Lucky Streik (2.0)

Donnerstag, 5. November 2009 von internetundpolitik

Seit Ende Oktober bildeten nahezu professionelle Web-Präsentationen das Rückgrat des studentischen Online-Streiks. Die WWW-Seiten wurden von wenigen Enthusiasten betreut, bildeten das aktuelle Streikgeschehen ab und informierten über wichtige Aktionen im örtlichen Streikbetrieb. Die Hochschulrechenzentren verzeichneten in den Monaten November und Dezember exponentielle Nachfragesteigerungen für die Online-Angebote. Dabei waren an einzelnen Universitäten bis zu 4000 Zugriffe an einem Tag keine Seltenheit.

Zwölf Jahre liegt der Lucky Streik zurück – unter diesem Label durchzogen damals Studierendenproteste die Republik, die Blockaden dehnten sich bis über die Weihnachtsferien ins neue Jahr aus. Die für damalige Verhältnisse erheblichen Online-Reichweiten ringen den Beobachtern in diesem Jahr nur ein müdes Lächeln ab: allein die Livestreams aus den österreichischen Hochschulen erzielen regelmäßig vierstellige Abrufzahlen – gemeint sind allerdings gleichzeitige Nutzer.

Weiter heißt es in der oben zitierten Dissertation aus dem Jahr 1999:

Die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs im Januar 1998 markierte einen Wendepunkt: die Großzahl der Studierenden unterwarf sich angesichts des drohenden Semesterendes dem regulären Hochschulbetrieb und kehrte in die Seminare zurück. (…) In den Zeiten abflauender Protestbereitschaft bei vielen Studierenden köchelte der Protest auf „virtueller Sparflamme“ weiter. Dabei verfestigte sich ein digitales Kommunikationsnetz, das bei nächster Gelegenheit umgehend auf breiter Protestfront genutzt werden kann.

Nun ja – nachdem in Österreich seit dem 22. Oktober Hörsäle besetzt und Universitäten bestreikt werden, geht es jetzt offenbar in Deutschland los. Die Twitter-Hashtags lauten #unibrennt und #unsereuni. Die Universitäten in Heidelberg, Münster und Potsdam machten gestern den Anfang. Wie geht es weiter?

Im Laufe des Tages erscheint Gerade ist drüben beim Homo Politicus ein kleiner Beitrag zum Stand der Dinge erschienen. Geschrieben hat ihn der Doktorand, der 1997 vom Lucky Streik überrascht wurde und dazu ein Kapitel in seine Dissertation aufnehmen musste – überschrieben war der Abschnitt mit Zur Entstehung“ digitaler sozialer Bewegungen“.

In eigener Sache: Frankfurt/New York

Montag, 2. November 2009 von internetundpolitik

Die Ortsangaben klingen vielleicht etwas weltläufiger als es der Anlass hergibt, aber laut Verlag ist das so korrekt: in diesen Tagen ist der Sammelband Soziale Netze in der digitalen Welt – Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Macht erschienen, den ich gemeinsam mit Martin Eifert, Thomas Groß und Jörn Lamla herausgegeben habe.

Einen ersten visuellen Eindruck als Twitpic gibt´s hier.

Die Publikation geht auf die (nahezu) gleichnamige Tagung vom Herbst 2008 zurück, ich war dabei schwerpunktmäßig für die Organisation des „Politik-Kapitel“ zuständig. Nach meiner kleinen Einleitung über Soziale Netze als neue Arena politischer Kommunikation befasst sich Axel Bruns mit der politischen Dimension seines Produsage-Konzeptes. Eine kritische Entgegnung dazu hält der Beitrag von Uwe Jun bereit. Darauf folgt Andreas Jungherr mit einer Bestandsaufnahme zur Twitter-Nutzung in der (deutschen) Politik.

Selbstverständlich sind auch die übrigen Kapitel mit Texten zu soziologischen und rechtlichen Aspekten sozialer Netzwerke lesenswert. Im Vordergrund stehen dabei Fragen der digitalen Consumer Democracy, die Diskussionen um das Urheberrecht sowie Fragen zu Persönlichkeitsrechten im Netz.

Weiterführende Informationen finden sich (in Kürze) auf der Seite des ZMI sowie beim Campus Verlag.

Soziale Netze in der digitalen Welt – Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Macht

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In eigener Sache: Bonn

Mittwoch, 21. Oktober 2009 von internetundpolitik

Am 26. Oktober werde ich am ARD/ZDF-Onlineseminar bei der Deutschen Welle in Bonn teilnehmen und dort einen ersten Vortrag zum Online-Wahlkampf halten – im Mittelpunkt stehen die Rolle von Social Networks (allerdings noch in den USA, das war eine Vorgabe), Video-Formate zwischen Netz und TV sowie einige Beispiele für Twitter-Nutzungen im Bundestagswahlkampf. Ausführlicher mit dem „deutschen“ Web 2.0 dürfte sich Jan Schmidt auseinandersetzen, das deutet zumindest sein Vorschau-Posting Social Media im Wahlkampf an.

Als zusätzlicher Programmpunkt ist eine Abendveranstaltung angesetzt, bei der ich gemeinsam mit  Jens Seipenbusch auf einige Fragen zur Her- und Zukunft der Piratenpartei antworten soll. Vielleicht bietet sich auch schon die erste Gelegenheit zur Einschätzung der geplanten „Internetpolitik“ der neuen Bundesregierung.

Der Twitter, die Presse, der Club und der Kaffee

Donnerstag, 15. Oktober 2009 von internetundpolitik

Am Montag (19. Oktober, 19 Uhr)  bin ich als Gast in den Frankfurter Presseclub eingeladen, das Thema ist Twittern erobert die Medien. Klingt ernst, irgendwie bedrohlich. In scharfem Kontrast dazu steht aber der flapsige Untertitel: Brauch´ erstmal einen Kaffee.

Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Unterzeile ein wörtliches Zitat des bekanntesten hessischen Autokaffeemaschinenbesitzers ist – das wäre immerhin noch eine wohlwollende Interpretation, denn das koffeinhaltige Getränk spielt in dessen Twitter-Beiträgen die Rolle eines running gag. Genauso nah (oder fern) liegt aber auch der Verdacht, dass der Stoßseufzer auf die betonte Belanglosigkeit der Twitter-Kommunikation verweisen soll – immerhin ist Kaffee als aromatisiertes „heißes Wasser“ ja gar nicht so weit weg von der „heißen Luft“, die man schon gerne mal mit Twitter in Verbindung bringt.

Und dann wäre da ja noch das „n“ – schließlich steht da ja „Twittern erobert die Medien“ und nicht „Twitter erobert die Medien“. Auch darüber wird am Montag also zu reden sein. Aber wie dem auch sei – Material für eine spannende Unterhaltung findet sich ja beinahe täglich. Ich bin allerdings schon gespannt, ob bis Anfang nächster Woche hierzulande endlich mal ein substanzieller Bericht zum Hashtag #trafigura erschienen sein wird. Bislang (= 14.10., 14 Uhr) muss man auf englischsprachige Berichte oder einen Text von den österreichischen Kollegen des Standard zugreifen.

Diese Angelegenheit hat in den vergangenen beiden Tagen heftige Wellen geschlagen und für reichlich Diskussion unter Journalisten und Journalismusforschern gesorgt – vielleicht sollte ich am Montag einfach mal fragen, warum es so lange gedauert hat, bis das Thema die deutschen Medien erreicht hat.

Und dann hole ich mir erstmal einen Kaffee.

Wiedervorlage: Piratenpartei

Dienstag, 29. September 2009 von internetundpolitik

Bedingt durch diverse Befragungen zu Genese und Perspektive der Piratenpartei habe ich mir nochmal einige Materalien zum Thema angesehen – nachfolgend einige nicht abschließend bearbeitete und systematisierte Notizen, die auch einige Fragen für die weitere Auseinandersetzung formulieren.

Update 2: diverse Artikel befassen sich mit dem Abschneiden der Piratenpartei, hier ein Bericht aus der WELT und dort mein Kommentar für den ORF (Abt. Futurezone). Noch vor der Wahl war eine Vertiefung der Rollenspiel-Aspekte im Piratenwahlkampf bei CARTA erschienen.

Neben den zahlreichen Medienberichten der Marke „Außerparlamentarische Opposition 2.0″ (dazu auch SWR2-Forum vom 21.9.) und der prominenten Verteidigungsschrift für die Nerd-Kultur („Revolution der Piraten“) durch Frank Schirrmacher in der FaS erscheinen inzwischen auch einige Kurzuntersuchungen aus der eigenen Fachdisziplin, die allmählich die diffuse „Partei für die Nerds, nicht für die Massen“ (Die Welt) etwas klarer einsortiert.

Die aktuelle Debatte um die Rechtslastigkeit der Piratenpartei bzw. der dilettantische Umgang mit den Presseanfragen der Jungen Freiheit sowie der öffentlichen Diskussion und Positionierung bleibt an dieser Stelle außen vor – das wäre ein eigener Beitrag, den andere längst schon geschrieben haben. Einen neuen Spin erhält die Diskussion freilich durch das (vergiftete?) Schirrmacher-Lob für Jens Seipenbusch als „Intellektuellen von Format“, der nun auch als Gastautor in der FAZ schreibt. Ob der Vorsitzende der Piratenpartei weiß, auf welches Medium er sich da eingelassen hat?

Update 1: Weiteres Piratenmaterial ist eingetroffen – Welt, Tagesspiegel. (Beim Beitrag des Tagesspiegels sieht man mal wieder sehr schön, was passiert, wenn man sich Zitate nicht zur Freigabe vorlegen lässt. Der Boulevard ist breiter als man denkt…).

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In eigener Sache: Berlin (jaja…)

Mittwoch, 23. September 2009 von internetundpolitik

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl. Endlich.

Damit schließt sich nun auch der Sendezyklus der Wahl im Web-Reihe im Jahr 2009 – ab 17.30 Uhr geht das bewährte Team (@markuskavka, @malte_politicus, @herr_marx ,@fabianpingel und noch eine ganze Reihe weiterer Netscouts) im Alten Telegraphenamt an den Start, wieder in Sichtweite zum großflächigen TV-Studiobereich. Ein prominenter Neuzugang im Chat ist Prof. Dr. Harald Schoen von der Universität Bamberg.

Bis zur ersten Prognose kurz nach Schließung der Wahllokale werden wir uns vermutlich mit den vorab verbreiteten Zahlen aus den so genannten Exit-Polls beschäftigen (dieser böse Twitter wird ganz bestimmt ein paar Prozentzahlen in die Welt hinaus zwitschern). Außerdem gehen dann die 3-Tage-Wach-Aktionen der Parteien zur Wählermobilisierung zu Ende und im ganzen Land scharen sich dann die Menschen wieder vor dem Fernsehbildschirm – zum private oder public viewing (für die parteigebundenen Zuschauerparties könnte man noch den Begriff des partisan viewing ergänzen). Im Laufe der Sendung kommen sicher wieder einige Politiker zum Chatten und Twittern vorbei, und dann gibt es ja auch noch die imposanten 12 ??% der Piratenpartei zu kommentieren – zwischendurch sollte aber doch noch etwas Zeit für einige Analysen zum diesjährigen Online-Wahlkampf sein.

Reden könnte man ja viel, zum Beispiel über:

  • die frühzeitige Orientierung auf das Internet als Wahlkampfzentrale im Zeichen der Obama-Nachwehen
  • die bild- und tonlastigen Relaunches der Partei-Homepages im Frühjahr
  • die großflächig beworbenen (aber nur mittelmäßig erfolgreichen) Unterstützer-Netzwerke aller Bundestagsparteien
  • die Blüte (und manchmal auch das Verblühen) der Profilseiten in den verschiedenen Sozialen Netzwerken
  • die Vorreiterrolle der politischen Twitterer gegenüber den Kollegen aus den Bereichen Wirtschaft, Sport oder Unterhaltung
  • die #zensursula-Kampagne und ihre Auswirkungen auf das Wahljahr
  • den Untergang des TV-Formates „Kanzerduell“
  • den Aufstieg des Internet-Formates „Kanzlerduell“
  • den rollenspielartigen Wahlkampf der Piratenpartei
  • die allmähliche Umprogrammierung des Online-Wahlkampfs der Bundestagsparteien zur digitalen TV-Erweiterung
  • den teilweise fahrlässigen Umgang von Politiker/innen mit der Videokamera
  • die “ …und alle so: yeah!“-Erfahrung von Angela Merkel
  • die Nutzung von Online-Plattformen als Entscheidungshilfe im Wahlrechtsdickicht
  • die Medialisierung des Wahltages durch aktive Netzbürger

Ach so, und dann sind da ja noch zwei Landtagswahlen – in Schleswig-Holstein und Brandenburg. Hierbei dürfte es sich abermals um digitale Nebenschauplätze handeln. Wie schon im August bei den Wahlen im Saarland, Sachsen und Thüringen, dürfte sich hier Zersplitterung des Online-Wahlkampfs zeigen – relativ kleine Kampagnen-Infrastrukturen produzieren ein weit geringeres Grundrauschen im Netz, zudem überlagert der zeitgleich seinem Höhepunkt zustrebende Bundestagswahlkampf die Arenen im hohen Norden und mittleren Osten der Republik.

Update: Damit das Wahlwochende ein besonders intensives wird, gibt es gleich noch zwei weitere Termine – das Atoms & Bits-Camp setzt sich auch mit den Fragen der digitalen Gesellschaft auseinander. Am Samstag arbeite ich zunächst an einer Session zum Thema „Medialisierung des Wahltags“ mit, am Nachmittag nehme ich im Betahaus an einer Diskussionsrunde des DAAD zum Thema „Politik 2.0″ teil. Die umfangreiche Tafelrunde ist Bestandteil einer Wahlbeobachterreise durch das ganze Land, die Wissenschaftler aus zahlreichen Nationen an die Schaltstellen der Mediendemokratie führt.

Endspurt im Online-Wahlkampf

Donnerstag, 17. September 2009 von internetundpolitik

Nach dem Duell ist vor der Wahl – schon klar, eine Binsenweisheit, ein politischer Herbergerismus. Trotzdem ein guter Einstieg in die nächste Sammlung von Materialien zum Thema.

Zunächst noch der Verweis auf das Produkt der Liveblog-Bemühungen für das ZDF (dazu zählen auch die entsprechenden Twitter-Mitteilungen, die über mein accout @drbieber laufen mussten). Am Tag nach der Debatte sind zudem noch zwei Texte entstanden, die meine Eindrücke vom „Kanzlerduell“ zusammenfassen:  bei CARTA steht die Perfomance der „Moderatoren“ im Mittelpunkt, bei Telepolis die Verlängerung der Debatte ins Netz (durch das Publikum, einige Online-Medien und die Politiker, nicht durch die veranstaltenden TV-Sender). Eine Übersetzung des CARTA-Beitrags erscheint außerdem im Presidential Debate Blog.

Frisch erschienen ist ein weiteres ausführliches Interview mit Der Standard aus Wien, diesmal allgemeiner zum Online-Wahlkampf.

Und schließlich noch drei Terminhinweise:

Morgen wird eine weitere Ausgabe für das SWR2-Forum aufgezeichnet, dabei geht es um Politik 2.0: die neue Außerparlamentarische Opposition im Internet. Diskutieren darf ich dabei mit Christoph Bautz von campact.de und dem Bewegungsforscher Roland Roth. Der Sendetermin steht noch nicht ganz fest, ein Link wird nachgereicht.

Am kommenden Dienstag (22.9.) findet in Berlin die Unkonferenz REBOOT_D statt. Dort bin ich als Un-Sprecher einer Un-Keynote eingeladen – bin sehr gespannt, wie sich das gemeinsame Arbeiten zum Thema Digitale Demokratie – Alles auf Anfang! gestalten wird.

Am selben Tag hat Frontal21 (ZDF) einen Beitrag über „neuere Formen politischer Beteiligung durch junge Menschen“ (ein genauer Titel steht noch nicht fest) vorgesehen. Vermutlich kommen dabei auch die #zensursula-Kampagne und die Piratenpartei vor – dazu habe ich zumindest ein paar Sätze in die Kamera gesprochen.

Next up: „Kanzlerduell“

Dienstag, 8. September 2009 von internetundpolitik

Diese Woche ist DuellDebattenwoche.

Am Sonntag um 20.30 Uhr stehen sich Angela Merkel (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim so genannten „Kanzlerduell“ gegenüber – es ist das insgesamt vierte seit der „Wiederaufnahme“ von Debattensendungen vor der Bundestagswahl im Jahr 2002. Befragt werden die Kanzlerin und ihr Stellvertreter von Anne Will (ARD), Maybritt Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (Sat1), die Sendung dauert 90 Minuten und wird von allen ausrichtenden Sendern übertragen.

Bereits das „offizielle“ Logo zeigt die Problematik des deutschen Debattenformates – die prominent platzierten Fernsehsender agieren als Ausrichter, organisieren das Medienevent und dominieren dadurch nicht nur optisch die Veranstaltung und deren Ankündigung. Das Fehlen eines unabhängigen Regulativ habe ich hier im Blog sowie anderswo schon häufig moniert, ich möchte das Klagelied an dieser Stelle nicht nocheinmal anstimmen (zudem hat sich hier zuletzt mit Lutz Hachmeister eine sehr einflussreiche Stimme in der deutschen Medienlandschaft positioniert).

Stattdessen der Blick voraus: ich werde aller Voraussicht nach am Sonntag in Berlin sein und die Debatte für das ZDF kommentieren – online. Wenn alles funktioniert, sind ab Donnerstag die ersten Vorlauf-Texte zu lesen. Die eigentliche Live-Coverage startet dann am Sonntag.

Im Laufe der Woche erscheinen zudem zwei Artikel, die ich gemeinsam mit Alan Schroeder von der Northeastern University in Boston geschrieben habe. Schroeder ist einer der führenden Debatten-Experten in den USA, von ihm stammt das Standardwerk Presidential Debates. 50 Years of High-Risk-TV. Außerdem habe ich Alan für jetzt.de zur Rolle von Live-Blogs während der Debatten interviewt.

Weitere Informationen zur digitalen Debattenbegleitung folgen.

Update: Inzwischen hat die Vorberichterstattung begonnen, die „Debatte-vor-der-Debatte“, z.B. im Standard aus Wien und auf den „Duell-Sonderseiten“ des ZDF. Einen guten Überblick zur Informationslage vor der Debatte liefern die Kollegen von Homo Politicus, dort hat Christian Jung (@chris_politicus) auch schon wichtige Vorarbeiten für die digitale Debattenbegleitung geleistet.

Außerdem sind noch weitere Artikel zum Stand der Dinge im Online-Wahlkampf erschienen, bei stern.de mit dem Schwerpunkt Soziale Netzwerke und bei Focus.de zum „gelöschten“ YouTube-Spot der CDU. Einen sehr ausführlichen Überblick bietet auch die gelungene Gegenüberstellung (nicht: Vergleich) mit dem US-Wahlkampf bei der Deutschen Welle.

In eigener Sache: Nachlese

Samstag, 5. September 2009 von internetundpolitik

Die Landtagswahlen im Saarland, Sachsen und Thüringen (#sst) im Verbund mit den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen (#nrw09) markierten den endgültigen Startschuss für den Bundestagswahlkampf 2009 (#btw09).

Die meisten Beobachter seufzen erleichtert: endlich!

(Ach ja: Eine Zusammenfassung der Ereignisse des Wa(h)lsonntags findet sich hier. Siehe dazu auch die, hm, konstruktive (?) Kritik drüben bei Homo Politicus).

Am Tag nach der Wahl hagelte es Anfragen zu einem aus meiner Sicht eher nebensächlichen Thema: der vorzeitigen „Veröffentlichung“ so genannter Exit-Polls etwa eineinhalb Stunden vor Schließung der Wahllokale. Die im Laufe der Woche folgende öffentliche Entrüstung über das „Twitter-Leck“ oder die „Twitter-Panne“ beschäftigte die alten Medien bis über die Wochenmitte hinaus (die #FAZ reservierte noch am Donnerstag dafür zwei begehrte Plätze auf der Homepage Titelseite). Die Neugier der Agenturen führte schließlich zu einigen eher abseitigen Erwähnungen, etwa im schweizerischen Qualitätsblatt 20minuten, dem New Zealand Herald sowie den GulfNews (Link nicht mehr verfügbar). Man beachte hier besonders die profunde Zitation!

In Deutschland schnatterten die etablierten Pressevertreter um die Wette, mehr oder weniger aufgeregte Berichte gab es zum Beispiel bei Focus Online, in der Süddeutschen, auf heute.de oder beim Handelsblatt (hier besonders schön: die umgehende Korrektur/Richtigstellung/Zurechtweisung durch den hauseigenen Online-Experten).

Für mich ist diese „Medienpanik“ so etwas wie die Essenz  des Internet-Jahres 2009: im Zeichen von #Zensursula wird das Netz als Bote für die Überbringung von Nachrichten abgestraft, die von vielen nicht wirklich verstanden werden, weil das Verständnis für grundlegende Wirkungsmechanismen der Online-Kommunikation fehlt (dieser Absatz in 140 Zeichen).

Sei´s drum – der Wahlkampf tritt nun in seine entscheidende Phase und passend dazu sind in der zweiten Wochenhälfte noch einige weitere Materialien erschienen: ein längeres, erfreulich positiv kommentiertes Interview für HR-Online, der erste Teil einer elektrischen Reportage aus dem Maschinenraum des Web-Wahlkampfs, sowie ein weiteres Gespräch mit dem Wiener Standard. Die Radio-Beiträge in 1Live und dem RBB/Inforadio sind nicht mehr online, das längere Kontext-Format (mp3) in SWR2 dagegen schon.

Schon etwas älter ist das sehr fundierte Dossier der ZEIT über eine neue Oppositionsbewegung, dem Vernehmen nach folgt etwas ähnliches demnächst bei einem großen Nachrichtenmagazin aus Hamburg.

Und was kommt jetzt? Das eigentliche Medienhighlight des Wahlkampfs steht schon vor der Tür – am 13. September findet in Berlin-Adlershof das so genannte TV-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier statt. Das ist zwar ein „originäres TV-Format“, so die Ausrichter ARD, ZDF, RTL, ProSieben.Sat1 – es wird aber auch Folgen im Internet haben.  Nicht nur bei Zattoo. Stay tuned.

In eigener Sache: Erfurt

Dienstag, 25. August 2009 von internetundpolitik

Am Sonntag ist mal wieder Wahl im Web: im Saarland, Sachsen und Thüringen (Twitter: #sst) finden Wahlen statt. Vier Wochen vor der Bundestagswahl natürlich eine letzte Standortbestimmung, aber vor allem – Landtagswahlen. Das inzwischen bewährte Format feat. Moderator Markus Kavka erfährt also eine Neuauflage, diesmal wird aus Erfurt gesendet. Als Location dient der Centrum Club – im thüringischen Landtag, dort wird die Hauptsendung des ZDF produziert, gab es keine geeigneten Räumlichkeiten. Okay, es ist ja auch einiges unterzubringen, schließlich twittern @Herr_Marx, @malte_politicus und @fabianpingel um die Wette, vier Webscouts beobachten die Online-Ereignisse nach 18 Uhr, @markuskavka braucht Auslauf und ich suche mir einen bequemen Lounge-Chair Clubsessel.

Worüber aber wird berichtet?

Die Wahlgebiete haben sich bisher nicht als Klassenbeste in Sachen Internet hervorgetan, der aktuelle (N)onliner-Atlas führt die drei Länder auf den Plätzen 1 (Saarland), 2 (Thüringen) und 5 (Sachsen) im Offliner-Ranking. Nach der Methodik der Studie sind „Offliner“ jene Menschen, die das Internet zum Zeitpunkt der Befragung nicht nutzen und auch in den nächsten 12 Monaten keine Online-Nutzung planen. Im Saarland gehören 34,4 % der Befragten in diese Kategorie, in Thüringen sind es 33,6 %, in Sachsen 30,3 %. Am anderen Ende der Skala rangiert Berlin – in der Hauptstadt verweigern sich nur noch 23,6 % langfristig dem neuen Medium. Möglicherweise herrschen also nicht die besten Bedingungen für das Führen interaktiver Online-Wahlkämpfe auf den beteiligungsorientierten Plattformen des Web 2.0.

Und es gibt noch weitere Überlegungen, die in diese Richtung weisen: in „#sst“ erzielt die Linkspartei zumindest in den Umfragen recht solide Werte – im Saarland 16 %, in Sachsen 20 % und in Thüringen zuletzt 23% (vgl. die SpOn-Wahlzentrale). Folgt man der Analyse der Kollegen Schoen und Falter zur Bundestagswahl 2005, dann darf man davon ausgehen, dass die Linkspartei nicht in erster Linie auf Internet-affine Wähler abzielt:

Über mehrere Wahlen hinweg war die PDS von Menschen mit hoher formaler Bildung, Beamten, Angestellten und Arbeitslosen bevorzugt gewählt worden, wobei es sich häufig um ehemals Privilegierte des DDR-Systems gehandelt hatte. Arbeiter und Personen mit niedriger formaler Bildung, die als gleichsam natürliche Wähler einer traditionellen Linkspartei erscheinen könnten, zeigten sich dagegen der PDS gegenüber relativ reserviert. Das änderte sich 2005. Nun stimmten Menschen mit formal niedriger Bildung, Arbeitslose und Arbeiter überdurchschnittlich häufig für die Linkspartei. Der Linkspartei.PDS ist es also 2005 gelungen, verstärkt in soziale Gruppen vorzudringen, die ihr vorher eher fern gestanden hatten. Gemessen an ihrer Attraktivität in verschiedenen sozialen Gruppen, hat sie sich – überspitzt formuliert – von einer Elitenpartei in Richtung einer Unterschichtpartei entwickelt.

Zu verbinden ist diese Darstellung mit den Resultaten der ARD/ZDF-Offlinestudie 2009 – neben dem Alter wird dort auf den Bildungsgrad als wesentlicher Grund für die Internet-Abstinenz verwiesen:

Nicht nur durch das höhere Alter, sondern auch durch die Nicht-Berufstätigkeit lassen sich die Offliner charakterisieren. Auch wenn der Anteil unter  den Nicht-Berufstätigen seit Jahren sinkt, so sind es 2009 immer noch knapp zwei Drittel in dieser  Gruppe, die kein Internet nutzen – vor fünf Jahren aren es noch über drei Viertel. Damit zeigt sich erneut der starke Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Beruf.

Unmittelbar gekoppelt mit den Zahlen der Linkspartei sind aber die Werte für die SPD – bisher stets eine tragende Säule mit Blick auf den Online-Wahlkampf. Während sich im Saarland der „neue Mann“ Heiko Maas noch halbwegs stabil (26 %) als Haupt-Herausforderer von Ministerpräsident Peter Müller präsentiert und vor allem mit einigen formal auffälligen YouTube-Videos punktet, sind die Sozialdemokraten in Sachsen (20 %) und Thüringen (14 %) nur noch dritte Kraft. Weitaus stärker als die dürftigen Prognosen wirkt sich aber die dünne Personaldecke auf die Online-Performance aus – die einfache Formel lautet hier: weniger Parteimitglieder, weniger Online-Wahlkampf. Der thüringische Landesverband notiert im Juli 2009 nur 4.374 Mitglieder, in Sachsen sind es mit 4.230 potenziellen Bloggern, Twitterern oder Facebook-Freunden mit Parteibuch sogar noch etwas weniger. Geradezu opulent mutet dagegen das Reservoir im Saarland an, dort sind zum 31.7.2009 immerhin noch 21.593 Genossen registriert.

Doch auch die anderen Parteien machen nicht unbedingt durch forcierte Digitalisierung auf sich aufmerksam – und warum auch? Gleich mehrere Kontextbedingungen begünstigen einen klassischen Medienwahlkampf und auch der Obama-Effekt scheint allmählich nachzulassen. Nicht mehr jede Online-Aktivität deutscher Politiker – zumal auf Landesebene – wird in eine Reihe mit der spektakulär erfolgreichen Internet-Kampagne des US-Präsidenten gestellt. Ein Grund dafür ist sicher der größere zeitliche Abstand zur Obamania zu Jahresbeginn, ein anderer Grund trägt den Doppelnamen Schäfer-Gümbel. Gerade Landespolitiker müssen seit dem hessischen Landtagswahlkampf im Januar mit der gewagten, aber letztlich erfolgreichen Internet-Strategie von @tsghessen konkurrieren – das #sst-Spitzenpersonal aber unternimmt erst gar nicht den Versuch, die Online-Aktivitäten in ähnlicher Weise ins Zentrum der Kampagne zu stellen wie der an der Urne zwar unterlegene, in der eigenen Partei aber gefestigte Mittelhesse.

Angesichts solcher Rahmenbedingungen führt die Recherche fast automatisch in Richtung der Piratenpartei – doch ach: die netzaffine Bande führt einzig in Sachsen ihre Armada in die Schlacht (sorry, diese Seefahrts-Metaphern schreiben sich fast von alleine). In den beiden anderen Bundesländern führt dies zu einer Annäherung an die Grünen – während man sich in Thüringen zu einer durchaus formalen Kooperation durchringen konnte, sieht das im Saarland noch etwas anders aus. In Sachsen dagegen steht die Piratenpartei am 30. August sehr wohl auf dem Stimmzettel, allerdings nicht am 27. September. Die Begründung dafür lautet:

Der Landesverband Sachsen, erst am 08.08.2008 gegründet und deswegen noch in der Aufbauphase, sah sich, konfrontiert mit der am 30. August und damit fast zeitgleich mit der Bundestagswahl stattfindenden Landtagswahl, außerstande, beide Ereignisse ihrer Wichtigkeit gemäß zu bearbeiten und entschloss sich deshalb auf eine Teilnahme an der Bundestagswahl zu verzichten.

Wie clever diese Entscheidung gewesen ist, wird sich zeigen – die Debatte um das „Zugangserschwerungsgesetz“ jedenfalls hat in Ursula von der Leyen (aka #Zensursula) ihre Personifizierung gefunden, gilt aber vor allem als bundespolitisches Thema.

All diese Faktoren deuten zwar darauf hin, dass die „Wahl im Web“ sich am Sonntag mit einem Online-Wahlkampf in der Offline-Zone auseinandersetzen muss. Ich würde sagen, es gibt schlechtere Ausgangspositionen für einen spannenden Wahlabend im Netz.