Archive for the ‘In eigener Sache’ Category

In eigener Sache: Vila Sul

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Zuletzt hatte ich es angedeutet – im gerade begonnenen Forschungssemester wird es auch eine längere Abwesenheit geben, hier nun einige Informationen dazu. Am 27. Oktober beginne ich einen Auslandsaufenthalt als Gast im Residenzprogramm Vila Sul, das vom Goethe-Institut Salvador-Bahia veranstaltet wird (ja genau, es geht um Brasilien). Bis zum 15. Dezember wohne und arbeite ich in den Räumen des Instituts, das als einer von (bisher) wenigen GI-Standorten auf diese Weise den Austausch und die Kommunikation mit lokalen Szenen vor Ort fördert.

vilasul_gabrielarandig_2016

(Ja. Dort.)

Das Residenzprogramm richtet sich an „Intellektuelle,‭ ‬Künstler/-innen,‭ ‬Wissenschaftler/-innen und Autoren/-innen aller Disziplinen bzw.‭ ‬an interdisziplinär arbeitende oder forschende Personen“.‭ Es gibt auch ein gemeinsames Thema für die Resident:innen, dies ist recht allgemein, aber nicht unspannend, mit Süden‭ überschrieben. Im Rahmentext dazu finden sich durchaus gute Anknüpfungspunkte zu meinen bisherigen Arbeiten:

In einer sich immer stärker globalisierenden Welt‭ ‬– mit den Hauptmerkmalen einer sich potenzierenden Digitalisierung und der gleichzeitigen Suche nach neuen‭ analogen‬ Beziehungen‭ ‬– sind kulturelle Vernetzungen eines der wichtigsten‭ Instrumente der Positionierung.‭ ‬Residenzen sind dabei ein besonders wirksames Format für nachhaltige Begegnung und kreative‭ (‬Ko-‭)‬Produktion.‭ ‬Allerdings bedarf es neuer Ansätze,‭ ‬die es vermögen,‭ ‬vielfältig zu agieren und multipel zu wirken.‭ ‬Denn das bloß‭ Bilaterale‬,‭ ‬das Hin und Her,‭ ‬ist in dieser Welt,‭ ‬die nach einer neuen Ordnung sucht,‭ ‬nicht mehr ausreichend.

Das Residenzprogramm steht in Salvador noch am Anfang, in den Zeitraum meines Aufenthaltes fällt auch die offizielle Eröffnung am 16. November – hier ist mit Bundestagspräsident Norbert Lammert ein sehr interessanter Gast angekündigt (der bis dahin vielleicht ja noch interessanter geworden ist).

Gefördert wird der Aufenthalt nicht nur durch das Goethe-Institut, ein weiterer Partner ist die Robert-Bosch-Stiftung – in Salvador wird es während des Aufenthaltes einige öffentliche Veranstaltungen geben, im Goethe-Institut und evtl. auch an der Bundesuniversität von Salvador-Bahia (UFBA). Dorthin gibt es bereits einige Verbindungen, denn ich war bereits 2010 und 2013 jeweils für einige Tage zu Gast in Salvador. Beide Besuche waren überaus ertragreich, aber ein längerer Forschungsaufenthalt wird sicher noch ganz andere Einblicke ermöglichen.

Besonders interessant erscheint aus politikwissenschaftlicher Perspektive zunächst die Frage nach dem aktuellen Zustand des politischen Systems – das Impeachment der gewählten Präsidentin Dilma Rousseff und die Amtsübernahme ihres ehemaligen Stellvertreters Michel Temer ist ein Novum für die noch immer junge Demokratie. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand, der zu meinem Forschungsportfolio passt, ist die Comissao Nacional da Verdade sowie die damit verbundene Transparenzoffensive. Das Gremium hat sich bis 2014 mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur befasst,  die ehemalige Präsidentin Rousseff hatte hier auch Aspekte der Tätigkeit von Ethik-Kommissionen stärken wollen. Ob davon noch etwas zu spüren ist? Wir werden sehen.

In den nächsten Wochen werde ich den Aufenthalt in Brasilien hier im Blog begleiten, nicht unbedingt mit einer sehr verregelten Publikationsstruktur, aber es sollte doch mit einer wesentlich höheren Frequenz von Postings zu rechnen sein.

(Okay, es gäbe da noch dieses prominente Musik-Video, das in Teilen in der Altstadt von Salvador gedreht wurde. Aber nein, das poste ich hier nicht).

In eigener Sache: Forschungssemester

Donnerstag, 6. Oktober 2016

So. Nun ist es also so weit – seit dem vergangenen Samstag (1. Oktober) bin ich offiziell im Forschungssemester. Ich habe das Formular nach § 40 Hochschulgesetz (NRW) ordnungsgemäß ausgefüllt und die Kolleg:innen hier an der UDE haben meinem Antrag auch zugestimmt. Yay!

Das heißt gleichzeitig: ich bin seit mindestens acht Semestern in der Lehre tätig gewesen (genau genommen waren es bereits elf) – es ist wohl irgendwie auch an der Zeit. Seit der Berufung im Sommersemester 2011 habe ich 36 Lehrveranstaltungen angeboten (Vorlesungen, Seminare, Übungen etc.) und in dieser Zeit 76 Gutachten für diverse Abschlussarbeiten geschrieben. Die Zahl korrigierter Hausarbeiten und Klausuren möchte ich lieber gar nicht genau wissen (die Bretter im Archivschrank biegen sich langsam), dazu gab es ja auch noch mündliche Prüfungen und alljährlich die Auswahlgespräche für unseren Master-Studiengang Politikmanagement an der NRW School of Governance… Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: ich bin sehr gerne in der Lehre aktiv und freue mich jedes Mal auf den Semesterstart, das Diskutieren mit den Studierenden entlang einer insgesamt doch recht frei zu gestaltenden Agenda macht nach wie vor großen Spaß.

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Jutta Limbach (1934-2016)

Montag, 12. September 2016

Nein, die Zeit des wissenschaftliches Bloggens ist nicht vorbei, zuletzt hatte etwa Thorsten Thiel im Theorieblog einen lesenswerten Beitrag über Blogs in der politischen Philosophie publiziert.

Interessanter Weise ist es mir seit Ende 2015 nicht gelungen, neue Beiträge für das Blog zu schreiben, obwohl gerade im titelgebenden Bereich „Internet und Politik“ im vergangenen Jahr nun wirklich viel passiert ist – die BMBF-Ausschreibung für ein Deutsches Internet Institut und das dadurch ausgebrochenen Wettrennen um Fördertöpfe wäre nur ein nennenswerter Themenstrang.

Heute erscheint also mal wieder ein Beitrag, ich hoffe, es ist der Start in eine neue, produktivere Lebensphase dieses Blogs, das nun tatsächlich schon zehn Jahre alt ist. Der Anlass ist jedoch ein mehr als trauriger: im Laufe des gestrigen (Montag) Nachmittags habe ich vom Tode Jutta Limbachs erfahren – ich hatte das Glück, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts während ihrer Zeit als Gastprofessorin an der NRW School of Governance in Duisburg zu betreuen. Für die Homepage der NRW School habe ich eine kleine Nachruf-Notiz verfasst, die dieser außerordentlichen Persönlichkeit jedoch kaum gerecht werden kann. Auch deshalb schreibe ich den Text hier noch um ein paar Sätze weiter, denn Frau Limbach war eine wirklich faszinierende Persönlichkeit (hier ein kurzes Video von ihrer Vorlesung im Januar 2014).

Ich erinnere mich noch gut unser erstes Treffen, Frau Limbach kam zum ersten Workshop mit den Studierenden im Master Politikmangement, Public Policy und Öffentliche Verwaltung nach Duisburg – ungefähr zwei Stunden vor der Startzeit des Seminars. Es blieb also viel Zeit für ein intensives Kennenlernen, bei dem ich zum ersten Mal über ihre vielfältigen Interessen und den großen Sachverstand dazu ins Staunen geriet. Der Eindruck setzte sich in den Workshops mit den Studierenden fort, besonders auffällig war ihr echtes Interesse an den Dingen, die „die jungen Leute hier“ aktuell beschäftigen. Längst nicht nur Limbachs Berichte über die allmähliche Etablierung einer weiblichen Perspektive in der Berliner Landespolitik (Stichwort: „Feminat“) fesselten die Teilnehmer/innen der vierteiligen Vortragsserie. Einer der mehrfach geäußerten Sätze war die Feststellung (eher war es eine Maxime) „Langeweile ist der größte Feind des Alters“ –  einer solchen Haltung würde man gerne auch bei viel jüngeren Fachvertreter/innen begegnen.

In Zeiten wie diesen, da Hillary Clinton das Durchbrechen von glass ceilings als zentrales Motiv ihrer Kampagne um das Weiße Haus markiert, ist der Hinweis wichtig, dass es auch hierzulande Personen gibt, die genau dies getan haben: Jutta Limbach war Jura-Professorin und Senatorin in Berlin, Verfassungsrichterin und schließlich Vorsitzende in Karlsruhe als eigentlich nur Männer den Ton in diesen Kreisen angaben. Jenseits ihrer inhaltlichen Arbeit in den verschiedenen Bereichen hat sie auch gezeigt, dass ihr spezifischer Stil (in der Sprache der Regierungsforschung: ihr Mikro-Management) dazu beigetragen hat, Abläufe und Routinen zu hinterfragen und mindestens mit einer Alternative zu versehen. Dies geschah jedoch eher beiläufig, beinahe unauffällig, aber vielleicht gerade deshalb umso erfolgreicher. Damit ist längst nicht gesagt, dass die „Methode Limbach“ heute immer noch erfolgreich wäre – aber die Perspektive ist eröffnet und ein Nachweis ist erbracht. Diese Verdienste um die Offenheit (oder eher: die Aufschließbarkeit) von Laufbahnen im sonst so zementierten deutschen Behördenbetrieb können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Jutta Limbachs Stimme fehlt nun in zahlreichen Debatten der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, zuletzt mochte man sich einen Zwischenruf in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik gewünscht haben. Es steht zu hoffen, dass ihre besondere Perspektive und Haltung von vielen Menschen übernommen wird – es ist das Erbe von Miss Marple.

Das Erwachen der Macht? Zur Politik von Star Wars

Montag, 14. Dezember 2015

An diesem Donnerstag startet mit The Force Awakens der siebte Teil der Star Wars-Saga in den Kinos und eröffnet damit die so genannte Sequel-Trilogie. Die Original-Trilogie aus den Jahren 1977-1983 war zwischen 1999 und 2005 mit den Episoden I bis III als Prequel-Trilogie ergänzt worden. Der Autor dieser Zeilen hatte seine Werkrezeption in den 1970er Jahren zunächst noch anhand von Hörkassetten (Episode IV) begonnen und auf VHS-Video (Episode V) fortgesetzt. Darauf folgten drei Kinobesuche (Episode VI, Episode I, Episode II), der zuletzt publizierte Teil der Saga wurde lediglich im DVD-Format wahrgenommen. (Für Episode VII ist ein Kinobesuch in Planung).

Im Rahmen der Vorbereitung auf die neue Sequenz habe ich mich an eine kleine Artikelserie erinnert, die aus Anlass des Kinostarts von Episode IV: Die dunkle Bedrohung (Originaltitel: The Phantom Menace) im Sommer 1999 gemeinsam mit dem damaligen Gießener Kollegen Eike Hebecker entstanden ist. Die drei kleinen Texte zu politischem System, typischen Konfliktkonstellationen und den (damals) modernen Formen digitaler Mediendistribution und -rezeption sind im Umfeld der Gießener Arbeitsgruppe SPoKK (Symbolische Politik-, Kultur- und Kommunikationsforschung) entstanden, als Erstleser und Kommentatoren fungierten seinerzeit Erik Meyer und Steffen Wenzel.

Episode I: Das politische System von Star Wars

Episode II: Der politische Prozess

Episode III: Zwischen Hyperraum und Hypertext

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Making of: DVPW-Blog

Dienstag, 8. September 2015

Wie macht man eigentlich einen Konferenz-Blog?

Das werden wir in den nächsten Tagen herausfinden, denn gemeinsam mit Katharina Lührmann, Lisa-Marie Reingruber und Steffen Bender „bespiele“ ich in den kommenden Wochen den Konferenz-Blog zum „26. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft“, der vom 21. bis 25. September an der Universität Duisburg-Essen stattfinden wird. Nach der Vergabe der im Drei-Jahres-Rhythmus durchgeführten Veranstaltung bin ich in das von der geschätzten Kollegin Susanne Pickel geleitete Duisburger Organisationsteam berufen worden, und dabei reifte so allmählich die Überlegung, die mediale Berichterstattung zur Konferenz ein wenig aktiver (und digitaler) zu begleiten als bisher beim so genannten „Politologentag“ üblich.

Heraus gekommen ist dabei ein mehrgleisiges Konzept, das einerseits die klassische Blogform kennt, andererseits auch die Echtzeitkommunikation bei Twitter aufgreifen möchte. Darüber hinaus experimentieren wir auch mit multimedialen Formaten wie Kurz-Interviews oder annotierten Grafiken (was wir (höchstwahrscheinlich) nicht machen, sind Live-Videos mit Periscope oder Meerkat). Im Nachgang zur Tagung soll dann noch ein längerer Video-Zusammenschnitt (okay, mehr als 8-10 Minuten werden das nicht) entstehen, der einige Höhepunkte der Veranstaltung integriert.

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Zu Beginn der Planungsphase war auch mal daran gedacht worden, einen Jahrgang Journalistenschüler/innen auf den Event anzusetzen, aber das haben wir schließlich organisatorisch (und finanziell) nicht wirklich abbilden können. So sind wir zu einer kleineren, internen Lösung gekommen: Katharina und Lisa arbeiten schon seit einiger Zeit für den Digitur-Blog, der unter Federführung von Dr. Thomas Ernst im Rahmen des germanistischen Master-Programms Literatur und Medienpraxis am Campus Essen entwickelt worden ist. Steffen arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft für die Welker-Stiftungsprofessur hier in Duisburg und ist gelegentlich auch als „Journalist“ (bzw. Journalist) auf unterschiedlichen Medienplattformen aktiv.

Wir sind gespannt auf die Erfahrungen bei der Umsetzung des Konzeptes in die Praxis und freuen uns über Kommentare, Hinweise und Anregungen. In der Startphase ist natürlich Unterstützung und Aufmerksamkeit aus allen Richtungen hilfreich – schließlich sollen die Beiträge zu den Konferenzvorbereitungen, erste Interviews, Überlegungen zu digitaler Konferenzberichterstattung oder auch historische Einordnungen ein möglichst breites Publikum finden. Ach so, dafür wären ja auch ein paar Hinweise auf die Fundstellen im Netz ganz hilfreich… Also:

Der Kongress-Blog geht auf der Blogplattform der Uni Duisburg-Essen an den Start, der Twitter-Account hört auf den Namen @dvpwkongress. Und schließlich gibt es auch noch einen Hashtag zur Tagung, naheliegender Weise versuchen wir es hier einmal mit #dvpw15.

Neulich, im Rechenzentrum

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ja, ich weiß. Zuletzt ist hier im Blog nicht viel passiert (sorry!) und eine billige Methode, um etwas mehr Aktivität zu s(t)imulieren, ist die Wiederveröffentlichung alter Texte.

Genau das mache ich nun aber.

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Der Grund dafür liegt 20 (zwanzig!) Jahre zurück, und es ist die Publikation des ersten Textes, den ich über dieses Internet geschrieben habe. Im Herbst 1994 hatte mich ein gewisser Marx Marvellous ins Rechenzentrum der Gießener Justus-Liebig-Universität eingeladen, um mir oben am Heinrich-Buff-Ring in einem ziemlich menschenleeren Rechnerraum die seltsamen Praktiken des „Surfen“, „Mailen“ und „Chatten“ vorzustellen.

Was soll ich sagen – es war ein mehr als interessanter Nachmittag, mit unerwarteten Langzeitfolgen. Wenig später meldete ich Internet und Politik als Klausurthema für meine Magisterprüfung im Fach Politikwissenschaft an, im Frühjahr 1995 wurde daraus ein Exposé für eine Dissertation und im Sommer erhielt ich ein Stipendium der Hessischen Graduiertenförderung. Daraus wurde schließlich der Band Politische Projekte im Internet, erschienen 1999 im Campus Verlag.

Ach ja, eigentlich ging es aber doch um diesen alten Text für das in Gießen (okay, und in Marburg auch) weltberühmte Stadtmagazin Express. Passend zum Semesterstart erschien Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet, und ich war sehr stolz darauf (Fun Fact: der damalige Ansprechpartner in der Gießener Geschäftsstelle steht heute einem nicht ganz unwichtigen Wochenmagazin in Hamburg vor).

Das Wiederlesen des Textes erzeugt ein bisweilen heftiges Schmunzeln – immerhin findet sich schon im dritten Absatz der Begriff Neuland. Auch die enorme Menge von Anführungszeichen sticht ins Auge – die allermeisten Fachbegriffe gehören inzwischen zum regulären Sprachschatz  und sind Duden-notiert. Völlig obskur wirkt im Rückblick der Absatz über Emoticons („Dem ungeübten Leser erschließt sich die Bedeutung erst, wenn er den Zeichen-Mischmasch um 90 Grad dreht und sich einen Kreis hinzudenkt.“).

Aber genug geredet, hier ist die kleine Ausgrabung der Zukunft. Viel Spaß!

Virtuelle Kaffeekränzchen – Studententalk im Internet

Marx Marvellous studiert in Gießen. Physik, 5. Semester. Letzte Woche traf er sich mit Charlie Parker, SpaceKelly und Zaphod B., um bei einem zünftigen „Chat“ Neues aus aller Welt zu erfahren. Seine Gesprächspartner aus Stockholm, Wien und Bordeaux versammelte „Marx“ jedoch nicht in der engen Studentenbude in Annerod, das exotische Quartett aus den europäischen Metropolen hielt sein virtuelles Kaffeekränzchen im Internet ab: Die vier „Netztouristen“ tummelten sich per Computer in einer elektronischen Konferenzschaltung.

Das Internet gilt als der weltweilt größte Verbund von Computer-Netzwerken, auf seinen verschlungenen Datenpfaden bewegen sich derzeit mehrere Millionen Benutzer. Das weltweite Telekommunikationsnetz stellt dabei die Verbindungen auf die Beine.

Das Gießener Eintrittstor zur virtuellen Computerwelt steht am Heinrich-Buff-Ring: Im Hochschulrechenzentrum (HRZ) können sich Studierende mit einer „student-mail“(s-mail)-Zulassung in die Informations-Tiefen des Internets stürzen. Die Vorlage von Personal- und Studentenausweis genügt: eine neue Netzwerk-Persönlichkeit ist geboren. Nach nur zwei Tagen erhält der Netz-Novize seine Kennung und darf die ersten Schritte im telekommunikativen Neuland wagen. Um sich im weitverzweigten Datendschungel einigermaßen zurechtzufinden, gibt das HRZ ordentlich Starthilfe. Info-Blätter zum Umgang mit Datennetzen, Software und vor allem der pfleglichen Konversation mit anderen Netzteilnehmern erleichtern die Orientierung im zuweilen hektisch bis chaotischen Internet-Gesprächsverkehr.

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Irgendwas mit Selfies

Sonntag, 10. August 2014

Ja, schon klar. Zum Thema Selfies ist eigentlich alles schon gesagt worden. Nur eben nicht von jedem, deshalb hier auch noch meine zwei Cents dazu. Ohne konkretes Ziel, eher als Ablage für Unfertiges auf dem open desk, angeregt von einer kurzen Visite in London diese Woche.

In der Hotellobby (die eher wie ein angesagter Gemischtwarenladen mit angeschlossenem Co-Workingspace aussah) stolperte man als erstes Zeichen über eine quasi-antike Photo Booth – da hätte man es schon ahnen können. Das Selfie ist tatsächlich zu einer starken kulturprägenden Kraft geworden, die Rede von einer Selfie Culture ist wohl wirklich nicht allzu weit hergeholt.

Gleich der erste Spaziergang führte in die White Cube Gallery, wo die eindrucksvolle Bildersammlung Scapegoating Pictures von Gilbert & George präsentiert wird. Das Künstlerpaar ist seit Karrierebeginn eine Art „lebendes Doppel-Selfie“, denn bekanntermaßen sind die beiden Herren in all ihren Werken präsent. Ob als singende Skulptur (von 1969) oder eben aktuell in grotesk-gruseligen Verrenkungen als zentrales Schaustück ihrer mitunter sehr wütenden Bildinstallationen.

ldn14_scapegoatIn einer sehenswerten Video-Kommentierung erläutern die beiden die Serie, die sie als „Townscapes“ bezeichnen, künstlerische Bestandsaufnahmen der urbanen Gegenwart. Schwer modern und sehr gut (mich irritiert im Video besonders die schwarz-rot-goldene Verzierung am Revers von George Passmore – ein Verweis auf den deutschen WM-Titel?). Zu den Bildern ließe sich natürlich auch noch vieles sagen (vor allem zu den Lachgas-Patronen, die sich nicht nur als wiederkehrendes Element der Ausstellung, sondern auch auf den Straßen von East London finden lassen) – aber auch das wäre ein anderes Posting.

ldn14_picturelistGut vier Meilen weiter westlich empfängt die nächste Protaginistin der Selfie Art ihre Gäste: in 512 Hours verstört Marina Abramovic das tapfer wartende Publikum, das sich – wenn es einmal in die heilige Halle der Serpentine Gallery eingelassen wurde – mit der Großmeisterin der Dauerperformance auseinandersetzen darf bzw. muss. Das Künsterselbst ist dabei bisweilen unangenehm präsent (vgl. die Eintragungen im Ausstellungs-Tumblr) – und ähnlich wie bei den omnipräsenten Digitalbildern ist ein Ausweichen oder Wegschauen nicht vorgesehen. Gleich in der benachbarten Sackler Gallery findet sich mit Ribbons von Ed Atkins die nächste mit dem Selfie-Phänomen mindestens verwandte Präsentation. Der unheimliche (uncanny) Avatar-Star der multiplen HD-Animationen mag dem Künstler vielleicht nicht ähnlich sehen, und doch liegt die Vermutung nahe, es handele sich hier eben auch „nur“ um eine digitale Version des Selbst.

Mit etwas mehr Zeit und einer nur wenig systematischeren Selektion könnte man der Reihe sicher noch weitere Beispiele hinzufügen – und nicht nur in London (ganz bestimmt auch in Berlin: nämlich mindestens mit der Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau, aber die kommt ja ursprünglich auch von der Insel).

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn nicht hier, dann woanders, denn siehe oben: zur Selfie Culture ist eigentlich schon alles gesagt. Nur nicht von jedem.

 

 

One Stop Europe – Kreative Demokratie

Mittwoch, 28. Mai 2014

(Vorab ein Hinweis #ineigenersache: Sorry, aber zuletzt war fürchterlich viel zu tun – die Zeit reichte maximal für ein paar Tweets oder Kurzeinträge in diesen Sozialen Netzwerken. Ich hoffe, in der nächsten Zeit ist hier wieder etwas regelmäßiger etwas zu lesen. Auch der heutige Beitrag ist nicht originär für den Blog entstanden, aber es ist der Versuch eines Wiedereinstiegs in das Format.)

Die Stuttgarter Alcatel Lucent-Stiftung hatte mich eingeladen, für die Konferenz One Stop Europe – Offene gesellschaftliche Innovation einen Eröffnungsbeitrag zu verfassen. Als Thema hatten wir uns auf Kreative Demokratie — Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können. Der Text erscheint in der Publikationsreihe der Stiftung, schon jetzt ist er hier im Blog einsehbar (das Twitteraufkommen während der Tagung war eher gering, vgl. #ose14). Grundlage des Vortrags war eine Powerpoint-Präsentation, die im Nachgang zur Konferenz in einen Fließtext umgearbeitet wurde, daraus erklären sich Duktus und Sound. Es fehlen die Links zu den diversen Projekten, die zur Illustration einiger Überlegungen genutzt wurden, das ist aus Zeitgründen (s.o.) nicht möglich.

So, nun aber los.

Kreative Demokratie
Wie gut informierte Bürger die digitale Modernisierung von Politik und Verwaltung vorantreiben können

Kreative Demokratie ist nur auf den ersten Blick ein guter Titel für einen Vortrag – denn er zwingt den Autor, sich besonders anzustrengen, um die Erwartung auf einen originellen, eben kreativen Vortrag nicht zu enttäuschen. Ich hoffe, mir gelingt dies heute wenigstens ansatzweise.

Damit keine falschen Eindrücke aufkommen – der Begriff der „Kreativen Demokratie“ stammt nicht von mir, sondern ist einem ziemlich alten Text von John Dewey entnommen. In seinem Essay „Creative Democracy – The Task Before Us“ von 1937 hat Dewey festgestellt, dass politische Systeme vor allem dann zum Stillstand kommen, wenn sie sich auf Automatismen und Routinen verlassen: „(A)s if our ancestors had succeeded in setting up a machine that solved the problem of perpetual motion in politics.”[1]

Dewey setzt bei seiner Hinterfragung der Grundvoraussetzungen von Demokratie vor allem auf die Unbedingtheit und den Glauben an “democracy in the role of consultation, of conference, of persuasion, of discussion, in formation of public opinion (…).”[2]

Das sind genau jene Prozesse und Verfahren, die auch für die Konferenz „One Stop Europe“ im Mittelpunkt stehen, denn genau so können sich Bürger an zivilgesellschaftlichen, ehrenamtlichen und politischen Prozessen beteiligen, das kreative und innovative Potential aufgreifen, um schließlich offene gesellschaftliche Innovation zu ermöglichen.

Mediatisierung von Politik und Verwaltung

Nun ist perpeptual motion so ziemlich genau das Gegenteil zu den aktuellen Diagnosen zur Lage von Politik und Verwaltung: Stagnation, Stillstand und vor allem Krise sind die Vokabeln der Stunde. Die Suche nach Innovationen als Schrittmacher und Bewegungsimpuls für die Gesellschaft hat Konjunktur – gerade in den vergangenen Jahren stehen vor allem die Medien bzw. der beschleunigte Medienwandel im Verdacht, Modernisierungsprozesse im politischen Bereich anstoßen zu können.

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In eigener Sache: Recife, Salvador

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Entgegen anderslautender Gerüchte fahre ich nicht als DFB-Scout nach Brasilien, um die Quartierssuche für die WM im nächsten Jahr voranzubringen. (Oh, die automatische Plagiatskontrolle meldet ein Selbstzitat – stimmt, so ´was ähnliches hatte ich ja schon vor gut drei Jahren geschrieben…).

Richtig ist, dass ich am 17./18. Oktober am internationalen Symposium Democracia na Era da Internet des Goethe-Instituts und der Universität Bahia in Salvador (Brasilien) teilnehme. Bei der Veranstaltung diskutieren Wissenschaftler aus Deutschland und Brasilien über die Bedeutung politischer Kommunikation – die Bundestagswahl 2013 dient dabei als Vergleichspunkt für die im kommenden Jahr stattfindenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Außerdem im deutschen Trikot laufen auf Jan Schmidt, Kathrin Voss und Gerhard Vowe. Ich darf einen Vortrag über die „Modernisierung der Demokratie durch digitale Medien“ beisteuern, dabei gehe ich neben uralten computerdemokratischen Vorarbeiten (Stichwort: ORAKEL) auf den Social Media-Wahlkampf zur Bundestagswahl, die Piratenpartei und Liquid Democracy ein.

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Noch vor dem Symposium in Bahia diskutiere ich am 14. Oktober in Recife über „Moderne Verwaltung, Transparenz und Öffentlichkeit“, Gastgeber ist dort das Centro-Cultural Brasil-Alemanha und die Fundação Joaquim Nabuco. Spannend klingt hier auch der Porto Digital, ein Innovationszentrum auf einer Insel direkt vor dem Stadtzentrum. Klingt nach Medienhafen 2.0…

Nur leider verstehe ich immer noch so gut wie nichts von diesem brasilianischen Portugiesisch…

Wahlkampf in persönlichen Öffentlichkeiten

Donnerstag, 8. August 2013

Unter dem Titel Im Social Web angekommen ist in diesen Tagen ein recht umfangreiches Dossier zum Stand des Online-Wahlkampfs in den sozialen Netzwerken auf tagesschau.de veröffentlicht worden. In der Vorbereitung dafür wurde ich von der Redaktion interviewt, unser Gespräch schaffte am Ende dann aber nicht den „Cut“ und blieb offline. Hier im Blog dokumentiere ich aber mal die zentralen Passagen unserer Unterhaltung, die einige aus meiner Sicht wichtige Elemente der politischen Online-Kommunikation vor der Bundestagswahl 2013 anschneiden.

Frage: In Tweets und Posts ist eine extreme Komplexitätsreduktion notwendig. Sind diese Plattformen überhaupt zur serösen Vermittlung von politischen Inhalten verwendbar?

CB: Ja, weil Man in kurzen Tweets und Posts auf andere Inhalte im Netz verweisen kann, in denen dann mehr Raum ist für differenzierte Informationen.

Das wäre also eine Art „Anfüttern“ auf den Social-Media-Plattformen.

Man kann Social Media ja durchaus als mehr als eine reine Verkündungsplattform für Pressemitteilungen sehen. In der Echtzeit-Kommunikation sind die einzelnen Äußerungen Bestandteile eines längeren Dialogs mit einer oder mehreren Personen. Die einzelnen Tweets oder Posts beziehen sich ja aufeinander.

Der Austausch oder Dialog ist ja eine Idealvorstellung. Wird die bereits umgesetzt in der deutschen Politik?

Die deutsche Politik kennt sich mit Twitter fast länger aus als die deutschen Qualitätsmedien, die nur zögerlich begonnen hatten, Social Media in die eigene Arbeit zu integrieren. Schauen Sie sich an, was im Umfeld von Plenardebatten getwittert wird, wie über Programme in den Sozialen Netzwerken diskutiert wird, wie „Online-Ereignisse“ kreiert werden wie zum Beispiel #fragpeer bei der SPD. Auch bei großen Parteitagen wird die Echtzeit-Kommunikation in die PR-Strategie eingebunden.

Verändert sich das Politikverständnis durch die Kommunikation über Social Media?

Die Öffentlichkeiten verändern sich. Es sind nicht mehr die klassischen Zuschaueröffentlichkeiten der alten Massenmedien. Der Kommunikationssoziologe Jan Schmidt beschreibt das mit dem Begriff der „persönlichen Öffentlichkeiten“: Das Umfeld der sozialen Netzwerke  ist geprägt von den Personen, die sich dort bewegen, die selbst entscheiden können, an welches Publikum sie sich richten. Das ist etwas anderes als das unpersönliche Publikum der Massenmedien, bei dem es kaum möglich ist, direkte Beziehungen zu den Menschen herzustellen. Wie man davon als Politiker, Journalist oder auch Bürger profitieren kann, das müssen alle Beteiligten erst noch herausfinden.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen Twitter und Facebook?

Der erste Ansatz wäre, dass Die Kommunikation bei Twitter ist noch stärker auf Echtzeit-Ereignisse ausgelegt ist. Allerdings finden auch als die Facebook-Updates häufig in Echtzeit statt. Trotzdem könnte man einen Unterschied daran festmachen, dass auf Facebook eher das zu finden ist, was früher charakteristisch für die persönlichen Homepages war, während die Kommunikation auf Twitter immer einen konkreten Bezug zum Ereignis aufweist.

Was können Politiker über Social-Media-Kampagnen im Wahlkampf erreichen?

Das Online-Campaigning zielt immer in drei Richtungen: erstens auf die Menschen, mit denen die Parteien und Politiker in irgendeiner Weise verbunden sind, das heißt, sie sprechen in erster Linie ihre Unterstützer an. Kampagnen können außerdem darauf ausgerichtet sein, auf die eher Unentschlossenen anzusprechen und so neue Unterstützer zu gewinnen. Drittens werden auf jeden Fall auch Medienakteure angesprochen, sowohl innerhalb wie außerhalb des Netzes. Das, was Politiker in den neuen Medien machen, hat momentan noch einen so hohen Neuigkeitswert, dass auch in den alten Medien darüber berichtet wird. Dadurch steigert sich die Reichweite der politischen Kommunikation im Netz. Eine relevante Sichtbarkeit erreicht man zumeist erst dann, wenn man den Sprung von den neuen in die alten Medien schafft.

Was raten Sie denn Politikern?

Als Wissenschaftler kann ich sagen, dass die Politiker es nicht so machen sollten wie in den vorherigen Wahlkämpfen und ihr Interesse für die sozialen Medien nicht nur bis zum Wahltag um 18 Uhr aufrecht erhalten. Auch während der Amtsführung oder in der Opposition sind diese Plattformen alltägliche Kommunikationswege.