In (ganz) eigener Sache: Offenburg
Samstag, 10. Mai 2008 by internetundpolitikNeuerscheinung!
Nennstiel, Sabrina/Bieber, Christoph (8.5.2008, 19.50 Uhr):
Jonah Neo (53 cm, 3560 g)
Neuerscheinung!
Nennstiel, Sabrina/Bieber, Christoph (8.5.2008, 19.50 Uhr):
Jonah Neo (53 cm, 3560 g)
Hier mein Lieblingsabsatz aus der Laudatio von Harald Schmidt für (an?) Alice Schwarzer anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises:
Börne verübelte Goethe weniger dessen literarische Übermacht als vielmehr seine politische Gleichgültigkeit: „Nie hat er ein armes Wörtchen für sein Volk gesprochen, er, der, früher auf der Höhe seines Ruhmes unantastbar, später im hohen Alter unverletzlich, hätte sagen dürfen, was kein anderer wagen durfte.“ Näher bei den Menschen war Börne, der seine Hand zur Reinigung ins Feuer halten wollte, sollte sie ihm ein König drücken. Im Gegensatz zu seinem zweiten großen Gegner Heine, der erklärte, „dass ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen werde“.

Näher bei den Menschen - ein schöner Twist zum Claim des Deutschland-Dialogs der SPD und deren Tourleiter Kurt Beck. Doch der SPD-Vorsitzende war in Schmidts Rede (die teilweise wie eine XXL-version eines Stand-Ups in früheren Late-Night-Zeiten wirkt) in prominenter Gesellschaft - auch Charlotte Roche und Heidi Klum fanden Erwähung, dank gelenkiger Rhetorik auch Joschka Fischer und sogar Bret Easton Ellis. Wie das nun alles zusammenpasst, wäre durch eine tiefenscharfe Vollinterpretation zu klären.
Winfried Menninghaus, übernehmen Sie!
Im Durcheinander des Semesterstarts mussten die eigentlich zwingenden Themen für´s Blog leider in der Schublade bleiben. Auf dem Stapel liegen derzeit u.a.: Warum bloggen Professoren nicht? (Weil sie auch noch die uni-internen Lernplattformen bespielen müssen), Wer wählt in Europa elektronisch? (neben Estland noch Irland und Schottland, demnächst wohl auch Litauen), Wie läuft´s im US-Vorwahlkampf? (die einen sagen so, die anderen so). Nun aber zu etwas ganz anderem:

Um einen völligen Blog-Stillstand zu vermeiden daher nur kurz der Hinweis auf einen weiteren Vortrag, diesmal zum Thema “Ist PowerPoint böse?” im Rahmen des Workshops Powerpoint, Office und die Folgen am Erwin-Schrödinger-Zentrum der Humboldt-Universität Berlin. In der Ankündigung heißt es:
“Office-Pakete sind wie Leitzordner Kennzeichen moderner Bürokratie. Powerpoint ist das globale Kommunikationsmittel der Verwaltung, im Verkauf und in der Wissenschaft. Solche Monokulturen haben ihre Vorzüge, ihre Eigenheiten, aber auch ihre Nachteile. Der Workshop soll einen Blick auf diese Phänomene werfen.”
Eine der interessanteren Beobachtungen bei der Vorbereitung war, dass sich die führenden PowerPoint-Forscher nun auch verstärkt um das visuelle Interface des iPhone zu kümmern scheinen - Edward Tufte jedenfalls gefällt der cartoon-artige Style der iPhone-Symbole offenbar nicht besonders gut. (Die herrliche Grafik oben stammt aus dem hervorragenden Weblog PresentationZen von Garr Reynolds).
Zum Ende des Semesters noch eine kurze Vortragsreise nach Dublin, zur Konferenz des European Parliaments Research Initiative (EPRI) - das Thema der Veranstaltung ist spannend (wenn auch etwas länglich formuliert): The Digital Dividend: How Parliamentarians can secure greater voter participation at elections and increased public interest in politics using Information and Communication Technologies.

Das Setting ist zwar eher analog (vgl. oben), aber ich soll über Kampagnenführung im Web 2.0 sprechen, der Titel klingt etwas sperrig: “Addressing the constituency through social networks: how to succeed, how to fail”.
Im Mittelpunkt steht dabei die These, dass sich professionelle politische Kampagnenführung von der Idee einer möglichst vollständigen Kontrolle über die Inhalte der Kampagne (und der öffentlichen Inszenierung des/der Kandidaten/Kandidatin) wohl wird verabschieden müssen. Die zugehörige Präsentation stelle ich auf Nachfrage gerne zur Verfügung (Achtung: schlappe 8 MB), evtl. gibt es auch noch eine digitale Tagungsdokumentation.
Auch spannend: Vertreter des irischen und des estnischen Parlaments berichten über die (größtenteils erfolgreichen) Erfahrungen mit dem Einsatz von E-Voting-Systemen.
Nach dem erneuten split vote zwischen Barack Obama und Hillary Clinton muss man sich wohl auf eine so genannte brokered convention gefasst machen: keinem der beiden wird es bis zur Democratic National Convention vom 25. bis zum 28. August in Denver gelingen, die nötige Zahl von Delegierten für eine erfolgreiche Nominierung zu erringen. Entschieden wird die Kandidatenfrage der Demokraten also erst im Rahmen des üblicherweise als Krönungsmesse zelebrierten Parteitages.
Neben der 1:0-Berichterstattung zum Verlauf der primaries, die sich hierzulande breit macht, scheint es an der Zeit, sich mit den Abläufen und der Bedeutung einer brokered convention vertraut machen. Außerdem dürfte ein alter Bekannter in der nächsten Zeit wichtiger werden - Howard Dean sitzt als Vorsitzender des Democratic National Committee an einer der Schaltstellen für die Organisation des innerparteilichen Wahlkampfs.
Als Einstieg in die Vorbereitung auf die Schlussphase der Vorwahlen empfiehlt sich die Kenntnisnahme der beiden Schlussepisoden aus der sechsten Staffel von The West Wing (Ausstrahlung in 2005): die Folgen “Things Fall Apart” und “2162 Votes” schildern die Ereignisse beim parteiinternen Nominierungswettstreit um die demokratische Präsidentschaftskandidatur.
Eine erweiterte media diet könnte dazu noch O Brother, Where Art Thou (Mississippi Primary, 11. März) vorsehen, für den Abschluss auf enorm historischem Boden (Pennsylvania Primary, 22. April) eignen sich unter anderem Philadelphia, das Philadelphia-Experiment oder gleich die Rocky-Saga.

Terminhinweis: Die Politics Online Conference in Washington, DC (4./5. März) befasst sich mit dem aktuellen Stand der politischen Nutzung des Internet, vor allem darum geht es:
“The Politics Online Conference sits at the intersection of smart politics, good governance, transparent democracy, and innovative technology, spotlighting tools, applications, strategies, and ideas that affect a range of functions, from writing policy to organizing democratic movements to running a smarter political campaign to building dialogue with your constituents.”
So kann man das sagen.

Eigentlich hatte die Stadt Hamburg die (analoge) Modernisierung des Wahlrechts auch gleichzeitig zu einer digitalen Modernisierung der Stimmabgabe zu nutzen: ein elektronischer Wahlstift sollte eingesetzt werden, um die Zählung des erhöhten Stimmaufkommens zu erleichtern und zu beschleunigen.
Um das neuartige Wahlgerät einem ersten Praxistest von Akzeptanz und Handhabbarkeit zu unterziehen, wurde die Bundestagswahl 2005 für eine Pilotstudie genutzt. Hier wurde in zwei Hamburger Wahlbezirken mit insgesamt 1.998 Wahlberechtigten mit dem digitalen Wahlstift gewählt. Auf die - positive - Studie folgte der Entschluss, das digitale Wahlstiftsystem zu kaufen und bei der Bürgerschaftswahl und den Bezirksversammlungswahlen im Februar 2008 flächendeckend einzusetzen.
Doch daraus wurde leider nichts, denn “die Fraktionen der Hamburgischen Bürgerschaft haben sich im November 2007, wenige Wochen vor den Wahlen, jedoch überraschend dafür entschieden, den Digitalen Wahlstift doch nicht einzusetzen.”
(Mitarbeit: Christopher Harth)
Nach nur vier Wochen Wahlpause steht bereits die nächste Landtagswahl, am Sonntag wird über die Zusammensetzung der Hamburger Bürgerschaft abgestimmt. Pünktlich zum Wahltermin erhält auch die zuletzt ein wenig abgekühlte Diskussion über die Regierungsbildung in Hessen neues Feuer: durch die Rede vom “Wortbruch” der SPD hinsichtlich der Möglichkeit einer durch die Linkspartei tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung.

Darum geht es hier jedoch nicht, und auch nicht um den im Vergleich zu Hessen (und Niedersachsen) erheblich avancierteren Online-Wahlkampf. Dazu gäbe es zwar schon einiges zu schreiben, etwa über das CDU-Videoportal OLE TV (siehe auch NS-TV), die Podcasts der SPD, sowie natürlich die FDP und ihr vieldiskutiertes Video mit dem Spitzenkandidaten Hinnerk “Gaylord” Fock (und Sky du Mont).
Leider viel zu wenig Beachtung finden in diesem Trubel nämlich die Bemühungen der Hamburger Innenbehörde zur Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Wahl. Neben den Standard-Infos im traditionellen Gewand der Behördenmitteilungen wurde ein gut sortiertes Themenportal entwickelt, das unter www.24-februar.de zahlreiche Register der digitalen Wählerbildung zieht.
Bei der Besichtigung der Website zur Democratic National Convention im August in Denver über den Austragungsort der Veranstaltung gestolpert: Pepsi Center.
Okay, die Farbgebung passt schon mal und laut Auskunft der Firma sehen wir hier tatsächlich die Nationalfarben der USA, “da PEPSI im 2. Weltkrieg sein Heimatland moralisch unterstützen wollte” (O-Ton via pepsi.de).
Nun schnell mal ein Blick auf das offizielle Obama-Logo:
(via flickr.com/commandzed)

Schon mal nicht schlecht. Noch besser gefällt mir aber der Pepsi-Support der Black Eyed Peas (aber nur auf der deutschen Homepage), die in Person von will.i.am und mit dem Online-Blockbuster “Yes we can” ja auch als Obama-Endorser auffällig geworden sind (eine mal etwas andere Perspektive - nämlich auf die Rede - findet sich im schönen Weblog Presentation Zen von Garr Reynolds).
Um weitere Verschwörungstheorien kümmert sich ab sofort bitte das Internet.
Nebenbei: auf der Website der Democratic National Convention findet sich eine ausführliche Darstellung der Delegiertenverteilung in den einzelnen Bundesstaaten, inklusive der genauen Angaben zu pledged und unpledged votes. Außerdem werden dort auch die unterschiedlichen Typen von superdelegates erläutert.
Update: Einen Deutungsversuch zur Obama-Rede als Manifest der We Generation liefert Henry Jenkins, Leiter des Comparative Media Studies Program am Massachussetts Institute of Technology.
Der Super Tuesday war das erwartete Großereignis, die noch nie dagewesene national primary. Für viele Beobachter waren die Abstimmungen in den Einzelstatten almost a general election.
Die Resultate (oder eben Nicht-Resultate, s.o.) sollen hier gar nicht weiter diskutiert werden, das tun verlässlich die zahlreichen KommentatorInnen in den alten und neuen Medien, im Mainstream und abseits davon - help yourself (hier doch noch eine Empfehlung: der Augenzeugenbericht von Christoph Koch für jetzt.de aus dem Auge des Nachrichtenorkans).
Was bleibt aber abseits des Horserace Journalism, der sich mit dem Abschneiden der Kandidaten, ihren Chancen und Perspektiven, Trends und dem ominösen Momentum befasst?
Immerhin die Perspektive auf den Mechanismus der Vorwahlen an sich und deren wohl beispielloser Verlauf - zumindest auf Seiten der Demokraten. Im republikanischen Lager ist zwar auch noch keine endgültige Entscheidung gefallen, doch sieht es hier nach einem mehr oder weniger “normalen” Verlauf aus: im Dreikampf zwischen John McCain, Mitt Romney und Mike Huckabee gibt es nun einen klaren Frontrunner, der sich mit zwei Verfolgern auseindersetzen muss, die sich gegenseitig das Kandidieren schwer machen.
Aber die Demokraten: das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Barack Obama und Hillary Clinton hält an und die Erfolge und Niederlagen verteilen sich nicht nach einem Muster, das eine klare Prognose für die noch ausbleibenden primaries erlaubt. Allein dies ist schon bemerkenswert - trotz der enormen medialen Aufmerksamkeit, die diesem Super Duper , Tsunami oder-wie-auch-immer Tuesday zuteil wurde, hat sich kein Lager entscheidend durchsetzen können. Damit geht die Tour durch das Land weiter und fokussiert nun die noch ausbleibenden Unterstützermärkte. Für den demokratischen Gehalt des Verfahrens ist dies sicherlich ein Gewinn: es gibt keine Rest-Staaten, in denen die Vorwahlkampagnen “außer Konkurrenz” stattfinden und die Bürger mit mehr oder weniger wertlosen Stimmen hantieren. Im Gegenteil, einige Schauplätze erhalten jetzt ein Maß an Aufmerksamkeit, das ihnen im Vorfeld wohl nicht zuteil geworden wäre: Rhode Island, Texas (beide 4. März), Pennsylvania (22. April), Kentucky (20. Mai), Montana (3. Juni)… here we come.
Damit bestätigt sich eine Tendenz, die schon beim vorzeitigen Ausstieg von Rudy Giuliani nach der Pleite in Florida zu erkennenwar: die Vorwahlen funktionieren nicht als hochselektives Planungs- und Strategiespiel, sondern sind offenbar doch nur im Gesamtpaket als Tour from sea to shining sea zu gewinnen.
Nun ist in erheblichem Maß die Planungsfähigkeit der Campaign Teams gefordert - nicht allein gilt es jetzt, die jeweiligen Gegebenheiten der noch offenen Vorwahlmärkte zu analysieren und daraus ein praktikables Konzept zu entwickeln, man benötigt dafür auch die nötigen Finanzmittel. Die bisherige Ausrichtung auf den 5. Februar war bereits sehr aufwändig und teuer, nun aber geht die Reise weiter. Die Kampagne ist immer noch on the Road.
Weit wichtiger als die eher symbolischen Gewinne in den Umfragen vor dem Super Tuesday könnte für Barack Obama die Tatsache sein, dass er im Januar erheblich mehr Wahlkampfspenden erhalten hat als seine Konkurrentin (ca. 32 Millionen Dollar gegenüber etwa 13,5 Millionen Dollar). Das Fundraising, eigentlich eher eine Aktivität aus der Vorbereitungsphase der Kandidatenauslese, verlängert sich nun also bis weit in den Vorwahlprozess hinein und erhält dabei einen noch stärker partizipativen Charakter. Günstig ist hierbei offenbar die Nutzung des Internet - Barack Obama sammelte im Januar allein 28 Millionen Dollar durch Online-Spenden. An dieser Stelle entfaltet der digitale Kampagnenraum die größte Wirkung - denn unmittelbar an der Urne hat Obama als amtierender “TechPresident” von seinen enormen Unterstützerzahlen in den Sozialen Netzen wie MySpace oder Facebook scheinbar nicht profitieren können (vgl. die entsprechenden Wertungen bei techpresident.com). Auch der YouTube-Blockbuster Yes we can, in dem sich zahlreiche Celebrities das Mikro in die Hand geben, hat nicht ganz die Auswirkungen gehabt, wie sich das die Macher um will.i.am mit ihrem viral video erhofft hatten.
Die Vorwahlen gehen also weiter, und dass noch nichts entschieden ist, ist tatsächlich auch ein Ergebnis. Was aber kann daraus folgen? Die Gedankenspiele sind eröffnet, und angesichts des bisher sehr knappen Verlaufs und der Unschärfe sämtlicher Prognosen steht vermutlich die nächste Rechenhausaufgabe auf dem Programm: kann es sein, dass der Abstand zwischen Hillary Clinton und Barack Obama auch nach Abschluss der Vorwahlen so knapp ist, dass am Ende gar die Superdelegates den Ausschlag geben? Sollte dieser Fall eintreten, hätte das nicht unwesentliche Konsequenzen auf die Democratic National Convention im Sommer, die dann nicht in der üblichen Form der “Krönungsmesse” abgehalten werden könnte.
Und schließlich bliebe zu überlegen, ob das close race im demokratischen Lager trotz der durchgängig höheren Vorwahlbeteiligung nicht auch den ein oder anderen Nachteil mit sich bringen kann. Noch ist zwar auch die Vorauswahl der Republikaner nicht abgeschlossen, doch ist davon auszugehen, dass hier viel früher die Ausrichtung auf einen Kandidaten (und einen running mate) erfolgen kann. Zwischen Hillary Clinton und Barack Obama ist zunächst einmal die entscheidende Personalfrage zu klären, bevor sich ein demokratisches Duo formieren kann - und erst dann kann die programmatische Feinabstimmung und die Positionierung zur republikanischen Konkurrenz erfolgen. Bei einer weiteren und nachhaltigen Verschärfung dieser Auseinandersetzung ließe sich sogar eine Art “Spaltung” des demokratischen Lagers als Schreckgespenst an die Wand malen.
Doch so weit ist es natürlich noch lange nicht und während man sich in Deutschland zuletzt etwas intensvier mit Koalitionsarithmetik auseinandergesetzt hat, dürfte es in den USA nun weiter gehen mit dem fröhlichen Delegiertenrechnen. Immerhin: auch das ist ein Beitrag zum Jahr der Mathematik.