden.
 
CB: Uh, sie zwingen mich in den Philosophenfußballzweikampf, dem muss ich dringend entziehen, indem ich einen ebenso weiten wie naheliegenden Abschlag zu den Kollegen von Monty Python mache. In deren legendärem Fußballspiel zwischen Deutschland (mit “Nobby” Hegel als Kapitän) und Griechenland (Tor: Plato, Libero: Aristoteles, Sturm: Sokrates) entscheidet ja Archimedes über “Fußball” und “Nicht-Fußball”. Dabei kommt er aber ganz ohne Schiedsrichterpfiff aus. Wittgenstein trägt in diesem Match übrigens die Rückennummer 9 – halten Sie ihn denn für eine falsche oder eine echte?
 

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Textilvergehen – Der “Strafstoß” ist zurück

Montag, 16. Juni 2014

Aus Anlass des heutigen Auftaktspiels der deutschen Mannschaft habe ich mich neulich an anderer Stelle an die schöne Tradition des Mail-Interviews mit Mathias Mertens erinnert – auch bekannt als dem indirekten freistoß seine Kolumne. Vor zehn (!) Jahren hatten wir uns unter der Schirmherrschaft des geschätzten Kollegen Oliver Fritsch über Fußballdinge ausgetauscht. Nun gibt es eine Neuauflage, wir beginnen unter dem Stichwort Textilvergehen mit diversen Bekleidungsfragen.

Herr Bieber: Wenn Sie ein Trikot wären, Herr Mertens, welches?

Herr Mertens: Herr Bieber, das ist aber eine arg retroistische Frage! Da kann man ja nur mit frühkindlicher Prägung kommen. Also zunächst mal ganz unverbindlich: jedes Trikot auf das irgendeiner hilfloser Geschäftsstellenazubi Comic Sans drucken ließ, bin ich schon mal nicht.

CB: “Retroistisch”? Aber das sind die meisten Trikots doch auch, oder? Aber von “witzigen” Schreibschriftformen ist man in diesem Jahr doch recht weit entfernt. Kein Zufall, dass sie gleich mit den Schriftzeichen beginnen, vorab könnte man doch auch ein paar Worte über Material, Stoff oder Textur verlieren…

MM: Könnte man. Aber obwohl ich sonst an das Programm “The Medium is the Message” glaube, muss ich beim Trikot doch feststellen, dass seit Ablösung der Baumwolle durch tagesaktuelle synthetische Technofasern jegliche Botschaftsfähigkeit verschwunden ist. Kein schweissnasses Kleben am Körper mehr, keine grün-braunen Bremsstreifen oder aufgerissenen Nähte, stattdessen Paninibild-hafte, beständige Hochglanzhüllen, an denen alles abrutscht. Ein Spiel vermag ich nicht auf ihnen zu lesen.

CB: Mir persönlich sind ja diese Strukturen und Zusatzmotive aufgefallen, die im Stile von Wasserzeichen eingearbeitet sind (vgl. zB Belgien oder Iran). Das sieht so aus, als hätten die Designer dort einen zusätzlichen “Layer” eingebaut. Ist das so eine Art Photoshop-Effekt?

MM: Ich würde eher sagen Sportartikelshop-Effekt. Denn das kann doch nur zur Geltung kommen, wenn ich direkt vor dem Ding stehe und es sogar in der Hand halte. Ohne 3D-Körperkameras kommt das im Fernsehen nicht rüber, und ob es überhaupt reale Zuschauer in den Stadien gibt, denen das auffallen könnte, sei mal dahingestellt. Das Wasserzeichen ist das Distinktionsmerkmal beim Merchandising, aber interessanterweise kein Erlebnis-abgleichendes mehr, sondern ein hyperreales. Haben Sie denn schon Ihr diesjähriges Trikot für’s Public Viewing gekauft?

CB: Äh, wie sie vielleicht wissen, wurde ich nicht in irgendeinen Kader berufen (kurzzeitig hatte ich mit der Autorennationalmannschaft spekuliert, aber offenbar hat mein Verlag da nicht genug Lobbyarbeit geleistet). Daher halte ich mich von den Trikots fern. Aber auch der Begleiterstab hat ja inzwischen Ausstatterverträge und auch die “Ausgehanzüge” der Teams wären auch noch eine Variante (nebenbei: im Schrank lagert noch einiges aus der “sport casual”-Reihe von der Sommermärchen-WM 2006). Bei den dieses Jahr sehr angesagten Gangway-Fotos der Mannschaften vor dem Abflug nach Brasilien hat sich da aber auch niemand wirklich aufgedrängt. Was halten Sie den von der Ikonografie dieser “Wir-wollen-ganz-hoch-hinaus”-Bilder? Ein weiter Weg von den klassischen Mannschaftsfotos auf grünen Wiesen und vor Sperrholzzäunen, oder?

MM: Diese Fotos lassen sich nur mediologisch verstehen. Das ist auf den ersten Blick zwar Posieren für anderer Leute Kameras, aber wenn man die gesamte medientechnische Sozialisation hinzudenkt, wird es zum äußerst privilegierten Selfie. Die wissen alle ganz genau, wie das mit dem Abbilden und dem Verbreiten technisch funktioniert, die haben alle einen immensen Fundus an Bildern in sich, und so benutzen sie den Apparat der Journalistenmeute, um ein aktuell distinguiertes Selbstporträt von sich herzustellen und hochzuladen. Mir scheint aber, dass das klassische Mannschaftsfoto in der Trainingsplatzecke und das Panini-Album-Trikotbrustbild einen sehr viel höheren Inszenierungsgrad besitzen, als diese Laufstegfotos. Gerade wegen ihrer starren Unterwerfung gegenüber der fotografischen Situation. Ich würde ja äußerst gerne von Ihnen, Herr Bieber, ein solches Panini-Bild haben, Sie hätten dafür die richtige Physiognomie und Ausstrahlung.

CB: Sie Schmeichler. Aber na gut, da haben Sie´s (aus urheberrechtlichen Gründen ist das Bild nicht für alle Leser sichtbar). Die Selfie-These gefällt mir gut, und auch den Panini-Hinweis nehme ich gerne auf. Dabei muss dann gleich an diese animinerten Portraits denken, die vor dem Spiel zur Mannschaftsaufstellung eingeblendet werden. Da ist die Pose (verschränkte Arme) ja gleich mit eingebaut, und auch der Spielerblick will angemessen angriffslustig wirken. Wie beurteilen Sie denn hier das Verhältnnis von Medium und Botschaft? (Nebenbei: von Brasiliens Schwalbenkönig Fred möchte ich da ab jetzt ein clowneskes Aus-dem-Bild-Stolpern sehen.)

MM: Das ist so Wrestling-Klischee, wie es Achtziger-Jahre-mäßiger nicht sein könnte. Erinnert an Epic Rap Battles of History, nur nicht so reflektiert. Oder an Streetfighter, nur nicht so authentisch. Aber wir drücken uns um die Trikot-Frage. Ich weiß ja, was ich bin, aber was ist eigentlich mit Ihnen? Ich sage Ihnen direkt, dass nicht jedes FC Bayern-Trikot eigentlich das Ihre ist.
CB: Moment mal! Die Achtziger sind ein gutes Stichwort. Sie haben die 1984-1989er Trikotserie im Blick? Mit dem Nerd-Provider Commodore als Sponsor und dem computerspielartigen Achteck-Muster für das UEFA Cup-Trikot? Und da sind wir wieder beim Retroismus… Nun ist es aber an ihnen – welches Trikot sind Sie, lieber Herr Mertens?

MM: Ich trage eines, in dem ich altertümliche Vereinshaftigkeit mit dem Wunsch nach Weltläufgkeit verbinde. In dem ich auf Baumwolle Petrochemie propagiere. In dem ich billig und nach Big Money aussehe. Ein Trikot, in dem ich 1:0 im größten Endspiel gewinne.

CB: Hm, das klingt verdächtig nach dem Hamburger SV, neulich in Athen gegen Juventus. Aber klar, wenn ich mir Sie als Doppelspitze mit dem eleganten Horst Hrubesch vorstelle, kann ich dem vieles abgewinnen. Und da die Grundfarbe des Trikots ein kräftiges Rot gewesen ist, sogar noch etwas mehr.

MM: Mit Ihren Bananenflanken und meinem Kopf hauen wir dann jeden Text in den Kasten. Schön, mal wieder von Ihnen gehört zu haben!

Vom Gebührenzahler zum Stakeholder?

Mittwoch, 4. Juni 2014

Heute abend tritt Intendant Tom Buhrow zum zweiten Mal an zum WDR-Check - einer Art Townhall-Meeting, bei dem Zuschauerfragen zu Sender und Programm beantwortet werden, aber auch Gesprächs- und Diskussionssequenzen zu einigen Themenschwerpunkten geplant sind. Die Live-Übertragung aus dem Landschaftspark Nord in Duisburg beginnt um 20.15 Uhr, der zugehörige Hashtag ist #wdrcheck.

In diesen Rahmen passt der Hinweis auf einen kurzen Beitrag zum Rollenverständnis von Sender und Publikum, das durch die Veränderungen im Beitragswesen (Umstellung von geräteabhängiger Gebührenzahlung zu haushaltsbezogenem Rundfunkbeitrag) beeinflusst und verändert wird. Der nachfolgende Text ist erschienen in Ausgabe Nr. 8 des studentischen Magazins Hammelsprung, das an der NRW School of Governance herausgegeben wird. Das Schwerpunktthema war Politik und Medien – gefährliche Nähe oder notwendige Distanz?

Dazu gleich noch ein passender Disclaimer: Seit August 2013 bin ich Mitglied im WDR-Rundfunkrat.

 

Vom Gebührenzahler zum Stakeholder
Der Rundfunkbeitrag verändert das Rollenverständnis von Sender und Publikum

Nach jahrzehntelangen Ausbau und einem zunehmend auf Konkurrenz angelegten Säulenmodell trifft das Duale Rundfunksystem auf die Herausforderungen der Digitalisierung – und steuert dabei zielstrebig auf eine ganze Reihe von Modernisierungskonflikten zu.

In den Fokus geraten ist in diesem Prozess die Umstellung der Rundfunkfinanzierung von einer „Gebühr“ auf einen geräteunabhängigen „Beitrag“. Nachdem sich der Rauch des öffentlichen Streits um „Demokratieabgabe“ (Jörg Schönenborn) oder „Zwangssteuer“ (Handelsblatt) ein wenig gelegt hat, ist zu fragen, inwiefern die Art der Öffentlichkeitsfinanzierung die komplexen Vorgaben der deutschen Rundfunkverfassung verwirklicht.

Eine zentrale Anforderung ist dabei der Erhalt einer „Markt- und Staatsferne“ als Leitbild der Medienversorgung nach dem „Public Service“-Modell. Die Prinzipien der „Grundversorgung“ mit sachlicher Berichterstattung, einer „Belehrung, Bildung und Unterhaltung“ des Publikums sowie das „Entwicklungsgebot“ zur technologischen Sicherstellung von Sendefähigkeit und Angebotsvielfalt unterstützen dabei die Neuordnung – diese an das Konstruktionsprinzip der British Broadcasting Corporation (BBC) angelehnten Eckpfeiler sind in den verschiedenen Rundfunkurteilen des Bundesverfassungsgerichts festgeschrieben.

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One Stop Europe – Kreative Demokratie

Mittwoch, 28. Mai 2014

(Vorab ein Hinweis #ineigenersache: Sorry, aber zuletzt war fürchterlich viel zu tun – die Zeit reichte maximal für ein paar Tweets oder Kurzeinträge in diesen Sozialen Netzwerken. Ich hoffe, in der nächsten Zeit ist hier wieder etwas regelmäßiger etwas zu lesen. Auch der heutige Beitrag ist nicht originär für den Blog entstanden, aber es ist der Versuch eines Wiedereinstiegs in das Format.)

Die Stuttgarter Alcatel Lucent-Stiftung hatte mich eingeladen, für die Konferenz One Stop Europe – Offene gesellschaftliche Innovation einen Eröffnungsbeitrag zu verfassen. Als Thema hatten wir uns auf Kreative Demokratie — Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können. Der Text erscheint in der Publikationsreihe der Stiftung, schon jetzt ist er hier im Blog einsehbar (das Twitteraufkommen während der Tagung war eher gering, vgl. #ose14). Grundlage des Vortrags war eine Powerpoint-Präsentation, die im Nachgang zur Konferenz in einen Fließtext umgearbeitet wurde, daraus erklären sich Duktus und Sound. Es fehlen die Links zu den diversen Projekten, die zur Illustration einiger Überlegungen genutzt wurden, das ist aus Zeitgründen (s.o.) nicht möglich.

So, nun aber los.

Kreative Demokratie
Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können

Kreative Demokratie ist nur auf den ersten Blick ein guter Titel für einen Vortrag – denn er zwingt den Autor, sich besonders anzustrengen, um die Erwartung auf einen originellen, eben kreativen Vortrag nicht zu enttäuschen. Ich hoffe, mir gelingt dies heute wenigstens ansatzweise.

Damit keine falschen Eindrücke aufkommen – der Begriff der „Kreativen Demokratie“ stammt nicht von mir, sondern ist einem ziemlich alten Text von John Dewey entnommen. In seinem Essay „Creative Democracy – The Task Before Us“ von 1937 hat Dewey festgestellt, dass politische Systeme vor allem dann zum Stillstand kommen, wenn sie sich auf Automatismen und Routinen verlassen: „(A)s if our ancestors had succeeded in setting up a machine that solved the problem of perpetual motion in politics.”[1]

Dewey setzt bei seiner Hinterfragung der Grundvoraussetzungen von Demokratie vor allem auf die Unbedingtheit und den Glauben an “democracy in the role of consultation, of conference, of persuasion, of discussion, in formation of public opinion (…).”[2]

Das sind genau jene Prozesse und Verfahren, die auch für die Konferenz „One Stop Europe“ im Mittelpunkt stehen, denn genau so können sich Bürger an zivilgesellschaftlichen, ehrenamtlichen und politischen Prozessen beteiligen, das kreative und innovative Potential aufgreifen, um schließlich offene gesellschaftliche Innovation zu ermöglichen.

Mediatisierung von Politik und Verwaltung

Nun ist perpeptual motion so ziemlich genau das Gegenteil zu den aktuellen Diagnosen zur Lage von Politik und Verwaltung: Stagnation, Stillstand und vor allem Krise sind die Vokabeln der Stunde. Die Suche nach Innovationen als Schrittmacher und Bewegungsimpuls für die Gesellschaft hat Konjunktur – gerade in den vergangenen Jahren stehen vor allem die Medien bzw. der beschleunigte Medienwandel im Verdacht, Modernisierungsprozesse im politischen Bereich anstoßen zu können.

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Irgendwas zur #btw13

Dienstag, 3. Dezember 2013

Die Bundestagswahl liegt nun bald drei Monate zurück, eine Regierung ist zwar in Sicht, aber noch nicht gebildet und außerdem ist bald Weihnachten. Zeit für einen kleinen, besinnlichen Blogeintrag. Nicht.

November und Dezember sind vollgepackt mit Lehrveranstaltungen, Tagungen, und zwei Publikationen wollen auch noch herausgegeben werden. Dazu hält einen das SPD-Mitgliedervotum auf Trab und dann gab es auch noch die “Leaks” zum Koalitionsvertrag. Aus Gründen der Zeitknappheit daher hier nur ein Sammelsurium aus Hinweisen auf diverse Vorträge, Skizzen und Seminardiskussionen, damit nichts vergessen geht und es in einer etwas ruhigeren Zeit wieder aufgegriffen werden kann.

Die Wahlnachbereitung begann für mich am 24. September mit einem Vortrag an der Uni Basel, der Vortrag hatte den etwas sperrigen Titel Politik und Staat im Netz. Social Media nach dem NSA-Abhörskandal und der Wahl in Deutschland und fand im Rahmen der Ringvorlesung Digital Media Studies statt. Der Vortrag war ein kleiner Rundumschlag, die drei zentralen Abschnitte (und für mich die relevanten Arbeits- und Forschungsbereiche zur Wahl) waren Persönliche Öffentlichkeiten, politische Echtzeitkommunikation und schließlich die inhaltliche Dimension der Netzpolitik. Ein Video der Veranstaltung und auch die Folien zum Vortrag gibt es hier.

Es folgte am 1. Oktober ein Vortrag bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung in Frankfurt, dafür habe ich mir insbesondere noch einmal die (relativ bescheidene) Nutzung von Online-Video angesehen. Auffällig war dabei insbesondere die Aktivität der AfD, die mit einem massiven YouTube-Angebot angetreten war und den eigenen TV-Spot durch Werbung weit vor die Clips aller anderer Parteien katapultiert hatte.

Die beiden Vorträge am 14. und 17. Oktober in Recife und Salvador fassten die Online-Ereignisse im Wahlkampf zusammen und stellten Bezüge zur Situation in Brasilien her. Spannend zu beobachten war hierbei insbesondere die allmähliche Formierung einer jungen politischen Öffentlichkeit, die sich auf eine sehr gut ausgebaute Social Media-Nutzung der “ersten demokratischen Generation” stützen kann. Im Dialog mit den brasilianischen Kollegen wurde deutlich, dass zwei Entwicklungen zusammenfließen: einerseits beteiligen sich immer mehr Menschen am politischen Prozess, die ihr Land ausschließlich als Demokratie kennengelernt haben, andererseits stellt gerade für diese Generation die Kommunikation in und mit digitalen Medien einen zentralen Alltagsbestandteil dar. Die Demonstrationen dieses Sommers sind zwar abgeebbt, der Protest allerdings keineswegs erloschen (vgl. hier). Ansatzweise scheint sich mit dem Comitê Popular eine occupy-artige Bewegung zu formieren – das nächste Jahr wird zeigen, inwiefern die Fußball-WM tatsächlich als (analoge und digitale) Bühne für einen politischen Auseinandersetzung vor der Präsidentschaftswahl im Herbst 2014 genutzt werden wird.

Im etwa zeitgleich startenden Wintersemester beschäftigt mich die Bundestagswahl in Duisburg vor allem im Rahmen einer Seminarveranstaltung zur Europäischen Netzpolitik. Die Ereignisse nach der Wahl liefern hier bis heute exzellente Vorlagen für die Diskussion mit den Studierenden, insbesondere der offene Verhandlungsprozess der Unterarbeitsgruppe Digitale Agenda (vgl. dazu das exzellente #uada-Storify drüben bei politik-digital.de) ist dabei sehr ertragreich gewesen. Zum einen lässt sich daran sehr schön die Beeinflussung und kommunikative Öffnung bislang abgeschlossener Verhandlungsprozesse zeigen (inklusive der diversen “Koaleaks”, bei denen unterschiedliche Positionspapiere bis hin zum fertigen Koalitionsvertrag vorzeitig an die (digitale) Öffentlichkeit weitergereicht wurden), zum anderen wird auch erkennbar, dass wir es bei der Netzpolitik bislang nicht mit einem eigenständigen Politikfeld, sondern nur mit einem politischen Handlungsfeld zu tun haben (vgl. dazu den schönen Schnappschuss von @zeigor). Diese beiden Ansätze habe ich in einem Vortrag an der Evangelischen Akademie Tutzing zusammengefasst, dorthin hatte nämlich der umtriebige @dvg große Teile der üblichen Verdächtigen gebeten.

Eine andere Seminarveranstaltung mit dem Titel Ethik des Wählens eröffnet eine ganze Reihe zusätzlicher Perspektiven auf die Bundestagswahl, gemeinsam mit den Studierenden im Master Politikmanagement wurden insbesondere Gerechtigkeitsaspekte des Wahlrechts diskutiert: taugt die Debatte um Nichtwahl als Tugend wirklich als produktiver Zugang zur Diskussion um Politik- und Parteienverdrossenheit? Inwiefern ergeben sich moralische Probleme mit der Entscheidung der SPD, nach einem Anti-Merkel-Haustürwahlkampf radikal auf die #GroKo umzuschwenken und die Basis in einem Mitgliederentscheid um Zustimmung zu fragen? Und überhaupt, ist das nicht verfassungswidrig, was die Genossen sich da ausgedacht haben? Im Radau um den seltsamen Dialog zwischen Marietta Slomka und Sigmar Gabriel sind einige andere Fragen rund um den Mitgliederentscheid untergegangen: Was ist denn eigentlich mit den nicht wahlberechtigten Mitgliedern der SPD, die zwar am 22. September nicht stimmberechtigt waren, wohl aber am Votum teilnehmen dürfen? Nun gut, allzu viele unter 18jährige bzw. ausländische Mitglieder gibt es zwar nicht, aber die Frage regt dennoch zum Nachdenken über immer schiefer werdende Repräsentationsverhältnisse an. Und wie sieht es denn mit den Nichtwähler/innen mit SPD-Parteibuch aus? Sollte jemand, der nicht zur Wahl gegangen ist, sich besser auch nicht am Mitgliedervotum beteiligen? Wenn man etwas präziser hinschaut, wirken die Mechaniken innerparteilicher Demokratie auf vielschichtige Weise herausgefordert. Und noch ein letztes Gedankenexperiment: könnten für den Fall einer Ablehnung der Großen Koalition die Grünen bei einer Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der CDU hinter die Basisorientierung der Genossen zurückfallen?

Darüber hinaus gibt es noch weitere Themen, die mich (und ich denke, auch andere) in der nächsten Zeit noch beschäftigen sollte: durch das knappe Scheitern von FDP, AfD und, mit Abstrichen, auch der Piraten ist mit 15,7 Prozent eine hohe Zahl von wasted votes entstanden, die für nicht im Bundestag vertretenen Parteien abgegeben wurden. Dadurch sinkt, im Verbund mit der minimal gestiegenen, aber lange nicht überragenden Wahlbeteiligung, die “Repräsentationsquote” des Parlaments weiter ab.

Mit Blick auf die Gruppe der Wähler bleibt schließlich noch eine letzte Anmerkung, diesmal zum praktischen, nicht inhaltlichen Wahlverhalten – die Zeitstruktur der Stimmabgabe bedarf größerer Aufmerksamkeit, sowohl in der Politik, den Medien und der Wissenschaft. Was ich damit meine, habe ich in wenigen Worten als Kommentar für politik & kommunikation formuliert, hier der sneak preview vorab:

Die Zeitstrukturen der Stimmabgabe sind ein überaus spannender Aspekt der Bundestagswahl 2013. Sehr viel war von den unentschlossenen Wählern zu hören, die ihre Entscheidung erst auf dem Weg zum Wahllokal oder sogar erst in der Wahlkabine fällen. Auf diesen Typus des so genannten “late decider” richteten die Parteien ihren Wahlkampf ebenso aus wie die Medien ihre Berichterstattung. Über die tatsächliche Größenordnung können – mit den üblichen Unsicherheiten – die Nachwahlbefragungen einigen Aufschluss geben. Sicher aber ist: wesentlich größer war die Zahl derjenigen, die ihre Stimme zum Teil schon weit vor dem 22. September vergeben haben, manche sogar noch vor dem TV-Duell drei Wochen zuvor. Denn mit 25% ist der Anteil der Briefwähler so hoch wie noch nie. Dieses “early voting” ist ein großer und weitgehend unbekannter Gegenpol zur späten Stimmabgabe. Was bislang fehlt, ist die bessere Abstimmung der Kampagnenführung auf die Frühwählerschaft – und eine substanzielle Briefwahlforschung.

In eigener Sache: Recife, Salvador

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Entgegen anderslautender Gerüchte fahre ich nicht als DFB-Scout nach Brasilien, um die Quartierssuche für die WM im nächsten Jahr voranzubringen. (Oh, die automatische Plagiatskontrolle meldet ein Selbstzitat – stimmt, so ´was ähnliches hatte ich ja schon vor gut drei Jahren geschrieben…).

Richtig ist, dass ich am 17./18. Oktober am internationalen Symposium Democracia na Era da Internet des Goethe-Instituts und der Universität Bahia in Salvador (Brasilien) teilnehme. Bei der Veranstaltung diskutieren Wissenschaftler aus Deutschland und Brasilien über die Bedeutung politischer Kommunikation – die Bundestagswahl 2013 dient dabei als Vergleichspunkt für die im kommenden Jahr stattfindenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Außerdem im deutschen Trikot laufen auf Jan Schmidt, Kathrin Voss und Gerhard Vowe. Ich darf einen Vortrag über die “Modernisierung der Demokratie durch digitale Medien” beisteuern, dabei gehe ich neben uralten computerdemokratischen Vorarbeiten (Stichwort: ORAKEL) auf den Social Media-Wahlkampf zur Bundestagswahl, die Piratenpartei und Liquid Democracy ein.

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Noch vor dem Symposium in Bahia diskutiere ich am 14. Oktober in Recife über “Moderne Verwaltung, Transparenz und Öffentlichkeit”, Gastgeber ist dort das Centro-Cultural Brasil-Alemanha und die Fundação Joaquim Nabuco. Spannend klingt hier auch der Porto Digital, ein Innovationszentrum auf einer Insel direkt vor dem Stadtzentrum. Klingt nach Medienhafen 2.0…

Nur leider verstehe ich immer noch so gut wie nichts von diesem brasilianischen Portugiesisch…

Irgendwas mit Monarchie? (#btw13)

Montag, 23. September 2013

Zur Wahl. Ein bemerkenswerter Abend, in vielerlei Hinsicht. Ich weiß zwar nicht so recht, wo ich anfangen soll, aber hier mal ein paar noch relativ unsortierte Notizen. Update: der Post ist an den Tagen nach der Wahl als sehr vorläufige Kommentar-/Materialsammlung entstanden und noch nicht soll kein fertiger, abgeschlossener Text werden. wenn ich zwischendurch noch etwas Zeit für weitere Notizen finde, werden auch die under construction-Felder verschwinden. Die Abschnitte zu den Parteien werden vorauss. noch weiter ergänzt, bzw. mit Links angereichert. Hinweise auf ähnliche bzw. weiterführende Beiträge sind hochwillkommen.

CDU/CSU

Absolute Mehrheit, bzw. knapp darunter – ein beinahe “monarchisches” Wahlergebnis für Angela Merkel, mit einem durchaus heftigen Beitrag der bayerischen “Schwesterpartei”. Man könnte meinen, der Seehofer-Erfolg der Vorwoche hat zu einer Win-win-Situation geführt (Bandwagon-Effect ist glaube ich das Stichwort, als Gegenstück zur Schweigespirale). Trotzdem dürfte die Regierungsbildung keine leichte Aufgabe werden – die SPD laboriert immer noch an den Spätfolgen der Großen Koalition von 2005 und darf im Falle einer Neuauflage berechtigter Weise mit den nächsten Stimmen- und Identitätsverlusten rechnen. Den Grünen könnte das Schicksal der FDP eine Lehre sein – die Befreitung aus der Umklammerung der Merkel-CDU ist nicht leicht. Und um sich die Energiewende auf die Fahnen schreiben zu können, müssten die Grünen an Peter Altmaier vorbei. Das ist keine leichte Aufgabe. Eine Alleinregierung wäre wohl nicht wirklich eine Alternative, zu knapp und zu unsicher wäre die Mehrheit – und sicher kein Signal in Sachen Stabilität. Die Merkel-Monarchie ist keine Option. Und man wird in der Union über die Zeit danach nachdenken – was und wer folgt auf Angela III., wer könnte als Thronfolger/in aufgebaut werden? Gibt es einen vorzeitigen Exit der Kanzlerin, ähnlich wie bei Koch oder Beck? Und überhaupt: wofür steht die CDU in Zukunft? Nach dem defensiven und teilweise inhaltsbefreiten Wahlkampf könnte auch mal wieder nach Inhalten gefragt werden.

Noch ein Wort zur CSU: das Zweitstimmenergebnis liegt in absoluten Zahlen noch deutlich über der Landtagswahl aus der Vorwoche – hier muss man wohl sagen, dass der Terminpoker funktioniert hat: mit der gewonnenen Landtagswahl im Rücken konnten zusätzliche Wähler mobilisiert werden, die das Unionsergebnis im Bund stabilisiert haben. Dadurch verbessert sich die Verhandlungsposition, wenn es um Personalfragen geht – allerdings spielt auch eine Rolle, wer als Juniorpartner in die Regierung geht. Im Falle von Schwarz-Grün könnte es Alexander Dobrindt zB recht schwer haben…

SPD

Leichte Gewinne, aber alles andere als ein überzeugende Re-Entry auf der Berliner Bühne. Steinbrück ist ´raus (“thank god, it´s election day”) und Sigmar Gabriel geht nun in den Parteikonvent, das wird eine spannende Übung in innerparteilicher Demokratie. Lässt man sich auf eine erneute Große Koalition ein, mit einer Wiederholung der Folgen von Merkel I (= erhebliche Reduzierung der Stimmanteile, denn von der vermutlich stabilen Regierung profitiert nur die Kanzlerin, nicht der Juniorvize)? Oder geht man erneut in die Opposition (“Mist!”, Franz Müntefering) und gibt neuen Perspektivkräften Zeit zur Entwicklung für 2017 and beyond? Wer könnte das sein? Olaf Scholz? Hannelore Kraft? Schwierig… Im Sinne der Stein-Strategie (vgl. Friebe, 2013) noch eine Weile warten? Und dann vielleicht doch noch über #r2g, also rot-rot-grün auf die Regierungsbank kommen, wie es Nico Lumma gewohnt konsensorientiert vorschlägt?

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