Die Konjunktur des Lecks

Dienstag, 27. Juli 2010 von internetundpolitik

Die koordinierte Veröffentlichung der „Afghanistan War Logs“ durch die Internet-Plattform Wikileaks, die New York Times, den Guardian und den Spiegel hat seit dem Scoop am Wochenende für viel Wirbel gesorgt.

Die „politische“ Auslegung und Kommentierung der Dokumente ist meine Sache nicht, hierzu fehlen mir die Kenntnisse über Hintergrund und Entwicklung des Konflikts und die diversen militärischen Operationen.

Für mich spannend ist allerdings die „Neukonfiguration der Öffentlichkeit“ durch die Nutzung der digitalen, interaktiven Medienumgebung des Internet. Wie es der Zufall will, habe ich vor kurzem einen Vortrag an der NRW School of Governance zum Thema „Die Ethik des Lecks“ gehalten, Anknüpfungspunkt war (unter anderem) das von Wikileaks verbreitete „Collateral Murder“-Video eines Helikopterangriffs in Bagdad mit zivilen Opfern.

In der Präsentation habe ich die These aufgestellt, dass gerade die technologisch veränderten Möglichkeiten zur Dokumentenweitergabe in Zukunft für eine „Konjunktur des Lecks“ sorgen würde:

Bedingt durch die Digitalisierung können inzwischen nicht mehr nur „einfache“ Text- oder Tondokumente zum Gegenstand von Informationsweitergaben werden, sondern auch massenmedial vorzeigbare Filmsequenzen (Collateral Murder) oder abstrakte Datensammlungen (Steuersünder-CD). Zugleich ändert sich auch der Prozess der Weitergabe: wurde früher mit den Medien als „Vierter Gewalt“ ein relativ autarkes Subsystem mit Informationen versorgt, treten inzwischen NGOs (Watchdog-Organisationen) und kleinere Medien-Akteure wie Weblogs oder Online-Plattformen an deren Stelle.

Ganz offensichtlich bemüht sich Wikileaks hier nun um eine Maximierung der öffentlichen Aufmerksamkeit und stellt so eine im Normalfall eher unwahrscheinliche Allianz dreier großer Medienakteure her. Neben einer zusätzlichen „Authentifizierungsschleife“ erhalten die Dokumente dadurch auch so etwas wie ein „Narrativ“: pressegeschichtlich werden sie in eine Reihe mit den „Pentagon Papers“ gestellt, und die Konkurrenz von staatlicher Informationshoheit mit der enthüllenden Kraft der Vierten Gewalt wird betont.

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Online nach Bellevue?

Donnerstag, 24. Juni 2010 von internetundpolitik

Drei Ecken = ein Elfmeter. Drei Interviews = ein Blogpost. Nachdem sich in den letzten Tagen die Anfragen zur Online-Kampagne für Joachim Gauck gehäuft haben, notiere ich nun auch mal ein paar Gedanken dazu.

Wenn am 30. Juni die Bundesversammlung zusammentritt, um einen neuen Bundespräsidenten zu wählen, tut sie dies also im Bewusstsein einer neuartigen Form der öffentlichen Kampagne, die weder von den politischen Parteien noch von den traditionellen Massenmedien getragen wurde. Seit Bekanntgabe der Kandidatur von Joachim Gauck haben sich unabhängig voneinander verschiedene Initiativen gebildet, die mit den Mitteln der Online-Kommunikation mobilisieren und öffentliche Unterstützung erhalten.

Zum Einsatz kamen dabei in der Regel recht einfache, unaufwändig produzierte Websites, die jedoch hohe Reichweiten und Sichtbarkeit erzielten. Die „informelle Kampagne“ setzt sich zusammen aus einer gut besuchten Unterstützer-Seite bei Facebook, einer erfolgreichen virtuellen Unterschriftensammlung , einem populären Twitter-Hashtag (#mygauck) und einem daraus geformten Twitter-Mosaik. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Aktivitäten, die sich über die verschiedenen Web 2.0-Plattformen zerstreuen. Man kann diese Zutaten als Lerneffekt aus der letztjährigen #Zensursula-Kampagne verstehen – prominente Plattformen und Dienste erzielen respektable Reichweiten im Netz. Das dabei entstehende Material ist medial gut verwertbar, so ist ein Fortschreiben der Online-Aktivitäten auch in der Offline-Öffentlichkeit gewährleistet.

Das buchstäbliche Heraustragen des Protestes aus dem Netz in Form von „Pro-Gauck“-Demonstrationen funktioniert dagegen (noch) nicht ganz so gut – was wohl am relativ abstrakten Gegenstand liegt: das Finden eines Nachmieters für Horst Köhler berührt die Menschen eben doch nicht so direkt wie staatliche Eingriffe in den Internet-Alltag.

Deutlich wird hier, dass es sich bei der Kampagne (auch) um eine Form des Protests gegen den Zugriff der Parteien bei der Besetzung des höchsten Amtes im Staate handelt – viele Bürger kritisieren mit ihrer Unterstützung das „Postengeschacher“ der Parteibürokratien. Die breite öffentliche Unterstützung eines Kandidaten „außerhalb“ der Parteistrukturen verweist auf den Wunsch nach Selbstbeteiligung oder zumindest eine von Parteizwängen befreite Stimmabgabe.

Der über die verschiedenen Online-Plattformen aufgebaute Druck ist allerdings nicht so groß, wie das nun in einigen Berichten zum Thema zu lesen sein dürfte: die Online-Unterstützung des Kandidaten Gauck ist zwar respektabel, aber mit gut 35.000 Facebook-Freunden und einer virtuellen Unterschriftenliste mit etwa 10.000 Einträgen noch lange keine digitale Massenbewegung.

Allerdings könnte sich der Einfluss aus dem Netz auf die Bundesversammlung noch verstärken – dann jedoch müssten nach dem Muster vor allem US-amerikanischer Online-Kampagnen die stimmberechtigten Mitglieder der Bundesversammlung direkt adressiert werden: durch E-Mails, Tweets, Telefonanrufe oder Fax-Mitteilungen. Die schon vorhandene Kampagnenstruktur böte den geeigneten Rahmen, um Fax-Vordrucke, Textbausteine für Mails und Tweets oder Gesprächsleitfäden für Telefonanrufe zu verfügbar zu machen.

Erst wenn so etwas passieren sollte, gäbe es einen echten „Online-Wahlkampf“ um den Einzug ins Schloss Bellevue.

Update 1: So schnell kann´s gehen – unter dem Titel „Wählt den Präsidenten des Volkes“ hält die Beteiligungsplattform AVAAZ.org einen vorformulierten Textentwurf bereit – nach Eintragung der persönlichen Daten wird das „Bürger-Statement“ dann „direkt an alle Delegierten aus ihrer Region“ gesendet.

Update 2: Nachdem der Text gestern auch als Kurzommentar bei politik-digital.de erschienen ist, gab es darauf einen leicht hämischen Hinweis von Thomas Leidel aus der n-tv-Redaktion – dort hatte man das „Phänomen“ schon vor vielen Wochen erkannt und darüber berichtet („Das Netz als sechste Gewalt“). Toll. (Okay, dem poldi-Text fehlt der WM-affine Einstieg des ursprünglichen Blogeintrags. Daran hätte man merken können, dass mir die Online-Kampagne nicht völlig fremd ist).

Bessere Berichte über die Besonderheiten der Unterstützerkampagne liefern aber Weblogs, zum Beispiel der kenntnisreiche und gut recherchierte Text zum „Gauck-Hype“ von Jens Berger im Spiegelfechter. Allein beim Vergleich des vermeintlichen „Facebook-Klickaktivismus“ (das schöne Wort vom slacktivism liest man hierzulande leider nur selten) mit einer klassischen Fußgängerzonen-Unterschriftensammlung wäre ich vorsichtig – dem Klick auf einer Website oder auch einem „guten Tweet“ geht meist doch eine gewisse Vorab-Information voraus, in die ein wenig (Lese-)Zeit investiert wurde. Die Unterschrift am Tapetentisch leistet man dagegen nach eher aufdringlichen Direktansprachen auf einer nicht wirklich informierten oder sehr einseitigen Grundlage. Das ist dann analoger „Klickaktivismus“.

In eigener Sache: Südafrika

Mittwoch, 2. Juni 2010 von internetundpolitik

Der WM-Countdown läuft und ich hatte nun endlich auch ein wenig Gelegenheit zur Vorbereitung. Wesentlicher Grund war die Recherche für den Beitrag Schaufenster Südafrika zum WM-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (sic!), der Text über die Marketing-Strategien von adidas, Nike und Puma dürfte in den nächsten Tagen erscheinen.

Ganz unbedarft bin ich in der Sache seit der „Sneaker Story“ aus dem Jahr 2000 nicht, vor größeren Sport-Events gibt es immer mal wieder Anfragen zu so genannten „Experten-Statements“. In diesem WM-Sommer lief bereits das Feature „Globale Spieler“ im sehenswerten WDR-Format sport inside, außerdem ein längeres Interview zur „Marken-WM“ in der Kontext-Reihe von SWR2.

In Vorbereitung Erschienen ist auch eine längere Rezension des viel gelobten Nike-Spots „Schreib Zukunft“ bei CARTA. Ich finde den schicken Kurzfilm zwar durchaus auch beeindruckend, doch ist er nicht das perfekte Sensations-Commercial, für das ihn viele halten.

Sieht man sich ein wenig im Netz um, so findet sich überaus reichliches Material für eine unterhaltsame und anspruchsvolle WM-Begleitung. Neben den populäreren Dingen wie dem twitternden Ronaldo oder einer sehr gehaltvollen Infografik zur Konkurrenz der Sportartikelhersteller gibt es auch etwas randständigere Fundstücke. Sehr spannend finde ich zum Beispiel, dass adidas, Nike und Puma die Kooperation mit lokalen Künstlern gesucht haben, um ihre Produktlininen zu „afrikanisieren“ oder Marketing-Kampagnen mit dem sprichwörtlichen „Lokalkolorit“ zu versehen.

Mal sehen, vielleicht wird daraus auch noch ein längerer Text. Aber jetzt erstmal: Bosnien-Herzegowina.

Unter Biebern

Montag, 31. Mai 2010 von internetundpolitik

Seit ein paar Monaten verbringe ich jede Woche einige Minuten damit, fehlgeleitete Twitter-Follower zu blockieren – mein Account @drbieber spürt in relativ großer Entfernung zum Epizentrum die massive, erdbebenartige Energie der so genannten Belieber: das sind die begeisterten Fans des kanadischen Jungstars Justin Bieber (oder sollte man gleich von @justinbieber reden?), für die Twitter ein zentraler Bestandteil ihrer Fanexistenz ist.

Am Anfang waren das nur ein paar wenige Accounts, deren seltsame Namen wie @NinaBieber16, @JBLove1706 oder @GermanBelieber_ auf ein weitläufige Verwandtschaft hinzudeuten schienen. Inzwischen kommen täglich zwischen fünf und zehn solcher Follower hinzu – je nachdem welche waghalsigen Web 2.0-Stunts „The Bieb“ gerade so im Sinn hat.

In Deutschland ist seine Fangemeinde noch nicht allzu groß, aber sein Auftritt bei der Verleihung des Comet in Oberhausen vor einigen Tagen hat auch hierzulande einige neue „Belieber“ zurückgelasen. Vielleicht liegt es an der in Deutschland noch nicht allzu großen Reichweite von Twitter, doch finden sich die typischeren Fan-Fundstücke hierzulande (noch) eher bei YouTube oder als Weblog.

Jedenfalls habe ich nach einer kurzen Materialsichtung damit begonnen, einen kleinen Text über digitales Fantum im Zeichen des Biebers zu schreiben. Mal sehen, ob sich demnächst dafür ein Abnehmer findet.

PS: Schön wäre auch ein Vergleich der Online-Strategien des jungen Herrn Bieber und der etwas älteren Frau Meyer-Landrut – letztere wohnt offenbar noch in irgendeinem Bezirk des Web 1.0…

In eigener Sache: Menaggio

Mittwoch, 26. Mai 2010 von internetundpolitik

Wie konnte das nur passieren? Das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM (13.6, vs. Australien) muss ich mir auf italienischem Boden ansehen. Immerhin in einem attraktiven Ambiente, denn vom 12.-15. Juni nehme ich an der Tagung Transnational Copyright: Organization, Mobilisation, and Law in der Villa Vigoni teil.

Titel meines Vortrags ist Communication as Participation: The DIY-Campaign of Germany´s Piratenpartei, darin setze ich mich mit verschiedenen Aspekten der einzigen echten „Mitmach-Kampagne“ im Bundestagswahlkampf 2009 auseinander. Ein Teilbereich widmet sich den Perspektiven der Piratenpartei und geht auch auf die Ereignisse vor und nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ein. Besonders aufgefallen sind mir dabei zuletzt weniger die Richtungsstreitigkeiten innerhalb der Piraten, als vielmehr das dauerhafte Endzeit-Framing in der medialen Berichterstattung. Im gerade fertig gewordenen preliminary paper für die Konferenz klingt das dann so:

Aside from problems while collaborating “between online and offline”, the relatively short time span from the Bundestagswahl on Sept. 27th to election day in North Rhine-Westfalia on May 9th was rather a burden than a blessing for the Piratenpartei. Especially when discussing and developing a specialized election manifesto for the state election, it turned out that only seven months are not enough for elaborating a precise – and consensual – programmatic position. Instead of being assessed as an open and productive discussion process of a still very young party, media coverage put an emphasis on the “difficulty” or even “impossibilty” to shape a distinct public statement.

Organisiert wird die Konferenz im übrigen durch das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, executive producers sind Sigrid Quack und Leonard Dobusch, die u.a. auch das sehr lesenswerte Blog governance across borders betreiben.

Westminster hängt

Freitag, 7. Mai 2010 von internetundpolitik

Die Wahlnacht in Großbritannien nimmt den erwartet spannenden Verlauf. Während allmählich die Ergebnisse aus den Wahlkreisen verkündet werden und sich so die neue Sitzverteilung für das Unterhaus ergibt, zeichnen sich einige Resultate ab, die in den nächsten Tagen (oder Wochen) noch für Diskussionsstoff sorgen werden.

Hung Parliament
Zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale sieht es so aus, als würde es keine absolute Mehrheit für eine der großen Parteien geben. Was andernorts der Normalfall ist, treibt vielen Briten schon seit Tagen Sorgenfalten auf die Stirn. Eine Koalitionsregierung in Westminster wirkt wie ein politisch-kultureller Bruch, der die politische Klasse vor neue Herausforderungen zu stellen scheint. Insbesondere für die Konservativen, die das hung parliament im Wahlkampf als Schreckgespenst skizziert haben, könnte der Umgang mit der Patt-Situation zu einer Gratwanderung der Glaubwürdigkeit werden.

Das LibDem-Paradox
Eine nächste Auffälligkeit ist die Diskrepanz zwischen elektoraler Unterstützung und elektoralem Erfolg der Liberaldemokraten unter dem „gefühlten Wahlkampfsieger“ Nick Clegg. Voraussichtlich erreicht die dritte Kraft einen Spitzenwert bei den Stimmanteilen, ohne allerdings die Anzahl ihrer Sitze im Unterhaus signifikant verbessern zu können. Im BBC-Exitpoll bei Schließung der Wahllokale waren sogar leichte Verluste gegenüber 2005 prognostiziert worden. Dadurch gerät das – von vielen als überholt angesehene – Mehrheitswahlrecht in den Mittelpunkt der Diskussion. Wesentlicher Kritikpunkt ist das „first past the post“-System, das den Gewinner (oder die Gewinnerin) der einfachen Mehrheit in den 650 Ein-Personen-Wahlkreisen mit dem Einzug ins Parlament belohnt. Auf diese Weise entstehen viele „wasted votes“ – Stimmen für ungewählte Kandidaten meist kleiner Parteien, die nicht im Parlament repräsentiert werden. Das vermutliche Scheitern der Liberaldemokraten, die trotz einer breiten Unterstützung im Land nicht adäquat im Parlament vertreten sein werden, wird die Debatte um die Modernisierung des Wahlsystems befeuern. Es scheint naheliegend, dass künftig ein stärkerer Anteil von Elementen aus dem Verhältniswahlrecht eingefordert werden.

Missing Ballot Papers
Zusätzliche Munition dürften die Kritiker des Wahlsystems durch die vielen Berichte über Probleme und Engpässe in Wahllokalen erhalten: in den ersten Stunden nach Schließung der Wahllokale wurden mehrfach Polizeieinsätze geschildert, die enttäuschte Wählergruppen vor geschlossenen polling stations zerstreuen mussten. Die Aussagen der Wähler klingen bisweilen bizarr: „As I eventually got to the table a student was almost in tears as she thought I was going to take her place and she told me she had queued for two and a half hours!“ (zitiert aus dem BBC-Liveticker). Auch scheinen handgreifliche Auseinandersetzungen nicht ausgeschlossen, so zeigte der Sender Sky News Bilder eines Streits von „gescheiterten Wählern“ mit Mitgliedern der lokalen Wahlleitung, vereinzelt wurde auch der Abtransport der Wahlurnen blockiert. Es würde nicht wundern, wenn morgen Parallelen zur Skandal-Wahl in den USA 2000 gezogen werden – erst der umstrittene „Florida Re-Count“ hatte damals die Wahlentscheidung zugunsten von George W. Bush erbracht. Schon ist die Rede von „legal consequences“, wobei eine Wahlanfechtung wohl nur in der yellow press ein größeres Thema werden dürfte.

Dennoch wird es spannend sein zu beobachten, inwiefern die „Vorzeige-Demokratie“ von Westminster mit einer solchen „Kränkung“ umgehen wird. Die unzureichende Ausstattung von Wahllokalen mit Papier und Personal wirkt wie ein Anfängerfehler, den OECDOSZE-Beobachter gewöhnlich neuen Demokratien im östlichen Europa ins Stammbuch schreiben. Zugleich bietet sich hier einmal mehr an Ansatzpunkt für die Wiederaufnahme der Debatte um den Einsatz von Wahlmaschinen – genau solche Situationen könnten wohl vermieden werden, wenn automatisierte Systeme zur Erfassung von Wählerstimmen zum Einsatz kämen.

Es deutet sich an, dass die General Election auch in den nächsten Tagen noch Stoff für weiter führende Diskussionen liefern wird. Das eigentliche Wahlergebnis scheint dabei nur in zweiter Linie interessant – die tiefer liegenden Probleme wie die Möglichkeit einer Koalitions- oder Minderheitenregierung, eine Reform des Wahlrechts und die Modernisierung der Stimmabgabe dürften die bleibenden Themen des britischen Wahljahrganges 2010 sein.

#UKvote

Donnerstag, 6. Mai 2010 von internetundpolitik

Eine Woche, zwei Wahlen. Im Umfeld der Unterhauswahlen in Großbritannien entfaltet sich ein facettenreicher Online-Wahlkampf, der andeutet, dass auf der britischen Insel die Grenzen zwischen den Medienumgebungen allmählich durchlässiger werden. TV-Ereignisse ziehen eine starke Online-Resonanz nach sich und für den Wahltag sind Gemeinschaftsprojekte zwischen Print-Anbietern und Online-Dienstleistern angekündigt. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen scheint dagegen von einem anderen, eher analogen Kaliber. Allerdings verbietet sich ein näherer Vergleich aus systematischen Gründen, denn natürlich ist die Tragweite der Abstimmungen völlig verschieden: die Prognosen zur general election deuten auf einen Umbruch im britischen Zwei-Parteien-System hin und der Wahlgang könnte ex post als critical election verstanden werden. In Nordrhein-Westfalen handelt es es sich dagegen „nur“ um eine second order election, die unterhalb der nationalen Ebene angesiedelt ist und bei den Wählern generell auf geringeres Interesse stößt. Allerdings ist diese Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland die in Deutschland wohl wichtigste Abstimmung „zweiter Ordnung“ und noch dazu ist es die erste Wahl nach der Bundestagswahl im Herbst 2009.

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In eigener Sache: Düsseldorf

Dienstag, 4. Mai 2010 von internetundpolitik

Am Sonntag wählt Nordrhein-Westfalen, es ist die erste Wahl seit der Bundestagswahl und das gleich im bevölkerungsreichsten Bundesland – eigentlich sollte das eine spannende Angelegenheit werden, auch und gerade im Internet. Im Jahr Eins nach #Zensursula, der Etablierung der Piratenpartei und der Geburtsstunde der „Netzpolitik“ durfte man einen regen Online-Betrieb erwarten, gewissermaßen einen „Online-Frühling“ nach dem „Offline-Herbst“. Aber ach – es passierte eigentlich nicht allzuviel in den digitalen Kampagnenzentralen, die große Online-Party scheint vorbei. Das ZDF (genauer: ZDFinfo und zdf.de) begleitet die Wahl im Web dennoch mit einer Sendung (Info, Trailer). Produktionsort ist der Düsseldorfer Medienhafen, wo am Sonntag dem Vernehmen nach eine hohe Politologendichte herrschen soll. Ich werde jedenfalls meinen Teil dazu beitragen, als Sachverständiger für den Online-Wahlkampf in NRW.

Und dabei findet die wirklich interessante Wahl der Woche doch schon am Donnerstag statt, und zwar in Großbritannien. Hm, so sollte ich meinen Kommentar wohl lieber nicht beginnen…

Ein neues Kommentariat?

Dienstag, 27. April 2010 von internetundpolitik

Die raue Industriekulisse der Kölner Vulkanhalle war Schauplatz der Fernsehdebatte im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf zwischen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und seiner Kontrahentin Hannelore Kraft (SPD). Gesellschaft leisteten den Spitzenkandidaten dabei jedoch nur Jörg Schönenborn und Gabi Ludwig, die sich als Moderatoren weitestgehend angenehm zurück hielten, so dass bisweilen die Atmosphäre eines Zwiegesprächs aufkam. Die rötlich schimmernden Backsteinwände boten zwar einen schönen Bildschirmhintergrund, dass die Halle jedoch leer blieb, ist vermutlich den Vereinbarungen zwischen dem übertragenden WDR und den Unterhändlern der Parteien geschuldet – ein Studiopublikum, das für ein etwas lebendigeres Ambiente gesorgt hätte, war jedenfalls nicht zugelassen – spontane Kommentare blieben den Onlinern bei Facebook und Twitter vorbehalten.

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Duell am Rhein

Donnerstag, 22. April 2010 von internetundpolitik

Am kommenden Montag findet in Düsseldorf das „Das Duell“ zwischen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und der SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft statt. Veranstaltender Sender ist der WDR, die Debatte beginnt um 20.15 Uhr und dauert 60 Minuten – die Sprint-Variante wie bereits 2008 in Niedersachsen (Duell-Trivia: wer kann ohne digitale Hilfsmittel den Namen des damaligen SPD-Kandidaten aufsagen? Und welcher heutige Bundesminister ging damals im so genannten „kleinen Duell“ an den Start?).

Die in der Kölner Vulkanhalle ausgetragene Diskussion wird moderiert von Jörg Schönenborn und Gabi Ludwig – warum nur stellt der WDR ein Duo an den Fragetisch? Gerade die schlechten Erfahrungen aus dem „Kanzlerduell“ vom vergangenen Herbst sollte Abschreckung genug vor zu vielen Moderationsposten sein. Sicher ist, dass dadurch die ohnehin schon knapp bemessene Redezeit von Rüttgers und Kraft noch weiter reduziert wird. Es ist davon auszugehen, dass die Kandidaten von Thema zu Thema hetzen, dabei wenig Überraschendes von sich geben und die Moderation selbst dann noch störend wirkt, wenn sie nur lenkend eingreifen möchte.

Insgesamt kommt der vermeintliche Wahlkampfhöhepunkt jedoch eher unscheinbar daher – die mediale Orientierung auf ein zentrales Kampagnen-Ereignis lässt lange auf sich warten. Eine ordentliche „Debatte vor der Debatte“ fand (bisher) nicht statt, wenn doch noch etwas folgt, dann wird es nur ein kleines Vorgeplänkel sein – und keine groß inszenierte Positionierung der Kandidaten als gute oder schlechte Rethoriker.

Dennoch wollen wir am kommenden Montag ein kleines Experiment durchführen – gemeinsam mit Thomas Pfeiffer (@codeispoetry) von webevangelisten.de habe ich einen kleinen Versuchsaufbau entwickelt, um möglichst viele Tweets mit debattenbezogenen Inhalten für eine unmittelbare Kommentierung sowie für eine wissenschaftliche Nachbearbeitung zu sichern. Das wichtigste Hashtag dafür dürfte #nrwduell sein, außerdem beachten wir natürlich die Namen der Teilnehmer, Parteikürzel sowie den zuständigen TV-Sender. Eine kleine Sammlung der wichtigsten Twitterthemen zur Landtagswahl ist ebenfalls in Vorbereitung.

Ein paar Fingerübungen im Umfeld der britischen Prime Minister Debates haben schon recht spannende Daten hervor gebracht, auch die zeitnahe Abbildung wesentlicher Themen und Trends scheint gut möglich. Am Montag wollen wir erste Ergebnisse unmittelbar nach der Debatte an der NRW School of Governance in Duisburg präsentieren, ebenfalls dort führt der Kollege Thorsten Faas (Uni Mannheim) eine Real-Time-Response-Messung durch. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die Resultate des zweigleisigen Debatten-Monitoring ergänzen (oder auch nicht).

Das Duell am Rhein wird am Montag nicht annähernd die Dimension der britischen Debatten erreichen: während der Debattenpremiere am 15. April sammelte der Dienstleister Tweetminster insgesamt 184.396 Tweets von 36.483 Nutzern. Bei der zweiten Auflage am 22. April ging das 140-Zeichen-Aufkommen ein wenig zurück, gesichert wurden „nur“ noch 142,795 Tweets (-41,601) von 28,790 Nutzern (-7,693). Diese Größenordnung führte auch zu erheblichen Reichweiten-Erfolgen der britischen Politik – während und kurz nach den Debatten erschienen die Namen der drei Teilnehmer sowie das allgemeine Hashtag #leadersdebate in den trending topics bei Twitter. Dort sind politische Themen eher selten zu Gast, europäische Ereignisse erst recht.

Auch wenn das Aufeinandertreffen von Rüttgers und Kraft bei weitem nicht die mediale Prominenz erreicht wie die Debattenserie vor den Unterhauswahlen, so wird sich auch hier der Trend zur Echtzeit-Begleitung eines wichtigen Wahlkampf-Ereignisses im Internet fortsetzen.